Briefspiel:Kaiserjagd/Das Lied des Betrunkenen

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Städteübergreifendes Briefspiel
Datiert auf: 1.-6. Firun 1046 BF Schauplatz: von Aldyra in den Wald von Persenciello Entstehungszeitraum: ab März 2024
Protagonisten: Khadan II. Firdayon, etliche Hochadlige und weitere Noble des Reiches Autoren/Beteiligte: Amarinto, Atagon, Bella, Carenio, Cassian, Dajin, Dellapena, Erlan, Flaviora, Fürst Federkiel, Gerberstädter, Gonfaloniere, Horasio, Illumnesto, Kacheleen, Luntfeld, Nebelzweig, OrsinoCarson, Princeps, Rondrastein, Salkyo, Savinya Romeroza, Schatzkanzler, Silberwind, Temelon, Tribec, Vairningen, VivionaYaPirras u.w.

Zyklus:
Übersicht · Teilnehmer · Schauplätze · Regeln · Erster Tag · Zweiter Tag · Dritter Tag · Vierter Tag · Fünfter Tag · Sechster Tag · Individuelle Auswertung · Gerüchteküche


Das Lied des Betrunkenen

4. Firun 1046 BF, überwiegend abends im Lager bei Mortecervi

Muss sich unerwünschter Gesangskünste erwehren: Baronessa Tsaida Tribêc

Autor: Tribec

Auch der vierte Tag brachte Tsaida und Rondinella wenig Glück. Ein einzelner Fasan entkam sogar, weil einer der Treiber im falschen Augenblick hustete. Dann verlor sich eine vielversprechende Spur im Schneematsch, und schließlich schlüpfte ein Hase so knapp zwischen zwei Hunden hindurch, dass selbst Tsaida kurz nicht anders konnte als zu lachen.
„Es freut mich“, sagte Rondinella, „wenn wenigstens Ihr Vergnügen an diesem Tag findet.“
„Ihr solltet es versuchen, Rondinella. Es ist doch preiswerter als ein guter Wein.“

Guter Wein sollte am Abend allerdings nicht das Problem sein, denn ein offenbar sehr betrunkener Edelmann hatte sich vor dem Zelt der Tribêcs niedergelassen. Er sang mit beeindruckender Lautstärke ein schwer zu erkennendes Lied, dessen Melodie bei jeder Strophe wechselte.
Zweimal schickte Tsaida ihren Leibdiener Deriago hinaus, um dem Edelmann ins Gewissen zu reden, er solle erstens nicht so laut und zweitens nicht so schlecht singen. Zweimal begann der Mann nach kurzer Pause von Neuem. Es wurde nicht besser.
Beim dritten Mal erhob sich dann Rondinella.
„Was habt Ihr vor?“, fragte Tsaida mit müden Augen.
„Ich bringe ihn zum Schweigen.“
„Ohne Schwert“, warnte Tsaida, die schon befürchtete, Rondinella habe sich nicht im Griff.
Rondinella warf ihr denn auch einen verletzten Blick zu. „Tante, ich bin Poetin. Ich schreibe und singe.“
Rondinella trat vor das Zelt in die Nacht hinaus. Sie setzte sich dem betrunkenen Sänger gegenüber und hörte ihm vermutlich eine Strophe lang noch zu. Dann begann sie, mit einer zweiten Stimme zu singen, im Gegensatz zu ihm allerdings klar, sicher und in vollendetem Einklang mit jener Melodie, die der Betrunkene ihrer Vermutung nach hatte anstimmen wollen.
Der Edelmann verstummte erstaunt und schaute sie an, als ob sie nicht von dieser Welt sei.
Rondinella sang weiter. Nach wenigen Versen versuchte er dann wieder einzufallen, verlor aber den Text und völlig den Ton. Beim zweiten Versuch erging es ihm nicht besser. Einige Umstehende, die herangetreten waren, begannen leise zu lachen. Schließlich erhob sich der Edelmann schwankend.
„Mit solchen Methoden“, lallte er, „arbeitet kein ehrlicher Sänger.“ Er zog verschnupft davon.
Rondinella kehrte ins Zelt zurück. Tsaida hob grinsend ihren Becher. „Ich wusste nicht, dass Dichtkunst auch zum Belagerungsgerät taugt.“
„Nur bei schlecht befestigten Stellungen.“


Macht sich über Kochlöffel, Lanzen und Schweine Gedanken: Leonora Tribêc von Trebesco

Leonoras Ausbeute bestand an diesem Tag aus einem Fasan und einem Wildschwein. Nach getaner Arbeit saßen sie und Rieka noch für einige Zeit vor dem Zelt. Die heutige Nacht war ungewöhnlich klar. Über ihnen standen die Sterne scharf und hell wie Einstiche in schwarzem Tuch.
Rieka deutete nach oben. „Sieht das nicht aus wie ein Kochlöffel?“
Leonora folgte der Linie ihres Fingers. „Eher wie eine Lanze.“
„Das dort ist doch eindeutig der Griff.“
„Es ist der Schaft.“
„Und die kleine Sternengruppe daneben?“
Leonora dachte nach. „Das ist der Kochtopf.“
Rieka lächelte zufrieden.
Leonora zog den Mantel enger. „Vielleicht kann beides wahr sein.“
Für eine Weile schwiegen sie. Vom Rand des Lagers drang gedämpftes Gelächter herüber, dazwischen das leise Schnauben von irgendwelchen Pferden und das Knacken von Holz im Feuer. Hinter ihnen hing das Wildschwein bereits ausgeweidet am Gestell. Im flackernden Lichtschein warf es einen gedrungenen, beinahe menschlichen Schatten auf die Zeltwand. Leonora betrachtete ihn lange.
Dann sagte sie: „Immer wenn ich ein Schwein sehe, muss ich an Pulpio denken.“
Riekas Lächeln verschwand nicht ganz, aber es veränderte sich. Sie erinnerte sich noch an Pulpio Tribêc von Trebesco, Leonoras Vater mit Vorliebe für gute Küche und deftiges Essen.
„Hat er gern gejagt?“, fragte sie.
Leonora strich mit dem Daumen über die Naht ihres Handschuhs und nickte.
„Ja, er verstand etwas davon, Beute aufzuspüren.“
Rieka blickte zum toten Schwein hinüber. Ein Tropfen Blutes fiel aus dem geöffneten Leib in die darunterstehende Schale. Dann noch einer. Und noch einer.
„War er ein guter Schütze?“
Leonora hob den Kopf zu den Sternen. „Er verfehlte sein Ziel selten.“
„Dann habt Ihr manches von ihm gelernt“, sagte Rieka lächelnd.
Leonora antwortete nach einer Weile: „Väter hinterlassen ihren Töchtern vieles.“
Ein Wind fuhr durch das Lager und ließ die Zeltbahnen schlagen. Für einen Augenblick bewegte sich der Schatten des Schweins an der Wand. Rieka rückte näher ans Feuer. „Meine Mutter Maira wusste nur Gutes von ihm zu berichten.“
„Das kann ich verstehen.“ Leonora sah sie lächelnd an, im Schein der Glut wirkte ihr Gesicht jünger und härter. Wieder schwiegen sie. Rieka nahm einen Ast und schob einen halb verbrannten Holzscheit tiefer in die Glut. Funken stoben empor und verloschen zwischen den Sternen.
„Was soll aus dem Schwein werden?“, fragte sie schließlich. Leonoras Blick glitt zu dem Tier zurück.
„Die Keulen werden geräuchert. Aus der Schulter machen wir eine feine Pastete. Den Kopf gebt Ihr morgen den Hunden vom Nachbarszelt.“ Sie zwinkerte Rieka zu. Rieka nickte, Leonora stand auf und klopfte Erde von ihrem Mantel.
„Kommt. Es wird kalt.“
Rieka erhob sich ebenfalls. Bevor sie ins Zelt trat, blickte sie noch einmal zum Himmel auf. Der Kochlöffel war noch da. Die Lanze ebenso.
Vielleicht konnte tatsächlich beides wahr sein.