Briefspiel:Kaiserjagd/Efferd und Ingerimm
Efferd und Ingerimm
3. Firun 1046 BF abends, im dritten Zeltlager
Autor: Gonfaloniere
Der praiosgeweihte Baron musste schmunzeln ob der Umstände. Gerade war wieder ein Jäger in der großen Pfütze, die sich einige Schritt entfernt vom Zugang seines großen 'Salon'-Zelts ausbreitete, bis weit über die Knöchel hin vom Wasser 'verschluckt' worden.
Natürlich konnte er es nicht gutheißen, dass die Praiosscheibe am heutigen Tag fast durchgehend hinter düsteren Wolken verschwunden war. Das zum Abend hin niedergegangene Gewitter hatte jedoch immerhin die Urgewalt des Wassers unterstrichen – und das am selben Abend, an dem er sie mit zum Thema seiner theologischen Debatten machen wollte.
„Ist es so recht?“
Die Frage einer der mit dem Herrichten des Zelts beschäftigten Bediensteten ließ ihn herumfahren, wieder dem Inneren des Zelts seine Aufmerksamkeit schenken.
„Es passt so“, antwortete er, nachdem er einen Überblick über die neue Aufteilung des zur Verfügung stehenden Raums gewonnen hatte.
Der Zuspruch, den sein 'Salon' vor allem am Vorabend erfahren hatte, hatte ihn selbst überrascht. Wenn schon die Herzogin Grangors und ihre Tochter ihn zu beehren in Betrachtung zogen, wollte er sich dafür nun aber auch besser aufstellen. Früh am Morgen hatte er deshalb bereits einen Boten nach Mortecervi geschickt, mit der Anweisung auf einem Karren weitere Möbelstücke zum heutigen Nachtlager zu bringen. Um mehr Gästen einen Platz zu bieten – von dem sie der zentralen Debatte auch folgen konnten – hatten sie die bisherige Aufteilung des Raums nun abgeändert. Um sich auch vor der aufgekommenen Kälte zu wappnen, wurde hingegen ein größerer Teil der an den vergangenen Abenden weit offenen Zeltwand herabgelassen … und dazu Kohlebecken und kleinere Feuerschalen gerade beim Eingang positioniert, so dass ein kalter Zug daher vermieden werden konnte.
Genüsslich rieb sich auch Auricanius nun die Hände an einer der Wärmequellen. Und wieder musste er schmunzeln. Denn irgendwie hatte das nasskalte Wetter jedenfalls hier im Zelt dadurch auch das andere Element noch stärker einziehen lassen, mit dem sie sich später beschäftigen würden: Ingerimms Feuer.
Etwas später:
Die Diskussion war inzwischen in vollem Gange, was dem über sie wachenden Praios-Geweihten abermals Gelegenheit für allerlei rasende Gedanken gab. Denn nicht wenige seiner Gäste hatte er schon an den Vorabenden gesehen – und diese hatten inzwischen wohl ein Gespür dafür gewonnen, in welche Richtungen er die Debatten über die Götterpaare zu lenken versuchte … und von welchen, vor allem gefährlich zu Häresie und Ketzerei verführenden Überlegungen er stets wegzulenken bemüht war. Dieses scheinbar gegenseitige Verständnis zwang ihn immer seltener, selbst in die Debatten einzugreifen, nachdem er sie einmal angestoßen hatte.
So blieb sein Blick für einen Moment wieder einmal an der Herzogin und ihrer Tochter hängen, die seinen 'Salon' auch an diesem Abend mit ihrer Anwesenheit ehrten. Obwohl gerade die Ältere der beiden, Cusimos Gemahlin, hin und wieder eigene Gedanken formulierte und sich in dieser Gesellschaft auch nicht eben unwohl gab, glaubte er doch, dass eigentlich andere Motive hinter beider Anwesenheit steckten. Erneut hatte sich Heldora nach ihrer Ankunft nämlich nach der – auch wieder – anwesenden Myryan Tharedion umgesehen, der Falconiera des Kaisers. Auricanius wollte darum nicht ausschließen, dass deren kolportierte, persönliche Vertrautheit mit dem Monarchen der eigentlich ausschlaggebende Grund für die Anwesenheit der Grangorierinnen war.
Bemerkenswert war an diesem Abend zudem, dass mit Marra von Selzin eine der Gräfin Hesindiane wohl am nächsten stehenden Adligen aus der Bethaner Jagdgesellschaft erstmals zugegen war, die die Herzogin und ihre Tochter auch immer wieder musterte – jedenfalls, wenn sie sich nicht, wie gerade jetzt, doch auch selbst an der Debatte beteiligte.
„Nun, natürlich wissen wir auch in der Septimana um Ingerimm und seine Tugenden“, antwortete Marra soeben auf einen Vorredner. „Der Fleiß unserer Handwerker steht hinter niemandem zurück. Doch Efferd ist es, der uns wirklich fordert, zur See vor allem, die unsere zweite Heimat ist, doch nicht nur da.“
Einige Landsleute nickten eifrig, ihre Zustimmung bekundend.
„Das mag so sein“, erwiderte darauf Niccolo Flaviora, der Auricanius früher am Abend schon ein kleines Tsatagsgeschenk überreicht hatte. „Dem Aurelassen ist der Herr der Meere allerdings schlicht zu wankelmütig. Das entspricht nicht unserem Gemüt. Wir bevorzugen den Herrn der Erze, der stur sein mag, vor allem aber bodenständig … und darin gleich mehrfach dem urbasischen Esel gleicht!“
Obschon Auricanius sofort wusste, dass dieser lokalpatriotische Vergleich bei weitem nicht bei allen Anwesenden verfangen würde, ihm darüber gar ein rasches Grinsen übers Gesicht lief, hob er nun selbst Zustimmung signalisierend sein Weinglas.
Von der Sturheit der Aurelassen, der Urbasier vorneweg, musste ihn niemand mehr überzeugen …