Briefspiel:Kaiserjagd/Der erste Schnee
Der erste Schnee
3. Firun 1046 BF, nachmittags, im Wald von Persenciello
Autor: Amarinto
Der Alte Bosparan lag an diesem Tag unter einem düsteren Himmel. Dichte, graue Wolken hingen tief über den uralten Baumkronen und nahmen dem Wald beinahe jedes Licht. Zwischen den Stämmen der gewaltigen Eichen und Schwarztannen lag ein fahler Dunst, der das Gelände noch schwerer und älter wirken ließ, als es ohnehin schon war.
Der Boden war unwegsam.
Moosige Felsen, verwitterte Wurzeln und kleine, von Wasser durchzogene Senken machten es schwer sich zu orientieren. Der Altanquir war hier kaum mehr als ein seichtes Bächlein, welches sich zwischen Steinen und Wurzeln hindurchschlängelte. Sein Wasser plätscherte leise über Kies und Laub.
Vorne ging Jagdmeister Esindio van Smeet. Seine Bewegungen waren vorsichtig und sicher, als würde er jeden Stein bereits kennen. Hinter ihm folgte Skrayana brai Rahjalina, die ihre langen Schritte mit sichtlicher Energie setzte und dabei immer wieder neugierig in den Wald spähte, sowie Arion Amarinto. Wie stets bewegte er sich lautlos, mit jener katzenhaften Geschmeidigkeit, die selbst im dichten Unterholz kaum ein Geräusch verursachte.
Einige Schritte hinter ihnen gingen Dareius und Cariana. Langsam. Beinahe absichtlich etwas zurückbleibend.
Es war Cariana gewesen, die ihr Tempo unmerklich verringert hatte, bis zwischen ihnen und den anderen ein guter Abstand entstand. Der Wald schluckte Stimmen ohnehin rasch.
Eine Zeitlang gingen sie schweigend nebeneinander her. Das Knacken kleiner Zweige unter ihren Stiefeln und das leise Rauschen des Baches waren die einzigen Geräusche.
Schließlich sagte Cariana leise: „Du musst mir nichts vormachen.“
Dareius sah kurz zu ihr hinüber. Ein schiefes Lächeln lag auf seinem Gesicht.
„Das habe ich auch nicht vor.“
Sie blieb stehen. Er tat es ebenfalls. Ein Windstoß fuhr durch die Äste über ihnen und ließ die kahlen Zweige leise klappern. Cariana verschränkte die Arme.
„In Aldyra musste ich deinen Lebenswandel entgegen meiner Gewohnheit verteidigen.“
Dareius' Blick wurde etwas ernster. „Ich weiß.“
„Orleane war wütend.“
„Das überrascht mich nicht.“
Cariana schnaubte leise. „Sie hatte auch nicht ganz Unrecht.“
Dareius schwieg. Sie betrachtete ihn lange.
„Du weißt, dass ich über deine zahlreichen Affären und romantischen Tändeleien stets geschwiegen habe, obwohl sie mir natürlich nicht entgangen sind.“
„Das ist auch schwer zu vermeiden“, murmelte er trocken.
Ein kurzes, fast unwilliges Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Bei den Göttern, Dareius. Du gibst dir inzwischen nicht einmal mehr Mühe es zu verbergen.“
Er lachte leise. Dann wurde sein Blick wieder ernst.
„Und trotzdem hast du mich verteidigt.“
Cariana zuckte leicht mit der Schulter. „Natürlich habe ich das.“ Sie sah ihn direkt an. „Du bist mein Bruder.“
Eine Weile sagte keiner der Beiden etwas.
Dann ging sie wieder weiter, und er folgte ihr. Der Bach wurde schmaler.
Dareius sprach schließlich: „Was genau hast du ihr gesagt?“
Cariana lächelte schwach: „Dass du ein Getriebener bist.“
Er hob eine Augenbraue. „Das klingt fast ein wenig zu schmeichelhaft.“
„Es war nicht als Kompliment gemeint.“
Sie stieg über eine dicke Wurzel.
„Ich habe ihr gesagt, dass du immer versuchst, allem gerecht zu werden und es allen recht zu machen.“
Ein leiser Donner rollte irgendwo fern über den Himmel.
Cariana fuhr fort: „Deinem Namen. Deinem Haus. Den Toten. Den Lebenden.“
Sie sah ihn kurz von der Seite an. „Und dass du irgendwann daran zerbrechen könntest.“
Dareius blieb wieder stehen. Er betrachtete den schmalen Flusslauf.
Dann sagte er ruhig: „Damit liegst du nicht falsch.“
Der Wind wurde kälter. Die Wolken über dem Wald verdichteten sich weiter.
Cariana trat wieder neben ihn. „Warum, Dareius?“
Er schwieg lange.
Dann sagte er schließlich: „Weil ich ständig das Gefühl habe, dass ich etwas suche.“
„Was?“
Er schüttelte den Kopf. „Wenn ich das nur wüsste.“
Sie betrachtete ihn mit diesem ruhigen, fast durchdringenden Blick, den nur Geschwister besitzen.
„Ist das der Grund für all die Frauen?“
Er verzog leicht das Gesicht. „Vermutlich.“
Sie wartete.
Schließlich fuhr er fort: „Rahjas Gaben machen es leicht, für eine Nacht zu vergessen, wer man ist.“
Ein weiterer Donner rollte über den Himmel.
„Für einen Moment gibt es keine Verantwortung. Keine Erwartungen, keine Verpflichtungen.“ Er sah sie mit erschöpftem Blick an.
Cariana nickte langsam. „Und danach?“
Er lächelte wieder schief. „Danach erinnere ich mich wieder an alles.“
Sie gingen weiter.
Der Wald wurde dichter, der Altanquir kaum mehr als ein winziges Rinnsal.
Schließlich sagte Dareius leiser: „Am Norderkoog …“
Cariana ging langsam weiter, aber hörte aufmerksam zu. „Ja.“
Er sprach ruhig, aber ohne jede Leichtigkeit: „Am Tag davor dachte ich, es wäre besser, wenn ich dort den Schlachtentod finden würde. Ich war bereit, hatte meinen Frieden damit gemacht.“
Cariana sah ihn lange an. Dann sagte sie sehr ruhig: „Du bist ein Dummkopf, Dareius Amarinto.“
Er blinzelte überrascht.
Sie blieb stehen und trat näher zu ihm.
„Wenn du gefallen wärst“, sagte sie ruhig, „dann hätte ich deinen ganzen verdammten Scherbenhaufen geerbt.“
Ein kurzer Funke Humor blitzte in seinen Augen auf. „Daran habe ich auch gedacht. Deswegen bin ich auch noch hier.“
Sie schüttelte langsam den Kopf. „Du glaubst wirklich, du musst das alles allein bewältigen.“
Er sagte nichts.
Cariana legte ihm kurz die Hand auf den Arm. „Dareius. Sieh mich an.“
Ihre Stimme war jetzt weich. „Ich bin nicht nur deine Schwester.“ Sie sah ihn fest an. „Ich bin ebenso eine Amarinto.“
Ein leiser Donner grollte erneut über den Himmel. „Was auch immer kommt“, sagte sie ruhig, „wir bewältigen es zusammen.“
Er hielt ihrem Blick stand. Dann nickte er langsam.
In diesem Moment rief Esindio van Smeet von weiter vorn: „Hier!“
Dareius und Cariana tauschten einen letzten vertrauten Blick und nickten, fast schon synchron. Dann gingen sie wieder los. Ein paar Schritte später erreichten sie die anderen.
Zwischen zwei moosbedeckten Felsen sprudelte klares Wasser aus einer Felsspalte. Es sammelte sich in einem kleinen Becken, bevor es als junger Altanquir weiter in den Wald floss.
Der Jagdmeister kniete bereits neben der Quelle. „Das muss sie sein, Signores und Signoras.“
Skrayana grinste breit. „Ich hole die Wasserschläuche!“
Gemeinsam füllten sie mehrere Schläuche mit dem eiskalten Quellwasser.
Während sie damit beschäftigt waren, wurde der Himmel immer dunkler. Dann begann das Gewitter. Regen tropfte durch die Baumkronen, Donner rollte am Himmel. Dann veränderte sich der Regen, die Tropfen wurden langsamer, kälter.
Skrayana streckte überrascht die Hand aus.
„Schnee?“
Tatsächlich begannen zwischen den dunklen Stämmen erste feine Flocken zu fallen.
Dareius fing eine der Flocken, sie schmolz langsam auf seiner Hand. Dann sah er zu seiner Schwester. Ein stilles Einverständnis lag zwischen ihnen.
„Lasst uns zum Jagdlager aufbrechen und hoffen, dass dies ein Zeichen der Götter ist und ihr Segen auf uns liegt“, sagte er.