Briefspiel:Das Erbe von Garlan
Anfang bis Mitte Boron 1046 BF, Sewamund
Autor:
Tribec
Zusammenfassung: Nach dem gewaltsamen Tod der Erbvögtin Rondriane Tribêc muss das Haus Tribêc über die Nachfolge in der Vogtei Garlan beraten. Während Sewamund noch unter den Folgen der Sturmflut und des Krieges gegen Irion von Streitebeck leidet, kommen die Angehörigen der Familie im Palazzo Tribêc zusammen. Dabei geht es nicht nur um Erbrechte und Familieninteressen, sondern auch um die ungewisse Zukunft Garlans.

I. Die Unordnung nach dem Sturm
Der Gestank war das Schlimmste. Selbst jetzt, fast drei Wochen nach der Sturmflut, lag über manchen Teilen Sewamunds noch jener süßlich-faulige Geruch, der entstand, wenn Salzwasser, Schlamm, verendete Tiere und verdorbene Vorräte längere Zeit gemeinsam in der Sonne gelegen hatten. Inzwischen waren die Temperaturen gesunken, doch der Wind trug die Ausdünstungen immer wieder durch die Gassen.
Der Palazzo Tribêc war vergleichsweise glimpflich davongekommen. Zwar war das Wasser durch den rückwärtigen Zugang am Kanal in das Anwesen gedrungen, hatte einige Räume überflutet und mehrere Mauern durchfeuchtet, doch die Wohnräume waren verschont geblieben. Von anderen Häusern ließ sich das nicht behaupten.
Im Innenhof lagerten noch immer Balken, Ziegel und zwei beschädigte Truhen. Handwerker besserten das Pflaster aus. Ein Maurer stand auf einer Leiter und untersuchte eine Stelle an der Hofmauer, deren Verputz sich großflächig gelöst hatte.
Mitten in diesem Durcheinander stand die Köchin. Sie hatte ihre kräftigen Arme in die Hüften gestemmt und betrachtete einen jungen Knecht, der gerade versuchte, einen Mehlsack durch den Hof zu tragen.
„Wenn Ihr den dort abstellt, könnt Ihr ihn auch gleich in den Kanal werfen!“
Der Knecht hielt inne: „Aber Meisterin, es ist doch trocken!“
„Heute! Morgen kommt der nächste Regen, und dann steht er wieder im Wasser. In die Kammer damit! Auf die Bretter!“ Sie zeigte mit dem Kochlöffel in Richtung des Wirtschaftsgebäudes. Sie hatte in den vergangenen Tagen mehr Befehle erteilt als mancher Offizier der Küstengarde. Dass sie überhaupt noch über nennenswerte Vorräte verfügte, verdankte sie ihrem Misstrauen gegenüber allem, was sich nicht mindestens zwei Handbreit über dem Boden befand.
Aus dem Haupthaus erschien Deriago Dellinger. Der Leibdiener von Baronessa Tsaida trug eine dunkelgrüne Livree, die trotz der allgemeinen Unordnung tadellos saß. An seiner linken Manschette bemerkte man eine frisch ausgebesserte Stelle. Deriago war ein Mann, der dergleichen sonst nicht geduldet hätte, aber in den vergangenen Wochen waren Dinge geschehen, die selbst er nicht mit Nadel und Faden in Ordnung bringen konnte.
„Köchin, die Herrin lässt fragen, ob die Küche für morgen gerüstet ist.“
„Wenn mir niemand mehr einen Mehlsack ersäuft, ja.“
„Die Baronessa erwartet mehrere Gäste.“
„Die Baronessa erwartet jeden Tag Gäste.“
„Morgen handelt es sich um die eigene Familie.“
Die Köchin verzog das Gesicht: „Dann brauche ich mehr Wein.“
Deriago lächelte schwach: „Das ist bereits veranlasst.“
Aus einem geöffneten Fenster des Obergeschosses ertönte ein krächzender Ruf: „Mehr Wein! Mehr Wein!“
Beide sahen hinauf. Der Papagei Horasio saß auf seiner Stange.
Die Köchin schüttelte den Kopf: „Dieses verdammte Federvieh hört alles.“
„Bedauerlicherweise“, bemerkte Deriago.
„Mehr Wein!“, wiederholte Horasio. Dann ließ er einen schrillen Pfiff hören, der dem eines schlecht gelaunten Bootsmanns ähnelte.
Deriago seufzte: „Und außerdem merkt er sich grundsätzlich das Falsche.“

II. Die Herrin des Hauses
Tsaida Tribêc hatte derweil andere Sorgen als die Versorgung des Haushalts mit Wein. Sie stand in ihrem Arbeitszimmer vor einer ausgebreiteten Karte Phecadiens und betrachtete die kleine, unscheinbare Gegend am Fuß der Windhagberge, die mit dem Namen Garlan bezeichnet war.
Die Baronessa war siebenundfünfzig Jahre alt, wirkte aber jünger. Ihr schlanker Wuchs, das dunkelbraune Haar und die sicheren Bewegungen verliehen ihr eine Erscheinung, die manche beim ersten Zusammentreffen überraschte. Heute trug sie ein hochgeschlossenes Kleid aus dunkelgrünem Samt, an dessen Ärmeln schmale goldene Borten entlangliefen. Eine einzelne Kette lag über dem Stoff. Sie hatte auf kostbareren Schmuck verzichtet.
Sie war müde.
Seit den Tagen der Sturmflut hatte sie kaum eine Nacht durchgeschlafen. Die Aufräumarbeiten, die Versorgung der Geschädigten, die Verhandlungen nach dem Götterurteil und die Neuordnung der städtischen Verwaltung hatten sie in Anspruch genommen. Dazu kamen die Verpflichtungen des eigenen Hauses.
Und nun Garlan.
Der Tod Rondrianes war längst keine Neuigkeit mehr. Schon vor der Belagerung und den verheerenden Ereignissen im Travia hatte man in Sewamund davon erfahren. Tsaida selbst hatte Rondrianes bei der Trauerfeier für Leonardo Cortesinio gedacht. Seither waren weitere Menschen gestorben, so dass Tsaida Rondrianes Tod fast wie ein Ereignis aus einem anderen Götterlauf vorkam.
Rondriane, die sich den Söldnern widersetzt hatte. Ihr Mann Silem Luntfeld, der kurz darauf ebenso zu Tode gekommen war. Usvina, die bei der Schlacht am Norderkoog auf der Gegenseite gefallen war.
Drei Angehörige des weitverzweigten Familienkreises, drei unterschiedliche Schicksale, und jedes war auf seine eigene Weise mit Irion von Streitebeck verbunden.
Tsaida legte die Fingerspitzen auf die Karte. Sie hätte gern gewusst, wo Irion in diesem Augenblick war. Dass er die Schlacht verloren hatte, war bekannt. Auch sein Verlust der Baronswürde stand fest. Für viele war damit die Angelegenheit erledigt. Die Dinge mochten sich rechtlich und politisch hinziehen, aber der Mann, der seine Stadt angegriffen hatte, war geschlagen.
Tsaida empfand keineswegs nur Genugtuung. Sie ärgerte sich darüber. Noch mehr ärgerte sie sich darüber, dass ihre jüngere Schwester Leonora diese Schwäche wohl binnen weniger Augenblicke erkennen würde. Sie hatte sich angekündigt. Sie hatte in Farsid mit anderen Vertretern der herzoglichen Verwaltung verhandelt und wollte eigens zur Familienversammlung nach Sewamund reisen. Das allein ließ Tsaida Unannehmlichkeiten erwarten. Leonora reiste nicht gern ohne einen guten Grund. Wenn sie kam, wollte sie etwas erreichen.
Ein leises Klopfen unterbrach ihre Gedanken.
Amendor ya Dumerzi trat ein. Tsaidas Gatte trug einen einfachen dunkelblauen Rock und hatte mehrere Schriftstücke unter dem Arm. Er war ein ruhiger, besonnener Mann, dessen Art im Palazzo Tribêc manchmal den Eindruck erweckte, er sei versehentlich in eine fremde Familie geraten.
„Die Unterlagen sind eingetroffen“, sagte er.
„Welche?“
„Die aus Garlan. Jedenfalls ein Teil davon.“
Tsaida drehte sich um: „Endlich.“
Amendor legte die Schriftstücke auf den Tisch: „Es sind vor allem ältere Abrechnungen und eine Zusammenstellung der Einkünfte. Die jüngsten Unterlagen fehlen.“
„Wer hat sie gebracht?“
„Ein Händler, der über Nervuk gekommen ist. Er behauptet, sie von einem Schreiber aus Garlan erhalten zu haben.“
„Behauptet?“
„Ich würde seine Geschichte nicht unbedingt für eine Lüge halten. Aber beweisen kann er sie nicht.“
Tsaida setzte sich: „Wir werden Leonora darum bitten, die Unterlagen zu prüfen.“
Amendor lächelte: „Dann ist ihre Reise wenigstens etwas von Nutzen.“
„Sie wird noch andere Dinge prüfen wollen.“
„Vermutlich.“
Er legte ihr eine Hand auf die Schulter: „Mach dir nicht schon heute Sorgen über einen Streit, der morgen beginnt.“
Tsaida sah zu ihm auf: „Du kennst doch meine Schwester.“
„Ja.“
„Dann weißt du, dass ein solcher Streit nicht erst beginnt, wenn sie den Mund öffnet.“
Amendor lachte leise.

III. Die Ankunft der Schatzmeisterin
Am nächsten Vormittag rollte eine Kutsche durch das Grangorer Tor. Ihre dunkelblaue Seitenfläche trug das Wappen der Tribêc, doch darüber war ein herzoglicher Wimpel befestigt, der die Stellung der Reisenden als Oberhofschatzmeisterin Grangorias kenntlich machte. Leonora Mayenia Tribêc hatte die Reise aus Farsid in ausgesprochen schlechter Laune angetreten. Die Straßen waren nach all dem Regen aufgeweicht, viele Fuhrwerke transportierten Baumaterial nach Sewamund, und an einer Brücke hatte sie fast zwei Stunden verloren, weil ein beschädigter Pfeiler zunächst abgestützt werden musste.
Sie verabscheute Zeitverschwendung. Noch mehr verabscheute sie die Vorstellung, in Sewamund auf die Gastfreundschaft ihrer älteren Schwester Tsaida angewiesen zu sein.
Leonora war dreiundfünfzig Jahre alt, schlank und beinahe hager. Ihre hellbraunen Haare trug sie streng aufgesteckt. Das schmale Gesicht mit den aufmerksamen braunen Augen wirkte nicht eigentlich unfreundlich, ließ aber selten Zweifel daran, dass sie ihre Umgebung fortwährend einer kritischen Prüfung unterzog. Sie trug ein dunkelgraues Reisekleid, darüber einen schweren Mantel, dessen kostbarer Pelzbesatz unter einer beträchtlichen Schicht Straßenschmutz kaum noch zu erkennen war.
Als die Kutsche vor dem Palazzo hielt, wartete Deriago bereits am Tor: „Willkommen in Sewamund, Hochgeboren.“
Leonora stieg aus, ohne seine angebotene Hand anzunehmen: „Gibt es hier eigentlich noch richtige Straßen?“
„Ich hoffe sehr, Herrin.“
„Wie beruhigend.“
Sie betrachtete die Fassade des Hauses: „Immerhin steht der Palazzo noch.“
„Wir hatten Glück.“
„Glück ist ein unzuverlässiger Baumeister.“
Deriago nahm ihren Mantel entgegen: „Die Baronessa erwartet Euch.“
„Natürlich tut sie das. Sie hat mich schließlich herbestellt.“
Leonora betrat den Hof und musterte die Aufräumarbeiten. An einer Wand stapelten sich Holzbohlen. Zwei Knechte trugen einen Schrank in die Sonne, damit das Holz trocknen konnte. Aus einem Seitengebäude drang der Geruch frisch gebackenen Brotes.
Die Köchin erschien in der Tür zur Küche und begrüßte Leonora: „Hochgeboren!“
Leonora blieb stehen: „Ach, Ihr seid noch immer hier?“
„Wo sollte ich denn sonst sein?“
„Nach den Ereignissen der vergangenen Wochen hätte ich Euch eine Flucht nicht verübelt.“
„Und diese Leute sich selbst überlassen?“ Sie schüttelte den Kopf. „Dann hätten sie längst sämtliche Vorräte aufgegessen.“
Leonora gestattete sich ein kleines Lächeln: „Das ist allerdings ein überzeugender Beweisgrund.“
Sie ließ die Küche hinter sich und folgte Deriago ins Haupthaus.
Ihre Schwester erwartete sie im Empfangszimmer. Tsaida hatte sich für ein Kleid aus dunkelrotem Stoff entschieden, das ihre Gestalt betonte. Eine feine Goldkette verlief über ihren Schultern, und das Haar fiel in weichen Wellen bis auf den Rücken. Als sie Leonora erblickte, erhob sie sich mit einem Lächeln, das durchaus herzlich gemeint war.
„Schwester.“
„Tsaida.“
Sie umarmten einander. Es war eine jener höfischen Umarmungen, bei denen beide Frauen darauf achteten, dass die andere weder zu fest noch zu lange zudrückte.
„Du siehst gut aus“, sagte Tsaida.
„Das wäre erstaunlich. Ich habe kaum geschlafen.“
„Die Reise war beschwerlich?“
„Die Reise war eine Beleidigung für unser Herzogtum.“
Tsaida lachte: „Dann soll man dir zunächst etwas zu essen bringen.“
„Später. Ich möchte wissen, weshalb du mich so dringend hierhaben willst.“
„Wegen Garlan.“
„Das dachte ich mir.“
Leonora setzte sich und streifte ihre Handschuhe ab: „Ich habe unterwegs bereits einige Überlegungen angestellt.“
„Daran zweifle ich nicht.“
„Und ich habe eine Nachricht für dich.“
Tsaida sah auf: „Von wem?“
„Von ihm, sozusagen. Aus der herzoglichen Verwaltung.“ Leonora öffnete eine Ledertasche und entnahm ihr ein versiegeltes Schreiben: „Es betrifft die Erbvogtei.“
Tsaida nahm das Dokument und überflog die ersten Zeilen. Dann wurde sie ernst.
„Man verlangt von uns einen Nachfolger.“
„Nicht unmittelbar. Aber man erwartet, dass die Familie ihren Anspruch auf das Amt allen Gepflogenheiten folgend anmeldet und erklärt, wie sie nach Rondrianes Tod die Verwaltung der Erbvogtei sicherzustellen gedenkt.“
„Das war zu erwarten.“
„Gewiss.“
Leonora lehnte sich zurück: „Ich hoffe nur, dass du dir diesmal vorher überlegst, wen du vorschlagen willst.“
Tsaida erwiderte ihren Blick: „Deshalb bist du hier.“
„Das hoffe ich ebenfalls.“
IV. Die Nachbarn von gegenüber
Der Palazzo Vistelli lag auf der anderen Seite der Waatstraße. Seine hell verputzten Mauern, die dekorativen Masken und Lilienornamente wirkten noch immer freundlich, obwohl die Sturmflut auch hier Schäden hinterlassen hatte.
Im Erdgeschoss befand sich die kleine, von Alissa Vistelli geführte Schneiderei. Sie hatte zwar wieder geöffnet, beschäftigte sich allerdings vorwiegend mit der Ausbesserung beschädigter Kleider, Mäntel und Decken. Neuanfertigungen mussten warten.
Alissa stand vor einem Tisch, auf dem mehrere Stoffballen lagen. Die zierliche Frau trug ein schlichtes Kleid aus dunkelblauem Tuch. Ihre dunkelbraunen Haare waren aufgesteckt, doch einige Strähnen hatten sich gelöst. An den Fingerspitzen hafteten Kreidereste, ein Maßband hing ihr über die Schulter.
Ihre Zofe Larissa Caliocca hatte eine Liste in der Hand: „Diese beiden Ballen sind noch brauchbar, Herrin.“
„Was ist mit den übrigen?“
„Das Salzwasser, sie riechen bereits.“
Alissa verzog das Gesicht: „Dann werden wir daraus wohl etwas fertigen.“
„Vielleicht Decken?“
„Für Menschen, die ihren Geruchssinn verloren haben?“
Alissa ging zum Fenster. Auf der anderen Straßenseite öffnete sich gerade das Tor des Palazzos Tribêc. Leonoras Kutsche wurde in den Hof gefahren.
„Ah“, sagte Alissa. „Die Schatzmeisterin ist angekommen.“
Larissa trat neben sie: „Das wird ein interessanter Tag.“
„Wieso interessant?“
„Wenn die beiden Schwestern zusammentreffen, Herrin.“
Alissa lächelte: „Ihr hört zu viel.“
„Ich höre nur, was man hier so sagt.“
„Ihr solltet Euch künftig weiter von den Fenstern fernhalten.“
Aus dem Obergeschoss drangen Schritte und Rahjane Vistelli erschien. Tsaidas jüngste Tochter hatte das dunkelbraune Haar ihrer Mutter geerbt, ebenso die anmutige Haltung. Ihre grünblauen Augen wirkten offen und freundlich, aber das war manchmal irreführend. Rahjane galt zwar als unbedarft, doch hatte mittlerweile gelernt, wie man zwischen widerstreitenden Interessen vermittelte, ohne selbst in den Streit gezogen zu werden. Sie trug ein smaragdgrünes Kleid, dessen Ärmel von Alissas Schneiderinnen vor wenigen Wochen geändert worden waren.
„Meine Mutter erwartet uns“, sagte sie.
„Uns alle?“, fragte Alissa.
„Orban und mich. Sie hat aber ausdrücklich nichts dagegen, wenn Ihr ebenfalls kommt.“
Alissa blickte auf ihre Kleidung: „So?“
„Natürlich.“
„Dann sollte ich mich wohl umziehen.“
„Warum?“
„Weil ich nicht wie eine Schneiderin zu einer Familienversammlung erscheinen möchte.“
Rahjane musterte sie: „Ihr seid eine Schneiderin.“
„Aber eine vornehme.“
„Selbstverständlich.“
Alissa lachte.
Wenig später betraten die drei Vistellis den Palazzo Tribêc. Orban Vistelli folgte seiner Frau mit der üblichen zurückhaltenden Höflichkeit, die manche für Schüchternheit hielten. Der drahtige Mann besaß ein schmales Gesicht, dunkelbraunes Haar und auffallend blaue Augen. Die Jahre seiner Reisen und einige Erfahrungen des Krieges hatten seine Züge ernst werden lassen. Er trug einen dunkelgrauen Wams und einen Mantel, dessen schlichter Schnitt seine Stellung kaum erkennen ließ. Nur das Schwert an seiner Seite verriet den Ritter von Montarena.
Tsaida begrüßte ihre Tochter mit einer Umarmung, Alissa mit herzlicher Höflichkeit und Orban mit besonderer Aufmerksamkeit: „Ich freue mich, dass Ihr gekommen seid.“
Orban verneigte sich: „Es ist ja auch eine Angelegenheit meiner Frau und damit unserer Familie.“
Rahjane lächelte: „Außerdem ist es ja nicht weit.“
Tsaida lachte, während Leonora die drei aufmerksam beobachtete. Die Vistellis waren wichtige Verwandte. Seit der Doppelhochzeit von 1030 BF waren sie eng mit dem Haus Tribêc verbunden. Orban hatte Tsaidas Tochter Rahjane geheiratet, seine Zwillingsschwester Alissa den Tribêc Bernardo. So war eine Verbindung entstanden, die beiden Familien nutzte, aber auch zu Spannungen führen konnte. Die Vistellis hatten einstigen Einfluss weitgehend verloren, verfügten aber immer noch über gewisse Mittel und natürlich einen berühmten Namen. Leonora hatte nie vergessen, dass beides ausgesprochen hilfreich sein konnte.
V. Der Familienrat
Die eigentliche Beratung begann zur zweiten Nachmittagsstunde. Deriago hatte den großen Speisesaal vorbereiten lassen. Die teuren Glasfenster zur Straße hin spendeten ausreichend Licht, obwohl der Himmel bedeckt war. Auf dem langen Tisch lagen Karten, Urkunden, zwei Schreibkästen und mehrere sorgfältig versiegelte Mappen.
Tsaida saß an der Stirnseite. Zu ihrer Rechten hatte Amendor Platz genommen, gegenüber Leonora. Alverano saß neben Leomar, während Ingrimich den Platz am Fenster gewählt hatte. Rahjane und Orban saßen beieinander, Alissa etwas abseits.
Die Zusammensetzung war bewusst gewählt. Die Vistellis gehörten nicht zum Kreis derjenigen, die über das Erbamt der Tribêcs entscheiden konnten. Aber sie waren so eng mit dem Haus verbunden, dass Tsaida es für unklug hielt, sie auszuschließen. Leonora war anderer Ansicht gewesen, hatte sich aber bereitgefunden, die Anwesenheit der Gäste zu dulden.
„Wir müssen uns über die Nachfolge Rondrianes verständigen“, begann Tsaida. „Wir haben die Angelegenheit während der letzten Wochen zurückgestellt. Jetzt aber ist die Schlacht geschlagen.“
Alverano nickte: „Und Irion besiegt.“
Bei der Erwähnung des Namens hob Tsaida den Blick. Leonora bemerkte es sofort.
„Auch das“, erwiderte sie.
Leomar verschränkte die Arme: „Dann steht uns nichts mehr im Wege.“
„Leider doch“, sagte Leonora und legte mehrere Urkunden auf den Tisch. „Garlan ist eine Erbvogtei. Das bedeutet, dass unser Haus einen erblichen Anspruch auf das Amt besitzt. Die Vogtei ist aber kein Familiengut, über das wir nach Belieben verfügen können.“
„Das wissen wir“, sagte Leomar.
„Dann wird es Euch nicht schwerfallen, mir zuzuhören.“
Alverano grinste.
Leonora fuhr fort: „Rondriane verwaltete Garlan für das Haus Garlischgrötz. Die Vogtei gehört in den Zusammenhang der herzoglichen Herrschaftsrechte. Zugleich bestehen Lehnsbindungen an die Baronie Nervuk. Deshalb müssen wir sauber zwischen der Auswahl innerhalb unserer Familie, den Rechten des Lehnsherrn und der herzoglichen Bestätigung unterscheiden.“
„Ein erfreulich einfacher Sachverhalt“, bemerkte Alverano.
„In der Tat. Jedenfalls für Menschen, die lesen können.“
Er verneigte sich leicht: „Wie gut, dass Ihr unter uns seid.“
Tsaida hob die Hand: „Wir müssen nicht sämtliche Einzelheiten jetzt klären. Entscheidend ist zunächst, wen wir vorschlagen.“
„Da wäre Hesindiane“, sagte Ingrimich.
Tsaida nickte: „Rondrianes Tochter.“
„Und damit diejenige, die sich mit dem besten persönlichen Recht auf ihre Mutter berufen könnte“, ergänzte Leonora.
„Sie ist Hesindegeweihte“, wandte Leomar ein.
„Das schließt einen Anspruch nicht zwangsläufig aus.“
„Aber eine Verwaltung in Garlan wäre schwer mit ihren übrigen Pflichten vereinbar“, sagte Amendor.
„Das mag sie selbst entscheiden“, erwiderte Leonora.
Tsaida betrachtete das Pergament vor sich. Hesindiane hatte nach dem Tod ihrer Mutter und ihres Vaters genügend Anlass zur Trauer. Es widerstrebte ihr, die junge Frau nun auch noch mit Erbansprüchen und Familieninteressen zu behelligen. Doch wusste sie, dass die Angelegenheit ohne deren Anhörung kaum rechtmäßig geregelt werden konnte.
„Wir werden sie schriftlich befragen“, sagte sie schließlich.
Leonora nickte zufrieden: „Damit ist der erste Schritt getan.“
„Und der zweite?“, fragte Alverano.
Leonora sah ihn an: „Der zweite Schritt besteht darin, einen geeigneten Kandidaten zu finden.“

VI. Alverano
Alverano Tribêc war während der bisherigen Beratung auffallend ruhig gewesen. Das kam selten vor. Der ehemalige Adlerritter war ein Mann von beinahe achtzig Fingern Größe, mit dunkelbraunem Haar, braunen Augen und einer Erscheinung, die auch in fortgeschrittenem Alter noch gewinnend wirkte. Er trug einen dunkelgrünen Wams mit silbernen Knöpfen. Seine Kleidung war kostspieliger, als es seine finanziellen Verhältnisse erlaubten. Seine Liebschaften waren ebenso bekannt wie seine gelegentlichen Schwierigkeiten, Rechnungen pünktlich zu bezahlen.
Gleichwohl war Alverano keineswegs nur ein Schürzenjäger, er hatte in Schlachten gekämpft, Erfahrung als Offizier gesammelt und führte die Haustruppen der Familie. Seine Leute schätzten ihn und er verstand es, Männer für sich einzunehmen, ohne ständig auf seinen Rang zu pochen.
Dasselbe gelang ihm bei Frauen. Die Dienerin, die gerade Wein nachschenkte, wurde merklich verlegen, als Alverano ihr den Becher entgegenhielt und sich mit einem Lächeln bedankte. Leonora verfolgte die Szene mit leisem Missfallen.
„Vielleicht sollten wir Alverano vorschlagen“, sagte Tsaida.
Er blickte auf: „Mich?“
„Ja.“
„Ich hatte gehofft, Ihr würdet mich wenigstens vorher fragen.“
„Das tue ich gerade.“
Er lachte: „Dann bin ich außerordentlich überrascht.“
Leonora legte die Feder beiseite: „Du verfügst über militärische Erfahrung, kennst die Gegend und besitzt genügend Kontakte. Das spricht für dich.“
Alverano sah sie erstaunt an: „Leonora, Ihr macht mir Angst.“
„Ich bin noch nicht fertig.“
„Das beruhigt mich.“
„Du besitzt allerdings kaum Erfahrung mit der Verwaltung einer Vogtei. Außerdem sind deine finanziellen Verhältnisse alles andere als geordnet.“
„Das ist eine Frage der Betrachtungsweise.“
„Deine Gläubiger betrachten sie vermutlich anders.“
Alissa Vistelli musste sich ein Lächeln verkneifen. Alverano bemerkte es und erwiderte ihren Blick mit einem Ausdruck, der ihr unwillkürlich ein leises Lachen entlockte. Orban betrachtete den Vorgang aus den Augenwinkeln.
„Du würdest einen guten Hauptmann abgeben“, sagte Leomar.
„Vielen Dank.“
„Aber ob du ein guter Vogt wärst, weiß ich nicht.“
Alverano wurde ernst: „Ich auch nicht.“
Diese Antwort überraschte die Runde. Tsaida lehnte sich vor: „Warum?“
„Weil ich Rondriane kannte.“ Er betrachtete die ausgebreiteten Papiere. „Sie hatte keine Freude daran, sich mit Rechnungsbüchern, Grenzsteinen, Streitigkeiten unter Bauern oder irgendeinem undichten Mühlendach zu beschäftigen. Trotzdem tat sie es. Jahrelang.“ Er hielt inne, dann fügte er hinzu: „Ich hätte mich vermutlich nach einer Woche gelangweilt.“
„Das lässt sich ändern“, sagte Ingrimich.
„Meine Langeweile?“
„Deine Einstellung.“
Alverano verzog den Mund: „Ich fürchte, das wird schwerer.“
Tsaida betrachtete ihn aufmerksam: „Du würdest die Aufgabe ernst nehmen.“
„Das behaupte ich nicht.“
„Aber ich.“
Er erwiderte ihren Blick: „Dann solltest du dir gut überlegen, ob du mich wirklich willst.“
VII. Die Angelegenheit mit den Vistelli
Rahjane hatte aufmerksam zugehört. Schließlich räusperte sie sich: „Darf ich etwas sagen?“
Tsaida lächelte: „Ja, natürlich.“
„Wenn Alverano das Amt übernimmt, wird er Hilfe benötigen. Vor allem in den ersten Jahren.“
„Das ist uns bewusst“, sagte Leonora.
„Vielleicht könnten die Vistelli einen Teil dieser Hilfe leisten.“
Orban hob überrascht den Kopf. Rahjane legte ihm eine Hand auf den Unterarm.
„Ich meine natürlich nicht, dass wir Garlan verwalten sollen. Aber wir verfügen über Kontakte, über Geld und über Leute, denen wir vertrauen.“
Leonora betrachtete sie: „Ihr bietet der Familie also Unterstützung an?“
„Ja.“
„Unter welchen Bedingungen?“
Rahjane zögerte, aber Alissa kam ihr zu Hilfe: „Vielleicht könnte man die Bedingungen erst besprechen, nachdem feststeht, worin die Unterstützung bestehen soll.“
Leonora lächelte dünn: „Ein großzügiges Angebot.“
Orban erhob sich leicht aus seinem Stuhl: „Unsere Familien sind miteinander verbunden. Meine Frau ist eine Tribêc. Meine Schwester hat einen Tribêc geheiratet. Wir haben gemeinsam die vergangenen Wochen durchgestanden. Ich halte es für selbstverständlich, dass wir einander helfen.“
„Selbstverständlich.“ Leonora sprach das Wort so aus, dass Orban nicht recht wusste, ob sie ihm zustimmte oder ihn verspottete.
Tsaida griff ein: „Ich begrüße das Angebot. Aber wir werden darüber sprechen, wenn wir wissen, welche Aufgaben anstehen.“
Rahjane nickte und Orban setzte sich wieder. Alissa hatte die Hände im Schoß gefaltet. Ihre dunklen Augen wanderten zwischen den beiden Schwestern hin und her. Sie verstand von höfischen Intrigen weniger, als man ihr unterstellte, aber sie wusste, wann eine Unterhaltung gefährlich wurde, und sie wusste, dass Leonora ihr Angebot nicht vergessen würde.
Nicht aus Dankbarkeit, sondern weil sie darin einen Ansatzpunkt sah.
VIII. Das Geschäft mit Garlan
Nach einer kurzen Unterbrechung nahm Leonora die wirtschaftlichen Verhältnisse der Vogtei in Augenschein. Amendor hatte mehrere Aufstellungen vorbereitet. Sie stammten aus der Zeit vor Rondrianes Tod.
„Garlan zählt ungefähr vierzehnhundert Einwohner“, erklärte er. „Die wichtigsten Erzeugnisse sind Flachs und Windhagsteine. Dazu kommen kleinere Bauernschaften, Mühlen und etwas Handel über die Wege im Phecadi-Hinterland am Fuße der Berge.“
Alissa hob bei der Erwähnung des Flachses den Kopf: „Wie viel wird davon ausgeführt?“
„Das geht aus den Unterlagen nicht ganz hervor.“
„Und wohin?“
„Vor allem in die Städte Grangor, Nervuk und Venga.“
Alissa dachte einen Augenblick nach: „Ich habe schon einmal Stoffe aus Garlan bezogen.“
Leonora wandte sich ihr zu: „Direkt?“
„Über Händler. Es waren einfache Leinwandstoffe, aber von guter Qualität.“
„Könntet Ihr die Namen dieser Händler herausfinden?“
„Sicherlich.“
„Das wäre nützlich.“
Alissa lächelte: „Dann kann ich also doch etwas zu dieser Angelegenheit beitragen.“
Leonora überging die Bemerkung.
Amendor zeigte auf eine weitere Aufstellung: „Die Einnahmen der Vogtei waren nie besonders hoch. Wir reden hier ja über die Grenze zum Windhag. Nach den Kämpfen dürfte sich die Lage verschlechtert haben. Wir wissen nicht, wie viele Bauern geflohen sind oder ob die Felder noch bewirtschaftet werden.“
„Und die Raubritter?“, fragte Leomar.
„Auch das ist ungeklärt. Rondriane hatte in den letzten Jahren immer wieder Schwierigkeiten mit ihnen.“
Alverano nahm die Karte zur Hand: „Ich sage nur Feuerschlei und Stillback.“
„Unter anderem.“
„Wenn sie sich den Söldnern angeschlossen haben, werden sie nach Irions Niederlage nicht unbedingt friedlich nach Hause gegangen sein.“
Orban nickte: „Wahrscheinlich werden sie versuchen, ihre Stellung zu sichern.“
„Oder sie haben sich längst neue Auftraggeber gesucht“, ergänzte Leonora.
Alverano zog mit dem Finger eine Linie über die Karte: „Wir müssen herausfinden, wer die Wege kontrolliert.“
„Und wer Abgaben erhebt“, sagte Leonora.
„Und wer Menschen schützt“, ergänzte Ingrimich.
Tsaida blickte in die Runde: „Das sind drei Fragen, die wir nicht erst beantworten sollten, wenn ein neuer Erbvogt im Amt ist.“
IX. Ein Bote aus Hortelano
Die Beratung wurde unterbrochen, als Deriago erneut erschien: „Herrin, es ist ein Bote eingetroffen.“
Tsaida hob den Blick: „Von wem?“
„Aus Hortelano.“
Alverano richtete sich auf: „Dann soll er hereinkommen.“
Deriago zögerte: „Der Mann befindet sich in keinem besonders ansehnlichen Zustand.“
„Das stört uns nicht“, sagte Tsaida.
Wenig später trat ein älterer Mann in den Saal. Er trug einfache, verschmutzte Kleidung und hielt seine Mütze nervös in den Händen. Seine Stiefel waren noch feucht, und an seinem rechten Ärmel hatte sich eine Naht gelöst. Er stellte sich als Perjan Flechs vor, einen Händler aus Hortelano. Tsaida ließ ihm einen Stuhl bringen.
„Was führt Euch zu uns?“
Der Mann betrachtete die Versammelten: „Ich komme wegen unserer Herrin.“
Tsaida nickte: „Wegen Rondriane.“
„Ja, Hochgeboren.“ Er schluckte.
„Wir haben gehört, dass Ihr einen neuen Vogt bestimmen wollt.“
„Das ist richtig.“
„Dann möchte ich Euch bitten, keinen zu schicken, der nur Soldaten und Steuern mitbringt.“
Leomar wollte etwas erwidern, aber Tsaida hob die Hand: „Erklärt Euch.“
Der Händler berichtete von den vergangenen Wochen. Nach dem Kampf gegen Rondriane seien zunächst die Söldner in Garlan geblieben. Einige der bisherigen Amtsträger hätten ihre Arbeit fortgesetzt, andere seien geflohen. Die Bauern hätten versucht, die Ernte einzubringen, doch seien immer wieder Bewaffnete erschienen und hätten Vorräte eingefordert. Einige hätten behauptet, im Auftrag des Barons Irion zu handeln. Andere hätten überhaupt keinen Auftrag vorgewiesen. Nach der Schlacht am Norderkoog sei die Lage unübersichtlich geworden.
„Die einen sagen, der Baron sei besiegt. Die anderen sagen, er werde zurückkehren“, erklärte Perjan. „Und alle wollen bezahlt werden.“
Leonora machte sich Notizen: „Gibt es noch jemanden, der im Namen Rondrianes handelt?“
„Der alte Schreiber ist geblieben. Meister Valdo. Aber er traut sich kaum aus dem Haus.“
„Warum?“
„Weil jemand sein Siegel benutzt.“
Tsaida sah auf: „Welches Siegel?“
„Das der Vogtei.“
Alverano lehnte sich vor: „Wer benutzt es?“
Perjan schüttelte den Kopf: „Das wissen wir nicht. Aber es sind Schreiben aufgetaucht, die angeblich von unserer Herrin stammen.“
„Rondriane ist seit Wochen tot“, sagte Leomar.
„Das wissen wir.“
„Dann kann niemand ernsthaft glauben, dass sie noch Befehle erteilt.“
Perjan blickte ihn müde an: „Hochwürden, die Leute glauben vieles, wenn bewaffnete Männer mit einem gesiegelten Schreiben vor ihrer Tür stehen.“
Leonora legte die Feder ab: „Das ist ein wichtiger Unterschied.“
Tsaida betrachtete den Händler: „Was erwartet Ihr von uns?“
Perjan hielt seine Mütze fester: „Dass Ihr jemanden schickt, der sagt, was gilt.“
Sie schwieg.
„Unsere Herrin war streng“, fuhr er fort. „Manchmal sehr streng. Aber wenn sie etwas gesagt hatte, konnte man sich darauf verlassen.“ Er blickte kurz zu den anderen: „Jetzt sagt jeder etwas anderes.“
Tsaida nickte langsam: „Wir werden uns darum kümmern.“
Perjan erhob sich: „Ich danke Euch, Hochgeboren.“
Als Deriago den Mann hinausführte, blieb es im Saal still. Schließlich sagte Alverano: „Da haben wir unsere erste Aufgabe.“
Leonora sah ihn an: „Unsere?“
„Meine, wenn ich das Amt übernehmen soll.“
X. Die Küche und das Geheimnis der Stoffballen
Während die Herrschaften über die Verwaltung Garlans berieten, hatte die Köchin ganz andere Schwierigkeiten.
Ein Wasserfass war undicht geworden, zwei Knechte stritten über die Verteilung der Brennholzvorräte, und der Küchenjunge hatte den frisch gebackenen Kuchen fallen lassen. Die Köchin betrachtete die Reste auf dem Boden: „Bei allen Zwölfen, wenn das so weitergeht, serviere ich morgen nur noch Brot und Wasser!“
Der Küchenjunge sah sie erschrocken an: „Es tut mir leid.“
„Dann heb es auf.“
Er bückte sich.
„Nicht mit den Händen! Mit der Schaufel!“ Die Köchin schüttelte den Kopf.
In diesem Augenblick erschien Larissa Caliocca an der Tür. Die Zofe Alissa Vistellis trug ein kleines Bündel Stoffe unter dem Arm: „Meine Herrin lässt Euch dies bringen.“
Die Köchin betrachtete das Bündel: „Was ist das?“
„Leinen. Für die Küche.“
„Leinen?“
„Neue Tücher. Die alten sollen beim Hochwasser verdorben sein.“
Die Köchin nahm das Bündel entgegen: „Das ist freundlich.“ Sie strich über den Stoff: „Gute Ware.“
„Aus Garlan“, sagte Larissa.
Die Köchin hielt inne: „Ach?“
„Ein Händler hat sie noch vor den Kämpfen geliefert. Meine Herrin möchte die Bestände jetzt teilweise an die Geschädigten verteilen.“
Die Köchin nickte: „Dann werde ich mich bedanken.“
Sie legte das Bündel auf den Tisch.
Als die Köchin später eines der Tücher auseinander faltete, bemerkte sie, dass eine Ecke ungewöhnlich dick vernäht war. Sie murmelte „Was haben die denn da gemacht?“, nahm eine Schere und trennte vorsichtig die Naht auf. Zwischen den Stofflagen lag ein schmaler Papierstreifen. Die Köchin betrachtete ihn. Darauf standen mehrere Namen und Zahlen. Sie konnte lesen, aber die Bedeutung der Aufzeichnungen erschloss sich ihr nicht. Daher faltete sie den Streifen wieder zusammen.
„Deriago!“, rief sie.
Der Leibdiener erschien wenige Augenblicke später.
„Was gibt es?“
Die Köchin hielt ihm das Papier hin: „Das war in einem Tuch.“
Deriago nahm es entgegen und überflog die Zeilen. Dann wurde sein Gesicht ernst.
„Woher stammt es?“
„Aus dem Bündel der Vistellis.“
Deriago betrachtete die Zahlen erneut: „Ich werde es der Herrin bringen.“
Die Köchin verschränkte die Arme: „Und was soll ich mit den Tüchern machen?“
„Vorläufig nichts.“
Sie sah ihn an: „Dann muss ich wohl wieder die alten nehmen.“
Deriago verneigte sich: „Ich bedauere.“
Als er gegangen war, schüttelte die Köchin den Kopf. „Diese Familie“, murmelte sie und wandte sich dem Abendessen zu.
XI. Die falschen Abgaben
Tsaida betrachtete den Papierstreifen, den Deriago ihr überbracht hatte. Es war eine einfache Aufstellung: Mehrere Namen, daneben Zahlen und kurze Vermerke. Die Handschrift war klein, aber gut lesbar. Dann nahm Leonora das Blatt entgegen. Sie erkannte: „Das sind Zahlungen.“
„An wen?“, fragte Amendor.
„Das ist noch nicht ersichtlich.“
Sie betrachtete eine der Zeilen: „Hier steht Feuerschlei.“
Alverano sah auf: „Liora Feuerschlei?“
„Der Name ist nicht ausgeschrieben.“
„Das könnte einer der Raubritter sein.“
Leonora nickte: „Daneben stehen Beträge. Offenbar wurden Zahlungen über mehrere Monate hinweg geleistet.“
Tsaida runzelte die Stirn: „Von wem denn?“
„Das steht hier nicht.“
Alissa betrachtete den Papierstreifen: „Vielleicht wurde er absichtlich in den Stoff eingenäht.“
„Warum sollte denn jemand das tun?“, fragte Rahjane.
„Um ihn außer Landes zu bringen, ohne dass man ihn entdeckt.“
Leonora nickte langsam: „Oder um ihn vor jemandem zu verstecken, der danach, nach solcherlei Unterlagen sucht.“
Tsaida legte die Hände ineinander: „Wir müssen herausfinden, wer die Stoffe geliefert hat.“
Alissa überlegte: „Das kann ich tun. Unsere Schneiderinnen führen Listen.“
„Und ob weitere Sendungen derselben Herkunft im Palazzo liegen“, ergänzte Leonora.
Alissa lächelte: „Ich werde nachsehen.“
Alverano betrachtete die Zahlen: „Wenn diese Leute schon vor Rondrianes Tod Geld erhalten haben, könnte jemand ihre Überfälle finanziert haben.“
„Das wäre denkbar“, sagte Leonora.
„Und wenn wir den Geldgeber finden?“
„Dann haben wir möglicherweise ein Druckmittel.“
Tsaida hob den Blick: „Gegen wen?“
Leonora erwiderte Tsaidas Blick: „Das wissen wir noch nicht.“
Alverano lehnte sich zurück: „Vielleicht gegen unsere lieben Nachbarn im Windhag.“
Tsaida sah ihn an, er bemerkte ihren Blick.
„Ich sage nur, dass wir es prüfen sollten.“
Leonora nahm den Papierstreifen: „Das werden wir.“ Sie faltete ihn sorgfältig zusammen. „Ich werde einige Abrechnungen aus der herzoglichen Verwaltung vergleichen. Vielleicht gibt es eine Verbindung.“
Tsaida nickte: „Aber niemand außerhalb der Familie sollte vorläufig davon erfahren.“
Alissa blickte von einer zur anderen: „Zählt das Haus Vistelli in diesem Fall zur Familie?“
Leonora schwieg einen Augenblick, dann lächelte sie: „Gewiss.“
XII. Ein gefährlicher Name
Am Abend hatte sich die Versammlung in kleinere Gruppen aufgelöst. Leomar und Alverano besprachen die etwas handfesteren Möglichkeiten der Familie. Amendor unterhielt sich mit Orban über die Versorgung der Vogtei. Rahjane hatte sich mit Ingrimich zurückgezogen, um über Hilfe für die Bewohner des entlegenen Landstriches zu sprechen. Tsaida stand am Fenster, als Leonora neben sie trat.
„Du bist still geworden.“
„Ich denke nach.“
„Über Garlan?“
„Unter anderem.“
Leonora betrachtete ihre Schwester: „Du denkst an Irion.“
Tsaida seufzte: „Musst du das immer wieder ansprechen?“
„Nur solange du so tust, als sei nichts.“
Tsaida schwieg. Leonora lehnte sich an den Fensterrahmen.
„Er hat die Schlacht verloren. Seine Stellung in Sewamund ist dahin. Du solltest dich glücklich schätzen, dass er dir nicht noch mehr Schwierigkeiten bereitet hat.“
„Er hat mir genügend bereitet.“
„Vergiss ihn.“
Tsaida lachte bitter: „Das klingt so einfach.“
„Ich stelle es mir nicht einfach vor, aber notwendig.“
Sie blickten auf die Waatstraße hinunter. Einige Kinder spielten zwischen den noch immer aufgeschichteten Trümmern. Zwei Handwerker schoben einen Karren voller beschädigter Balken vorbei.
Tsaida sagte leise: „Er war früher anders, er war nicht immer so.“
Leonora schüttelte den Kopf: „Menschen ändern sich.“
„Ich weiß.“
„Und manche Menschen zeigen irgendwann nur deutlicher, was sie schon immer waren.“
Tsaida wandte sich ihr zu: „Du hast ihn nie gemocht.“
„Ich habe mit ihm verhandelt. Das ist etwas anderes.“
„Und du hast ihn bei der Steuerfrage unterstützt.“
Leonora lächelte dünn: „Ich habe die Interessen des Herzogtums vertreten.“
Tsaida betrachtete sie: „Du wärst gerne Stadtvogta geblieben.“
„Natürlich. Sewamund ist eine gute Stadt.“
„Tu bitte nicht so, als hätte allein ich ihn falsch eingeschätzt.“
Leonora schwieg. Es war eine seltene Erfahrung, dass ihr die Worte fehlten. Schließlich sagte sie: „Ja, wir haben ihn beide unterschätzt.“
Tsaida sah wieder hinaus: „Ja, so ist es.“
Leonora trat näher: „Aber aus unterschiedlichen Gründen.“
Tsaida schloss die Augen: „Leonora.“
„Ich sag ja nur.“
„Du machst nichts einfach nur so.“
„Du solltest dich künftig bedeckter verhalten.“
Tsaida lachte widerwillig: „Du bist unerträglich.“
„Das sagt man mir nach.“
Sie standen einen Augenblick schweigend nebeneinander, dann legte Leonora ihrer Schwester eine Hand auf den Arm.
„Ich werde dich an nichts hindern.“
Tsaida blickte auf: „Nein?“
„Nein.“
„Das überrascht mich.“
Leonora lächelte: „Ich werde nur darauf aufpassen, was du unterschreibst.“
XIII. Der Beschluss
Als die Familie sich am nächsten Vormittag wieder versammelte, hatte Tsaida entschieden. Die Beratung verlief ruhiger. Leonora hatte die rechtlichen Möglichkeiten geprüft. Alverano hatte sich mit Leomar über die Lage in Garlan verständigt. Amendor hatte eine vorläufige Zusammenstellung der wirtschaftlichen Schäden erstellt. Tsaida wartete, bis alle Platz genommen hatten.
„Ich schlage vor, dass wir Alverano als neuen Erbvogt von Garlan benennen.“
Alverano hob den Kopf: „Jetzt also doch.“
„Ja.“
Leonora nahm die Feder zur Hand: „Unter welchen Bedingungen?“
Tsaida betrachtete sie: „Zunächst müssen wir Hesindianes Ansprüche berücksichtigen. Sie soll Gelegenheit erhalten, sich zu äußern.“
„Selbstverständlich.“
„Außerdem soll Alverano einen Assistenten in der Verwaltung erhalten.“
Alverano verzog das Gesicht: „Das klingt nach einem Aufpasser.“
„Es ist ein Aufpasser“, sagte Leonora.
Er lachte.
Tsaida fuhr fort: „Die finanzielle Verwaltung der Vogtei wird in den ersten Jahren regelmäßig überprüft. Außerdem erwarten wir, dass Alverano enger mit der Familie in Sewamund zusammenarbeitet, als es Rondriane tat, von der man nur alle Jubeljahre etwas hörte.“
„Du weißt, dass das seinen Grund hatte. Ich jedenfalls habe kein Problem damit, dass ich ständig aus dem spannenden Windhagrandgebiet ins öde Sewamund reisen muss.“
„Vermutlich.“
„Ich sollte mir ein bequemes Pferd halten.“
Leonora lächelte: „Und einen zuverlässigen Schreiber.“
Leomar nickte: „Ich halte Alverano für geeignet.“
Ingrimich betrachtete seinen Bruder: „Du wirst lernen müssen, dass Verantwortung nicht nur dann besteht, wenn jemand zusieht.“
Alverano wurde ernst: „Das weiß ich doch.“
„Dann wirst du ein guter Vogt sein.“ Tsaida lächelte.
Orban erhob sich: „Das Haus Vistelli wird Euch unterstützen, soweit es uns möglich ist.“
Rahjane nickte: „Ich hoffe, dass die Angelegenheit vom Lilienrat nicht unnötig erschwert wird.“
Alissa lächelte: „Ich werde weiterhin Stoffe aus Garlan beziehen. Wenn sie wieder hergestellt werden.“
Tsaida sah in die Runde: „Dann sind wir uns einig.“
Leonora hob die Feder: „Nicht ganz.“ Alle blickten sie an. „Wir schlagen Alverano vor, aber die Bestätigung steht noch aus. Ebenso die Prüfung der Ansprüche Hesindianes.“
Tsaida nickte: „Das wird so festgehalten.“
Leonora begann zu schreiben. Der Beschluss war damit gefasst. Die Familie Tribêc hatte ihren Kandidaten gefunden.
XIV. Die Interessen der Vistelli
Am Nachmittag verabschiedeten sich die Vistellis, Orban und Rahjane kehrten in den Palazzo auf der anderen Straßenseite zurück. Alissa blieb noch eine Weile, um mit der Köchin über die gelieferten Tücher zu sprechen. Auf dem Weg über die Waatstraße legte Rahjane ihrem Gatten eine Hand auf den Arm.
„Was hältst du davon?“
Orban betrachtete den gegenüberliegenden Palazzo: „Alverano ist ein ungewöhnlicher Kandidat.“
„Aber kein schlechter.“
„Vielleicht nicht.“
Sie gingen schweigend weiter.
„Meine Mutter vertraut ihm“, sagte Rahjane.
„Das tut sie.“
„Und Leonora?“
Orban lächelte schwach: „Die vertraut niemandem.“
Rahjane lachte: „Das ist ungerecht.“
„Vielleicht.“
Am Palazzo Vistelli blieben sie stehen. Die Schäden der Sturmflut waren weitgehend beseitigt.
„Wir sollten Alverano tatsächlich helfen.“
Rahjane nickte: „Das denke ich auch.“
„Aber nicht um jeden Preis.“
Sie sah ihn an: „Was meinst du?“
„Ihr Tribêcs seid meine Verwandten. Das bedeutet nicht, dass wir, du und ich, unsere Interessen vergessen dürfen.“
Rahjane schwieg einen Augenblick: „Das hätte Gerodan ebenso gesagt.“
Orban verzog das Gesicht: „Ich sollte meine Worte sorgfältiger wählen.“
Sie lächelte. Ihr Verhältnis war mit den Jahren enger geworden. Sie betrachtete ihn: „Ich möchte nicht, dass unsere Familien sich wegen Garlan streiten.“
„Das möchte ich auch nicht.“
„Dann sollten wir darauf achten, dass es nicht geschieht.“
Orban nickte: „Vielleicht sollten wir mit Alverano sprechen, bevor Leonora ihm sämtliche Einkünfte der Vogtei weg besteuert.“
Rahjane lachte: „Das wäre wohl vernünftig.“
XV. Ein neuer Vogt
Am Abend saß Alverano allein in einem Raum des Palazzo Tribêc. Vor ihm lagen mehrere Schriftstücke. Die Urkunde über die Erbvogtei, eine Karte Garlans, einige Abrechnungen und eine Liste möglicher Verwalter. Er betrachtete die Unterlagen mit einem Ausdruck, der zwischen Interesse und leichter Verzweiflung schwankte.
Die Tür öffnete sich und Leonora trat ein: „Du arbeitest.“
Er blickte auf: „Kommt vor.“
Sie setzte sich ihm gegenüber: „Ich habe etwas für dich.“ Sie legte ein kleines Buch auf den Tisch.
„Was ist das?“
„Eine Einführung in die Verwaltung kleinerer Herrschaften.“
Alverano betrachtete den Einband: „Du willst mich beleidigen.“
„Ich will verhindern, dass du dich lächerlich machst.“
Er schlug das Buch auf: „Es sieht langweilig aus.“
„Das ist es.“
„Und ich soll es lesen?“
„Ja.“
Er seufzte: „Ich hätte doch eine schöne, wohlhabende Witwe heiraten sollen.“
Leonora lächelte: „Dazu hättest du dich für eine entscheiden müssen.“
„Ein schwieriges Unterfangen.“
Sie betrachtete ihn eine Weile, dann wurde sie ernst: „Alverano, ich halte dich tatsächlich für geeignet.“
Er sah auf: „Das kommt überraschend.“
„Du bist nicht dumm. Du besitzt Erfahrung und kannst Menschen für dich gewinnen. Das ist mehr, als man von anderen behaupten kann.“
„Du schmeichelst mir.“
„Aber du musst lernen, dich auf andere zu verlassen, ohne ihnen die Verantwortung vollständig zu überlassen.“
Er nickte langsam: „Ich werde es versuchen.“
Leonora erhob sich: „Da ist noch etwas.“
„Ja?“
„Halte dich von den Frauen deiner künftigen Untergebenen fern.“
Alverano grinste: „Ich werde es mir überlegen.“
„Das genügt mir nicht.“
„Dann solltest du vielleicht selbst Vogta werden.“
Sie schüttelte den Kopf: „Einmal im Leben genügt.“
Als sie gegangen war, betrachtete Alverano das Buch und schlug nach einer Weile des Zögerns die erste Seite auf. Er las einige Zeilen und griff nach seinem Weinbecher.
„Bei den Zwölfen“, murmelte er. „Rondriane, worauf hast du dich da eingelassen?“
Aus dem benachbarten Zimmer ertönte ein schriller Ruf: „Mehr Wein!“
Alverano lachte. „Da hat wenigstens einer vernünftige Vorstellungen von Verwaltung.“
XVI. Ein Brief nach Garlan
Tsaida saß noch lange an ihrem Schreibtisch. Vor ihr lag die vorbereitete Erklärung der Familie. Darin wurde Alverano Tribêc als Kandidat für das Amt des Erbvogtes von Garlan benannt. Die Familie erklärte, sie halte an ihrem erblichen Recht auf die Vogtei fest und beantrage die Bestätigung durch die zuständigen Stellen. Tsaida betrachtete das Dokument. Es war eine vernünftige Entscheidung, vielleicht sogar die beste, die sie unter den gegebenen Umständen treffen konnte.
Sie dachte an Rondriane, an die Jahre, die ihre Cousine in Garlan verbracht hatte. An die Briefe, in denen sie von Schwierigkeiten mit Bauern, Händlern, Raubrittern und den benachbarten Herren des Windhags berichtet hatte. Rondriane hatte nie besonders viel Aufhebens um ihre Pflicht gemacht. Vielleicht war das der Grund, weshalb die Familie ihre Arbeit so lange für selbstverständlich gehalten hatte. Tsaida nahm die Feder und setzte ihre Unterschrift unter die Erklärung. Dann ließ sie das Siegelwachs erhitzen.
Als das Wappen der Tribêc im Wachs erstarrt war, betrachtete sie es eine Weile. Die Verantwortung ging weiter, von einer Generation zur nächsten, von einem Familienmitglied zum anderen. Manchmal ging sie auf Menschen über, die nie damit gerechnet hatten.
Sie legte das Schreiben beiseite und öffnete eine Schublade. Darin lag ein älterer Brief. Sie nahm ihn heraus. Die Handschrift war ihr vertraut: „Meine liebe Tsaida ...“ Sie lächelte unwillkürlich. Irion. Sie hatte seit dem Götterurteil keine Nachricht mehr von ihm erhalten. Es war besser so. Sie faltete den Brief wieder zusammen. Es war töricht, sich ausgerechnet jetzt mit ihm zu beschäftigen, aber sie konnte nicht verhindern, dass sie sich fragte, was er wohl zu der Entscheidung sagen würde. Alverano als Erbvogt von Garlan, Rondrianes Bruder. Tsaida betrachtete den Brief ein letztes Mal, legte ihn zurück und schloss die Schublade.
XVII. Der Anfang einer neuen Geschichte
Am folgenden Morgen verließ die Post den Palazzo. Deriago beaufsichtigte die Vorbereitungen für die Abreise der Boten. Die Köchin hatte ihnen Brot und Käse für unterwegs zusammenstellen lassen. Alverano ließ sich die Namen der Leute nennen, die ihn nach Garlan begleiten sollten. Leonora bereitete ihre Rückreise vor. Sie hatte erreicht, was sie erreichen wollte, die Familie hatte einen Kandidaten bestimmt, ihre Ansprüche gesichert und eine Grundlage für die bevorstehenden Verhandlungen geschaffen. Überdies verfügte sie nun über einige interessante Hinweise zu den Verhältnissen in Garlan. Die Aufzeichnungen aus dem Stoffballen lagen sorgfältig verwahrt in ihrer Reisetasche. Sie würde sich ihrer annehmen, zu gegebener Zeit.
Alissa Vistelli hatte unterdessen damit begonnen, die Herkunft der betreffenden Stoffe zu überprüfen. Ihre Schneiderinnen durchsuchten die alten Lieferbücher, während Larissa Caliocca noch vorhandene Warenbestände mit den Angaben verglich. Vielleicht würde sich daraus nichts ergeben. Vielleicht aber doch.
Rahjane hatte ihrer Mutter versprochen, die Angelegenheit im Auge zu behalten. Orban bereitete ein Schreiben vor, in dem seine Unterstützung formuliert stand.
Und Alverano? Der zukünftige Erbvogt stand im Innenhof und betrachtete sein Pferd. Er hatte eine neue Aufgabe übernommen. Eine kleine Vogtei im Windhag, einige hundert Bauernfamilien, ein paar Dörfer, Mühlen, Steinbrüche, Flachsfelder und mehr Schwierigkeiten, als er an den Fingern beider Hände abzählen konnte. Dazu die Verpflichtung, das Andenken seiner Schwester zu ehren. Er wusste nicht, ob er dafür geschaffen war, aber er hatte beschlossen, es herauszufinden.
Als er aufstieg, trat Tsaida aus dem Haupthaus: „Alverano!“
Er wandte sich um: „Ja?“
„Vergiss nicht, dass wir dich brauchen.“
Er lächelte: „Das werde ich nicht.“
„Mach keine Dummheiten.“
„Ich werde mich bemühen.“
Sie schüttelte den Kopf: „Das ist nicht sehr beruhigend.“
„Mehr kann ich nicht versprechen.“
Er verneigte sich im Sattel und gab dem Pferd die Sporen. Tsaida sah ihm nach, bis er verschwunden war. Deriago trat neben sie: „Soll ich die übrigen Briefe versenden lassen, Herrin?“
„Ja.“
„Auch den an die herzogliche Kanzlei?“
„Vor allem den.“
Deriago verneigte sich.
Aus dem Obergeschoss ertönte die Stimme des Papageis: „Mehr Wein!“
Tsaida lachte. Zum ersten Mal seit vielen Tagen tat sie es aus vollem Herzen.
Dann wandte sie sich wieder ihren Aufgaben zu. Die Sturmflut hatte Sewamund verwüstet. Die Schlacht am Norderkoog hatte die politische Ordnung verändert. Rondrianes Tod hatte eine Lücke hinterlassen, die niemand vollständig schließen konnte. Aber die Familie Tribêc hatte ihren Entschluss gefasst. Garlan sollte nicht verloren gehen.
Alverano Tribêc würde versuchen, sich eines Amtes würdig zu erweisen, das seine Schwester bis zu ihrem Tod mit Mut und Pflichtbewusstsein geführt hatte. Dass die Schwierigkeiten jetzt erst begannen, ahnte niemand. Oder jedenfalls niemand, der es laut ausgesprochen hätte. Denn die Vogtei Garlan war klein, aber ihre Geheimnisse waren es möglicherweise nicht. In Sewamund wusste man seit Langem, dass die Angelegenheiten der Familie Tribêc selten so endeten, wie sie begonnen hatten.