Briefspiel:Herr auf Probe

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Briefspiel in Sewamund
Datiert auf: ab Ende 1045 BF Schauplatz: vor allem Stadt und Baronie Sewamund, darüber hinaus Phecadien und benachbarte Landstriche Entstehungszeitraum: ab Frühjahr 2023
Protagonisten: alle Sewamunder Familien, sowie diverse externe Machtgruppen Autoren/Beteiligte: Amarinto, Tribec, DiPiastinza, Luntfeld, Carenio, Marakain, Kacheleen, Vesselbek, Cortesinio, OrsinoCarson, Horasio, VivionaYaPirras, Gerberstädter, Gishtan re Kust, Galebquell = Illumnesto, Beo, Atagon
Zyklus: Übersicht · Präludium - 1045 BF · Der Eklat - Praios 1046 BF · Der Selziner Schwur - Rondra 1046 BF · Interludium - Efferd 1046 BF · Der Tag der Treue - 1. bis 15. Travia 1046 BF · Ein Sturm zieht auf - 16. bis 30. Travia 1046 BF

Ausgespielte Geschichten: Ruf nach Phecadien · Die Sewamunder Delegation in Shenilo · Quod est Demonstrandum · Sturm auf Amardûn · Reise in die Vergangenheit · I · II · III · IV · V· VI· VII · In den Kerkern von Amardûn · Das Treffen der Verschwörer · Ein Gespräch zur Rosenstunde · Sewamunder Delegation bei Irion von Streitebeck · Trauerfeier für Leonardo Cortesinio · Treffen bei Tovac · Reise ins Unbekannte · I · II · III · Packratten aus der Ponterra · I · II · III · IV · Gefährliche Worte · I · II · III · Efferds Zorn · Einmalige Gelegenheiten · Der Herzog des Westens · Die Würfel sind gefallen · Besprechung zum Götterurteil · I · II · Im Auge des Sturms · Am Scheideweg · Der letzte Tag · Nächtliche Besprechungen · Der Drache erwacht - das Götterurteil am Norderkoog · Der Drache erwacht - der Kampf um Sewamund · Der Drache erwacht - die Befreiung von Amardûn · Das Gold der Distel · Das Erbe von Garlan · Herr auf Probe



Ende Boron 1046 BF, Garlan

Autor: Tribec

Zusammenfassung: Alverano Tribêc reist nach der Entscheidung des Familienrates nach Garlan. Als Bruder der verstorbenen Erbvögtin Rondriane soll er die Verhältnisse vor Ort untersuchen, die Interessen seiner Familie wahrnehmen und die Übernahme des Amtes vorbereiten. Seine förmliche Bestätigung steht noch aus. Er lernt die Verhältnisse der Vogtei am Oberlauf der Kryde kennen und die Ereignisse der Besetzung durch Zûna da' Drûnabal.

I. Auf dem Weg nach Garlan

Der Regen hatte in der Nacht aufgehört. Über den Feldern lag Nebel, der sich nur langsam hob und den Blick auf die ersten Ausläufer der Windhagberge freigab. Die Straße war aufgeweicht, und an mehreren Stellen hatten Fuhrwerke tiefe Furchen hinterlassen, in denen sich braunes Wasser sammelte.
Alverano Tribêc betrachtete seine Stiefel. Sie waren neu gewesen, als er Sewamund verlassen hatte. Inzwischen hatte der Schlamm die feinen Nähte beinahe vollständig bedeckt.
„Ich hätte die anderen nehmen sollen“, bemerkte er.
Der Reiter neben ihm warf einen Blick auf das kostspielige Leder. „Die anderen sind auch nicht für solche Wege gemacht, Herr.“
„Dann hätte ich dritte nehmen sollen.“
„Ihr habt keine dritten.“
Alverano betrachtete den Mann: „Brunio, Ihr seid ein bemerkenswert unerfreulicher Reisegefährte.“
Brunio Ferenz, ein breitschultriger Mann mit grauem Bart und einem Gesicht, das wenig Freude an gesellschaftlichen Feinheiten erkennen ließ, zuckte mit den Schultern: „Ihr habt mich selbst ausgewählt.“
„Das stimmt. Ich hatte auf Eure Erfahrung gehofft.“
„Die besagt, dass man auf Reisen gute Stiefel braucht.“
Alverano seufzte. Brunio hatte mehrere Jahre unter ihm gedient. Er besaß keinen besonderen Sinn für höfische Konversation, konnte aber einen Marsch organisieren, ein Lager sichern und feststellen, wann ein Pferd eine Pause benötigte. Gerade Letzteres war eine Fähigkeit, die Alverano häufig unterschätzte. Hinter ihnen ritten zwei weitere Männer. Ein Packpferd trug Reisegepäck, Vorräte und mehrere kleine Truhen. Darin befanden sich Schriftstücke, Geschenke für die örtlichen Amtsträger und ein nicht unerheblicher Vorrat an Wein. Alverano hatte darauf bestanden. „Man weiß nie, wann man einen Menschen zu einem vernünftigen Gespräch bewegen muss“, hatte er bei den Vorbereitungen erklärt. Brunio hatte daraufhin trocken bemerkt, dass man einen Menschen mit Wein gewöhnlich eher zu einem unvernünftigen Gespräch bewege. Alverano hielt beide Möglichkeiten für nützlich.
Die Reise nach Garlan hatte ihn durch Gegenden geführt, die sich deutlich von der geschäftigen Küstenregion um Sewamund unterschieden. Die breiten Wege wurden schmaler, die Siedlungen kleiner. Statt großer Landgüter mit weitläufigen Wirtschaftsgebäuden sah man zunehmend einzelne Höfe, deren Felder von Hecken und niedrigen Erdwällen umgeben waren.
Auf den höheren Lagen erhoben sich dunkle Wälder. Gelegentlich ragten kahle Felsen aus dem Boden. An einigen Hängen waren Spuren des Steinabbaus zu erkennen.
Es war eine Landschaft, die wenig Wohlstand versprach. Alverano hatte sie lange nicht besucht. Das letzte Mal war er vor mehreren Jahren hier gewesen, als Rondriane ihn zu einer Jagd eingeladen hatte. Er erinnerte sich an das Wildbret, den kräftigen Wein und eine junge Frau, die in Hortelano bei ihrer Tante zu Besuch gewesen war. An den Namen der Frau erinnerte er sich nicht mehr. An die Jagd nur unvollständig.
Rondriane hatte ihm erklärt, er solle sich eine ernsthafte Aufgabe suchen. Alverano hatte geantwortet, dass er bereits mehrere besitze. Sie hatte daraufhin gefragt, ob diese Aufgaben zufällig alle verheiratet seien.
Er musste lächeln, aber dann verschwand das Lächeln. Rondriane war tot. Die Tatsache war ihm längst vertraut, aber bisweilen traf sie ihn noch mit einer Heftigkeit, die ihn überraschte. Nicht, weil er ihre Ermordung vergessen hätte. Sondern weil er sich daran erinnerte, dass sie nie wieder über seine Eskapaden schimpfen, ihn um Rat fragen oder sich mit ihm über eine unbedeutende Familienangelegenheit streiten würde.
Er betrachtete die Straße vor sich.
„Wie weit ist es noch?“
Brunio blickte zu den Bergen: „Wenn der Weg nicht schlechter wird, erreichen wir Garlan vor Einbruch der Dunkelheit.“
„Und wenn er schlechter wird?“
„Dann später.“
„Ich wusste, weshalb ich Euch mitgenommen habe.“
Sie ritten weiter.

II. Der erste Zoll

Gegen Mittag erreichten sie eine schmale Brücke über einen Bach, der weiter talabwärts in die Kryde mündete. Vor der Brücke stand ein hölzerner Schlagbaum, daneben hatten zwei bewaffnete Männer einen notdürftigen Unterstand errichtet. Einer saß auf einem Schemel und schnitzte an einem Stück Holz. Der andere erhob sich, als er die Reiter bemerkte.
„Halt!“
Alverano zügelte sein Pferd: „Einen schönen guten Tag.“
„Wohin des Weges?“
„Nach Garlan.“
„Dann ist Wegegeld zu entrichten.“
Alverano betrachtete den Schlagbaum. Er war neu, das Holz war hell, die Eisenbeschläge zeigten kaum Rost.
„Tatsächlich?“
„Zwei Heller pro Pferd.“
„Ein stolzer Preis für eine Brücke, die aussieht, als könnte sie jeden Augenblick zusammenbrechen.“
Der Mann verzog das Gesicht: „So lautet die Anordnung.“
„Wessen Anordnung?“
„Der Herrschaft.“
Alverano lächelte: „Das trifft sich ausgezeichnet. Ich bin gewissermaßen auf dem Weg zur Herrschaft.“
„Das ändert nichts.“
Brunio verlagerte sein Gewicht im Sattel. Alverano hob unmerklich die Hand.
„Natürlich nicht. Dürfte ich vielleicht die Anordnung sehen?“
Der Mann zögerte, zog aber ein zerknittertes Schriftstück aus seinem Wams. Alverano nahm es, das Papier war feucht, aber das Siegel am unteren Rand ließ sich erkennen. Er wurde ernst.
„Wo habt Ihr das her?“
„Vom Verwalter.“
„Welchem Verwalter?“
„Dem in Garlan.“
Alverano betrachtete das Siegel genauer, es zeigte das Wappen der Tribêc. Darunter stand der Name Rondrianes. Das Schriftstück war auf den 8. Travia 1046 BF datiert, zwei Wochen nach ihrem Tod.
„Interessant“, sagte Alverano.
Der Mann verschränkte die Arme: „Was ist daran interessant?“
„Dass meine Schwester noch aus dem Grab heraus Wegegeld erhebt.“
Die beiden Männer erstarrten. Brunio stieg ab.
„Herr“, begann er.
Alverano gab ihm das Schriftstück: „Seht Euch das an.“
Brunio las langsam, seine Stirn verfinsterte sich: „Das ist eine Fälschung.“
„Das vermute ich ebenfalls.“
Der Mann am Schlagbaum machte einen Schritt zurück: „Wir haben damit nichts zu tun! Man hat uns das Schreiben gegeben!“
„Wer?“
„Ein Mann aus Garlan.“
„Sein Name?“
„Ich weiß ihn nicht.“
Alverano betrachtete ihn einen Augenblick. Er griff in die Tasche und holte ein Silberstück hervor: „Wie heißt Ihr?“
„Jaro.“
„Gut, Jaro. Ich werde Euch jetzt etwas anbieten.“
Der Mann sah verwirrt auf das Geld.
„Ihr nehmt diesen Schlagbaum herunter und kommt morgen nach Garlan. Dort werdet Ihr mir alles erzählen, was Ihr über den Mann wisst, der Euch dieses Schreiben gegeben hat.“
„Und das Geld?“
„Damit bezahlt Ihr Eure Reise.“
„Aber ich wohne gleich hinter der Brücke.“
„Dann habt Ihr Glück.“
Jaro nahm zögernd das Silberstück: „Und wenn der Verwalter fragt, warum wir kein Wegegeld mehr erheben?“
Alverano lächelte: „Dann sagt ihm, Alverano Tribêc habe Euch darum gebeten.“
Brunio räusperte sich: „Herr, wir wissen noch nicht, ob Ihr dazu berechtigt seid.“
Alverano sah ihn an: „Dann sagt ihm, Alverano Tribêc habe Euch sehr freundlich darum gebeten.“
Der Mann am Schlagbaum nickte eilig.

Alverano ritt weiter. Nach einigen Schritten wandte er sich an Brunio: „Habt Ihr gesehen?“
„Was?“
„Meine erste Amtshandlung.“
„Ihr habt einen Mann dafür bezahlt, dass er aufhört, unrechtmäßig Geld einzunehmen.“
„Ein vielversprechender Beginn.“
„Wenn Ihr das bei jedem Betrüger so macht, Herr, wird die Familienkasse nicht lange reichen.“
Alverano lachte.
Dann blickte er auf das Schriftstück, das Brunio sorgfältig in seiner Tasche verwahrt hatte. Die Sache war weniger amüsant, als er vorgab. Jemand benutzte Rondrianes Namen. Offenbar hatte dieser Jemand Zugang zu ihrem Siegel gehabt.

Blick auf Garlan

III. Das Dorf

Garlan lag in einer Senke des Krydetals. Das Dorf bestand aus größeren und kleineren Gebäuden, die sich entlang einer unregelmäßig verlaufenden Straße und um einen kleinen Platz gruppierten. Die meisten Häuser besaßen steinerne Sockel und Fachwerkwände, deren Zwischenräume mit hellem Lehm verstrichen waren. Die Dächer waren mit Schindeln oder Stroh gedeckt. Zwischen den Gebäuden standen Holzschuppen, Ställe und kleine Scheunen. Ein Bach durchquerte den Ort. An seinem Ufer befand sich eine Mühle, deren Wasserrad stillstand. Über dem Dorf erhob sich die Burg Garlan. Sie war kein besonders eindrucksvoller Bau. Eine gedrungene Anlage aus grauem Stein, mit einem rechteckigen Wohngebäude und einem Turm. Der Zugang führte über einen ansteigenden Weg zu einem Tor. Aus der Ferne wirkte die Burg durchaus wehrhaft. Aus der Nähe erkannte man, dass an mehreren Stellen dringend Arbeiten notwendig waren.
Als Alverano und seine Begleiter das Dorf erreichten, blieben einige Menschen stehen. Eine ältere Frau unterbrach das Fegen vor ihrem Haus. Zwei Jungen stellten sich neugierig an den Straßenrand. Ein Schmied blickte aus seiner Werkstatt. Niemand jubelte, niemand verneigte sich.
Alverano hatte nicht unbedingt einen triumphalen Empfang erwartet, aber ein wenig mehr Begeisterung wäre ihm durchaus recht gewesen.
Er lächelte: „Guten Tag.“
Die ältere Frau betrachtete ihn: „Guten Tag.“
„Ich suche den Verwalter der Burg.“
„Dann müsst Ihr hinauf.“ Sie zeigte mit dem Besen auf die Anhöhe.
„Vielen Dank.“
„Seid Ihr einer von den Neuen?“
Alverano stutzte: „Welchen Neuen?“
„Die kommen ständig. Erst die aus Drôl, dann die anderen. Jetzt wieder welche aus Sewamund.“
Er betrachtete sie aufmerksam: „Mein Name ist Alverano Tribêc.“
Die Frau hielt inne: „Tribêc?“
„Ja.“
Sie musterte ihn von oben bis unten: „Dann seid Ihr wohl mit unserer Vogta verwandt.“
„Sie war meine Schwester.“
Die Frau senkte den Besen. Ihr Gesicht veränderte sich: „Ach.“
Mehr sagte sie zunächst nicht. Sie blickte auf die Burg: „Eine gute Frau.“
Alverano nickte: „Das war sie.“
Die Frau betrachtete ihn erneut: „Ihr seht ihr nicht besonders ähnlich.“
„Das hat man mir schon öfter gesagt.“
„Sie war größer.“
„Auch das.“
„Ernster.“
„Leider ebenfalls.“
Die Frau schüttelte den Kopf: „Hoffentlich habt Ihr wenigstens etwas von ihrem Verstand geerbt.“
Alverano musste lachen: „Ich werde mich bemühen, ihn zu finden.“
Sie erwiderte sein Lächeln nicht: „Das wäre gut.“
Dann begann sie wieder zu fegen.
Brunio ritt neben Alverano: „Ein herzlicher Empfang, Herr.“
„Ich fühle mich schon wie zu Hause.“
Sie setzten ihren Weg fort.

IV. Burg Garlan

Das Tor stand offen. Auf dem Vorhof befanden sich Männer, die Holz stapelten und einen beschädigten Wagen reparierten. Ein Schmiedegeselle arbeitete an einem Hufeisen. Aus einem Nebengebäude drang Rauch. Als die Reiter eintrafen, erschien ein älterer Mann in einem braunen Rock. Er hatte schütteres graues Haar, eine auffallend große Nase und trug einen schweren Schlüsselbund am Gürtel.
„Wer seid Ihr?“
Alverano stieg ab: „Alverano Relion Tribêc.“
Der Mann erstarrte: „Der Bruder der Herrin?“
„So ist es.“
„Bei den Zwölfen.“ Er verneigte sich hastig: „Valdo Erken, Herr. Schreiber der Vogtei.“
Alverano betrachtete ihn: „Man hat mir von Euch erzählt.“
Valdo wirkte unsicher: „Hoffentlich nur Gutes.“
„Das werden wir sehen.“ Er blickte über den Hof: „Wo ist der Verwalter?“
Valdo zögerte: „Es gibt keinen, Herr.“
„Keinen?“
„Seit dem Tod der Herrin hat niemand das Amt übernommen. Die Söldner haben zwar Befehle gegeben, aber sie haben keinen dauerhaften Verwalter eingesetzt.“
„Und wer führt die Bücher?“
Valdo senkte den Blick: „Ich.“
„Wer erhebt die Abgaben?“
„Ich.“
„Wer spricht Recht?“
„Niemand, Herr.“
Alverano blickte ihn an: „Das ist ungewöhnlich.“
Valdo nickte: „Es ist vieles ungewöhnlich geworden.“
Er führte die Gäste in das Burggebäude. Die Räume waren einfach eingerichtet. Der Boden bestand aus breiten Holzdielen, die Wände waren teilweise mit dunklen Tüchern verhängt. In der Halle stand ein schwerer Tisch, dessen Oberfläche von Messerkerben und Brandflecken übersät war. An der Wand hing ein altes Wappen der Tribêc, darunter befand sich ein leerer Haken. Alverano blieb stehen.
„Was hing dort?“
Valdo folgte seinem Blick: „Das Schwert der Herrin.“
„Wo ist es?“
Der Schreiber schluckte: „Die Söldner haben es mitgenommen.“
Alverano schwieg: „Und ihre Rüstung?“
„Ebenfalls.“
„Ihre persönlichen Sachen?“
„Ein Teil ist noch da.“
Valdo führte ihn in ein kleineres Zimmer. Es war Rondrianes Arbeitszimmer. An den Wänden standen Regale mit Büchern, Urkunden und Rechnungsbänden. Ein Schreibtisch nahm den größten Teil des Raumes ein, daneben befand sich ein Lehnstuhl. Auf der Fensterbank stand ein Topf mit einer vertrockneten Pflanze. Alverano betrachtete den Raum. Er erinnerte sich an seine Schwester. Sie hatte hier gesessen, Briefe geschrieben und sich über Grenzstreitigkeiten geärgert. Wahrscheinlich hatte sie in diesem Raum mehr Stunden verbracht als in allen Sälen des Palazzos Tribêc zusammen. Er ging zum Schreibtisch. Darauf lag ein angefangener Brief. Die Tinte war an einigen Stellen verblasst. Alverano erkannte Rondrianes Handschrift. Er setzte sich und betrachtete lange das Blatt.
„Valdo.“ Er blickte auf.
„Ja, Herr?“
„Ich möchte alle Unterlagen sehen.“
Der Schreiber wurde blass: „Alle?“
„Ja.“
„Das wird dauern.“
Alverano lächelte: „Ich habe vor, eine Weile zu bleiben.“

V. Eine Dame von bemerkenswerter Entschlossenheit

Am folgenden Morgen wurde Alverano von lautem Streit geweckt. Er hatte in Rondrianes ehemaligen Gemächern geschlafen, die man notdürftig für ihn hergerichtet hatte. Das Bett war schmal, die Matratze unbequem und der Kamin hatte während der Nacht mehr Rauch als Wärme erzeugt. Er hatte schon schlechter geschlafen, allerdings nicht oft.
Vor der Tür hörte er eine Frauenstimme: „Dann soll er eben aufstehen!“
Eine männliche Stimme erwiderte etwas Unverständliches.
„Es ist mir vollkommen gleichgültig, ob er noch schläft!“
Alverano setzte sich auf, die Tür wurde geöffnet, Brunio trat ein.
„Herr, eine Frau möchte Euch sprechen.“
Alverano lächelte verschlafen: „Wie erfreulich.“
„Sie ist wütend.“
„Das kommt vor.“
„Auf Euch.“
„Das kommt häufiger vor.“
Brunio betrachtete ihn ausdruckslos: „Sie sagt, sie werde notfalls die Tür eintreten.“
Alverano schwang die Beine aus dem Bett: „Dann sollten wir sie nicht warten lassen.“
Eine Viertelstunde später betrat er die Halle. Die Frau, die dort wartete, war vielleicht Mitte dreißig. Sie hatte dunkelblondes Haar, das sie zu einem festen Knoten gebunden hatte, und ein schmales, auffallend lebendiges Gesicht. Ihre grauen Augen blickten ihn ohne jede Scheu an. Sie trug ein schlichtes braunes Kleid aus gutem Tuch und darüber einen dunkelgrünen Mantel. Ihre Hände waren nicht die einer Dame, die ihre Zeit ausschließlich mit Stickerei verbrachte.
Alverano blieb stehen: „Guten Morgen.“
Die Frau musterte ihn: „Seid Ihr Alverano Tribêc?“
„Zu Euren Diensten.“
„Dann möchte ich wissen, wann Ihr endlich etwas unternehmt.“
Alverano lächelte: „Ich fürchte, Ihr müsst mir zunächst erklären, was ich unternehmen soll.“
„Dafür sorgen, dass die Mühle wieder arbeitet.“
„Die Mühle?“
„Ja.“
„Welche Mühle?“
Sie starrte ihn an: „Die einzige im Dorf.“
Alverano betrachtete sie aufmerksam: „Ihr müsst mir verzeihen. Ich bin erst gestern angekommen.“
„Das weiß ich.“
„Und Ihr seid?“
„Mara Velden.“
Sie wartete offenbar darauf, dass er den Namen kannte. Alverano tat ihr den Gefallen nicht.
„Eine Freude, Euch kennenzulernen.“
Mara verzog den Mund: „Das wird sich zeigen.“
Sie erklärte ihm, dass ihr verstorbener Mann die Mühle am Dorfbach betrieben habe. Nach seinem Tod hatte sie die Geschäfte übernommen. Während der Besetzung Garlans waren mehrere Soldaten erschienen und hatten das Vorratslager beschlagnahmt. Außerdem hatten sie Teile des Mühlwerks beschädigt.
„Und jetzt?“, fragte Alverano.
„Jetzt kann ich nicht mahlen.“
„Weil das Mühlwerk beschädigt ist.“
„Weil mir jemand verboten hat, es reparieren zu lassen.“
Alverano hob die Augenbrauen: „Wer?“
„Der Verwalter.“
„Wir haben keinen Verwalter.“
„Dann hat der Mann, der gestern behauptet hat, im Namen der Herrschaft zu handeln, offenbar gelogen.“
Alverano wurde ernst: „Beschreibt ihn.“
Mara verschränkte die Arme: „Mittelgroß. Dunkler Bart. Eine Narbe an der linken Wange.“
Brunio blickte auf: „Den kenne ich.“
Alverano wandte sich ihm zu: „Wer ist es?“
„Einer der Männer, die mit den Raubrittern gezogen sind. Ich habe ihn vor einigen Jahren in Streitebeck gesehen.“
Mara nickte: „Er nennt sich Corvin.“
Alverano betrachtete sie: „Und was möchte Corvin von Euch?“
Sie zögerte: „Geld.“
„Wie viel?“
Sie nannte einen Betrag.
Alverano pfiff leise: „Das ist viel für eine Mühle.“
„Für eine Mühle, die nicht arbeitet, ist es noch mehr.“
Alverano lächelte: „Das ist ein überzeugendes Argument.“
Mara betrachtete ihn weiterhin misstrauisch: „Und?“
„Und was?“
„Was gedenkt Ihr zu tun?“
Alverano trat näher: „Zunächst möchte ich Eure Mühle sehen.“
„Jetzt?“
„Warum nicht?“
Mara musterte seine Kleidung. Er trug einen dunkelroten Wams mit feinen schwarzen Verzierungen. Die Stiefel waren frisch geputzt, und an seinem Gürtel hing ein reich verziertes Schwert.
„Ihr werdet schmutzig.“
Alverano lächelte: „Das ist mir gestern bereits gelungen.“
Zum ersten Mal erschien ein schwaches Lächeln auf ihrem Gesicht: „Dann kommt.“

VI. Die Mühle

Die Mühle lag am südlichen Rand des Dorfes, wo der Bach zwischen zwei niedrigen Ufern verlief. Das Gebäude war alt, aber gepflegt. Ein Teil des Fachwerks war vor wenigen Jahren erneuert worden. Neben der Tür stapelten sich Säcke mit Getreide, und unter einem Vordach lagen Balken und Werkzeuge. Das Wasserrad stand still. Mara führte Alverano in das Innere. Dort roch es nach feuchtem Holz, Getreide und altem Mehl.
„Hier.“ Sie zeigte auf ein beschädigtes Zahnrad. Mehrere Zähne waren herausgebrochen.
Alverano betrachtete den Schaden: „Das sieht teuer aus.“
„Ist es auch.“
„Kann man es reparieren?“
„Natürlich.“
„Warum tut Ihr es dann nicht?“
Mara drehte sich zu ihm um: „Weil Corvin behauptet, die Mühle gehöre jetzt ihm.“
Alverano blickte sie an: „Das ist eine bemerkenswerte Behauptung.“
„Er hat ein Schreiben.“
„Mit einem Siegel?“
„Ja.“
Alverano seufzte: „Ich beginne, diese Siegel zu verabscheuen.“
Mara betrachtete ihn: „Ihr habt offenbar schon Bekanntschaft damit gemacht.“
„An einer Brücke.“
Sie lachte kurz: „Dann habt Ihr Jaro getroffen.“
„Den Wegelagerer?“
„Den Dummkopf.“
„Das eine schließt das andere nicht aus.“
Mara musste lachen. Alverano betrachtete sie mit wachsendem Interesse. Sie war keine Frau, die sich durch höfische Komplimente leicht beeindrucken ließ. Aber sie besaß eine natürliche Lebhaftigkeit, die ihm gefiel.
Er nahm einen der beschädigten Holzzähne in die Hand: „Was würde die Reparatur kosten?“
Mara nannte eine Summe.
Alverano verzog das Gesicht: „Ihr seid eine kostspielige Bekanntschaft.“
„Das behauptete mein verstorbener Mann auch.“
„War er glücklich mit Euch?“
Sie sah ihn an: „Meistens.“
Alverano lächelte: „Dann war er ein vernünftiger Mann.“
Mara musterte ihn einen Augenblick: „Ihr seid tatsächlich so, wie man erzählt.“
„Ich hoffe, man erzählt nur Gutes.“
„Keineswegs.“
„Wie bedauerlich.“
Sie trat näher, nahm ihm das Holzstück aus der Hand und legte es auf den Tisch: „Man sagt, Ihr könntet einer Frau die Sterne vom Himmel versprechen.“
„Das wäre schwierig. Sie sind ziemlich weit entfernt.“
„Und dass Ihr anschließend verschwinden würdet, bevor sie bemerkt, dass Ihr gelogen habt.“
Alverano lachte: „Das ist eine ausgesprochen ungerechte Darstellung.“
„Ist es das?“
Er betrachtete sie: „Gelegentlich bleibe ich sogar bis zum Frühstück.“
Mara schüttelte lachend den Kopf, dann wurde sie wieder ernst.
„Ich brauche kein Frühstück mit Euch. Ich brauche eine funktionierende Mühle.“
Alverano nickte: „Dann kümmern wir uns darum.“

VII. Die erste Rechnung

Zurück auf der Burg ließ Alverano Valdo rufen. Der Schreiber erschien mit mehreren Rechnungsbüchern.
„Ich möchte wissen, wem die Mühle gehört“, sagte Alverano.
Valdo blätterte eilig: „Der Familie Velden. Seit drei Generationen.“
„Und wer erhebt die Abgaben?“
„Die Vogtei.“
„Wie hoch sind sie?“
Valdo nannte die Summe. Alverano verglich sie mit dem Betrag, den Mara genannt hatte.
„Corvin verlangt mehr als das Vierfache.“
Valdo nickte: „Das ist mir bekannt.“
Alverano blickte auf: „Es ist Euch bekannt?“
Der Schreiber senkte den Kopf: „Ja.“
„Warum habt Ihr nichts unternommen?“
Valdo schwieg. Alverano betrachtete ihn: „Meister Valdo, ich habe den Eindruck, dass Ihr mir etwas verschweigt.“
Der alte Mann presste die Lippen zusammen: „Es ist nicht so einfach, Herr.“
„Dann erklärt es mir.“
Valdo setzte sich schwerfällig: „Als die Söldner kamen, haben sie die Burg besetzt. Sie haben die Schlüssel verlangt, die Vorratskammern geöffnet und die Unterlagen durchsucht.“
„Und Ihr habt ihnen geholfen.“
„Ich hatte keine Wahl.“
„Das sagen viele Menschen.“
Valdo hob den Kopf: „Sie hatten meinen Sohn.“
Alverano schwieg.
„Er war bei der Miliz. Sie haben ihn gefangen genommen.“
„Was ist mit ihm geschehen?“
„Sie haben ihn wieder freigelassen.“
„Wann?“
„Nachdem ich ihnen gegeben hatte, was sie wollten.“
Alverano betrachtete den alten Mann: „Was wollten sie?“
Valdo blickte auf seine Hände: „Die Siegel. Die Abgabenlisten. Die Namen derjenigen, die Rondriane unterstützt haben.“
Es entstand ein langes Schweigen. Schließlich fragte Alverano: „Wer hat Euch den Befehl gegeben?“
„Ein Offizier der Drôler.“
„Sein Name?“
Valdo schüttelte den Kopf: „Ich weiß ihn nicht.“
Alverano stand auf, ging zum Fenster und betrachtete den Burghof. Unten führte Brunio gerade die Pferde zur Tränke. Zwei Knechte trugen Holz in das Wirtschaftsgebäude. Es war ein friedlicher Anblick, aber Alverano wusste nun, dass dieser Frieden auf sehr unsicheren Grundlagen beruhte.
Er wandte sich um: „Meister Valdo.“
„Ja, Herr?“
„Ihr werdet mir sämtliche Schriftstücke zeigen, die während der Besetzung ausgestellt wurden.“
Valdo wurde blass: „Sämtliche?“
„Ja.“
„Das sind viele.“
„Dann beginnen wir am besten sofort.“
Er setzte sich wieder: „Noch etwas.“
„Ja?“
„Ich möchte wissen, wo Eure Siegel heute sind.“
Valdo zögerte: „Das große Siegel ist verschwunden.“
Alverano nickte langsam: „Das dachte ich mir.“

VIII. Die Leute von Garlan

In den folgenden Tagen entwickelte Alverano eine Beschäftigung, die er zuvor stets für ausgesprochen langweilig gehalten hatte. Er hörte Beschwerden an. Zunächst hatte er gehofft, die Angelegenheit in zwei oder drei Stunden erledigen zu können. Doch bereits am ersten Vormittag warteten mehr als zwanzig Menschen vor der Halle. Ein Bauer beschwerte sich über einen Nachbarn, der während der Besetzung mehrere Schafe auf seine Weide getrieben hatte. Eine Witwe berichtete, dass Soldaten ihr letztes Schwein mitgenommen hätten. Ein Holzfäller verlangte Ersatz für eine zerbrochene Axt. Zwei Brüder stritten darüber, wem ein Stück Wald gehörte. Alverano hörte zu. Er versuchte, geduldig zu bleiben. Es gelang ihm nicht immer.
„Also“, sagte er schließlich zu den beiden Brüdern, „Ihr behauptet, der Wald gehöre Euch.“
„Ja, Herr.“
„Und Ihr behauptet, er gehöre Euch.“
„Ja, Herr.“
„Dann haben wir ein Problem.“
Die Männer nickten.
„Habt Ihr eine Urkunde?“
Beide schüttelten den Kopf.
„Einen Vertrag?“
Wieder Kopfschütteln.
„Zeugen?“
„Unser Vater.“
„Wo ist Euer Vater?“
„Tot.“
Alverano seufzte: „Natürlich.“
Brunio stand an der Tür und bemühte sich, nicht zu lachen.
Nach einer Weile sagte Alverano: „Dann werden wir den Grenzstein untersuchen.“
Die Brüder blickten einander an: „Welchen Grenzstein?“
Alverano schloss kurz die Augen.

Am Abend war er erschöpfter als nach manchen Schlachten. Er saß in Rondrianes Arbeitszimmer und betrachtete einen Stapel Beschwerden. Valdo stand neben ihm.
„Eure Schwester hat solche Dinge jeden Tag erledigt“, bemerkte der Schreiber.
Alverano sah ihn an: „Jeden Tag?“
„Meistens.“
Er betrachtete den Stapel: „Bei allen Zwölfen.“
Valdo lächelte schwach: „Sie hat immer gesagt, dass die Menschen nur dann Ruhe geben, wenn sie wissen, dass ihnen jemand zuhört.“
Alverano schwieg. Dann nahm er das nächste Schriftstück: „Also gut. Was haben wir hier?“
Valdo betrachtete den Titel: „Eine Beschwerde wegen eines verstopften Grabens.“
Alverano legte den Kopf in den Nacken: „Ich vermisse die Schlachtfelder.“

IX. Abend, Müllerin Art

Mara Velden hatte Alverano zum Abendessen eingeladen. Er hatte zunächst gezögert. Nicht aus moralischen Bedenken, sondern weil er fürchtete, die Einladung könne mit weiteren Forderungen verbunden sein. Seine Befürchtung erwies sich als unbegründet, jedenfalls zunächst.
Die Mühle war klein, aber gemütlich eingerichtet. Im Wohnraum brannte ein Feuer, und auf dem Tisch standen Brot, Käse, geräuchertes Fleisch und eine Schüssel mit warmem Gemüse.
Mara hatte ihr Arbeitskleid gegen ein dunkelblaues Gewand getauscht, das ihre Figur vorteilhaft betonte, ohne besonders kostbar zu sein. Ihr Haar trug sie offen. Alverano bemerkte es sofort.
„Ihr seht bezaubernd aus.“
Sie lächelte: „Das sagt Ihr vermutlich jeder Frau.“
„Nur den bezaubernden.“
„Dann habt Ihr viel zu tun.“
Er lachte. Sie schenkte Wein ein.
„Ich habe gehört, Ihr habt heute den ganzen Tag Beschwerden angehört.“
„Es war eine grausame Erfahrung.“
„So?“
„Ich habe erfahren, dass die Menschen in Garlan erstaunlich viele Probleme besitzen.“
Mara setzte sich ihm gegenüber: „Das überrascht Euch?“
„In dieser Menge schon.“
Sie lachte: „Dann gewöhnt Euch daran.“
Er betrachtete sie: „Ihr sprecht, als wüsstet Ihr genau, was auf mich zukommt.“
„Ich habe Eure Schwester gekannt.“
Alverano wurde ernst: „Gut?“
Mara nickte: „Sie kam gelegentlich hierher. Vor allem, wenn es Schwierigkeiten gab.“
„Und?“
„Sie war streng.“
„Das höre ich ständig.“
„Aber sie war gerecht.“
Alverano schwieg. Mara betrachtete ihn.
„Ihr seid anders.“
„Das hoffe ich.“
„Ob das gut ist, weiß ich noch nicht.“
Er lächelte: „Gebt mir etwas Zeit.“
Sie erwiderte sein Lächeln: „Das werde ich.“
Eine Weile aßen sie schweigend.
Dann fragte Mara: „Warum seid Ihr eigentlich gekommen?“
Alverano legte das Messer ab: „Weil meine Familie es beschlossen hat.“
„Das ist keine Antwort.“
Er sah sie an. Mara hielt seinem Blick stand.
„Ihr hättet ablehnen können.“
„Ja.“
„Warum habt Ihr es nicht getan?“
Alverano überlegte: „Vielleicht, weil ich es Rondriane schuldig bin.“
Mara schwieg.
Er fuhr fort: „Sie hat hier gelebt, gearbeitet und schließlich ihr Leben verloren. Ich habe die vergangenen Jahre damit verbracht, mich um alles Mögliche zu kümmern, nur selten um etwas wirklich Wichtiges.“
„Und jetzt wollt Ihr das ändern?“
Er lächelte schwach: „Ich weiß noch nicht, ob mir das gelingt.“
Mara betrachtete ihn lange. Dann hob sie ihren Becher: „Auf Eure Schwester.“
Alverano hob den seinen: „Auf Rondriane.“
Sie tranken.

Später saßen sie vor dem Kamin. Das Feuer war heruntergebrannt, und draußen hatte erneut Regen eingesetzt. Mara erzählte von ihrem verstorbenen Mann, von den Schwierigkeiten, die Mühle allein zu führen, und von den Jahren unter Rondrianes Verwaltung. Alverano hörte zu. Er stellte Fragen. Gelegentlich erzählte er eine seiner Geschichten, die Mara zum Lachen brachten. Als er schließlich aufstand, um zu gehen, begleitete sie ihn zur Tür.
„Ihr kommt wieder?“
Er lächelte: „Wenn Ihr mich einladet.“
Sie betrachtete ihn: „Vielleicht.“
Er nahm ihre Hand und küsste sie. Mara ließ es geschehen.
Dann sagte sie: „Aber beim nächsten Mal bringt Ihr die Genehmigung für die Reparatur mit.“
Alverano lachte: „Ihr seid unerbittlich.“
„Das hat man mir schon öfter gesagt.“
Sie schloss die Tür. Alverano blieb einen Augenblick davor stehen. Dann ging er lächelnd zum Pferd.

X. Die Männer aus dem Windhag

Drei Tage später kehrte Brunio von einem Erkundungsritt zurück. Er hatte mehrere Höfe besucht und mit den Bewohnern gesprochen. Sein Bericht war beunruhigend.
„Es gibt noch bewaffnete Männer in den Bergen.“
Alverano blickte auf: „Söldner?“
„Zum Teil. Andere gehören wohl zu den Raubrittern.“
„Feuerschlei?“
„Möglich.“
„Stillback?“
„Vielleicht.“
Alverano seufzte: „Ihr habt viele Vermutungen.“
Brunio zuckte mit den Schultern: „Die Leute reden nicht gern darüber.“
„Warum?“
„Weil sie Angst haben.“
Er berichtete von einem abgelegenen Hof, dessen Bewohner in der vergangenen Nacht Besuch erhalten hatten. Drei bewaffnete Männer hätten Vorräte verlangt und behauptet, im Auftrag der neuen Herrschaft zu handeln.
„Welche neue Herrschaft?“, fragte Alverano.
Brunio schüttelte den Kopf: „Das haben sie nicht gesagt.“
Alverano betrachtete die Karte: „Wir müssen etwas unternehmen.“
„Mit unseren vier Mann?“
„Wir könnten Unterstützung aus Sewamund anfordern.“
„Das dauert.“
„Dann sollten wir zunächst herausfinden, wer diese Männer sind.“
Brunio nickte: „Ich kenne jemanden, der uns helfen könnte.“
„Wen?“
„Einen ehemaligen Soldaten der Miliz.“
„Name?“
„Jaro Hagelsen.“
„Noch ein Jaro?“
Brunio sah ihn an: „Ein anderer.“
„Wie erfreulich.“
Am nächsten Morgen ritten sie zu dem Hof. Er lag in einer kleinen Senke, umgeben von Hecken und niedrigen Steinwällen. Ein alter Mann öffnete ihnen die Tür.
Er stützte sich auf einen Stock: „Was wollt Ihr?“
Alverano stellte sich vor.
Der Mann betrachtete ihn: „Tribêc?“
„Ja.“
„Dann kommt herein.“
Das Haus war einfach eingerichtet. An der Wand hing ein beschädigter Schild. Alverano erkannte das Wappen der Vogtei.
„Ihr habt unter meiner Schwester gedient?“
Der Alte nickte: „Viele Jahre.“
„Auch beim letzten Kampf?“
Er senkte den Blick: „Ja.“
„Was ist geschehen?“
Jaro setzte sich. Er berichtete von Rondrianes Versuch, die Miliz zusammenzuhalten. Von den Drôler Söldnern, die zahlreicher und besser ausgerüstet gewesen waren. Von dem schnellen Zusammenbruch der Verteidigung.
„Sie hätte gehen können“, sagte er schließlich.
Alverano schwieg.
„Man hat ihr gesagt, dass wir nicht gewinnen können.“
„Das weiß ich.“
„Sie ist geblieben.“
Der Alte betrachtete den Schild: „Wir haben sie im Stich gelassen.“
Alverano schüttelte den Kopf: „Ihr habt getan, was Ihr konntet.“
Jaro hob den Blick: „Das sagt Ihr.“
„Ja.“
„Sie hat es nicht gesagt.“
Alverano schwieg.
Nach einer Weile fragte er: „Kennt Ihr die Männer, die jetzt wieder durch die Gegend ziehen?“
Jaro nickte langsam: „Einige.“
„Dann brauche ich Eure Hilfe.“
Der Alte betrachtete ihn: „Warum sollte ich Euch helfen?“
Alverano blickte auf den Schild: „Weil ich nicht zulassen will, dass ihre Arbeit umsonst war.“
Jaro schwieg lange, dann nickte er: „Also gut.“

XI. Die falsche Herrschaft

Mit Jaros Hilfe gelang es Alverano, einige Namen zu sammeln. Corvin, der Mann, der Mara Velden Geld abverlangt hatte, gehörte offenbar zu einer kleinen Gruppe ehemaliger Söldner und örtlicher Halsabschneider. Sie behaupteten, noch immer im Auftrag des Barons zu handeln, obwohl dessen Macht nach der Niederlage am Norderkoog gebrochen war. Die Männer nutzten die Ungewissheit aus. Sie verlangten Abgaben, beschlagnahmten Vorräte und bedrohten diejenigen, die sich widersetzten. Alverano beschloss, zunächst mit ihnen zu sprechen. Brunio war dagegen.
„Wir sollten sie festnehmen.“
„Mit wie vielen Männern?“
„Wir könnten Unterstützung anfordern.“
„Dann sind sie längst verschwunden.“
„Und Ihr wollt allein zu ihnen reiten?“
Alverano lächelte: „Nicht allein. Ihr kommt mit.“
Brunio betrachtete ihn: „Wie beruhigend.“

Sie fanden die Männer in einem verlassenen Wirtschaftsgebäude am Rand eines Waldes. Corvin saß auf einem umgestürzten Fass. Er war mittelgroß, hatte einen dunklen Bart und eine lange Narbe auf der linken Wange. Als er Alverano erblickte, erhob er sich langsam.
„Was wollt Ihr?“
Alverano stieg vom Pferd: „Einen guten Tag wünschen.“
Corvin spuckte aus: „Dann habt Ihr es getan.“
„Ich würde außerdem gern über Eure Geschäfte sprechen.“
Der Mann verschränkte die Arme: „Welche Geschäfte?“
„Wegegeld, Mühlenabgaben, Schutzgelder. Ihr seid ein außerordentlich vielseitiger Unternehmer.“
Corvin grinste: „Wir sorgen für Ordnung.“
„Das ist interessant. Ich habe gehört, dass die Leute vor allem vor Euch Angst haben.“
„Angst sorgt für Ordnung.“
Alverano betrachtete ihn: „Eine bemerkenswerte Auffassung.“
Die Männer hinter Corvin griffen nach ihren Waffen. Brunio trat einen Schritt vor. Alverano hob die Hand.
„Ich bin nicht gekommen, um zu kämpfen.“
Corvin lachte: „Dann seid Ihr am falschen Ort.“
Alverano lächelte: „Das sagt man mir häufiger.“
Er zog ein Schriftstück hervor.
„Ich habe hier eine Erklärung des Hauses Tribêc. Darin wird festgestellt, dass die Familie ihre Rechte an der Vogtei weiterhin wahrnimmt und die unrechtmäßige Erhebung von Abgaben nicht dulden wird.“
Corvin betrachtete das Pergament: „Und?“
„Und ich möchte Euch Gelegenheit geben, Eure Tätigkeit einzustellen, bevor wir ernsthaft darüber sprechen müssen.“
Der Mann lachte laut: „Ihr glaubt, wir fürchten Euch?“
Alverano trat näher. Sein Lächeln verschwand.
„Nein.“
Er sah Corvin direkt in die Augen: „Ich glaube, Ihr unterschätzt mich.“
Die beiden Männer standen einander gegenüber.
Dann sagte Alverano leise: „Ich habe viele Jahre als Adlerritter gedient. Ich habe in Schlachten gestanden, die Ihr vermutlich nur vom Hörensagen kennt. Und ich habe genug Männer sterben sehen, weil sie glaubten, ein Schwert mache sie zu etwas Besonderem.“
Corvin schwieg.
„Ich würde es vorziehen, wenn Ihr und Eure Leute diesen Fehler nicht ebenfalls begeht.“
Einen Augenblick geschah nichts.
Dann trat Corvin zurück: „Wir werden darüber nachdenken.“
Alverano nickte: „Das wäre vernünftig.“
Er wandte sich um. Brunio folgte ihm.

Erst als sie außer Sichtweite waren, sagte der Veteran: „Das hätte schiefgehen können.“
Alverano lächelte: „Natürlich.“
„Und wenn sie uns angegriffen hätten?“
„Dann hätten wir ein Problem gehabt.“
Brunio schüttelte den Kopf: „Ihr seid wahnsinnig.“
„Gelegentlich.“

XII. Rondrianes Schreibtisch

Am Abend kehrte Alverano erschöpft zur Burg zurück. Er hatte den ganzen Tag im Sattel verbracht und freute sich auf ein warmes Essen, ein Glas Wein und einige Stunden Ruhe. Stattdessen wartete Valdo mit einem Stapel Schriftstücke.
„Herr, ich habe etwas gefunden.“
Alverano betrachtete die Papiere: „Kann es bis morgen warten?“
„Ich fürchte nicht.“
Er seufzte: „Natürlich nicht.“
Valdo legte mehrere Rechnungen auf den Tisch: „Diese Zahlungen wurden noch zu Lebzeiten Eurer Schwester vorgenommen.“
Alverano überflog die Einträge: „Und?“
„Sie sind ungewöhnlich.“
„Was ist daran ungewöhnlich?“
„Die Empfänger.“
Valdo zeigte auf mehrere Namen. Alverano runzelte die Stirn: „Feuerschlei.“
„Ja.“
„Stillback.“
„Ebenfalls.“
Er sah den Schreiber an: „Warum sollte Rondriane ihre Feinde bezahlen?“
Valdo schüttelte den Kopf: „Das weiß ich nicht.“
Alverano betrachtete die Daten. Die Zahlungen waren in regelmäßigen Abständen erfolgt. Einige Wochen vor dem Überfall auf Garlan hatten sich die Beträge erhöht.
„Wer hat diese Anweisungen unterschrieben?“
Valdo zeigte auf einen Namen: „Ein Mann, der gelegentlich für die herzogliche Verwaltung tätig war.“
„Welcher Mann?“
Der Schreiber zögerte, nannte dann den Namen. Alverano blickte auf. Er kannte ihn. Nicht besonders gut, aber gut genug, um zu wissen, dass die Sache unangenehm werden konnte.
„Seid Ihr sicher?“
Valdo nickte: „Die Unterschrift ist echt. Jedenfalls glaube ich das.“
Alverano betrachtete die Unterlagen erneut: „Warum habt Ihr mir das nicht früher gezeigt?“
Der Schreiber senkte den Blick: „Weil Eure Schwester mich gebeten hatte, die Sache zunächst geheim zu halten.“
„Warum?“
„Sie wollte herausfinden, wer hinter den Zahlungen steckt.“
Alverano schwieg zunächst, fragte dann: „Hat sie es herausgefunden?“
Valdo schüttelte den Kopf: „Nicht, soweit ich weiß.“
Alverano lehnte sich zurück. Seine Schwester hatte also kurz vor ihrem Tod Nachforschungen über Zahlungen an jene Männer angestellt, die später den Drôler Söldnern geholfen hatten. Das konnte Zufall sein, aber er glaubte nicht an Zufälle dieser Art.

XIII. Eine unangenehme Entdeckung

In den folgenden Tagen ließ Alverano die Unterlagen sorgfältig prüfen. Valdo musste sämtliche Rechnungsbücher aus den vergangenen zwei Jahren herbeischaffen. Brunio erhielt den Auftrag, unauffällig nach den genannten Personen zu fragen. Mara Velden wurde gebeten, einige Angaben über die wirtschaftlichen Verhältnisse der Gegend zu bestätigen.
Die Müllerin erschien am Nachmittag auf der Burg: „Ihr habt mich rufen lassen?“
Alverano erhob sich: „Ja. Ich hoffe, ich habe Euch nicht von Eurer Arbeit abgehalten.“
„Von welcher Arbeit? Die Mühle steht noch immer still.“
Er verzog das Gesicht: „Das ist mir bewusst.“
Sie betrachtete die Papiere: „Was ist das?“
„Rechnungen.“
„Das sehe ich.“
„Ich möchte wissen, ob Ihr einige Namen kennt.“
Mara setzte sich. Sie überflog die Liste und wurde ernst: „Den kenne ich.“
„Wen?“
Sie zeigte auf einen Eintrag: „Ein Händler, der gelegentlich Flachs aufkauft.“
„Aus Garlan?“
„Ja.“
„Ist er zuverlässig?“
Mara lachte bitter: „Wenn Ihr zuverlässig nennt, dass er immer zu wenig bezahlt und sich dann über die Qualität beschwert.“
Alverano lächelte: „Klingt nach einem geschickten Geschäftsmann.“
„Klingt nach einem Betrüger.“
Er betrachtete den Namen: „Kennt Ihr seine Verbindungen?“
Mara überlegte: „Er hat früher mit Leuten aus Streitebeck gehandelt.“
Alverano hob den Blick: „Früher?“
„Vielleicht tut er es noch.“
„Und mit den Raubrittern?“
Sie zögerte: „Das weiß ich nicht.“
Alverano bemerkte ihre Unsicherheit: „Mara.“
Sie sah ihn an: „Wenn Ihr etwas wisst, müsst Ihr es mir sagen.“
Sie schwieg, bis sie leise sagte: „Mein Mann hat einmal behauptet, dass die Überfälle auf unsere Fuhrwerke kein Zufall seien.“
„Warum?“
„Weil immer dieselben Waren verschwanden.“
Alverano lehnte sich vor: „Welche?“
„Flachs und Leinen. Manchmal auch Werkzeuge aus den Steinbrüchen.“
Er betrachtete die Unterlagen: „Und was ist daran ungewöhnlich?“
„Dass die Räuber andere Waren liegen ließen, die mehr wert gewesen wären.“
Es entstand ein Schweigen.
Alverano sah sie an: „Ihr glaubt, jemand hat die Überfälle bestellt.“
Mara nickte langsam: „Das hat mein Mann vermutet.“
„Hat er mit Rondriane darüber gesprochen?“
„Ja.“
Alverano wurde still: „Wann?“
„Einige Monate vor ihrem Tod.“
Er lehnte sich zurück. Nun ergab manches einen Sinn. Rondriane hatte nicht nur gegen gewöhnliche Raubritter gekämpft. Sie hatte möglicherweise versucht, ein ganzes Netz aus Erpressung, Handel und bezahlten Überfällen aufzudecken. Jemand hatte Interesse daran gehabt, sie aufzuhalten.

XIV. Ein Brief nach Sewamund

Am Abend setzte sich Alverano an Rondrianes Schreibtisch. Vor ihm lag ein leeres Blatt. Er nahm die Feder.
Meine liebe Tsaida,
Er hielt inne. Dann schrieb er weiter.
Ich bin wohlbehalten in Garlan angekommen. Die Verhältnisse sind unübersichtlich, aber keineswegs hoffnungslos. Die Leute sind misstrauisch, und ich kann es ihnen nicht verdenken. Sie haben in den vergangenen Wochen mehr Herren gesehen, als ihnen lieb sein kann.
Die Burg ist in brauchbarem Zustand. Die Verwaltung hingegen bedarf erheblicher Aufmerksamkeit. Der bisherige Schreiber, Valdo Erken, hat die Geschäfte notdürftig aufrechterhalten. Ich halte ihn für ehrlich, wenn auch nicht für besonders mutig.
Es gibt Schwierigkeiten mit unrechtmäßig erhobenen Abgaben und mehreren bewaffneten Gruppen, die noch immer in der Gegend ihr Unwesen treiben. Ich habe erste Schritte unternommen, diese Dinge zu beenden. Ob sie Erfolg haben werden, muss sich zeigen.
Außerdem bin ich auf Unterlagen gestoßen, die möglicherweise mit den Überfällen auf die Vogtei zusammenhängen. Einige Zahlungen an bekannte Raubritter erscheinen mir ausgesprochen verdächtig. Ich möchte Dich bitten, Leonora davon in Kenntnis zu setzen. Sie wird vermutlich schneller als ich erkennen, welche Bedeutung diese Geschäfte besitzen.
Er hielt inne. Dann fügte er hinzu:
Was die Verwaltung angeht, muss ich gestehen, dass Rondriane eine größere Leistung vollbracht hat, als ich je vermutet hätte. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen sich über Zäune, Gräben und verschwundene Schweine streiten können. Ich habe inzwischen gelernt, dass ein Streit um zwei Schritt Ackerland gelegentlich mehr Leidenschaft hervorruft als eine höfische Liebesaffäre. Was mich persönlich durchaus überrascht.
Er lächelte. Dann wurde er ernst.
Ich werde bleiben, bis die Verhältnisse einigermaßen geordnet sind. Ob ich tatsächlich der richtige Mann für dieses Amt bin, weiß ich noch immer nicht. Aber ich glaube, dass ich es versuchen sollte. Grüße die Familie.
Dein Alverano.
Er legte die Feder beiseite. Eine Weile betrachtete er den Brief, faltete ihn zusammen und versiegelte ihn.

XV. Die Burg bei Nacht

In jener Nacht konnte Alverano nicht schlafen. Er stand auf, zog einen einfachen Mantel über und trat an ein Fenster. Der Himmel war klar geworden. Über den dunklen Windhagbergen standen die Sterne, im Tal schimmerte die Kryde zwischen den Bäumen. Von den Höfen drang gelegentlich das Bellen eines Hundes herauf. Sonst war es still. Eine andere Stille als in Sewamund. Dort hatte er selbst in der Nacht das Wasser in den Kanälen gehört, die Schritte der Wachen und die Stimmen der Menschen, die noch unterwegs waren. Hier schien die Welt zu schlafen.
Rondriane hatte diesen Ausblick jahrelang gesehen. Vielleicht hatte sie manchmal hier gestanden und an die Familie in Sewamund gedacht. Vielleicht hatte sie sich gefragt, ob man sie vergessen hatte.
Der Gedanke war unangenehm. Er erinnerte sich an ihre letzte Begegnung. Sie hatten sich gestritten. Nicht ernsthaft, jedenfalls hatte er es damals nicht ernst genommen.
Rondriane hatte ihm vorgeworfen, er vergeude seine Möglichkeiten. Er hatte gelacht und gesagt, dass das Leben zu kurz sei, um sich ständig mit Pflichten zu belasten. Sie hatte ihn lange angesehen. Dann hatte sie erwidert, dass manche Menschen keine Wahl hätten. Alverano hatte die Bemerkung mit einem Scherz abgetan. Nun wünschte er, er hätte ihr anders geantwortet. Hinter ihm erklangen Schritte.
Brunio fragte: „Ihr könnt nicht schlafen?“
„Nein.“
Der Veteran stellte sich neben ihn. Eine Weile blickten beide hinaus.
Brunio sagte: „Die Leute werden Euch mögen.“
Alverano lächelte: „Das tun die meisten.“
„Ich meine die Leute hier.“
„Das wird sich zeigen.“
Brunio schwieg. Nach einer Weile sagte er: „Ihr habt Euch heute gut geschlagen.“
Alverano sah ihn an: „Wobei?“
„Mit den Bauern.“
Er lachte leise: „Das ist das erste Mal, dass jemand meine Fähigkeiten im Umgang mit Bauern lobt.“
„Ihr habt zugehört.“
„Meistens.“
„Das genügt für den Anfang.“
Alverano betrachtete den Veteranen: „Ihr seid heute ungewöhnlich freundlich.“
„Gewöhnt Euch nicht daran.“
Sie schwiegen, bis Alverano fragte: „Glaubt Ihr, ich werde ein guter Vogt?“
Brunio überlegte: „Ich weiß es nicht.“
Alverano lachte: „Eine aufmunternde Antwort.“
„Ihr könnt kämpfen. Ihr könnt mit Leuten umgehen. Und Ihr seid nicht dumm.“
„Vielen Dank.“
„Aber Ihr seid ungeduldig, leichtsinnig und gebt zu viel Geld aus.“
Alverano nickte: „Eine erschreckend genaue Beschreibung.“
Brunio meinte: „Vielleicht wird Euch Garlan guttun.“
Alverano schwieg und lächelte: „Oder ich werde Garlan guttun.“
Brunio schüttelte den Kopf: „Das werden wir sehen.“

XVI. Die Nachricht aus den Bergen

Am folgenden Morgen wurde Alverano durch ein heftiges Klopfen geweckt. Brunio trat ein.
„Herr, es ist etwas geschehen.“
Alverano setzte sich auf: „Was?“
„Einer unserer Leute ist zurückgekehrt.“
„Und?“
„Er hat eine Nachricht.“
Alverano stand auf.

Gavric Stillback

Wenig später betrat er die Halle. Dort wartete ein junger Reiter. Seine Kleidung war zerrissen, und an seiner rechten Hand befand sich ein notdürftiger Verband.
„Was ist geschehen?“, fragte Alverano.
Der Mann schluckte: „Wir haben einen Hof besucht, Herr. Einen abgelegenen, oben am Waldrand.“
„Und?“
„Dort waren Männer.“
„Welche Männer?“
„Bewaffnete. Sie haben uns angegriffen.“
Brunio verschränkte die Arme: „Wie viele?“
„Vier oder fünf.“
„Habt Ihr jemanden erkannt?“
Der Reiter nickte: „Einen.“
Alverano trat näher: „Wen?“
„Gavric Stillback.“
Es entstand ein Schweigen. Alverano betrachtete den jungen Mann.
„Seid Ihr sicher?“
„Ja, Herr.“
„Was wollte er?“
„Er hat uns gesagt, wir sollten verschwinden.“
„Und sonst?“
Der Mann zögerte: „Er hat eine Nachricht für Euch.“
Alverano hob die Augenbrauen: „Dann lasst hören.“
Der Reiter blickte zu Brunio. Dann wieder zu Alverano.
„Er sagte, Ihr solltet Euch nicht einbilden, dass die Vogtei schon wieder Euch gehöre.“
Alverano schwieg.
„Und er sagte ...“ Der Mann stockte.
„Was?“
„Er sagte, Eure Schwester habe auch geglaubt, sie könne hier alles bestimmen.“
Brunio fluchte.
Alverano blieb vollkommen ruhig: „Hat er sonst noch etwas gesagt?“
Der Reiter nickte: „Ja.“
„Was?“
„Dass Ihr Euch von den Rechnungen fernhalten sollt.“
Alverano betrachtete ihn lange und setzte sich dann langsam: „Die Rechnungen.“
Brunio nickte: „Er weiß davon.“
Alverano blickte auf die Papiere, die Valdo am Vorabend auf den Tisch gelegt hatte. Die Namen, Zahlungen, seltsame Geschäfte. Offenbar hatte jemand bemerkt, dass er sich dafür interessierte. Und jener wollte ihn davon abhalten. Alverano lehnte sich zurück und lächelte. Brunio kannte dieses Lächeln. Es war das Lächeln, das Alverano zeigte, kurz bevor er etwas Unvernünftiges unternahm.
„Herr?“
„Ja?“
„Was habt Ihr vor?“
Alverano stand auf: „Zunächst werde ich frühstücken.“
Brunio betrachtete ihn: „Und dann?“
„Dann werden wir uns um Gavric Stillback kümmern.“
„Mit wie vielen Männern?“
Alverano lächelte: „Das hängt davon ab, wie viele wir zusammenbekommen.“
Brunio seufzte: „Ich hatte es befürchtet.“
Alverano trat ans Fenster. Draußen lag Garlan im hellen Morgenlicht. Die Dächer des Dorfes glänzten noch vom Regen, und über der Kryde zog leichter Nebel auf. Er dachte an Rondriane. An die Menschen, die sie geschützt hatte. An die Männer, die sie hatten töten lassen. An jene, die glaubten, jetzt ohne Widerstand über Garlan verfügen zu können. Dann wandte er sich um.
„Brunio.“
„Ja, Herr?“
„Lasst die Männer bereitmachen.“
Der Veteran nickte: „Wie Ihr befehlt.“
Alverano griff nach seinem Schwert. Er hatte noch keine förmliche Bestätigung als Erbvogt erhalten. Er verfügte weder über eine größere Truppe noch über besondere finanzielle Mittel. Er hatte inzwischen begriffen, dass die Verwaltung einer Vogtei weit mehr Arbeit bedeutete, als er sich jemals vorgestellt hatte. Aber eines stand fest: Er würde sich nicht von ein paar Raubrittern vertreiben lassen. Nicht aus Garlan und schon gar nicht aus dem Erbe seiner Schwester.

XVII. Eine unerwartete Besucherin

Als Alverano die Halle verlassen wollte, trat Valdo ein.
„Herr, es wartet jemand auf Euch.“
Alverano blieb stehen: „Wer?“
Der Schreiber räusperte sich: „Eine Dame.“
Brunio schloss die Augen.
Alverano hingegen lächelte: „Wie erfreulich.“
„Sie ist bewaffnet.“
„Noch erfreulicher.“
„Sie sagt, Ihr schuldet ihr Geld.“
Brunio schüttelte den Kopf: „Natürlich.“
Alverano dachte einen Augenblick nach, dann lachte er.
„Pridyke.“
Valdo blickte überrascht auf: „Ihr kennt sie?“
„Allerdings.“
Pridyke von Mylamas trat in die Halle. Sie trug einen dunklen Reisemantel, unter dem ein Schwert zu erkennen war. Ihr Haar war vom Wind zerzaust, ihre Stiefel waren schlammbedeckt. Sie betrachtete Alverano.
„Ihr seht erstaunlich ausgeruht aus.“
„Das täuscht.“
„Ich habe gehört, Ihr wollt Vogt werden.“
„Richtig.“
Pridyke lachte: „Bei allen Zwölfen.“
Alverano verneigte sich: „Auch ich freue mich, Euch wiederzusehen.“
Sie trat näher: „Ich habe etwas für Euch.“
„Eine Rechnung?“
„Zunächst eine Nachricht.“
Sie zog ein zusammengefaltetes Pergament aus ihrem Mantel. Alverano nahm es entgegen.
„Was ist das?“
„Etwas, das ich in Hortelano gefunden habe.“
Er öffnete das Schreiben. Es war eine Abschrift einer Zahlungsanweisung. Der Betrag war beträchtlich. Der Empfänger war ihm bekannt. Gavric Stillback.
Doch der Auftraggeber überraschte ihn. Er blickte auf.
„Woher habt Ihr das?“
Pridyke lächelte: „Lange Geschichte.“
„Erzählt sie.“
Sie ließ sich auf einen Stuhl sinken: „Zunächst möchte ich etwas trinken.“
Alverano lachte: „Ganz die Alte.“
„Ihr seid auch noch immer derselbe.“
Er betrachtete sie: „Stimmt nicht ganz.“
Pridyke hob eine Augenbraue: „Echt?“
Alverano lächelte: „Ich habe gelernt, dass man einen Grenzstreit mit zwei Bauern nicht mit einem Krug Wein lösen kann.“
Pridyke betrachtete ihn, dann brach sie in schallendes Gelächter aus: „Dann seid Ihr hier tatsächlich am richtigen Ort.“
Brunio schüttelte den Kopf, Valdo holte Wein und Alverano setzte sich, um zu hören, welche Neuigkeiten Pridyke aus Hortelano mitgebracht hatte. Draußen löste sich der Morgennebel allmählich von den bewaldeten Hängen. Die Vogtei Garlan hatte einen neuen Anwärter auf das Erbvogtsamt. Aber offenbar waren noch längst nicht alle bereit, ihn anzuerkennen. Alverano begann zu begreifen, dass er sich nicht nur mit seinen künftigen Untertanen beschäftigen musste, sondern auch mit Menschen, die sehr gute Gründe hatten, ihre Geschäfte vor einem neuen Vogt zu verbergen.