Briefspiel:Kaiserjagd/Zwischen Wassern und Schnee I

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Kaiserjagd.png Städteübergreifendes Briefspiel Kaiserjagd.png
Datiert auf: 1.-6. Firun 1046 BF Schauplatz: von Aldyra in den Wald von Persenciello Entstehungszeitraum: ab März 2024
Protagonisten: Khadan II. Firdayon, etliche Hochadlige und weitere Noble des Reiches Autoren/Beteiligte: Haus Amarinto.png Amarinto, Familie ter Braken.png Atagon, Familie Solivino.png Bella, Familie della Carenio.png Carenio, Familie ya Malachis.png Cassian, Reichswappen.png Dajin, Haus della Pena aeH.png Dellapena, Haus Sirensteen.png Erlan, Familie Flaviora.png Flaviora, Familie d'Antara.png Fürst Federkiel, Familie Gerber.png Gerberstädter, Haus Urbet.png Gonfaloniere, Haus della Pena jH.png Horasio, Haus d Illumnesto.png Illumnesto, Familie van Kacheleen.png Kacheleen, Familie Luntfeld.png Luntfeld, Haus Legari.png Nebelzweig, Haus Carson.png OrsinoCarson, Familie di Cerrano.png Princeps, Haus di Salsavur.png Rondrastein, Familie Aspoldo.png Salkyo, Haus Romeroza.png Savinya Romeroza, Haus Veliris.png Schatzkanzler, Familie Ventargento.png Silberwind, Familie A Temelon.png Temelon, Haus Tribec.png Tribec, Wappen fehlt.png Vairningen, Haus ya Pirras.png VivionaYaPirras u.w.
Zyklus: Übersicht · Teilnehmer · Schauplätze · Regeln · Erster Tag · Zweiter Tag · Dritter Tag · Vierter Tag · Fünfter Tag · Sechster Tag · Individuelle Auswertung · Gerüchteküche
– 4. Firun:
– 5. Firun:
...
– 6. Firun:
...
– Geschichten nach der Jagd:


Zwischen Wassern und Schnee I

3. Firun 1046 BF, tagsüber, im Wald von Persenciello

Autor: Erlan

I. Aufruf des Kaisers

Die Stimme des kaiserlichen Herolds trug weit zwischen den Zelten und Wagen hindurch.
„Höret! Höret! Seine imperiale Majestät lässt in seiner unermesslichen Huld verkünden, dass demjenigen Edlen, dem es gelingt seiner erhabenen Majestät einen Schank frisches Wasser aus der Quelle des Altanquir zu kredenzen, eine Belobigung und Belohnung winkt. Die Queste mag bis zum heutigen Abend erfüllt werden!“
Im Lager regte sich sofort Bewegung. Die Stimmen wurden lauter, die Adligen und ihre Begleitungen riefen durcheinander, Diener liefen, man griff nach Mänteln, Taschen und Wasserschläuchen. Es schien fast so, dass die eine oder der andere bereits aufbrach, noch bevor der Herold mit seinem Aufruf ganz geendet hatte.
Comto Erlan Sirensteen stand vor seinem Zelt und betrachtete das Treiben mit jener höflichen Ruhe, die er sich über Jahre so sehr zu eigen gemacht hatte, dass selbst sein Missvergnügen meist wie Würde wirkte.
„Wie erfreulich“, sagte er schließlich in einem Ton, der nur deswegen unverdächtig klang, weil er beinahe zu glatt war. „Eine Queste. Am frühen Morgen. Im Wald. Nach Wasser.“

Erlan Sirensteens Knappe: Nicolo Tolman di Onerdi

Nicolo Tolman di Onerdi, sein Knappe, der neben ihm stand und bereits halb damit beschäftigt war zu prüfen, ob alles Nötige beisammen war, wusste inzwischen gut genug, wann seinem Schwertvater etwas missfiel.
„Comto Erlan“, sagte er vorsichtig, „Ihr müsst ja nicht selbst...“
„Doch“, unterbrach Erlan ihn milde. „Natürlich muss ich. Wenn der Horas am Morgen nach Wasser verlangt, ist es schwer, sich mit Verweis auf trockene Stiefel zu entschuldigen.“

Gareno Sirensteen, der einige Schritte weiter seinen Handschuh zurechtzog, ließ ein knappes Schnauben hören. „Das hätte ich jetzt nicht von dir gedacht, Erlan. Ich war sicher, du würdest dich sogleich unter Hinweis auf deine diplomatischen Verpflichtungen dem Lagerfeuer widmen.“
Erlan wandte den Kopf nur so weit, dass er seinen Verwandten aus dem Augenwinkel ansah. „Und ich war sicher, du würdest erklären, du könntest Wasser gewiss mit einem Flammenstrahl zur Quelle zurückschrecken. Wir beide sehen uns enttäuscht.“
Gareno lächelte schmal. „Ich weiß wenigstens, was meine Kunst vermag. Und was nicht.“
„Dann bist du heute den meisten hier im Lager bereits voraus.“
Zwischen beiden entstand für einen Augenblick jenes feine Knistern, das weder offen feindselig noch völlig harmlos war. Nicolo hatte das in der Vergangenheit höchstens selten mitbekommen, doch seit einigen Tagen war es deutlich intensiver geworden. Das hatte wohl mit den Ermittlungen des Comtos im Rahmen des Diebstahls zulasten der Tochter des Marchese und des Mordes zu tun; in diesem Verlauf schienen Erlan und Gareno aneinander geraten zu sein. Augenscheinlich hatten sie das noch nicht geklärt.
Romin aus Bomed, der Secretario der Irendorer Liliengardisten, trat lautlos hinzu, und sah schon fast waldgerecht gekleidet aus; einige Applikationen seiner Kleidung wirkten beinahe wie nachgebildete Blätter. Sein Blick glitt kurz über das Lager, die Menschen, das Aufbrechen in viele Richtungen.
„Wenn Ihr tatsächlich aufbrecht, Comto“, sagte er ruhig, „wäre Eile nicht verkehrt. Die Begeisterung anderer wird auf der Suche nach der Quelle des Altanquir den Alten Bosparan nicht übersichtlicher machen.“
Alricella, eine Gardistin der Yaquirbrucher Wellenbrecher, hatte den Herold fast mit leuchtenden Augen angehört. Nun trat sie zu den anderen, den Mantel bereits enger geschnallt, den Blick in Richtung Waldrand. Im Gegensatz zu ihrem Baron wirkte sie nicht, als müsse sie sich zu dieser Unternehmung zwingen, sondern ganz im Gegenteil.
„Es ist eine spannende Aufgabe“, sagte sie. „Besser als auf Glück zu hoffen. Wasser lässt sich lesen.“
„Dann hoffe ich von Herzen, dass Ihr es heute ebenso gut lest, wie andere Höflinge Mienen lesen“, erwiderte Erlan.
Sie grinste kurz, noch ehe sie wieder ernst wurde. „Ich kenne Flüsse. Aber dieser Wald ist alt, und altes Wasser ist launenhaft. Wenn der Altanquir sich aufspaltet, wird es unerquicklich.“
„Ein Wort, das ich in den nächsten Stunden vermutlich zu schätzen lernen werde“, murmelte Erlan.
„Was sagtet Ihr?“, fragte Alricella.
„Nichts“, sagte Erlan. Dann fügte er mit einem Lächeln auf seinen Lippen hinzu: „Ich bin froh, dass Ihr dabei seid.“ Er dachte bei sich, dass sie als Tochter einer Firun-Geweihten und eines Firun-Akoluthen sicherlich sehr viel von firunsgefälligen Dingen verstand. Mithin waren ihre Fähigkeiten Spuren zu lesen, die Natur zu deuten und dergleichen der Grund gewesen, warum sie ihn bei der Kaiserjagd begleitete.
Er sah noch einmal auf das Treiben im Lager, dann nickte er. „Nun denn. Bevor der halbe Kronkonvent denselben Bach für dieselbe Quelle hält: Auf.“

II. Der Aufbruch

Und so brachen sie auf - Erlan, der es nicht zeigte, aber eigentlich ungern ging; Nicolo, der wachsam dicht bei ihm blieb; Gareno, dem man mit stolz erhobenem Haupt selbst im Wald sofort den selbstbewussten – andere würden sagen arroganten – Magier ansah wirkte. Die drei Adligen wurden begleitet von den Gardisten Alricella, die bereits mit dem Blick den Boden, das Ufer und die Richtung des Wassers maß und Romin, der schwieg und mehr sah, als er sagte und sich augenscheinlich auf die Queste freute – warum auch immer.
Bald war das Lager hinter ihnen verschwunden. Stimmen verklangen, Pferdewiehern verlor sich, und der Wald schloss sich mit jener stillen Entschiedenheit, die allen menschlichen Lärm in etwas Vorläufiges verwandelte. Sie hatten beschlossen zu Fuß zu reisen, da insbesondere im tiefen Wald die Pferde nicht mehr helfen würden - eher im Gegenteil.
Der Altanquir war hier kein stattlicher Fluss. Er war ein schmaler, klarer Lauf, der sich zwischen Wurzeln, Geröll und schattigen Ufern hindurchwand. An manchen Stellen plätscherte er hörbar, an anderen verschwand er fast unter Laub und Moos.
Nicolo hielt sich zunächst dicht an seinen Schwertvater, wandte sich dann aber an Gareno, der einige Schritte seitlich des Baches ging.
„Herr Gareno“, fragte er, „könnt Ihr nicht mittels Magie die Quelle finden?“
Gareno, dessen Gesicht sonst wenig Regung zeigte, verzog den Mund zu einer Art Lächeln. „Das ist nicht so einfach. An sich kenne ich keinen Cantus dafür. Und da ich mich ausgerechnet einem gegensätzlichen Element verschrieben habe – dem Feuer –, wäre ich dafür wohl eher ungeeignet.“
Alricella, die das mitbekam, kicherte leise. Sie hatte von der Affinität Garenos zum Feuer schon einiges mitbekommen.
Die Wellenbrecherin führte ihre Gruppe an und ging daher voraus, jedoch nicht mit der Sicherheit eines Menschen, der glaubt, bereits alles zu wissen. Vielmehr stellte sie Fragen, meist halblaut, mehr an den Wald als an die anderen.
„Seht Ihr dort den Boden? Feuchter als hier, obwohl der Lauf weiter links liegt.“
„Die Wurzeln greifen tiefer. Das spricht für Wasser darunter.“
„Oder für einen alten Nebenarm.“
Sie kniete sich wiederholt hin, strich Erde zwischen den Fingern, prüfte Moose, sah, welche Pflanzen dichter standen, wo das Gelände kaum merklich anstieg oder abfiel. Romin war selten weit von ihr entfernt. Er sagte wenig, aber wenn er etwas sagte, war es meist nützlich.
„Hier war das Ufer vor dem letzten Regen höher“, bemerkte er einmal.
Alricella sah hin. „Woran erkennt Ihr das?“
Romin deutete auf einen Streifen dunkler Erde zwischen Wurzeln und Steinen. „Dort hat das Wasser gestanden. Nicht lange. Aber oft genug.“
Sie nickte, als nehme sie still zur Kenntnis, dass der Liliengardist nicht nur Zierde und Waffe besaß.
Erlan folgte nicht unmittelbar der Uferlinie. Mehr als einmal hob er den Blick, ließ ihn über Bäume, Hänge und die Linien des Geländes gehen. Er schien weniger dem Wasser selbst als dem Land zuzuhören, das es formte.
Gareno bemerkte das früh.
„Ich sehe schon“, sagte er, als sie an einer Stelle ankamen, wo der Altanquir sich in zwei schmale Läufe teilte. „Wir folgen also heute keinem direkten Flusslauf, sondern deiner Überzeugung.“
Erlan trat an die Gabelung, sah zuerst auf den linken, dann auf den rechten Arm und schließlich hangaufwärts in den Wald. „Wenn wir nur dem folgen, was vor unseren Füßen fließt, laufen wir hinter jedem kleinen Einfall des Baches her. Außerdem glaube ich kaum, dass es einfach reicht einem Flusslauf zu folgen. Sonst wäre das keine Aufgabe seiner imperialen Majestät.“
„Und wenn wir deiner Topographie folgen, laufen wir womöglich gar nicht dem Altanquir, sondern einem hübschen Gedanken hinterher.“
Erlan lächelte dünn. „Der Unterschied zwischen einem hübschen Gedanken und einem planlosen Irrweg besteht oft darin, wer ihn zuerst ausspricht.“
Garenos Mundwinkel zuckte. „Du bist heute charmant.“
„Der Wald nimmt mir meine Gesellschaften. Ich muss mich mit dir behelfen.“
Nicolo ging nun etwas dichter neben Erlan. Er kannte seinen Schwertvater gut genug, um zu hören, wann der höfische Ton eine Schneide bekam. Doch ebenso kannte er Gareno inzwischen gut genug, um zu sehen, dass dieser nicht ernstlich gekränkt war. Die Spannung zwischen ihnen war real, aber noch nicht so, dass die gemeinsame Queste nach der Quelle davon belastet wurde.
Alricella erhob sich wieder. „Wenn wir nur dem sichtbaren Lauf folgen, kommen wir womöglich an mehreren Quellaustritten vorbei, ohne zu begreifen, was wir sehen. Der Altanquir könnte sich oben aus mehr als einem Wasserzug speisen.“
„Eben“, sagte Erlan. „Wir müssen nicht nur dem Wasser folgen. Wir müssen verstehen, wie es hier überhaupt entstehen kann.“
Romin sah hangaufwärts zwischen die dunklen Stämme. „Dort ist der Boden lichter. Weniger Unterholz. Vielleicht Fels unter dem Humus.“
Alricella folgte seinem Blick. „Und Fels führt Wasser. Oder zwingt es an die Oberfläche.“
Erlan nickte. „Dann dorthin.“

Sie verließen den unmittelbaren Flusslauf. Es war kein dramatischer Abmarsch, eher ein schräges Ansteigen, ein langsames Lösen vom Wasser, das hinter ihnen erst hörbar blieb und dann verstummte.
Mehr als einmal zweifelte Nicolo, ob sie noch richtig gingen. Denn irgendwann lagen die Spuren des Altanquir nicht offensichtlich in einem Flussbett im Wald vor ihnen. Es war klar, dass der Flusslauf auch immer wieder mal unterirdisch seinen Weg fand. Mit ein Grund, warum es schwierig war die Quelle zu finden, und warum der Knappe den Magier fragte, ob es nicht da eine Möglichkeit gab. Wobei er sich die Frage stellte, ob es angemessen sei, wenn man mittels der arkanen Kunst diese Aufgabe löste.
Alricella führte sie in einen Bereich des Waldes, der älter und stiller war. Unter den Stiefeln lag nasses Laub, dazwischen Wurzeln, verstecktes Gestein, moosige Mulden. Zweige strichen über Kleidung, feuchte Kälte kroch in Hände und Nacken. Nur Alricella schien von Schritt zu Schritt sicherer zu werden. Was anfangs fragend begonnen hatte, wurde nun bestimmter.
„Hier“, sagte sie einmal und deutete auf eine Senke. „Seht Ihr? Kein sichtbarer Lauf, aber die Pflanzen stehen, als läge darunter ständige Feuchtigkeit.“
Romin nickte nur.
„Und dort“, fuhr sie fort, „der Hang ist nicht gleichmäßig. Wasser hat ihn unterspült. Vielleicht weiter oben.“
„Vielleicht“, sagte Gareno trocken. „Vielleicht auch nicht.“
Alricella warf ihm einen kurzen Blick zu. „Das lässt sich bei Wasser leider selten so beeindruckend verkünden wie bei Feuer.“
Nicolo hätte fast gelächelt. Gareno hob nur eine Braue. „Ich beginne zu verstehen, warum man Firun so oft schweigend verehrt.“
Erlan mischte sich nicht ein. Er betrachtete vielmehr einen langgezogenen Anstieg vor ihnen. Zwei niedrige Felsnasen ragten dort aus der Erde, und zwischen ihnen wirkte das Grün dunkler.
„Wir gehen dort hinauf“, entschied er nach einem vorherigen Blickkontakt mit Alricella, die ihm zunickte. „Nicht zu schnell. Wenn das Wasser hier austritt, ist der Boden trügerisch.“

III. Auffinden der Quelle/n

Der Aufstieg war nicht steil, aber unerquicklich genug, um Erlans anfängliches Missvergnügen in eine stille, sehr konkrete Verstimmung zu verwandeln. Zweimal rutschte Nicolo auf nassem Laub aus, ohne zu fallen. Einmal löste sich unter Garenos Stiefel eine flache Steinplatte und glitt klappernd hangabwärts. Alricella hingegen wirkte nun ganz in ihrem Element; sie prüfte Wege, wich weichen Stellen aus, zeigte den anderen, wo sie ihren Tritt setzen sollten.
Schließlich erreichten sie einen Bereich, der anders war als der übrige Wald.
Der Hang verlor sich in eine flachere, unregelmäßige Fläche aus feuchter Erde, Moos, Heide und kleinen, offenen Stellen zwischen verwitterten Steinen. Es gab dort kein einzelnes großes Becken, keinen klaren Quelltopf, keinen einen Ort, den man hätte zeigen und feierlich benennen können.
Und doch war Wasser da. Kaltes, klares Wasser. Was sickernd zwischen den Steinen hervortrat und sich in einer schmalen, klaren Spur sammelte. Einige Schritte weiter verschwand es wieder unter Wurzeln und trat anderswo erneut zutage. Mehrere kleine Rinnsale zogen sich hangabwärts und vereinten sich erst weiter unten zu etwas, das man ohne Zögern als Bach bezeichnet hätte.
Alricella kniete nieder und legte die Hand auf die nasse Erde. „Bei Efferd ...“
Gareno trat neben sie, den Blick nachdenklich auf das Gelände gerichtet. „Das ist unerquicklich.“
Erlan sah ihn an. „Es freut mich, dass du meine Sprache zu schätzen gelernt hast.“
Diesmal war Garenos Schnauben beinahe ein Lachen.
Romin hatte sich einige Schritte entfernt und betrachtete den Boden zwischen zwei mit Moos überzogenen Steinrücken. „Hier oben tritt mehr Wasser aus als links. Aber es ist derselbe Hang. Kein einzelner Ursprung.“
„So ist es“, sagte Alricella langsam. Man hörte, dass sie sprach, während sie begriff. „Der Altanquir tritt nicht an einem Punkt auf das Dererund. Er entsteht hier in mehreren Zügen. Das Wasser läuft unter dem Boden, wird am Fels gedrängt, tritt aus, verschwindet wieder ... und weiter unten fügt es sich zusammen.“

Die Quelle/n des Altanquir?

Nicolo sah von einem kleinen klaren Rinnsal zum nächsten. „Dann ... gibt es gar nicht die eine Quelle?“
Erlan trat zu ihm. „Vielleicht doch. Aber wenn, dann liegt sie tiefer im Berg und ist für Menschen heute nicht erreichbar. Was wir hier sehen, sind mehrere Austritte desselben Wassers. Oder mehrerer Wasser, die bald eins werden.“
Er ging ein paar Schritte, blieb stehen, betrachtete eine Stelle, wo sich mehrere schmale Läufe in einer flachen Mulde sammelten, ehe sie wieder über den Rand einer steinigen Kante sanken.
„Das hier“, sagte er, „ist ein Ursprung. Aber nicht in der Form, wie man ihn vielleicht am Hofe gern hört. Kein hübscher Quelltopf, keine einzige silberne Ader aus dem Fels. Eher ein Feld von Anfängen.“
„Und was sagt Ihr seiner imperialen Majestät?“, fragte Gareno.
Erlan sah ihn ruhig an. „Die Wahrheit.“
„Die wird ihn womöglich langweilen.“
„An sich habe ich den Eindruck, dass gerade das, was den einen oder anderen langweilen könnte, auf großes Interesse bei ihm stößt. Und ich traue mir zu, ihm das so mitzuteilen, dass er sich nicht langweilt.“
Gareno legte den Kopf schief. „Das ist wieder mehr deine Art von Jagd.“
„Jeder jagt mit dem, was er hat.“
Alricella stand auf. In ihren Zügen lag nun keine Unsicherheit mehr. „Wenn wir Wasser mitnehmen, dann am besten von dort.“ Sie deutete auf die flache Mulde, in der sich mehrere kalte Rinnsale sammelten, noch bevor Laub und Erde sie trübten. „Klar, frisch, direkt aus dem Quellfeld. Mehr können wir sinnvollerweise nicht tun.“
Romin trat hinzu, blickte in die Mulde und nickte. „Das stimmt. Es ist hier rasch genug und steht nicht.“
Nicolo kniete sich hin und tauchte die Finger hinein. Er zog die Hand sofort wieder zurück. „Bei den Zwölfen, das ist kalt.“
„Ein Vorzug, kein Makel“, bemerkte Erlan.
Sie füllten ihre Wasserschläuche und Flaschen mit Sorgfalt und eine jede Person erfrischte sich an dem kühlen Nass selbst. Nicht hastig, nicht gierig, sondern fast andächtig. Alricella wählte bewusst jene Stellen, an denen das Wasser direkt zwischen Stein und Wurzel hervortrat, während Romin den Platz sicherte und Gareno ein wenig abseits stand, den Blick über das Quellfeld und den Himmel zugleich gerichtet.
Als Erlan schließlich selbst eine der letzten Flaschen füllte, blieb er einen Moment in der Hocke und betrachtete das Wasser.
„Wir haben, was wir gesucht haben“, sagte er.
„Oder etwas, das ihm nahe genug kommt“, erwiderte Gareno.
Erlan richtete sich auf. „Das, lieber Gareno, ist bei Questen, Politik und Menschen oft dasselbe.“
Der Magier sah ihn an, und diesmal lag in seinem Blick ein flüchtiger Anflug echten Einverständnisses. „Vielleicht.“

IV. Rückkehr – und der Wettersturz

Als sie sich wieder auf den Rückweg machten, hatte sich das Licht bereits verändert.
Der Himmel, der schon am Morgen grau gewesen war, war nun schwer und tief geworden. Zwischen den Wipfeln lagen bleierne Wolken, und im Norden baute sich eine dunklere Front auf, deren Rand fast grünlich wirkte. Der Wind drehte und kam kälter zwischen die Bäume.
„Wir sollten nicht trödeln“, sagte Alricella und zog ihren Mantel enger. „Es zieht vermutlich nicht nur Regen auf.“ Und bei diesen Worten zog sie ihre Gewandung enger, um sich vor der aufziehenden Kälte zu schützen.
Ein fernes Grollen bestätigte ihre Einschätzung.
Sie nahmen nicht genau den Weg zurück, auf dem sie gekommen waren. Alricella führte sie über eine Seite des Hanges, die besser gangbar schien, und zunächst ging es gut. Doch schon nach kurzer Zeit nahm der Wind zu. Lose Zweige begannen zu schlagen, hohe Kronen rauschten, und der Wald wurde unruhig und unstet.
Ein erster kalter Regen setzte ein. Nicht heftig, aber dicht. Bald glänzten Wurzeln und Felsen dunkel, Laub klebte, Erde wurde schmierig.
Als sie an einer Stelle waren, wo die Helligkeit auch an guten Tagen kaum eine Chance hatte, sich durchzusetzen, sorgte Gareno dafür, dass sie wieder etwas sahen. Auf seinem Magierstab bildete sich eine leuchtende Kugel, die die Umgebung erhellte. Comto Sirensteen griff zu seiner Brust und holte einen Anhänger hervor, der auch – im Vergleich zu dem Stab aber deutlich geringer – leuchtete. Nicolo kannte das schon; diesen Anhänger mit einem Gwen Petryl-Stein hatte sein Schwertvater als Geschenk von einer Efferdgeweihten mal bekommen.
Es donnerte erneut. Diesmal näher. Rondras Schleudern der Pfeile auf Dere hatten sie nicht mitbekommen, der Donnerhall sprach aber klar dafür.
Romin, der seit einer Weile zunehmend öfter stehen blieb und lauschte, sagte leise: „Wir sind nicht allein auf diesem Hang gewesen. Vor kurzem. Hier waren mehrere Leute.“
„Andere Sucher?“, fragte Nicolo.
„Vermutlich. Aber weit weg. Die Spuren gehen hangabwärts und verlieren sich.“
Erlan nickte nur. Es passte zu allem, was sie schon vermutet hatten. Viele mochten den Altanquir verfolgen, doch in diesem Wald konnte man einander verfehlen, ohne es zu merken.
Der Regen nahm zu. Dämmerung sank früher als erwartet zwischen die Stämme. Das Gelände, eben noch nur unerquicklich, wurde unerquicklich und unübersichtlich.
„Ab jetzt enger zusammen“, entschied Erlan. „Alricella vorn, ich hinter Ihr. Nicolo bei mir. Gareno und Romin halten die Flanken. Niemand entfernt sich.“

V. Vom Sturm getrennt

Es geschah nicht auf einen Schlag. Nicht wie ein sauberer Bruch. Eher so, wie Dinge im Wald bei schlechtem Wetter geschehen: schleichend, unerquicklich, im falschen Augenblick.
Ein abgerissener Ast krachte weiter oben durch das Geäst. Alricella wich instinktiv nach rechts aus, um nicht unter lose Äste zu geraten, und führte die Gruppe damit an den Rand einer flacheren, aber steinigeren Passage. Im selben Moment zog eine Böe durch den Hang, so stark, dass Regen und erste Graupelkörner schräg zwischen die Bäume peitschten.
Nicolo duckte den Kopf. Gareno fluchte leise, als ihm nasse Zweige ins Gesicht schlugen. Romin rief etwas, doch der Wind zerriss die Worte.
Dann verlor sich für einige Herzschläge die Sicht.
Nicht völlig - aber es war genug um für Verwirrung zu sorgen.
Weiße Körner, Regen, dunkle Stämme, schlagende Äste, der plötzliche Drang, Tritte zu setzen, bevor der Boden unter den Füßen zu weich wurde. Erlan hörte Alricellas Stimme vorne, sah für einen Augenblick ihren Mantel, dann Nicolo dicht neben sich. Als er sich wieder nach links wandte, wo Gareno eben noch gewesen war, erkannte er nur Bewegung zwischen den Stämmen. Romin tauchte aus dem Grau auf, eine Hand an einem Stamm, die andere erhoben.
„Hier!“, rief er.
„Zusammenbleiben!“, rief Erlan zurück.
Noch ein Krachen. Diesmal näher. Ein junger Baum bog sich unter Windlast und sprang halb zurück. Gareno, dessen weißblondes Haar trotz Nässe auffällig zwischen den dunklen Stämmen schimmerte, trat aus dem Schleier. „Ich bin hier. Aber der Hang fällt links schärfer ab.“
Erlan nickte. Und in diesem Augenblick bemerkte niemand, dass Alricella nicht mehr vor ihnen war.

Sie selbst bemerkte die Trennung auch erst kurz darauf, als sie einem im Wind peitschenden Ast auswich und dabei leicht stürzte. Als sie sich wieder aufrappelte und der Wind für einen kurzen Moment abflaute, bemerkte sie, dass sie auf einmal nur noch den Wald hörte.
Keinen Schritt unmittelbar hinter sich. Keine Stimme. Nur Regen, das Pochen ihres Blutes und irgendwo das ferne Rollen des Donners.
Sie blieb stehen und drehte sich um.
„Comto?“
Keine Antwort.
„Nicolo?“
Nichts. Der Sturm fraß ihre Stimme fast auf, ehe sie einen Baum weiter getragen wurde. Einen Moment lang stand sie still und zwang sich, nicht kopflos zu handeln. Der Hang war unangenehm. Nasser Fels lugte zwischen Wurzeln hervor, der Boden glitt. Ein falscher Schritt konnte genügen und sie würde wieder stürzen.
Dann glaubte sie Bewegung zu sehen.
In gewisser Ferne, tiefer zwischen den Stämmen voraus.
Zwei helle Schemen, der eine etwas größer, der andere etwas dahinter. Nicht klar, nicht scharf - nur Weiß zwischen Grau. Und es schoss ihr sofort durch den Kopf: das war jene Farbe, die sie mit dem Comto und dessen Verwandten verband. Deren weißblonde Haare wirkten hier Praktischerweise fast wie ein Leuchtfeuer.
„Comto Sirensteen, Gelehrter Herr Gareno!“
Der Wind warf ihr den Ruf fast wieder ins Gesicht.
Die beiden hellen Schemen hörten sie wohl nicht und bewegten sich weiter voran.
Alricella fluchte leise, zog den Mantel noch enger und eilte hinterher. Nicht blind, nicht ganz unbedacht - aber rasch, um den den Anschluss nicht zu verlieren. Wenn die beiden sie nicht hörten, musste sie sie einholen.
Die hellen Schemen tauchten zwischen Stämmen auf, verschwanden wieder, standen für einen Atemzug auf einer etwas höheren Linie des Hanges und waren dann fort.
Alricella beschleunigte.
Und übersah dabei, dass der feste Boden vor ihr plötzlich endete.

VI. An der Kante

Es war keine tiefe Schlucht und keine senkrechte Felswand. Gerade deshalb war diese Stelle tückisch.
Der Hang brach an dieser Stelle unvermittelt in eine schmale, nasse Kante ab, darunter ging es mehrere Schritt steil über lockeres Geröll und glitschigen Fels hinunter, ehe der Waldboden sich wieder fing. Wer dort ungebremst geriet, konnte sich den Hals brechen oder schlimmer noch lebendig genug bleiben, um den Sturz bis zum Ende zu spüren.
Alricella bemerkte die Kante im letzten Augenblick.
Sie wollte noch den Fuß zurückziehen, aber der Boden unter ihr war bereits weich geworden. Nasse Erde gab nach, Geröll löste sich, und plötzlich rutschte sie. Erst nur ein halber Schritt, dann der ganze Halt. Sie warf sich instinktiv zur Seite, suchte mit den Händen nach Wurzeln, nach einem Stein, nach irgendetwas um sich festzuhalten.
Die Finger fanden nasses Gras, dann einen dünnen Strauch, der aber langsam aber sicher nachgab.
„Die Zwölfe zur Hilfe!“
Mehr brachte sie nicht hervor.
Sie spürte, wie ihre Stiefel keinen festen Stand mehr fanden, wie die Kante unter ihrem Gewicht weiter brach. Ein dumpfer Schreck fuhr ihr durch den Leib. Nicht der große, klare Schlachtenschreck - sondern der kalte, enge Augenblick, in dem der Körper wusste, dass er fiel, noch ehe der Verstand dazu kam.
Doch dann war da jemand.

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