Briefspiel:Kaiserjagd/Vor den Augen des Prinzen
Vor den Augen des Prinzen
5. Firun 1046 BF, über den Tag verteilt

Autor: Tribec
Am fünften Tag fanden Rondinella und Tsaida schließlich wieder zu jener wortlosen Abstimmung zurück, die sie an den ersten Jagdtagen ausgezeichnet hatte: Tsaida erkannte die frische Fährte eines jungen Bockes am Rand eines vereisten Bachlaufs. Rondinella folgte ihr zu Fuß, während die übrigen Jäger zurückbleiben durften. Sie bewegte sich langsam, setzte jeden Schritt mit Bedacht auf und wartete geduldig, bis das Tier zwischen zwei kahlen Haselsträuchern sichtbar wurde.
Der Schuss war sauber.
Als sie den Bock aus dem Gehölz zogen, begegneten sie Jägern aus der Vinsalter Gesellschaft unter dem jungen Prinz Alborn von Firdayon-Bethana. Einer der Edlen kam näher und ließ sich die Umstände des Abschusses schildern. Noch ehe Tsaida ihm antworten konnte, sagte Rondinella schon:
„Die Baronessa Tribêc hat die Fährte gefunden und den richtigen Weg gewählt.“
Tsaida sah sie kurz an, dann fasste sie sich schnell wieder.
„Die Cavalliera Trebesco hat getroffen“, ergänzte sie.
Später ließ der junge Prinz durch einen seiner Begleiter ausrichten, die Tribêc-Trebescerinnen hätten vorbildlich bewiesen, wie sich doch Umsicht und Entschlossenheit vortrefflich ergänzen konnten.
„Seht Ihr“, sagte daraufhin Rondinella zu Tsaida, „es geht doch.“
„Was meint Ihr?“
„Das war ein Lob ohne Widerhaken.“
Tsaida grinste. „Der Tag ist noch nicht vorbei.“
In der Nähe von Leonoras Lager verursachte an diesem Tage ein ausgebrochenes Pferd Aufregung. Das Tier hatte einen Pflock aus dem gefrorenen Boden gerissen und war dann samt Leine zwischen den Zelten hindurchgestürmt. Zwei Knechte taten ihr Bestes, rannten hinterher und machten so nur alles noch viel schlimmer.
Leonora stellte sich ihm nicht in den Weg. Sie entnahm einer Kiste einen Apfel, trat in weitem Bogen vor das Tier und wartete, bis es sie bemerkte.
„Ihr werdet doch nicht versuchen, es zu fangen?“, fragte Rieka vorsichtig.
„Es will nicht gefangen werden“, gab Leonora zurück. Sie hielt den Apfel sichtbar in der Hand und ging langsam rückwärts. Das Pferd folgte ihr bald, zuerst zögernd, dann aber immer bereitwilliger.
„Es will bestochen werden.“
Wenig später stand das Pferd wieder angebunden bei den anderen Tieren. Leonora gab ihm den Apfel zu fressen.
Am Abend erwies sich der Wein in Tsaidas Zelt als verdorben. Der erste Schluck schmeckte nur etwas säuerlich, der zweite brachte aber Gewissheit. Rondinella stellte den Becher ab. „Ihr hattet gesagt, der Tag sei noch nicht vorüber“, sagte sie trocken und griff nach ihrem Tagebuch, um wie üblich die Gedanken zum Tage festzuhalten.
Tsaida blickte noch lange finster auf den Krug und grummelte: „Ihr musstet es ja aussprechen.“