Briefspiel:Kaiserjagd/Zwischen Wassern und Schnee II
Zwischen Wassern und Schnee II
3. Firun 1046 BF, abends, im Wald von Persenciello
Autor: Erlan
VII. Der Einsatz des Nicolo Tolman di Onerdi
Nicolo hatte wie alle anderen Alricellas Verschwinden zuerst nicht bemerkt. Er war dicht bei seinem Schwertvater geblieben, hatte dem Wind den Rücken geboten, auf Schritte und Stimmen geachtet. Erst als der Comto nach vorn blickte und scharf sagte: „Alricella?“, begriff er, dass vor ihnen niemand mehr war.
„Ich suche sie“, sagte Nicolo sofort.
„Passt auf, lieber nicht allein“, entgegnete Erlan, doch Nicolo war bereits zwei Schritte weit.
Romin hob den Kopf, als hätte er etwas gehört, deutete nach rechts hangabwärts.
„Dort.“
Nicolo rannte nicht. Dazu war der Hang zu gefährlich. Aber er bewegte sich rasch, duckte sich unter einem Ast hinweg, sprang über einen flachen Steinzug und hörte dann das scharfe, hässliche Geräusch rutschender Erde.
Als er um einen Stamm herumkam, sah er Alricella.
Sie hing nicht frei, aber fast. Ihr Oberkörper noch auf der oberen Kante, die Beine bereits im Abrutschen, unter ihr lockeres Geröll und nasser Fels. Der Strauch, an dem sie sich festhielt gab ihrem Gewicht immer mehr nach. Es würde nicht lange dauern und sie würde fallen.
„Haltet still!“, rief er.
Ein unsinniger Ruf. Natürlich konnte sie nicht stillhalten. Die Kante zerbröselte unter ihrem Gewicht, ihre Finger suchten vergeblich Halt. Nicolo warf sich flach auf den Boden und packte nach ihrem Unterarm.
Er erwischte sie. Der Ruck fuhr ihm bis in die Schulter.
Alricellas Gewicht, der nasse Boden, sein eigener Schwung – für einen grauenhaften Augenblick war er sicher, mit ihr gemeinsam nach vorn gerissen zu werden. Seine Knie rutschten nach. Eine Hand löste sich. Erde schob sich unter seine Brust. Er roch nassen Stein, kaltes Moos, den scharfen Geruch aufgerissener Wurzeln.
Mit der freien Hand griff er zur Seite und bekam tatsächlich eine kräftige Wurzel zu fassen. Sie schnitt ihm in die Handfläche, aber sie hielt.
„Nicht loslassen“, keuchte Alricella.
„Das hatte ich nicht vor!“
Er stemmte die Stiefel ein, so gut es ging. Schmerz schoss ihm durch Schulter und Rücken. Alricella versuchte, den freien Arm höher zu ziehen, fand einen Stein, der erst wackelte und dann hielt. Zentimeterweise konnte Nicolo sie näher von der Kante wegziehen. Einmal rutschte er selbst wieder nach vorn, Geröll prasselte an ihm vorbei in die Tiefe. Er biss die Zähne zusammen und zog.
Doch in diesem Moment lockerte sich sein Halt. Die kräftige Wurzel, an der er sich festhielt, war doch nicht so kräftig, wie er gedacht hatte, denn sie ließ jetzt nach. Und mit einem Mal fing Nicolo an hinunter zu rutschen. Doch bevor er hinabstürzte, spürte er einen festen Griff an seiner Schulter und merkte, wie er – und mit ihm auch Alricella – hochgezogen wurde. Als Nicolo sich umdrehte, sah er, wie Romin ihn festhielt und zu sich zog; augenscheinlich mit etwas viel Einsatz, denn plötzlich stöhnte Nicolo auf und bemerkte seine schmerzende Schulter und stöhnte lautstark auf.
Romin robbte sich nun in Richtung Abgrund und reichte Alricellas Arm, der nach oben griff, seine Hand und zog sie mit nach oben. Als sie auf – mehr oder weniger sicherem – Grund waren, lagen alle drei keuchend auf dem Boden und der Regen prasselte auf sie ein.
Romin war als erster wieder auf den Beinen und half den beiden auf. Dann schaute er sich mit einem sorgenvollen Blick die Schulter Nicolos an.
Alricella drehte sich zu ihnen, ihr Gesicht bleich, ihr Atem kurz. „Euch haben die Zwölfe geschickt. Habt Dank!“
Nicolo setzte sich mühsam etwas auf, rieb sich die Schulter und verzog dabei sein Gesicht schmerzerfüllt. „Geht es Euch gut?“, fragte er die Gardistin.
Sie nickte. „Ja.“
Er sah zur Kante. Ein Teil von ihr war inzwischen ganz weggerutscht. Geröll rieselte noch immer nach.
„Das war wirklich knapp“, sagte er und versuchte, den Schmerz wegzuatmen.
Sie musterte ihn jetzt genauer und bemerkte sein schmerzerfülltes Gesicht. Sie wies mit einem Finger auf seine Schulter und fragte: „Eure Schulter ist in Ordnung?“
„Ist noch dran.“
Bei diesen Worten schaute sich Romin die Schulter Nicolos genauer an und wirkte etwas besorgter.
Für einen Moment lachte Alricella beinahe, mehr vor Erleichterung als aus Heiterkeit. Dann wurde ihr Blick ernst. „Ich danke Euch.“
„Lasst uns die Dankesfeiern durchführen, wenn wir wieder im Lager sind.“
Er sah sie kurz an, dann fragte er, noch immer atemlos: „Bei allen Zwölfen, warum wart ihr plötzlich so eilig unterwegs?“
Alricella blinzelte in den Regen, noch immer halb benommen.
„Ich ... ich meinte Comto Sirensteen und den gelehrten Herrn mit gewissem Abstand vor mir zu sehen. Ihre Haare. Weiß im Sturm. Ich dachte, sie hörten mich nicht und ich dürfe den Anschluss nicht verlieren.“
Nicolo runzelte die Stirn. „Erlan und Gareno waren vor Euch?“
„Ja. Ich habe sie gesehen. Bis kurz vor meinem Sturz.“
Sie brach ab. Denn plötzlich kamen Stimmen durch den Regen von hinten auf sie zu.
VIII. Die Überraschung
„Nicolo!“
Erlans Stimme war laut und klar genug, und man hörte ihr eine gewisse Freude an.
Zwischen den Stämmen traten zwei Gestalten hervor - Erlan selbst und Gareno. Nicht vor ihnen den Hang hinab, nicht weit voraus, sondern aus der gegensätzlichen Richtung.
Alricella starrte sie an, als traue sie ihren Augen nicht.
Erlan trat sofort näher. Sein Blick glitt kurz über Alricella, dann blieb er an Nicolos Haltung und der verkrampft gehaltenen Schulter hängen. „Bist Du verletzt, Nicolo?“
„Nichts Ernstes, Comto“, sagte Nicolo und kam auf die Beine, etwas steifer als ihm lieb war. „Alricella wäre beinahe abgestürzt.“
Romin trat ein wenig beiseite und flüsterte Gareno kurz etwas ins Ohr. Dieser verzog keine Miene und nickte nur.
Erlans Gesicht veränderte sich kaum, aber die Kühle in seinen Zügen bekam für einen Moment etwas Schärferes. Er sah die Gardistin der Yaquirbrucher Wellenbrecher an. „Wie kam es dazu?“
Alricella richtete sich auf, noch immer verwirrt. „Ich meinte Euch beide gesehen zu haben. Euch und Herrn Gareno. Dort vorn, auf der Höhe. Ich rief, aber Ihr hörtet mich nicht. Also folgte ich ...“
Sie verstummte, weil die Tatsache ihrer Worte bereits gegen die sichtbare Wirklichkeit stand. Erlan und Gareno waren nie dort gewesen.
Romin hatte den Hang beobachtet. Nicht die Menschen. Und nun hob er leicht die Hand. Mit ruhiger und leiser Stimme sagte er nur ein Wort: „Dort.“
Und wies mit seinem Blick in eine bestimmte Richtung.
IX. Der weiße Hirsch
Auf einer kleinen Anhöhe zwischen dunklen Stämmen stand ein Hirsch. Nicht groß wie aus Heldensagen, nicht in goldener Glorie und nicht von irgendeinem Wunderlicht umgeben. Und doch hob er sich in der verdämmernden, grauen Welt so deutlich ab, dass jeder ihn sofort sah.
Sein Fell war weiß.
Nicht schmutzig hell, nicht wintergrau, sondern wirklich weiß, als habe das erste Schneelicht des Abends bereits Gestalt angenommen. Das Geweih war hoch und klar und so wie er da still stand, den Kopf leicht erhoben und auf die Gruppe schaute, wirkte er erhaben und majestätisch.
Einen Herzschlag lang sprach niemand.
Der Regen hatte fast aufgehört. Stattdessen fielen nun einzelne, feine Flocken, die im Wind tanzten und gleich wieder verschwanden.
Alricella war die Erste, die ein leises Wort fand. „Biancervo ...“
Nicolo sah von dem Hirsch zu der Anhöhe, auf der er stand, und verstand mit einem Mal, was geschehen sein mochte – oder auch nur in einer solchen Situation geschehen konnte. Im Sturm. Im Regen. Das weiße Fell zwischen dunklen Bäumen. Bewegung auf der Höhe. Ein Irrtum, geboren aus Wetter und Eile. Oder doch etwas anderes?
Der Hirsch hielt ihren Blick noch einen Augenblick. Dann wandte er sich mit einer Bewegung, die beinahe lautlos wirkte, obwohl das Gelände voller nasser Zweige war, und verschwand zwischen den Stämmen. Kein Springen, kein dramatisches Entweichen. Nur ein weißes Gleiten – und dann war er fort.
Alricella atmete aus, langsam, als entließe sie erst jetzt die Spannung. „Ich dachte ...“
„Ihr dachtet, was nahe lag“, sagte Erlan, nun wieder ruhiger. „Im Sturm sieht man, was man zu sehen erwartet. Das ist nur natürlich.“
Sie nickte, aber ihr Blick blieb noch dort, wo der Hirsch verschwunden war.
Gareno sah dem verschwundenen Tier noch einen Augenblick nach, dann blickte er zu Nicolo und schließlich zu Erlan. Dessen Blick fiel auf die Schulter des jungen Mannes, auf die nassen Spuren im Laub, auf die abgebrochene Kante und auf Alricella. Er sagte nicht viel, nicht dort, nicht in diesem Wetter.
Nur: „Gut gemacht.“
Mehr nicht.
Aber Nicolo spürte, dass es keine flüchtige Bemerkung war.
Er neigte den Kopf. „Comto.“
X. Rückkehr
Als sie sich auf dem Rückweg machten, wurde der Schneefall dichter. Je mehr sich der Schnee gegenüber dem Regen durchsetzte, desto ruhiger wurde es. Denn der Wild wurde stiller jenen ersten wirklichen Flocken, die nicht nur auf den Mänteln, Haaren und Ärmeln liegenblieben.
Alricella führte wieder, nun vorsichtiger und zugleich gefasster als zuvor. Was an diesem Tag fragend begonnen hatte, war durch Erfahrung geprüft worden. Romin hielt sich oft in ihrem Rücken, manchmal ein Stück seitlich, sah Spuren, Unebenheiten und Richtungen, die anderen verborgen blieben. Erlan deutete das Gelände, wo es nötig war, entschied, wenn Wege sich aufspalteten, und hörte zu, wenn Alricella oder Romin Gründe nannten.
Gareno trat etwas näher an Erlan heran, flüsterte ihm kurz etwas ins Ohr und sie machten eine kurze Rast. Der Magier wies dem Knappen eine Richtung und sie entfernten sich ein wenig vom Rest der Gruppe.
„Setz dich“, sagte Gareno knapp. „Ich will mir das genauer ansehen. Nicht, dass du dauerhaft etwas davonträgst.“
Einige Augenblicke später setzte sich Nicolo auf einen umgeknickten Baumstamm und entblößte seine verletzte Schulter.
Gareno konzentrierte sich, berührte die Schulter und sprach die Formel eines magischen Cantus auf.
Nicolo schwieg. Er spürte Wärme, die erst nur punktuell war und sich dann tiefer in das schmerzende Gelenk zog. Der stechende Schmerz ließ nach, wurde stumpfer, ferner. Und war weg!
Nach einigen Minuten kehrten die beiden zum Rest der Gruppe zurück, die sich dann wieder auf den Weg machte. Sie schwiegen mehr als sie redeten und als sie schließlich vertrautere Pfade fanden, klarte auch der Himmel etwas auf. Der Schneefall war bereits deutlich fortgeschritten. Die Schneedecke war nicht tief, nicht winterlich geschlossen, aber es war sichtbar genug, um die Welt zu verändern. Zwischen den Stämmen lag ein helles Rieseln, und in den Mulden sammelte sich das Weiß.
Das Lager erschien erst spät, zunächst nur als gelblicher Schein zwischen Bäumen, dann als Stimmen, dann als Rauch und das Geräusch vieler Menschen, die Kälte, Nässe und Aufregung in Worte verwandelten.
Später, als der Schnee draußen leise dichter wurde, standen Alricella und Nicolo noch einmal am Rand eines Lagerfeuers.
„Es war nicht klug von mir“, sagte sie leise.
Nicolo sah ins Feuer. „Nein.“
Sie nickte, ohne Anstoß zu nehmen. „Es war aber klug von Euch.“
„Vielleicht nicht so klug, eher ...“
„Mutig“, sagte sie.
Nicolo sah sie einen Moment an, dann schnaubte er leise, beinahe verlegen. Das Feuer knackte zwischen ihnen, und für einen Augenblick war alles andere weit weg: das Lager, die Queste, der Schnee, der Wald.
Nicht weit entfernt saß Erlan später noch eine Weile wach. Einige der gefüllten Flaschen mit dem Quellwasser standen in seiner Nähe, und sein Blick ruhte eine Zeitlang auf ihnen, dann glitt er hinaus in die Dunkelheit jenseits des Lagers.
Dort draußen lag der Wald. Und irgendwo darin vielleicht noch immer der weiße Hirsch.
Am Ende dieses Tages hatten sie Wasser gefunden, einen Ursprung, der keiner war, und einen Irrtum, der beinahe tödlich geworden wäre. Vielleicht war das mehr, als eine Queste üblicherweise verhieß. Vielleicht war es auch genau das, was man von ihr erwarten musste.
Als Erlan sich schließlich erhob, war der Schnee dichter geworden. In dieser Nacht würden sie alle tief und fest schlafen, da war er sich sicher.