Briefspiel:Spiel der Füchse/Willkommen im Palazzo Alentino

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Städteübergreifendes Briefspiel
Datiert auf: Travia 1047 BF Schauplatz: Palazzo Alentino in der Herrschaft Alentino, Baronie Aldyra Entstehungszeitraum: ab März 2025
Protagonisten: Jucho von Dallenthin und Persanzig Autoren/Beteiligte: Dajin,
Zyklus: Übersicht · Personae Dramatis · Alles zum Spiel · Ein goldener Morgen · Balkongespräche · Willkommen im Palazzo Alentino · Die neunte Stunde · Maskenball · Fuchsband · Boltan-Runde · Das Plädoyer · Rote und Weiße Kamele · Kunstversteigerung · Der Fuchsbau · Kleinod Einer aus Neun mal Neun · Pferdewetten · Pferderennen · Regelwerke · Intermezzo · Juchos Memoiren (Das Finale)


Am Abend des 4.Travia 1048 im Palazzo Alentino

Einige Zeit später hatten sich dann alle Veranstalter in der großen Eingangshalle versammelt. Nur der “Großherzog” fehlte natürlich, denn so ein Fest würde einen großen Auftritt voraussetzen, sobald alle Gäste anwesend waren. Die Kapelle war bereit für bezaubernde Melodien, diverse Bedienstete standen mit Tabletts voll mit gefüllten Schaumweingläsern und Canapes bereit. Der riesige Kronleuchter erfüllte den Raum mit einladendem Licht, vor dem Eingang warteten Portraitzeichner, diverse Diener waren bereit, Gepäck und Garderobe anzunehmen oder parfümierte Erfrischungstücher zu reichen, ein Diener bot simple Masken für diejenigen an, die ihre vergessen hatten. Und auch Corporal Brutale hatte seine Leute so positioniert, dass sie sehr wohl für Sicherheit sorgen konnten, aber dem einfachen Auge kaum auffielen. Vom Eingangsbereich war Kutschengetrappel zu hören. Offensichtlich trafen die ersten Gäste ein. Entsprechend fing die Kapelle an, ein fröhliches Stück zu spielen. Endlich. Es ging los, das Spiel der Füchse.

Haus ya Pirras

"Euer Gnaden, Signoras, wir haben bald unser Ziel erreicht.", erklang es durch die Klappe zum Kutschbock. "Nun eile er sich und rede nicht so viel.", sprach Feodora ya Pirras und schloss die Klappe energisch.
Die Reise war kurz, aber anstrengend gewesen. Zuerst der Aufenthalt in Pertakis mit den Verhandlungen wegen dem Stapelrecht der Ortschaft, die der WYS regelmäßig Verluste einbrachten. Und dann die Rast in Aldyra um dort von den Reiseroben in die Ballkleider zu wechseln.
Feodora war dies zuwider, hielt sie den bevorstehenden Maskenball für reine Zeitverschwendung und den Versuch des Gastgebers, vom eigentlichen Ziel abzulenken. Daher hatte sie auch nicht viel Mühe in ihr Ballkleid gesteckt. Es war ein einfaches Kleid in einem dunklen Blauton und einer schmucklosen Maske in gelb gehalten.
Anders Terantina ya Pirras. Die Geweihte der Liebholden freute sich auf diese Veranstaltung und hatte sich extra dafür ein rotes Kleid mit hohem Schlitz und ausladendem Rahjafenster anfertigen lassen. Nicht zu anrüchig, aber auch nicht zu jungfräulich. Ihre Maske war ebenfalls rot und zeigte ineinander verästelte Rosenranken. Diese ließ nur die Augen und die in passenden Farbton gehaltenen Lippen samt Kinnpartie frei.
Daneben saß Feodoras Tochter Phÿllis in ihrem grünen Kleid mit Schlangenstickereien, welche sich auch in ihrer Maske fortsetzen. Einfach und bieder wirkte sie neben ihrer Tante, aber damit war Phÿllis zufrieden.
Feodora schlug den Vorhang an ihrer Scheibe beiseite und sah ihre Tochter Ancalita, die sich als einzige geweigert hatte, ein Kleid anzuziehen und in der Kutsche Platz zu nehmen. Sie hatte schließlich eine Verantwortung und dies war der Schutz ihrer Schwester. Also trug sie ihre gewohnte Lederrüstung und ritt neben der Kutsche her.
An der anderen Seite des Gefährts ritt Feodoras persönliche Leibwächterin Sefira saba Karim. Die aranische Söldnerin hatte auch nicht vor sich irgendwelchen Vergnügen hinzugeben und trug ebenfalls ihre kriegerische Montur.
So näherte sich die Reisegesellschaft dem südlichen Tor des Palazzo. Sie waren nicht die ersten und mussten einen kurzen Augenblick warten, bis sie das Tor passieren konnten. Nachdem man sich für einen der verschlungenen Pfade des Palastgartens entschieden hatte, erreichte man den Vorplatz des Palazzo. Dort herrschte bereits reges Treiben. Alles lief geordnet und gesittet ab. Sefira und Ancalita stiegen von ihren Pferden ab, drückten die Zügel verbeieilenden Bediensteten in die Hand und nahmen dann linker und rechter Hand der Kutschentür ihren Platz ein. Sefira warf kurz einen Blick auf Ancalita. Bei den Übungen auf der Reise hatte sie schon bemerkt, dass es mit den Waffenkünsten der jungen Kriegerin nicht so weit gediegen war, aber dies machte sie durch ihren Einsatz und ihr Pflichtgefühl wieder wett.
Der Kutscher stieg ab, klappte die Treppe aus und öffnete die Tür der Kutsche mit einer tiefen Verbeugung. Zuerst stieg Feodora ya Pirras aus, gefolgt von ihrer Tochter Phÿllis und zu guter Letzt die Rahjageweihte Terantina ya Pirras, die ihren Auftritt sichtlich genoss.

Familie della Carenio

Nervös zupfte Tsabella della Carenio an den Spitzenhandschuhen, um auch den letzten ihrer langen Finger in das feine Geflecht aus Seidenfäden zu buchsieren. Das Unterfangen war gar nicht so leicht, behinderte sie doch die Maske, die sie anlässlich des Maskenballs bereits angelegt hatte. Passend zum Kleid aus blau-grün-changierendem Seidentaft, auf den die Schneiderin neben federartigen Stickereien auch diverse Pfauenfedern genäht hatte, trug die blonde Kunstmäzenin und Ausrichterin eines Salons der schönen Künste in Sewamund eine Maske, die Schnabel und Vogelaugen imitierte und mit weiteren echten Pfauenfedern die aufgesteckte Frisur beinahe verdeckte. Sie hatte sich wahrlich Mühe gegeben, sich für diesen Anlass, der so ganz nach ihrem Geschmack war, herauszuputzen.
Ihr gegenüber saß Grangorion, Tsabellas ältester Sohn. Der dunkelhaarige Esquirio war der ganze Stolz der Mutter. Er hatte in der entscheidenden Schlacht der Stadt Sewamund gegen Baron Irion von Streitebeck sowohl seine kämpferischen Fähigkeiten zeigen können, als auch durch seinen scharfen Verstand beeindruckt, indem er eine Falle des Gegners entdeckte und so der Stadt weiteres Übel ersparte. Nun war es an der Zeit, dass sie ihm eine passende Gemahlin suchte.
Die dem Listenreichen gewidmeten Spiele nebst Maskenball waren die ideale Gelegenheit dafür und zudem ein hervorragendes Parkett, auf dem sich andere Kunstsinnige und Gleichgesinnte trafen. Tsabella hatte vor so lange zu tanzen, wie ihre hohen Schuhe es zuließen.
Grangorions Miene war düster wie meist. Der 25 Winter zählende Esquirio hatte seine Lockenpracht mit einer braunen Schleife gezähmt. Die Mutter hatte darauf bestanden, dass er das eigens von ihr für ihn ausgesuchte Kostüm tragen würde. Über der braunen Kniebundhose und dem gleichfarbigen Wams trug er einen Umhang mit Fuchsfellkragen. Seine Maske glich dem Antlitz eines Fuchses. Dort wo einst die Augen des Tieres in die Welt geblickt hatten, erkannte man den düsteren Blick des jungen Mannes.
Mit einem Rucken kam die Kutsche vor dem Palazzo Arentino zum Stehen. Der Kutscher sprang vom Bock und öffnete den Schlag.
Tsabella hatte sichtlich Mühe, ihre ausladende Maske ohne Schaden aus der Türöffnung der Kutsche nach draußen zu transferieren. Als es dann gelungen war, wartete sie ungeduldig darauf, dass ihr Ältester ihr den Arm darbot, um sie durch die von Laternen erleuchteten Wege des kunstvoll angelegten Gartens auf das Portal des Palazzos zu geleiten.

Familie Solivino

"Wir sind fast da! Wir haben es geschafft, Salkyo!" Alvinia Solivino strahlte den jungen von Schreyen, ihren entfernten Verwandten, mittlerweile guten Freund und in den Augen seiner Familie fragwürdigen und rufschädigenden Taugenichts, dankbar an. Er grinste verspielt zurück.
"Ich kann es immer noch nicht fassen, dass meine Eltern dir die Beschützerrolle so einfach abgenommen haben. Und mir dann erlaubt haben, in deiner Begleitung am Turnier teilzunehmen!” "Signora Brahl und Signor Solivino, seid versichert, dass ich gut auf Eure Tochter aufpassen werde. Sie ist bei mir in Sicherheit, das schwöre ich bei Rondra und meinem Namen von Schreyen." Salkyo legte sich theatralisch eine Hand aufs Herz und sah sie mit jenem treu-grimmigen Blick eines aufrechten Rondrianers an, der so vielen in seiner Familie zu eigen war. Sie prusteten gleichzeitig los.
"Genial! Einfach genial! Du solltest im Theater anfangen, wirklich." Die junge Signora wischte sich eine Freudenträne aus dem Augenwinkel. "Vielen Dank, meine reizende Schutzbefohlene!" Er wehrte gekonnt ihren spaßhaften Schubser ab, der auf diese Bemerkung folgte.
"Ich dachte, du wolltest etwas von Bellazza?" "Ach, die ist doch schon seit Ewigkeiten wie vom Erdboden verschluckt, ohne uns auch nur ein Wort zu sagen. Man nimmt nun einmal, was da ist." Dafür bekam er noch einen Schubser."Werd mir nicht frech, Leibwächter!" Salkyo zwinkerte nur schelmisch.
"Signora Solivino, Signor von Schreyen, verzeiht die Unterbrechung, doch wir sind angekommen."
Der Kutscher öffnete die Seitentür. Sofort wurde die scherzhafte Ausgelassenheit auf Alvinias Gesicht zu einer aufgeregten, vorfreudigen Ausgelassenheit. Sie ließ sich von dem Kutscher die Hand reichen und aus der Kutsche helfen. Salkyo folgte dicht darauf. Sie setzten synchron ihre Masken auf und musterten sich gegenseitig.>br> Alvinia trug ein fließendes, samtdunkelgrünes Kleid, in das feine Silberfäden eingewebt waren, die es glitzern ließen wie einen funkelnden Sternenhimmel. Dieser Anblick setzte sich in ihrem Gesicht fort, denn sie trug einen interessanten, dunklen und silber glitzernden Lidschatten, jedweder Schmuck war zudem in Silber gehalten. Ihre schwarze, lockige Haarpracht war wie gewöhnlich offen und fiel wallend über ihre Schultern, nur die vordersten Strähnen wurden durch eine silberne Spange zurückgehalten, damit sie ihr nicht ins Gesicht fielen. Ihre Maske erinnerte an eine schwarze Katze, deren Fell jedoch gerade an der Grenze zwischen dunkelgrün und tiefschwarz hing und je nach Blickwinkel unterschiedlich wirkte. Es brachte ihre strahlend grünen Augen besonders gut zur Geltung.
Salkyo dagegen hatte die Idee gehabt, schon mit der Ankunft ein falsches Bild von sich zu senden, nämlich das eines ehrenwerten Rondrianers, der nur zu ihrem Schutz da war. Um dann alle als ihr heimlicher Verbündeter zu überraschen. Er trug daher ein rot-silbernes Festgewand und eine Löwenmaske, die beeindruckend detailreich war. Sein Schwert hatte er natürlich ebenfalls angelegt, es gehörte ebenso zu dem Versprechen, das er den Solivinos gegeben hatte, wie zu dem ersten Eindruck, den er erwecken wollte.
Die Urbasierin und der Arivorer nickten sich bestätigend und anerkennend zu und machten sich sogleich auf den Weg zum Palazzo, wobei Salkyo Alvinia sanft am Arm führte. Sie wussten genau, welche Vermutung sie etwaigen Beobachtern damit nahelegten und mussten sich beide ein Grinsen verkneifen.

Familie Gerber

Avedane saba Fastina blickte aus dem Fenster der Kutsche und in beiläufigen Plauderton wandte sie sich an ihren Cousin: „Du bist dir sicher, dass du deine Spiel- und Trinksucht unter Kontrolle hast?“ Ehe der Angesprochene zu einer Antwort ansetzen konnte fügte die nicht mehr ganz taufrische tulamidische Schönheit hinzu: „Noch wichtiger, kannst du deine rahjanischen Triebe im Zaum halten, oder muss ich fürchten, dass du jedes halbwegs attraktive Weib zu besteigen versuchst?“ Noch immer blickte die Einundvierzigjährige aus dem Fenster.
Carolus Gerber blickte seine Cousine leicht gereizt an, schluckte seinen Zorn, aber hinunter und zwang sich zu einer höflichen Antwort. „Liebste Cousine, ich versichere dir, dass ich weder dir noch unserer Familie Ärger oder gar Schande bereiten werde. Ja, ich hatte lange Zeit jede Kontrolle über mich verloren und ja, ich habe einige Götternamen in einem Bordell gewohnt, aber das ist nun Vergangenheit und ich werde diese Chance, die Quenia mir gegeben hat, nutzen um zu beweisen, dass man sich wieder auf mich verlassen und mir vertrauen kann.“
Avedane blickte nun zu dem drei Götterläufe älteren Mann und sie lächelte, aber nicht wie erwartet, ein höhnisches Lächeln zierte ihr noch immer schönes Gesicht, sondern ein anerkennendes, freundliches Lächeln. „Dass du deinen Jähzorn bändigen und mir eine ordentliche Antwort geben konntest, ist bereits ein guter Anfang, mein lieber Carolus.“ Sie neigte ihren Kopf zur Seite und musterte den ehemaligen Leiter der Verwaltung und Buchhaltung der gerberschen Betriebe. „Du warst mir immer der liebste Cousin. Kilian ist so fürchterlich verkopft und auf die Alchemie fixiert. Hoberto war anfangs noch einigermaßen erträglich, aber sein Zwang, sich dem alten Adel anzubiedern und sich seiner Abstammung zu schämen, hat ihn immer weiter in den Abgrund und den Wahnsinn getrieben. Seine unrühmliche Rolle in der jüngeren Geschichte der Stadt und Republik hat die Familie einiges Ansehen gekostet. Zum Glück hatte der gesamte Rest der Familie sich sehr intensiv am Widerstand gegen den Möchtegernokkupator beteiligt, man hätte uns sonst mit Sicherheit davongejagt. Über 200 Jahre Schweiß, Fleiß und Aufopferung wären zunichte gemacht worden. Dafür hasse ich deinen Bruder und ich hoffe, sie finden ihn eines Tages und führen ihn seiner verdienten Strafe zu.“ Ihre Wangen hatten zum Ende ihrer Rede einiges an Farbe gewonnen und ihre Stimme war lauter und vor allem Hass erfüllt geworden. Ihre Fäuste waren geballt und ihre dunkelbraunen, leicht mandelförmigen Augen hatten dieses unheimliche Funkeln. Carolus suchte eilends das Thema zu wechseln:
„Und was ist mit Clarizia und Linara?“ Tatsächlich wurde der Blick der temperamentvollen Tulamidin wieder sanft und freundlich.
„Deine Schwestern liebe ich. Schon weil sie mich von Beginn an wie eine Schwester behandelt haben und ich bis heute ein sehr inniges Verhältnis zu ihnen habe. Aber sie können beide nicht so gut tanzen wie du, mein lieber Carolus.“ Nun war auch ihr strahlendes Lächeln zurück.
Der elegante und schlanke Efferdier verneigte sich. „Ich danke dir für dieses ausgesprochen schöne Kompliment!“ Sein Lächeln schwand allerdings gleich wieder, als er die Bewegungen unter dem Ärmel von Avedanes Kleid bemerkte. Eine graugelb gebänderte Schlange von schlankem Körperbau glitt etwa einen Spann aus dem rechten Ärmel und blickte sich züngelnd um.
„Sisranor mein Hübscher, hast du ausgeschlafen?“ Der Blick der Magierin hatte plötzlich einen äußerst liebevollen Blick. Sanft streichelte sie die Nesselviper.
„Warum kannst du keine Katze oder einen Hund als Haustier halten, muss es denn unbedingt eine Schlange sein?“ Carolus Gerber blickte leicht angewidert auf das Reptil.
Mitleidig lächelnd, streichelte Avedane den Kopf des Mäusejägers und sprach mit beruhigender Stimme: „Lass dich nicht ärgern mein Schatz, der gute Carolus weiß es nicht besser.“ Während sie das Tier weiter streichelte, sah sie nun zu ihrem Cousin. „Sisranor ist kein Haustier mein Lieber, er ist mein Seelentier!“ Dem sie nun auch schon wieder ihre gesamte Aufmerksamkeit widmete.
Carolus seufzte, er würde sich wohl nie an dieses Vieh gewöhnen und schon gar nicht daran, dass diese Schlange die meiste Zeit von Avedane in ihren Kleidern herumgetragen wurde. Zugegeben, es hatte auch Vorteile. Carolus war selbst einmal dabei gewesen als ein Betrunkener versucht hatte Avedane zu einem Tanz aufzufordern. Ihre Ablehnung hat den Kerl etwas aus der Fassung gebracht und er hat die Tulamidin grob am Arm, dummerweise etwas unterhalb der kurzen Ärmel gepackt und begonnen etwas von Miststück und ich werde dich lehren gefaselt ehe er entsetzt aufgeschrien und hektisch seine Hand zurückgezogen hatte. Zu seinem Glück sind diese Nesselvipern nur sehr schwach giftig und, wie ihm Avedane erklärt hatte, ist Sisranor in der Lage die Menge des Giftes, welches er injiziert zu dosieren. In dem Fall des Betrunkenen war kaum Gift geflossen, es ging nur um den Schreck und der Angegriffenen Zeit zu verschaffen. Wenige Augenblicke später kniete der Mann am Boden, hielt beide Hände zwischen seinen Beinen und hatte einen Dolch an seiner Kehle. Die Schwarzhaarige gab dem Mann den Rat, künftig einen großen Bogen um sie zu machen und sollte er jemals wieder den Fehler begehen ihr näher als fünf Schritt zu kommen, könne er sich künftig eine Stellung als Eunuch suchen. Die Viper hatte inzwischen genug Streicheleinheiten bekommen und schlängelte nun über die Hände der Tulamidin und verschwand in ihrem linken Ärmel. Wie lang war dieses Vieh eigentlich, überlegte Carolus in Gedanken.
„Gute acht Spann!“ kam die Antwort.
Dass war das Unheimliche an dieser Frau, auch wenn sie tausend Mal behauptete, nur eine gute Beobachtungsgabe zu haben, er wurde den Verdacht nicht los, dass sie sehr wohl in der Lage war Gedanken zu lesen.
Und wie zur Bestätigung kam: „Und nein, ich kann noch immer keine Gedanken lesen, ich habe einfach nur eine gute Beobachtungsgabe und kann Eins und Eins zusammenzählen, das ist alles.“
Das Fenster zwischen Kutschbock und Kabine wurde geöffnet. „Wir sind gleich am Ziel Signora saba Fastina und Signor Gerber.“ Damit schloss der Kutscher das kleine Fensterchen wieder.
Avedane blickte neben sich und lächelte. Neben ihr saß die dreizehnjährige Dettmarahja und schlief selig. Das schlanke, feingliedrige Mädchen darf hier ihr erstes gesellschaftliches Ereignis erleben. Lange hatte sie dazu ihre Eltern und die beiden Familienoberhäupter hartnäckig überreden müssen, bis letztlich alle vier zugestimmt hatten.
Dem Mädchen gegenüber neben Carolus saß Yoline und schlief ebenfalls. Die 26-jährige Kauffrau und Leiterin der Markthalle und des Viehmarktes war von den beiden Familienoberhäuptern der Familie Gerber mitgeschickt worden, um an ihrer Platzangst zu arbeiten und neue Bekanntschaften zu machen.
Die Tulamidin lächelte dem Efferdier zu: „Die jungen Leute hatten jetzt genug Schönheitsschlaf!“

Avedane trug ein opulentes Ballkleid aus roter Seide welches mit aufwendigen Silberstickereien verziert war. Auf dem Oberteil des Kleides war unzählige Male die Arcanoglyphe für Macht, auf dem Rock eine ebenso unübersehbare Zahl der Arcanoglyphe für Verständigung eingestickt. Die Borten an Ausschnitt, Ärmeln und am Rocksaum zeigten ineinander verschlungene Schlangenleiber. Dazu trug sie ein Stirnband aus roter Seide, von dem ein Schleier aus sehr feiner, roter Seide vor ihr Gesicht fiel. Ihr schwarzes, langes und leicht gewelltes Haar trug sie offen. Als einzigen Schmuck trug sie eine doppelreihige Perlenkette.
Yoline und Dettmarahja trugen Kleider im Stil der Moda alla Aureliana. Die dunkelblonde Kauffrau trug ein knöchellanges, gerade geschnittenes Kleid aus Brokat in Gerbergrün mit Goldfäden durchwirkt. Über die Schultern hatte sie ein großes Seidentuch, im gleichen Grünton das mit hesindegefälligen Symbolen golden bestickt war. Um den Hals hatte sie eine feine Goldkette mit einem kleinen Smaragdanhänger angelegt. Seidenschuhe in passendem Grün, mit kleinem Absatz zierten ihre Füße.
Das Mädchen mit dem dicken, langen, glatten und pechschwarzen Haar trug ein bodenlanges, gerade geschnittenes Kleid aus reinweißer Seide mit sehr hoch angesetzter Taille und kurzen Ärmeln, wie es für die Moda alla Aureliana typisch ist. Auch sie hatte ein großes kunstvoll besticktes Seidentuch über den Schultern drapiert. Allerdings war ihr Tuch von dunklem Efferdischblau, ein Blauton, welcher einen leichten Stich ins Grüne hatte. Bestickt war das Seidentuch mit efferdgefälligen Symbolen in Silber. Dazu trug sie flache, reinweiße Seidenschuhe. Die Dreizehnjährige hatte eine feine Perlenkette um den Hals und ein silbernes, mit Perlen besetztes Diadem in den Haaren.
Carolus schließlich trug eine hüftlange Weste aus Brokat in Gerbergrün mit Silberfäden durchwirkt. Auf den für die Moda alla Aureliana typischen, betonten Schulterstücken und dem Stehkragen befanden sich Stickereien, die unterschiedliche, stilisierte Tierdarstellungen zeigten. Darunter hatte er ein weites, weißes Hemd, Schärpe und eine enge Kniebundhose. Seine Füße steckten in Stulpenstiefeln aus schwarzem Leder. Carolus verzichtete auf jeden Schmuck mit Ausnahme eines Siegelringes.
Das frauenlastige Quartett passierte die beiden marmorweißen Drachen, welche die breite Eingangstreppe des Palazzos flankierten und traten in die Mohagonihalle.

Familie Varducchio

Der Duft von frisch geöltem Holz hing schwer in der Luft. Die Handwerker hatten sich redlich Mühe gegeben, die Kutsche instand zu setzen. Das familieneigene Olivenöl verlieh dem Holz einen dunkleren, edleren Ton, der im Schatten beinahe an Mohagoni erinnerte. Das rhythmische Auf und Ab des Weges ließ das frisch gemalte Familienwappen auf der Tür tanzen, doch anders als ein echter Ölbaum warf es keine Früchte ab. Glücklicherweise war die Farbe längst durch die kräftigen Strahlen der Praiosscheibe getrocknet, die unerbittlich auf das durch die Landschaft ziehende Gefährt niederbrannten.

Während dem Kutscher bereits der Schweiß von der Stirn tropfte, war es im Inneren der Kutsche verhältnismäßig kühl. Die Vorhänge waren so gut es ging zugezogen, sodass im dämmrigen Dunkel Mythraela und Horasianne Varducchio die Umrisse der jeweils anderen erkennen konnten.
Warum mussten wir ausgerechnet den heißesten Tag der Woche für unsere Abreise wählen, grummelte Mythraela in Gedanken. Zwei Tage später hätte es vollkommen gereicht. Aber natürlich hatte Mutter darauf bestanden, früh aufzubrechen, um sich noch um irgendwelche dringenden Angelegenheiten zu kümmern. Worum genau es dabei ging, wusste Mythraela nicht. Doch vielleicht ließe sich das im Laufe der Reise noch herausfinden.

Draußen glitt währenddessen eine malerische Landschaft vorbei: sanfte, von Zypressen und knorrigen Olivenbäumen gesäumte Hügel, dazwischen Felder aus goldgelbem Weizen und kleine Dörfer mit weißen Mauern und roten Ziegeldächern, über denen die sengende Sonne flimmerte.

Im Inneren der Kutsche herrschte seit Stunden eine bedrückende Stille, unterbrochen nur vom stetigen Rumpeln der Räder auf der staubigen Straße. Mythraela spürte, wie sich in ihr der Wunsch regte, das Schweigen zu brechen. Doch was sollte sie sagen? Sie rang noch mit den Worten, als die Kutsche unvermittelt zum Stehen kam. Horasianne hob den Kopf und sagte ruhig: „Wir sind da.“ Einen Augenblick lang blieb alles still. Dann legte Mythraela die Hand auf die schwere Tür und drückte sie langsam auf.
Kaum hatte Mythraela den Fuß auf den Kies gesetzt, löste sich aus dem Schatten des Palmenhains ein Mann. Sein Gesicht blieb halb verborgen, die Stimme jedoch warm und überraschend vertraut: „Signora Horasianne.“ Mythraelas Mutter erwiderte mit einem kaum merklichen Lächeln den Gruß, als sei es eine Begegnung, die keiner weiteren Erklärung bedurfte. Ein paar leise Worte wechselten zwischen den beiden – zu leise, als dass Mythraela sie hätte verstehen können. Als der Mann sich schließlich kurz verneigte und wieder im Zwielicht verschwand, blieb Mythraela einen Herzschlag lang stehen. „Wer war das?“, fragte sie. Horasianne legte ihr nur die Hand auf den Arm. „Jemand, den du vielleicht bald kennenlernen wirst. Aber nicht jetzt.“ Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, stieg Horasianne wieder in die Kutsche ein.

Sanft schaukelte die Kutsche der langsam sinkenden Praiosscheibe entgegen, die noch immer hoch genug am Himmel stand, um die Welt in warmes, goldenes Licht zu tauchen. Hätte jemand in diesem Moment zu Mythraela hinübergeblickt, so hätte er eine junge Frau erblickt, deren braunes Haar kunstvoll hochgesteckt war, durchzogen von feinen, goldenen Fäden, die im Sonnenlicht glimmten wie flüssiges Gold. Ihr Kleid – neu und ungetragen – war in edlem Olivgrün gehalten, leicht genug, um der Wärme des Tages zu trotzen, doch dicht gewebt, um sie auch in der nahenden Kühle der Nacht zu schützen. Ein Hauch von Rouge lag auf ihren Wangen, zart wie der erste Schimmer der Dämmerung. Doch wer genau hinsah, bemerkte das feine Unbehagen, das in ihrem Blick lag – ein inneres Zögern, das sich nicht ganz verbergen ließ. Mythraela starrte gedankenverloren aus dem Fenster, während das sanfte Rumpeln der Räder sie näher an ihr Ziel brachte. Der Palazzo – schon fast zum Greifen nah – hob sich nun deutlicher vom abendlichen Licht ab.

Der Kutscher hielt kurz inne, um einem anderen Gefährt den Vortritt zu lassen. Dann setzte sich das Wappen der Familie Varducchio wieder in Bewegung, Schritt für Schritt, gleich einem zeremoniellen Marsch in eine verheißungsvolle Zukunft.

Als die Kutsche langsamer wurde, griff Mythraela neben sich. Auf dem dunklen Leder lag ihre Maske – eine kunstvoll gearbeitete Löwin aus goldfarbenem Metall, stolz, edel, wild. Nicht, dass sie sich Rondra besonders verbunden gefühlt hätte – doch vor einigen Jahren hatte ein angesehener Magier ihr Seelentier bestimmt, und es war die Löwin gewesen, die in seinem Spiegel erschien. Sie selbst hätte lieber einen Fuchs gesehen. Oder einen Vogel, frei, leicht und schwer zu fassen. Doch das Schicksal, so sagte man, wählte nicht nach Wunsch. Langsam hob sie die Maske, setzte sie vor ihr Gesicht und stieg aus der Kutsche. Vor ihr erhob sich der Palazzo, prächtig und voller Versprechen. Ihr Blick glitt zum Himmel, wo die Praiosscheibe sich nun auf den Abstieg vorbereitete – und ein leiser Laut des Entzückens entfuhr ihren Lippen, kaum hörbar, aber voller stiller Erwartung.

Haus Legari

Daria Legari blickte aus dem Fenster hinaus. Wer hätte gedacht, dass der Großherzog noch einmal ein Fest in diesem Palazzo geben würde. Sie war schon einmal hier gewesen, vor langer, langer Zeit. 30 Jahre musste es jetzt her sein, dass sie hier auf einem Fest zu Gast gewesen war und das war ein Fest gewesen! Und jetzt wurde zum Spiel der Füchse geladen, das würde sehr interessant werden. Sie hatte auf jeden Fall vor sich zu amüsieren. Ihr Kleid hatte sie bei der letzten Rast angelegt und sie musste der kleinen Ventagento Schneiderei ein Kompliment aussprechen. Es war eine Robe aus Mitternachtsblauer und violetter Seide, auf der unzählige sich überlappende Seidenstücke aufgenäht waren, sodass sie zusammen ein Schuppenkleid bildeten und die weiten Glockenärmel erinnerten an Flügel. Dazu passend lag eine blau seidene Drachen Maske auf dem Platz neben ihr.
„Äh, Großtante Daria? Seid ihr euch ganz sicher das ich das wirklich tragen soll?“ ihr gegenüber saß ihre Großnichte Ardara in einem schwarz-weißem Kleid, das hier und da Einblicke auf ihre blauen Unterröcke gestalte und hielt die dazu passende Elster-Maske mit einem ziemlich spitzen Schnabel hoch, „Mit dem Ding ermorde ich vielleicht jemanden.“ Daria warf ihr einen schnellen Blick zu und nickte. „Es ist ein Symboltier für Phex, wir gehen auf einen Maskenball und wollen weder als Delfin noch als Fennek gehen. Ist es nur eine Halbmaske heißt du kannst damit sogar einen Happen essen. Also warum nicht?“ Die Jüngere seufzte „Ich bin mir immer noch nicht sicher ob das hier eine so gute Idee ist. Ich war noch nie auf einem Fest mit so vielen Hochrangigen Leuten.“ Daria beugte sich vor und nahm ihre Hände „Erstens musst du absolut nichts tun. Wenn es dir zuviel wird, kannst du jederzeit auf dein Zimmer gehen. Das ist vollkommen in Ordnung. Es sind ein paar Leute da, die ungefähr in deinem Alter sind, du kannst mit ihnen reden, aber das muss auch nicht sein. Vielleicht ist aber ein fescher junger Mann dabei.“ Sie zwinkerte. Ihr Gegenüber schnaubte „Ich bin noch viel zu jung zum Heiraten.“ „Wer hat was von heiraten gesagt?“, gluckste die Ältere „Für sowas hast du noch ewig Zeit. Ich werde an einigen der Spiele teilnehmen, du schaust dir alles an und später können wir darüber reden.“ Ein verschmitztes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen „Du bist Horasierin und ich werde auf keinen Fall zulassen, dass du deinen Aufsatz für die Herzogenschule über ‘Vom Wesen des Staates’ von diesem Garether Pedanten mit Stock im Hinterteil schreibst. Auf Festen wie dem hier wird fast so viel oder vielleicht sogar noch mehr Politik gemacht wie in den Ausschüssen des Senats. Wir werden uns ein wenig amüsieren und schauen was kommt, wenn so viele Phexianer aufeinander treffen gibt es meist Überraschungen. Dexter kannst du danach immer noch lesen.“ Damit schien sie ihre Cousine etwas beruhigt zu haben.
Die Kleine entwickelt sich gut, dachte sie und kraulte dem Rahjatänzer, der ihr auf den Schoß gesprungen war, hinter den Ohren, die Reise auf die Zyklopeninseln, Methumis und jetzt dieser Ball. Sie hatte sich fast ein wenig Sorgen gemacht das ihre Großnichte in Chintur versauern würde, so wenig Mühe wie sich Myrena mit ihrer Ausbildung gab.
„Signora, wir sind da!“, rief der Kutscher von vorn und riss sie aus ihren Gedanken. Na endlich, sie waren in der letzten viertel Stunde nur noch stockend vorwärts gekommen, weil sie in einer langen Reihe aus Kutschen standen, die schon vor ihnen eingetroffen waren.
Daria setzte ihre Maske auf, wobei sie darauf achtete, ihre Frisur nicht durcheinander zu bringen, schlüpfte in die blauschwarzen Handschuhe und prüfte ihr Erscheinungsbild ein letztes Mal im Handspiegel. Ihre Haare waren fest nach hinten geflochten und ihr Schmuck bestand aus Saphiren und geschwärztem Silber, alles passte zusammen.
Als sich die Kutschentür öffnete, setzte sie ohne zu zögern den Hund auf den nun freien Platz neben sich, ergriff die angebotene Hand eines Dieners und stieg aus. Eine kühle Brise fing sich in ihren Ärmeln, raschelte in den Zweigen der umliegenden Büsche und brachte die Fackeln zum flackern, wodurch die Schatten durch den Garten tanzten. Gäste schritten allein oder in Paaren vor ihr den Weg entlang, alle Gesichter hinter Masken verborgen, in Richtung eines Anwesens das angeblich in den letzten paar Monaten hektisch, von einer Bruchbude, zu einem prächtigen Palazzo umgeschmückt worden war. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, dem alvaranischen Täuscher würde es gefallen.

Familie Ventargento

Das war einmal ein Haus. Eadwin Ventargento unter seiner Maske, als er den letzten Teil der Auffahrt zum Palazzo des Granducco'd'Alentino herauf stieg. Das war einmal etwas nach seinem Geschmack. Nicht immer noch nur ein weiteres Turnier nach einem Turnier nach einem Turnier. Wer wollte schon an einem Turnier teilnehmen, er korrigierte sich sofort, wer bei Sinnen wollte bitte schon an einem Turnier teilnehmen. Als Eadwin also von einem Freund von dieser Veranstaltung erzählt bekommen hatte, hatte er fast sofort zugesagt. Er richtete noch einmal den Sitz seiner Maske und Kleidung und trat kurz gefolgt von seiner Dienerin durch die Tür.
Stimmengewirr und Wärme schlugen ihm entgegen. Nachdem er die Stimmung kurz hatte auf sich wirken lassen, durchsuchte er den Saal mit Blicken nach Personen, die er trotz der Masken erkannte. Dort war Daria Legari, der er schon in [Efferdas]] ein oder zwei mal begegnet war, dann hörte er den Namen Solivino. Auch damit konnte er etwas anfangen, eine Familie aus Urbasi oder hieß es jetzt anders. Eadwin hatte irgendetwas in dieser Richtung mitbekommen, war sich aber nicht mehr sicher. Diese Frau dort drüben, er war sich fast sicher das sie etwas mit den Gerbern zu tun hatte. Eadwin würde also nicht nur von Unbekannten umgeben sein. Ob das ein Vorteil war oder nicht, würde sich noch herausstellen. Und das hässlichste Gewand hatte er anscheinend auch nicht. Irgendeinen Vorteil musste es ja haben, mit so vielen Schneidern verwandt zu sein.
"Herr... dass ist einer dieser Anlässe, zu dem ich dich als Herr ansprechen soll oder?" Eliv, seine Dienerin, sah sich ebenfalls im Raum um. "Wäre es falsch hätte ich dich unterbrochen." Eadwin drehte sich leicht in ihre Richtung "Was ist?" "Das ist ja ein Maskenball, das habe ich verstanden, aber was stellst du, ich meine Ihr, da? Und was bin ich?" "Das ist eine Frage, die du mir vielleicht früher hättest stellen sollen. Aber in Ordnung ich bin die Spinne Schneiderin inmitten ihres Netzes." Er deutete auf die sechs Steine die links und rechts neben den Augenlöchern seiner Maske angebracht waren. Das war wirklich nicht allzu schwer zu erkennen gewesen. "Stimmt, das sieht man und was bin ich? Eine Fliege die an euch hängen geblieben ist?" "Du bist natürlich der Frühling was denn sonst?" Eadwin verzog leicht das Gesicht. Ihm kam der Gedanke, das sie sich vielleicht absichtlich so dumm anstellte und und begann in die Menge hienein zu waten.

Comto Folnor von Firdayon-Bethana: “Ein hoher Gast…für hohe Einsätze”

Ein leises Schnauben, gefolgt vom rhythmischen Klacken beschlagener Hufe auf grobem Pflaster, kündete von der nahenden Ankunft. Inmitten der malerischen Farbenpracht des herbstlichen Morgens – das Laub ein flammendes Mosaik aus Gold, Kupfer und Blutrot – schob sich die kleine, aber dennoch auffällig prunkvolle Reisekarawane den letzten Anstieg zur südlichen Pforte des Palazzo Alentino empor. Voran trabte ein schlanker Rappen mit goldbeschlagenem Zaumzeug, auf dessen Rücken ein hochgewachsener Reiter in glänzender Rüstung saß, den Umhang mit dem Wappen des Hauses Firdayon-Bethana stolz im Wind flatternd.
„Heda, öffnet die Tore für Comto Folnor von Firdayon-Bethana, Baron zu Aldyra, Paladin des Horas, Erbe Vinsalts – und Herr der Würfel!“ rief sein Begleiter in übertriebener Theatralik, ganz in der Manier, wie es sein Herr liebte. Folnor lachte auf, volltönend und frei, wie man es von ihm kannte. Selbst wenn es nur ein Spiel war, so war es doch sein Spiel. Und das Spiel der Füchse – wie sein entfernter Verwandter Jucho es so schön nannte – war genau nach seinem Geschmack.
Die massiven Flügeltore mit dem frisch vergoldeten Anstrich öffneten sich quietschend, die Wachtürmchen rechts und links lugten wie alte Greise auf das Geschehen herab. Corporal Marcello Brutale, zupfte an seinem Kinnbart, bevor er salutierte. „Seid willkommen, Comto. Der Gastgeber lässt Euch grüßen – das Spiel beginnt in Bälde.“
Folnor zwinkerte. „Wenn das Spiel ruft, folgt man ihm, wie ein Fuchs dem Duft der Gans.“ Er schwang sich mit eleganter Bewegung aus dem Sattel. Der Hof war erfüllt vom Duft frisch geschnittenen Heus, aus dem nahen Stall drangen gedämpfte Stimmen der Stallknechte, die bereits mit dem Ausladen seiner Kisten und dem Versorgen der Pferde begannen.
Zwei marmorweiße Drachen flankierten die breite Eingangstreppe des Palazzos, und Folnor nickte ihnen anerkennend zu. „In Eurer Gesellschaft wird es schwerfallen, sich nicht wie ein Held aus einer alten Heldengeschichte zu fühlen.“ Der Kronleuchter in der Eingangshalle spiegelte sich in seinen Augen, während er sich die Handschuhe abstreifte und einem wartenden Diener reichte. „Sagt dem Gastgeber, der lokale Baron ist eingetroffen – und gewillt, seine Ehre und seinen Goldbeutel gleichermaßen aufs Spiel zu setzen.“ Er lachte schallend, griff sich ein Glas Wein vom silbernen Tablett einer geschmeidig sich verneigenden Dienerin und drehte sich einmal im Kreis. Die Holzvertäfelung glänzte, der Boden war blank poliert, und in der Luft lag ein Hauch von Citrus und Jasmin – vermutlich aus Dariano Falsitas Arangerie.
„Euer Zimmer befindet sich im Obergeschoss, mit Blick auf den Yaquir, säuselte die Zofe. Folnor hob eine Braue. „Und mit Himmelbett?“ „Selbstverständlich.“ „Dann ist das ja schon mal ein Gewinn – ganz ohne zu würfeln.“ Ein leises Kichern hinter einem Wandvorhang, vielleicht eine junge Damen, die auf ein rahjanisches Abenteuer hoffte, oder doch nur eine phexische Lauscherin? Der Baron ignorierte es…vorerst. Schließlich war dies das Spiel der Füchse, und ein Fuchs kehrte nie ohne Grund in seinen Bau zurück.
„Nun denn“, murmelte er in sich hinein, „auf dass Jucho sein Denkmal findet – sei es in Gold gegossen oder in Geschichten über das, was nun folgen mag.“ Dann stieg er gemessenen Schrittes die Treppe zum Obergeschoss hinauf, bereit, das Spiel zu beginnen.

Gilia II. von Nordersteyn erreicht den Palazzo Alentino

Ein flüchtiger Blick genügte, und Gilia wusste, dass der Tag ihr hold war – zumindest oberflächlich betrachtet. Ihr Reisewagen, schlicht und unscheinbar, rollte rumpelnd über die mit Schlaglöchern übersäte Via Rondra, begleitet von einem einzelnen Reiter, der sich als treuer Diener ausgab, in Wahrheit aber zum verschwiegenen Ordens vom Kleeblatt gehörte.
Im dämmrigen Licht der aufsteigenden Praiosscheibe konnte Gilia den Palazzo Alentino bereits aus der Ferne erkennen, jenes legendäre Anwesen, das einst ein Prunksitz und Spielstätte höfischer Intrigen war. Ihre Finger ruhten auf dem Knauf ihres Spazierstocks, während die andere Hand ein schmales, in Leder gebundenes Buch hielt: eine chiffrierte Aufstellung jener „Mitspieler“, die sich bereits angekündigt hatten – Adlige, Händler, mutmaßliche Verbündete und mögliche Gegner.
Der Weg zum südlichen Tor war matschig, und ihre Wagenlenkerin, ein robustes aber einfältiges Weibsbild aus den Nordmarken, fluchte leise über die Pfützen, in denen sich der Himmel spiegelte. Als sie die frisch gestrichenen goldenen Flügeltore passierten, musterte Gilia mit einem kaum merklichen Nicken die unvollständig renovierten Türmchen. „Der Schein, nicht das Sein“, murmelte sie, mehr zu sich selbst, denn zum Kutscher, der sie begleitete – einem schweigsamen Akholuten aus Grangor.
Der Empfang am Tor war höflich, doch formlos. Ein junger Bursche, kaum älter als sechzehn, führte sie durch den Eingangsbereich. Im Haupthaus schließlich empfing man sie mit gewählter Höflichkeit. Das Mohagoni glänzte, die Kronleuchter funkelten wie Sterne, doch es waren die Schatten dazwischen, die Gilia interessierten. Die subtilen Markierungen, die ein anderer Gast an den beiden Drachenstatuen am Eingang hinterlassen hatte. Sie erkannte sie sofort: Ihr Glaubensbruder war bereits hier.
Gilia II. von Nordersteyn trat schließlich auf den langen Balkon im Obergeschoss, von wo aus man einen prachtvollen Blick auf die Gärten und Pavillons hatte. Der Wind trug den Duft von feuchter Erde heran. Unten im Park schob ein Gärtner eine Schubkarre ausgerechnet über eine jener Holzbrücken, die sich absenken ließen. Gilia lächelte. Der Palast lebte wieder, doch nicht jeder wusste, welche alten Geister ihn wirklich bewohnten. Mit einer Hand griff sie sich an die Haarnadel im Haar und drehte das Abzeichen darauf um. Es zeigte nun ein grünes Kleeblatt auf goldenem Grund. Wer es verstand, der wusste nun: Die Großkomturin war angekommen und der Tanz hatte begonnen.

„In Samt und Seide“ – Horakles Kanbassa beginnt das Spiel der Füchse

Es war die Farbe des Morgens, die Horakles Kanbassa als erstes in ihren Bann zog. Ein blutroter Himmel, dramatisch wie eine vinsalter Tragödie, spannte sich über das herbstgoldene Land, das in all seinen Tönen zwischen Kupfer, Honig und verglühendem Ocker leuchtete. Der Wind, der über die Hügel am Yaquir fuhr, spielte mit den letzten Blättern wie ein Galan, der seine Tanzpartnerinnen zu einer letzten Kuslikana bat.
Der Wagen, der da gemächlich die Straße hinaufrollte, war nobel, aber nicht prahlerisch. Dunkel gebeiztes Holz, vergoldete Beschläge, zwei Dienerinnen im eleganten, aber dezenten Tuch. Das Familienwappen der Kanbassa war nicht sichtbar, dafür aber der gut erkennbare, stilisierte Hummer an der Deichsel: ein subtiles Zeichen für jene, die zu lesen verstanden.
Horakles Kanbassa saß aufrecht. Die Seide seines dunklen Mantels schimmerte matt, als würde sie das Licht verschlucken. An seiner Seite, ungewohnt öffentlich, Salia Changbari, in weinrotem Samt mit silberfarbener Schärpe. Die Witwe seines verstorbenen Bruders, nun seine stete Begleiterin, sein stiller Trotz gegen alle Konvention, sein Halt auf rauer See. Er trug keinen Schmuck außer einem Siegelring und einem antiken goldenen Ohrstecker mit bernsteinfarbenem Stein, ein Erbstück aus der Sammlung seines Vaters. Die Hände aber lagen offen, leer und ausdrucksstark auf seinen Oberschenkeln, als wolle er jeden begrüßen, der zu ihm spräche. Nur wer genau hinsah, erkannte das feine Zittern der Linken, welches ihn seit der Flucht aus Efferdas plagte.
Als die hohen, frisch lackierten Tore des Palazzo Alentino in Sicht kamen, legte Horakles die Stirn in Falten. Erinnerungen. Feste. Gespräche. Bündnisse. Verrat. Alles, was man in solchen Häusern gewann - oder verlor.
„Es ist ein Spielplatz der Eitelkeiten“, sagte er leise zu Salia, die ihn mit einem müden Lächeln bedachte. „Oder ein Ort der Wiedergeburt“, erwiderte sie. „Was immer du willst, Horakles.“
Der Wagen hielt. Und Horakles stieg aus, mit jener gebotenen Würde, die nur jemand bewahren konnte, der fast alles verloren und doch nie seinen Stolz abgelegt hatte. Seine Stiefel fanden Halt auf dem noch leicht feuchten Kies, sein Blick wanderte über die Parkanlagen, wo fleißige Hände letzte Vorbereitungen trafen.
Er sprach ein leises Gebet in den Wind, eigentlich eher eine Geste als ein Gebet. Dann schritt er in Richtung Haupthaus. Die Marmordrachen zu beiden Seiten des Eingangs begrüßten ihn mit ihrer stummen Wucht. Wie seine Familie waren auch sie einst prächtig, nun angestaubt, aber nicht vergessen.
Horakles trat ein. Die Mohagonihalle lag vor ihm wie eine Bühne. Er atmete den Duft von frischem Wachs, Kräuterpolitur und Erinnerungen ein. Der Kronleuchter über ihm glitzerte – doch in seinen Augen spiegelte sich etwas anderes: ein Wille, der nicht gebrochen war.
„Ich mache uns die Türen auf“, flüsterte er, kaum hörbar. „In Samt und Seide werden wir gehen.“ Die Worte seines Großvaters. Und sein eigener Schwur.
Und so trat Horakles Kanbassa ein ins Spiel. Nicht als reicher Patron, nicht als Senator. Sondern als der Mann, der seine Familie wieder aus der Asche führen würde. Und wenn es morgen sein musste, oder in ferner Zeit. Es würde sein.

Ippolito Aspoldo erreicht den Palazzo

Ippoltio Aspoldo war extra aus Urbasi angereist, um die Spiele zu sehen. Therengar davon zu überzeugen, war erstaunlich einfach gewesen. Ippolito hatte ihm fest versprochen, mit mehr nach Hause zu kommen, als er hinging. Sein Auftrag war, neue Handelspartner zu finden und die Familie Aspoldo bei diesem Ereignis zu repräsentieren. Therengar hatte ihm das extra noch einmal eingeflößt, dass er deswegen hier war und nicht nur seines Spaßes wegen. Ippolito dachte ein wenig über Therengar nach und kam zum Schluss, dass er manchmal ein wenig überbesorgt war. Er würde ihm das beweisen und dort bei den Spielen Therengars Vertrauen bestätigen.
Er trug ein langes, silbern verziertes Gewand, geschmückt mit dem Wappen der Familie. Damit wollte er von Anfang an nicht schäbig, aber auch nicht zu prunkvoll aussehen, um nicht als starker Gegner zu gelten.
Der Kutscher öffnete kurz das Fenster, sagte “Wir sind gleich da, Signor Aspoldo” und schloss es direkt wieder. Die Kutsche, geschmückt mit dem Wappen der Familie Aspoldo und mit kleinen silbernen Verzierungen, rumpelte über das Kopfsteinpflaster und hielt mit einem letzten Knarren am Palazzo Alentino. Die Pferde schnaubten leise, ein wenig erschöpft von der Reise.
Ippolito hatte nicht das Beste von seiner Familie bekommen, aber auch nicht das Schlechteste. Phexische Spiele waren dort nicht so angesagt wie woanders, aber wer die Spiele gewann, dem waren Ruhm und Einfluss sicher und auch so konnte man dabei gute Verbindung knüpfen.
Ippolito Aspoldo schob den Vorhang beiseite und sah nach draußen. Der Innenhof lag still da, von den letzten Lichtstreifen des Tages durchzogen. Eine Zofe kam hastig angelaufen und verbeugte sich schnell. "Signor Aspoldo, willkommen im Palazzo Alentino!" Ippolito sprang schnell auf und folgte ihr ins Haus.

„Die Bühne ist nicht der Ort der Wahrheit“ Dalia Ollanturs Ankunft in Alentino

Der Reisewagen, der durch das geöffnete Südtor des Palazzos rollte, war schlicht, aber geschmackvoll. Keine überladenen Wappen, keine auffälligen Farben, sondern nur ein einzelnes rotes Muschelhorn auf silbernem Grund. Die Pferde waren silbrig-grau mit rotem Geschirr, fast theatralisch farblich abgestimmt. Selbst die Kutsche selbst wirkte mehr wie Requisite denn wie echtes Gefährt.
Als die Tür geöffnet wurde, war kein eiliger Schritt zu hören, kein fröhliches Ausrufen, kein verzücktes Staunen. Stattdessen trat Dalia Ollantur mit einer Gelassenheit aus dem Wagen, die auffallend wirkte. In ihrem purpurfarbenen Kleid mit einem Mantel aus schwarzem Samt, der ihr wie ein Schleier nachwehte, schien sie eher einer Premiere als einem höfischen Spiel beizuwohnen. Ein flüchtiges Lächeln spielte um ihre Lippen – nicht für irgendjemanden bestimmt, sondern wie Teil eines inneren Dialogs.
Sie ließ den Blick über das Gelände schweifen, nicht prüfend, sondern wie eine Regisseurin, die eine fremde Bühne betritt.
„Ah... Kulissen mit Vergangenheit“, murmelte sie mehr zu sich selbst als zu ihrer Schwester, die schweigend neben ihr stand. „Ich frage mich, ob die Geschichte hier in lauten Versen spricht oder doch eher flüstert.“ Andara Ollantur antworte leise. „Dalia, das hier ist doch kein Theater?!“ „Ich weiß.“ Sie drehte den Kopf, als würde sie sich absichtlich dem Publikum zuwenden. „Im Theater weiß jeder, dass er spielt.“ Dann neigte sie leicht den Kopf zu einem herannahenden Corporal der Wache.
„Baronessa Ollantur, willkommen im Namen des Gastgebers.“ Dalia lächelte verbindlich. „Wie freundlich. Ich hoffe, es stört niemanden, dass ich von Glücksspiel und Pferdewetten keine Ahnung habe.“ Ihre Stimme war weich, von kultivierter Müdigkeit durchzogen. „Ich interessiere mich mehr für Geschichten.“ „Natürlich“, sagte der Corporal, etwas verwirrt. „Es... wird sicher viele Geschichten geben in den kommenden Tagen.“ „Oh, da bin ich sicher“, entgegnete sie ruhig lächelnd. „Manche davon werden sogar wahr sein.“
Sie trat vor, ihre Bewegungen fließend, ruhig, wie ein Schatten in einer gut geprobten Szene. In einer Hand hielt sie ein feines Notizbuch, in der anderen eine kleine, mit Leder bezogene Schatulle. Ein Geschenk? Eine Waffe? Ein Symbol? Niemand wagte zu fragen.
Ludo Ollantur, der Onkel, trat nun hinzu, sein Gesicht abwartend und voller Argwohn gegen diese ganze aufgeputzte Szenerie. „Spiel nicht zu sehr mit ihnen, Dalia. Irgendwann sehen sie hinter die Maske.“ flüsterte er in ihr Ohr. „Das hoffe ich sogar“, antwortete sie flüsternd, ohne ihn anzusehen. „Denn solange sie nach einer Maske suchen, bemerken sie nicht meine Hand am Vorhang.“
Sie betrat die Eingangshalle des Palazzos mit einem fast ironischen Staunen, als wäre das alles zu groß, zu reich, zu albern für jemanden, der auf den Brettern lebte, die die Welt bedeuten. Doch unter dem versonnenen Blick, mit dem sie die Stuckverzierungen musterte, hinter der charmanten Selbstverleugnung einer Frau, die stets behauptete, an nichts Politischem interessiert zu sein, lag ein genaues Studium: Wer steht wo? Wer schaut zu wem? Wer bleibt allein? Im Schatten der Mahagonihalle ließ sie kurz den Blick zur Wand schweifen, wo ein Zinken – kaum sichtbar – eingeritzt war. Ihre Lippen zuckten. Kein Diener hätte ihn beachtet. Aber sie wusste: die Sprache dieser Mauern sprach nicht in Versmaß, sondern in Zeichen. Und sie sprach fließend.
Als sie zur Treppe aufstieg, hörte man einen jungen Adligen leise sagen: „Sie ist reizend. Aber völlig entrückt, geradezu vinsaltesk.“ Dalia blieb kurz stehen. Nur einen Moment. Dann sah sie über die Schulter zurück, als hätte sie ein entferntes Echo gehört. Ihr Lächeln war milde. Und dann verschwand sie hinter der Kurve der Treppe

Familie ter Braken

Tineke ter Braken

Tineke konnte immer noch nicht so richtig glauben, in was sie da hineingeraten war. Von Anfang an war es eigentlich zu absurd, um wahr zu sein. Nicht, dass sie das in irgendeiner Weise störte. Jetzt war es eh zu spät, sie saß in der Kutsche, oder vielmehr hinter ihr, bequem gebettet inmitten unzähliger Taschen und Koffer, die Wangen rot vom Fahrtwind.

Alles hatte angefangen mit dem Mann mit der Maske, wenn sie so nachdachte. Sie wusste noch immer nicht, was ihn dazu veranlasst hatte, aber er hatte ihr von diesem Adelsball erzählt, scheinbar ohne Zusammenhang. Exklusive Gäste, die Wert auf Privatsphäre legten, Eintritt nur auf Einladung. Erst hatte sie ihn für einen Verwirrten gehalten, einen Fall für die Noioniten, dann für einen dieser Schwindler, die einem eine einmalige Gelegenheit verkaufen wollten, für nur eine Handvoll Silberlinge. Aber dann präsentierte er einen sorgfältig gefertigten Brief, mit Golddurchschlag, dazu einen Preis bei dem ihr schwindlig wurde.
Das nächste Mal sah sie ihn einige Wochen später, als er im Schloss Corello ein- und ausging, aber er grüßte sie nur rasch und entfernte sich.
Als sie ihn das dritte Mal traf, saß er auf einer Bank am Wasser, ganz zufällig, mit einem Körbchen Leckereien. Weil ihre Freunde alle Zuhause waren und nicht zum Spielen raus durften, setzte sie sich kurzerhand neben ihn auf die Bank, fest entschlossen, seinen Schwindel auffliegen zu lassen. Nach einigem Hin und Her war Tineke so weit wie zuvor, nein, ihre Ratlosigkeit war nur angestiegen. Elegant hatte er ihre Neugier getadelt, mit halbseidenen Rätselsprüchen abgelenkt, ihr plötzlich einen Keks angeboten und so weiter, keinen Mucks konnte sie ihm entlocken über diesen angeblichen Ball und woher er darüber so gut bescheid wusste. Wäre er nicht so eindeutig erfreut über ihren verbalen Schlagabtausch, hätte sie fast vermutet, dass er irgendein Gelübde an Boron gegeben hatte, niemanden darüber zu informieren. So jedoch? Eher nicht.
Der Mann schwieg einige Momente, dann setzte er erneut an, diesmal offenbar mit einem ernsten Anliegen: “Sag, machen dir solche Unterhaltungen überhaupt Spaß? Das muss doch ermüdend sein, sich hier mit einem alten Mann wie mir zu streiten, willst du nicht lieber mit anderen in deinem Alter spielen?” “Die dürfen alle nicht raus, aber selbst wenn, ich mag das. Wenn das Gespräch so hin und her geht, meine ich. Und außerdem, weißt du was? Ich glaube dir deine irre Geschichte von diesem erlesenen Ball.” “Sollte ich sagen, ich fühle mich geehrt?” Offensichtlich wusste der Mann nicht recht, wie er reagieren sollte auf den Spott einer bald Zehnjährigen, wie sie ihm erläutert hatte. “Wenn du dich tatsächlich geehrt fühlst, kannst du mir ja erzählen, was es damit genau auf sich hat und woher du das weißt”, blitzschnell nutzte Tineke die Lücke aus. “Und wenn das nicht ernst gemeint war, könntest du meine Neugier befriedigen, so als Entschuldigung für die Lüge.” Na, mal sehen, wie du da rauskommst, alter Mann! Zufrieden nahm Tineke sich noch einen Keks.
Mit funkelnden Augen sah er sie an, dann hob er schulterzuckend die Arme: “Na gut, du hast mich erwischt. Man munkelt, dass der Gastgeber, ein mysteriöser Adliger ohne eigene Kinder, vorhat, bei diesem Anlass sein Vermächtnis zu machen, Memoiren, Erbe, Nachlass, das volle Programm. Er war zu Lebzeiten ziemlich umtriebig, die erwartete Summe wird also beträchtlich.”
Damit hatte er Tinekes Aufmerksamkeit, so etwas gab es doch normalerweise nur in Talerromanen. Dass es dabei gar nicht um sein persönliches Vermögen ging, erfuhr sie erst viel später. Dass es sich um einen ehemaligen Adelsmarschall handelte, ebenfalls. Eigentlich stimmte nur der Teil mit den Memoiren.
“In seiner umtriebigen Art ist er Phex näher als Praios, somit sollte jeder der Anwesenden eine Chance auf das große Los haben, natürlich abhängig von den eigenen Fähigkeiten. Es ist in jedem Fall eine tolle Gelegenheit, denn allein die Kontakte, die man durch pure Anwesenheit knüpfen kann, sind mit Geld nicht zu kaufen”, fuhr er fort. “Und das ist, wo du ins Spiel kommst, meine Liebe: Aus gewissen Gründen brauche ich noch eine hübsche Assistentin, die sonst nicht besonders auffällt. Und außerdem könntest du und deine Familie das Geld gut gebrauchen, nicht wahr?” Als sie dennoch zögerte, fügte er hinzu: “Ich bin übrigens Raffaello.”

Noch immer auf dem Gepäck hinten an der Kutsche ging Tineke ihre kleine “Ausbildung” der letzten Monde durch. Sie hatte gelernt, dass Erwachsene alle diese Wörterspiele machten, zumindest alle, auf die man aufpassen musste. Und nicht nur das, wenn eine Dame einen Fächer mit sich führte, hatte das eine Vielzahl an impliziten Bedeutungen. Wer einen Fächer führte, verstand sich als temperamentvoll, gleichzeitig aber ambitioniert und sich zumindest bewusst, welche Intrigen sich bei solchen Anlässen unweigerlich ergeben würden. Blumen deuteten auf eine gewisse Verspieltheit hin, aber auch Zartheit und Rafinesse. Wer Spielszenen auf seinem Fächer trug, etwa aus der neuesten Oper, zeigte damit mehr seinen Geschmack, aber nicht direkt, dass man Lust auf Etikettespielchen hatte, vermutlich die neutralste Wahl. Einfarbige Fächer waren die schwierigsten, da ihre Botschaft so simpel war, mussten die Fächerträger umso erfahrener als Gesellschafter sein. Trotzdem, mit einer bisher unbekannten Farbnuance konnten solche Leute mit Leichtigkeit den Ton des gesamten Abends angeben. Natürlich gab es auch hier Ausnahmen, Farben, die als unkritisch angesehen wurden.
Für die eigene Etikette war die Zeit zu knapp gewesen, also hatte Raffaello sich darauf konzentriert, dass Tineke diese subtilen Zeichen lesen konnte, den Rest würde man einem Kind in ihrem Alter vermutlich leicht verzeihen. Es war ihr leicht gefallen, auch wenn es nicht sonderlich spannend war. Anders als die Rätselspiele. Zusammen mit ihrem normalen Unterricht hatte sie eh schon alle Hände voll zu tun, aber an den kryptischen Hinweisen verzweifelte sie oft bis tief in die Nacht, bei ganz klein gedrehter Laterne, das Lampenöl war schon teuer genug. Und selbst wenn sie, nach unzähligem Haareraufen, doch einmal einen Hinweis entschlüsseln konnte, war der nächste Teil in keinster Weise einfacher: In stockdunkler Nacht in einen Palazzo einsteigen und ein bestimmtes Bild in der Ahnengalerie kopfüber aufhängen, Ratten in der Kanalisation fangen und in der Schreibstube eines Kontors aussetzen, der diensthabenden Wache am Tor das Stadtsiegel abnehmen und es im Praiostempel auf dem Altar zu platzieren. Und dann war da das Gerechne, das war immer das Schlimmste. Nicht wie das, was sie im Unterricht lernte, sondern wie man mit Geld umging, Bilanzen notierte, Volumen berechnete, solche Dinge.

Inzwischen konnte man die Signorie bereits erkennen, Zeit für Tineke, alleine weiterzureisen. Als die Kutsche in der nächsten Kurve abbremste, nahm sie ihren Rucksack und ließ sich geschickt in die weichen Feldblumen fallen. Sie hatte einen Satz Dienstmädchenkleidung dabei, den Raffaello ihr organisiert hatte, aber das würde sie erst kurz vor dem Anwesen anziehen. Mit einem Stecken bewaffnet wirkte sie nun wie ein gewöhnliches Dorfmädchen, dass für einen kleinen Auftrag in den Ort geschickt wurde.
Als sie schließlich auf dem Hügel neben dem Ort ankam, hatten sich ihre Wangen bereits kräftig rot gefärbt, der schwere Stoff ihrer neuen Tarnung half auch nicht gerade. Sie senkte den Blick und marschierte langsam auf den Dienstboteneingang zu. Wenn alles gut ging, waren die Wachen nicht mit allen Dienstmädchen vertraut, trotzdem griffen ihre schwitzigen Finger nervös nach der Einladung in ihrer Schürze.

Kurz vorher in Sewamund

Vittoria ter Braken wippte nervös mit dem Fuß, während sie sorgfältig das Essen in einem Tontopf aufwärmte. Es passte gar nicht zu Tineke, so spät heimzukommen, ohne Bescheid zu geben. Selbst Garowin war längst zuhause.
Vielleicht hatte sie einen ansehnlichen Burschen im Hafen kennengelernt? Während sie das Essen beiläufig auf den Tisch stellte, erging Vittoria sich in ihrer Neugier. Ihren Trieben folgend wischte sie die Treppen hinauf, schickte Garowin zum Essen und öffnete dann behutsam die Tür zum Mädchenzimmer.
Phexhilde schlief tief und fest, sie hatte ihr Abendessen bereits gehabt. Vittoria unterdrückte die Versuchung, die süße Kleine durchzuknuddeln und öffnete vorsichtig den kleinen Sekretär, der Tineke als Schreibtisch diente. Was erst ein freches Gesicht mit unschuldiger Neugier war, wurde bald zu einer ernsten Miene, als Vittoria einen Brief nach dem nächsten überflog. Schon seit mehreren Monden stand Tineke in regem Austausch mit einem "R.", aber es klang überhaupt nicht nach einer jugendlichen Liebschaft. Von Einbrüchen, Auskundschaften und noch schlimmeren Verbrechen war da die Rede, von Lügen, Betrügen, wie man Dokumente fälschte. Eine Anleitung, die Tineke offenbar in die Tat umgesetzt hatte, wenn man den geschnitzten Siegel-Imitaten Glauben schenken durfte.
Nein, das war kein Streich - und auch nichts, was in Efferdaines, geschweige denn Praiodans Hände gehörte. Wie einer von Marikes Apparaten arbeitete es in ihrem Verstand, richtig, Marike! Leise sammelte sie alles Verdächtige ein und schloss den Sekretär, dann hastete sie die Treppe hinunter, zum Arbeitsraum der fleißigen Mechanika.

Es war eine gute Idee, Marike einzuweihen, fand Vittoria, das hatte alles Weitere viel einfacher gemacht. Ihre Tarnung war, dass Vittoria aus einer Laune heraus neue Kleidung in Bethana kaufen wollte, Tineke hatte sie angebettelt, mitkommen zu dürfen und dann würden sie dort einige Tage hängenbleiben. Das würde ihr eine gute Woche erkaufen, vielleicht mehr.
Betont ungehetzt schlenderte Vittoria die Straße zum Seebad entlang, ihre Augen ständig auf der Suche nach Tinekes Briefpartner. Und tatsächlich, dort saß er, ein alter Mann, mit Mantel, Hut und Schal, wie ein kleiner Junge, der von seinen Eltern zu dick eingepackt wurde gegen die Kälte. Das Gesicht unter dem Hut war gezeichnet von den Spuren der Zeit, nur die dunklen Wimpern, die seine hellen Äuglein fassten, wirkten gekünstelt wie die einer aranischen Tänzerin. Mit einer Hand griff er zittrig in eine Bäckertüte, fischte einige Krümel hervor, die er sogleich mit den Möwen teilte.
“So ein schönes Wetter, findet ihr nicht?” Wie vom Bannstrahl gerührt blieb Vittoria stehen, sah sich um, ob sich ihr noch wer unbemerkt genähert hatte, doch vergebens. “Ich liebe die Tage, an denen Efferd beschließt, dass heute ein Tag für Wind und Wetter ist anstatt strahlender Praiosscheibe. Konnte den eitlen Gecken eh nie ausstehen.” Unsicher, ob sie gerade Zeuge von Ketzerei geworden war, aber noch immer zu geschockt, um sich ernsthaft darum zu scheren, trat sie einige Schritte näher. “Verzeiht, sprecht ihr mit mir?” “Mit wem sonst, hier ist ja sonst niemand auf hundert Schritt!”, krähte der alte Mann sie an. Als er hingegen ein “Außerdem scheint Tineke euch fast aus dem Gesicht geschnitten, ihr habt allerdings ein paar mehr Scharten um die Mundwinkel” murmelte, hatte sie Mühe, seine Worte zu verstehen.
“Signor, ich weiß nicht, mit wem ich das Vergnügen habe, aber ihr scheint mir ein besonders Mutiger zu sein: Die Götter versuchen und die Frauen für ihr Alter schmähen, habt ihr keine Angst, einen frühen Tod zu sterben?” Lächelnd wandte der Mann sich ihr zu. “Ja, durchaus, ihr scheint mir tauglich genug. Wollt ihr euch nicht setzen und den wirren Geschichten eines alten Mannes lauschen? Wenn ihr brav seid, könnte ich euch anschließend auch ein wenig zu Tineke erzählen..”
Hin- und hergerissen schwankte Vittoria dazwischen, dem Mann eine ordentliche Schelle zu verpassen, die Garde zu holen oder ihm eine Schelle zu verpassen und dann die Garde zu holen. Schlussendlich aber holte sie tief Luft und setzte sich neben ihn, in angemessener Distanz. Dies war kein übermütiger Stutzer, wenn er sie so unverfroren provozierte, dann wähnte er sich absolut unantastbar. Wer weiß, ob er nicht Komplizen hatte, die Tineke gefangen hielten. “Dann heraus damit, was wollt ihr mir sagen?”
Also erklärte Raffaello ihr, was es mit dem nun nicht mehr leeren Anwesen in Alentino auf sich hatte, was das Spiel der Füchse war und dass er sie auf die Gästeliste bringen konnte. Wenn sie ihm ein, zwei kleine Gefallen täte. Und mit einem süffisanten Grinsen eröffnete er ihr, dass Tineke soeben mit der letzten Postkutsche in Richtung Alentino aufgebrochen war, den Kopf voll wilder Träume. Für eine fürsorgliche Tante war die Zeit also knapp, zu knapp, um ihn bei der Garde abzuliefern - zumal da noch diese Kleinigkeit mit der Gästeliste war…

Familie di Estrano

Tsalinde di Estrano hatte sich für ihr Alter in ein gewagt freizügiges Kleid gezwängt.Das sie bereits über 50 Sommer zählte, schien die lebenslustige Frau mit den braunen Augen nicht zu kümmern. Der Ausschnitt des dunkelgrauen Kleides mit den goldenen Rebenstickerein endete tief in ihrem Dekolleté, aus dem ihre weiblichen Rundungen mittels eines Korsetts förmlich dem Lichte entgegen quollen. Eine Kette mit Pferdekopf-Anhänger ruhte darauf und hob und senkte sich leicht, wenn Tsalinde atmete. Die goldene Stickereien lockerten den Grauton etwas auf und setzen glänzende Akzente. Weiße Rüschen und Wellenfalten ließen den Schnitt etwas pompöser wirken, wobei ein jeder Schneider wohl gleich erkannte, dass die Zier zwar fachmännisch aber nachträglich an ein ehemals schlichtes Kleid angebracht wurden.
Die Maske, die Tsalinde trug, war farblich auf das Kleid abgestimmt und zeigte ebenso rebenartige goldene Verzierungen, die an den Schläfen in einem Büschel grauer Dohlenfedern endeten. Ärmel ließ das Kleid vermissen und man sah den geschnürten Trägern an, dass man sich mittels ein paar weniger Handgriffe wohl schnell dem ganzen Kleidungsstück entledigen könnte. Doch die Mittfünfzigerin trug ihr Gewand mit stolzer Selbstsicherheit.
Die Haare waren zu einer üppigen Fontange frisiert und auch hier setzte sich der Stil mit den goldenen Verzierungen fort. Bändchen, Schleifchen und kleine Ketten waren quer durch die braunen Haare mit den grauen Strähnen gewoben und schienen eine wichtige Rolle für die Gesamtstabilität der Haartracht zu spielen.

In diesem Aufzug entstieg die Dame di Estrano ihrer Kutsche, die sie sicher bis zum Palazzo Alentino gebracht hatte. Vorfreudig durchatmend hatte Tsalinde ihre Augen auf das Gebäude gerichtet, während hinter ihr die Kutsche kommentarlos weiterfuhr.
An ihrem linken Arm baumelte eine passende Handtasche, aus der sie gleich nach der Ankunft einen Fächer heraus nestelte und mit gekonntem Schwung der rechten Hand öffnete.
Stolz erhobenen Hauptes schritt Tsalinde auf den Eingang zu, um sich dann in der Mahagoni vertäfelten Halle dahinter neugierig umzusehen.

Familie Gezetti

Die Kutsche, die sie hergebracht hatte, war ebenfalls in den Farben des Wappens der Gezettis gehalten: strahlendes Rot mit goldenen Akzenten. Die Türen waren mit dem Familienwappen verziert, das in aufwendiger Goldstickerei auf dem lackierten Holz prangte. Mit einem leichten Ruck kam sie vor dem Palazzo Alentino zum Stehen.

Die Türen öffneten sich, und Niando Gezetti, ein Mann mittleren Alters mit einer auffälligen Glatze und einem langen, gepflegten Bart, stieg aus. Er trug einen eleganten Anzug in strahlendem Rot, der seine kräftige Statur betonte. Der Anzug war mit feinen Goldfäden durchwirkt, die im Licht der Laternen schimmerten. Seine Maske, die er bereits trug, war eine filigrane Kreation aus schwarzem Leder und Gold, die die obere Hälfte seines Gesichts bedeckte und nur die Augen frei ließ, wirkte fast schwebend über dem langen Vollbart.

Hinter ihm folgte seine Nichte Riana Gezetti, eine etwas füllige junge Frau, die trotz ihrer geschäftlichen Erfahrung in gesellschaftlichen Kreisen noch recht unerfahren war. Ihr Kleid, ein fließendes Gewand in sattem Rot mit goldenen Akzenten, schmeichelte ihrer Figur und verlieh ihr eine elegante Ausstrahlung. Der Rock des Kleides war mit aufwendigen Stickereien verziert, die Blumen und Ranken darstellten. Ihre Maske war ebenfalls in Rot gehalten und mit goldenen Ornamenten verziert, die zu den Stickereien auf ihrem Kleid passten. Ihre Augen wanderten neugierig über den prächtigen Eingang des Palazzos, während sie versuchte, ihre Nervosität zu verbergen.

Als letzte stieg eine attraktive Dame aus der Kutsche, die nur als Savinya vorgestellt wurde. Ihre Erscheinung war beeindruckend: ein elegantes Kleid in tiefem Rot, das ihre schlanke Figur betonte. Der Stoff war mit goldenen Fäden durchwirkt, die im Licht funkelten wie Sterne. Ihre Maske war eine elegante Kreation aus schwarzem Samt und goldenen Perlen, die ihre Augenpartie betonte und ihr ein geheimnisvolles Aussehen verlieh. Sie hielt sich dicht an Niandos Seite, ihre Haltung selbstbewusst und gelassen.

Niando warf einen Blick auf seine Begleiterinnen und lächelte zufrieden. Seinem Junggesellenstande zum Trotz war ihm zur Gewohnheit geworden, in weiblicher Begleitung zu erscheinen. Seine Begleiterinnen verliehen ihm eine Aura von Eleganz und Raffinesse, die er genoss. „Meine Damen, sind wir bereit?“ fragte Niando mit einem charmanten Lächeln. Riana nickte eifrig, während Savinya ihm ein verschmitztes Lächeln schenkte. „Bereit, wenn du es bist, Niando.“

Mit leichtem Gepäck, das von den Dienern des Palazzos schnell entgegengenommen wurde, schritten sie durch die prächtige Eingangshalle. Niando bemerkte die Blicke, welche ihnen folgten. Er wusste, dass er und seine Begleiterinnen trotz der erst verhältnismäßig kurzen Zeit im Patriziat eine bemerkenswerte Erscheinung abgaben, und das erfüllte ihn mit Stolz. Während sie sich in der Mohagonihalle umsahen, bemerkte Niando bereits die ersten Grüppchenbildungen Er war ein erfahrener Teilnehmer gesellschaftlicher Anlässe und sich wohl bewusst dass es immer mehrere Ebenen mit manchmal offensichtlichen, manchmal schwer zu durchschauenden Motivationen gab, und fragte sich was die nächsten Tage wohl bringen würden. Mit einem leichten, bestätigenden Nicken führte er Riana und Savinya in Richtung der Treppe, die ins Obergeschoss führte, um ihr zugeteiltes Gemach zu beziehen.
„Lasst uns sehen, welche Überraschungen dieser Abend für uns bereithält“, sagte Niando mit einem verschmitzten Lächeln, als sie die Treppe hinaufstiegen.
Riana, die sich an der Seite ihres Onkels hielt, spürte, wie ihre Nervosität langsam nachließ. Sie wusste, dass sie in Niandos Begleitung sicher war und dass dieser Abend eine wertvolle Gelegenheit bot, ihre gesellschaftlichen Fähigkeiten zu erproben.
Savinya, die die Szene an Niandos Arm mit einem wissenden Lächeln beobachtete, wusste, dass der Abend voller Intrigen und Überraschungen sein würde. Und sie war bereit, jede einzelne davon auszukosten.

Haus Hoste

Das Anwesen machte offenbar einiges her, zufrieden schmunzelte Krespio, als er mit seiner silbern, grünlich und schwarz glänzenden Kutsche durch den ansprechenden Park des Anwesens fuhr. Als die Kutsche hielt, ließ er sich ein wenig Zeit, bevor er das kleine Türchen aufmachte und elegant das Fahrzeug verließ. So muss sich ein Fischlein fühlen, wenn er das erste Mal den großen See erreicht… beeindruckt und dennoch mit dem guten Gefühl, in seinem ureigenen Element zu schwimmen.
Aus den Blicken der Umstehenden konnte er lesen, dass es sich gelohnt hatte, ein wenig mehr beim Leihen der Kutsche auszugeben. Anders als in diesem Märchen, das er als Kind so gerne gehört hatte, war leider kein freundlicher Kobold erschienen und hatte ihm ein prachtvolles Gefährt herbeigezaubert. Tja, wie immer: Hilf dir selbst, dann hilft dir Phex. So oder so war dies eine einmalige Gelegenheit, sich in den richtigen Kreisen einen angemessenen Namen zu machen. Und natürlich wollte er seine Investoren von Anfang an nicht enttäuschen, streng genommen und ehrlich gedacht, wäre das auch ungünstig, sollte dies doch passieren.
Seine Finger umschlossen wie unbewusst den kleinen kristallenen Fuchs in seiner Gewandtasche. Nun denn, es ging los. Und da kam ja auch schon ein dienstbarer Geist mit einem geistvollen Getränk direkt auf ihn zu, ausgezeichnet…

Algerio da Selaque von Culming

“Na dann… dein Auftritt. Wir sehen uns vor Ort.” Algerio gab seiner liebreizenden Frau einen letzten leidenschaftlichen Kuss, half ihr in die Sänfte, dann trat er zurück, um das Schauspiel besser betrachten zu können.
Die blonde Zofe, in blau-golde tulamidische gekleidet und verschleiert, trat hinzu, ordnete mit geschickten Bewegungen Gewänder und Schmuck. Richtete die durchscheinenden, mit Stickereien verzierten Vorhänge, die Neugierige den Prunk und die Gestalt im Innern erahnen ließen, ohne wirkliche Einblicke zu erlauben. Dann trat sie zur Seite, machte den Trägern Platz, blieb bereit, auf jede kleine Geste zu reagieren.
Vier kräftige Tulamiden, allesamt von Algerio handverlesen und nur für diesen Abend ausgewählt, hoben die ebenfalls in verschiedenen Gold- und Blautönen gehaltene Sänfte aus Eben- und Edelholz vorsichtig an, legten die faustdicken Holme auf ihre Schultern.

Dann setzte sich die Gruppe in Bewegung. Erst der von einem Vogel Strauß gezogene Wagen, darauf ein junges Mädchen, in den wallenden Gewändern der Tulamiden gekleidet. Sie bildete die Vorhut, verkündete lauthals die Ankunft der Prinzessin und verteilte großzügig mit der freien Hand getrocknete Früchte unter den Neugierigen. Dahinter folgte, in geringem Abstand, die Sänfte, getragen von den vier leicht untersetzten Kraftpaketen im prächtig bestickten Schurz. Den Abschluss bildeten zwei Akrobaten auf Tulamidenschimmeln, die allerlei Kunststücke vollführten, wie ein Tanz auf dem Rücken der Pferde.
Es dauerte nicht lang, bis man die ersten Rufe der Bewunderung vernahm. Wenn Algerio eines wusste, dann wie man einen großen Auftritt inszenierte. Zugleich war es auch das Zeichen für ihn, sich bereit zu machen.

Er wandte sich um, ging zu den Pferden. Die anderen warteten bereits auf ihn. Geschwind warf er sich den schwarzen ledernen Mantel über, den er sich extra zu diesem Anlass besorgt hatte. Der Schnitt hatte etwas militärisches und passte gut zu den Uniformen, in die er die fünf Schausteller, die seine Begleiter mimen sollten, gesteckt hatte. Auf den ersten Blick gaben sie tatsächlich ein kleines Terzio ab, ein Verweis auf die Ursprünge des Handelshauses vom Stein. Nur dass sie anstelle eines Wappen eben die Insignien des Handelshauses trugen.
Er vergewisserte sich, dass die schwarze Maske gut an seinem Sattel befestigt war. Sie war einem Drachenkopf nachempfunden und schimmerte grünlich-schwarz, je nach Lichteinfall, was hervorragend mit den in den Mantel einpunzierten Schuppen harmonierte - sah man genau hin. “Auf geht’s!”, rief Algerio, ehe er sich in den Sattel schwang und an die Spitze der Gruppe setzte.

Ein gutes Stück vor Algerio schmunzelte Fabiola ob der Begeisterungsstürme, die das Arrangement ihres Mannes bei den Einheimischen auslöste. Sie richtete sich in den Kissen auf, nahm eine Hand voll tulamidischer Münzen, die sie zusammen mit ihrer Kleidung besorgt hatte. Ihr Blick ruhte einen Moment auf den winzigen, kunstvollen Taubenmedaillons aus weißem und blauem Email, deren lebendige Farben zwischen den Münzen glänzten. Der feine schwarze Schriftzug auf der goldschimmernden Rückseite verewigte die Geberin dieser Schmuckstücke: Prinzessin Zaghîr Tebay, das geheimnisvolle Täubchen in der prunkvollen Sänfte. Ihre neue Manufaktur hatte hervorragende Arbeit geleistet. Mit einer eleganten Bewegung schob Fabiola die Hand zwischen den Vorhängen hindurch, ließ deren Inhalt über die Schaulustigen niedergehen. Und eine zweite. Das begeisterte Kreischen und die hektischen Bewegungen draußen zeigten, dass sie die gewünschte Wirkung erzielt hatte.
Neben der Sänfte schmunzelte die Zofe. Miri näherte sich den Vorhängen, bis sie sicher war, dass niemand außer Fabiola ihr Flüstern hören würde. „Na, genießt du deinen Auftritt, Püppchen? Wie in den guten alten Zeiten, ohne Verpflichtungen, ohne den Ballast eines Namens? Fehlt dir die Freiheit?“ Fabiola schwieg, schob aber die Vorhänge so, dass Miri mit Mühe ihre Finger sehen konnte. Der prächtige Handschmuck bestand aus weißgoldenen Armreifen und Ringen, verbunden mit einem filigranen Geflecht, in dem kleine Edelsteine glitzerten. ‚Vielleicht ein bisschen. Na gut, sehr. Und du? Dem Erbe deines Vaters so nah?" „Du weißt schon, wie die Träume endeten, hm? Vermutlich werde ich mich zu Tode langweilen. Bist du dir sicher, dass der Aufzug seinen Preis wert ist?“ ‚Wenn es gelingt, die richtigen Leute zu treffen - auf jeden Fall. Hast du die Botschaft der Sahiba dabei?‘ „Ja.“ ‚Dann bleibt alles wie abgemacht.‘ „Ja. Da vorne kommen Schaulustige, die sich lohnen.“
Fabiola griff nach einer weiteren Hand Münzen, während sie den Weg fortsetzten.

Schließlich erreichte die Sänfte das Ziel, die Träger passierten das Tor, durchschritten die Gärten, erreichten den Platz vor dem Haupteingang des Palazzo Alentino. Kies knirschte, als die vier Tulamiden, die nackten Oberkörper inzwischen mit einer schimmernden Schweißschicht bedeckt, die Sänfte vorsichtig absetzten. Im Innern richtete ihre Herrin mit einem letzten Blick in den Handspiegel Kostüm und Kleider. Draußen trat die Zofe einen Schritt zur Seite. Zog mit einem Ruck an den verborgenen Seilen.
Die Vorhänge der Sänfte fielen lautlos, Bahnen schimmernden Stoffes sanken zu Boden. Gaben den Blick frei auf das Innere. In einem Nest aus mit goldenen Halmen bestickten Kissen ruhte ein Täubchen. Langsam hob es den Kopf, begann, sich aufzurichten. Hauchdünne Schleier aus weißgold durchwirkter Schwindelseite, besetzt mit blütenweißen und bestickt mit goldenen Federn, bewegten sich mit jedem Lufthauch, wie das Federkleid eines sich aufblusternden Vögelchens. Der neuangekommene Gast hob den Kopf. Goldgrüne Augen, aufmerksam, dank des geschickt aufgetragenen gold-braunen Lidschattens und der schwarzen Akzente in den Augenwinkeln vogelhaft wirkend, musterten die Anwesenden. Sie kontrastierten hervorragend mit den schneeweißen Federn im Gesicht der Frau, zwischen denen es aufblitzte, sobald sie den Kopf bewegte. Ein zierlicher, goldener Schnabel über blutroten Lippen vervollständigte das Bild.

Langsam stand Zaghîr Tebay auf. Einen Moment lang ruhte ihr Blick auf dem Drachen, der im Schatten des Eingangsportals stand, sie beobachtete. Sie legte kurz den Kopf schief, dann musterte sie die anderen Anwesenden auf dem Balkon, im Eingangsbereich, in der Halle dahinter. Als sie die Schultern zurück, die Arme vor den Bauch nahm, wirkten die Ärmel ihres tulamidischen Gewandes wie Flügel. Der Schmuck auf ihren Händen bildete die Füße der Taube. Mit langsamen, gemessenen Schritten schwebte sie über den Kies auf den Eingang zu. Erst jetzt kam der untere Teil des Kostüms zur Geltung: von den Hüften abwärts schimmerten die Hauchdünnen Röcke und Schleier über der Pluderhose golden und himmelblau, wurden zum Boden hin dunkler, bis sie das kräftige, glizternde Dunkelblau eines Flusses oder Meeres im Licht des Praiosmals erreichen. Dezente schwarze Spitze und ebensolche Lochstickereien deuteten fremdländische Barken, Boote und Galeeren auf dem Wasser an, Silhouetten mächtiger Mauern und Bauwerke schimmerten darunter durch die oberste Lage des hauchfeinen Stoffes.
Die Zofe folgte, ihre Herrin und die Umgebung nicht aus den Augen lassend.

Der Drache stand im Schatten und beobachtete das Schauspiel aus sicherer Entfernung. Hätte er näher gestanden, er hätte größte Mühen gehabt, an sich zu halten.

Sein Täubchen - sie war… perfekt!
Ihr Auftritt, ihre Anmut und Grazie, die Art, wie sie sich präsentierte und die Augen aller Anwesenden auf sich zog. Das Kostüm war ein Meisterwerk und brachte ihre Schönheit voll zur Geltung.
Unwillkürlich griff Algerio nach der Mauer neben sich - halb um sich zu stützen, halb um zu verhindern, dass er zu ihr eilte, um sie so zu empfangen, wie es ihr gebührte.
Eine wahre Prinzessin.
Nein, viel mehr als das. Sein Täubchen. Die Frau seines Herzens. Die seine.

Diego del Fuego

Ein Sechsspänner. Elfenbeinfarben und mit prächtigen, goldenen Verzierungen. Dazu 6 makellose Schimmel mit geflochtenen Mähnen. - Das wäre der Plan gewesen, wenn die Scharade nicht mit horrenden Summen hätte erkauft werden müssen. 60 Dukaten für den kurzen Transport und das Schauspiel mit der angeblichen Dienerschaft.
Diego entschied sich für den Klassiker. Je später der Abend, desto illustrer die Gäste. So zumindest war der Plan. Sollten doch erst einmal alle Anwesenden den Palazzio betreten. Wenn die hors d'oeuvres gereicht würden und die Gäste damit beschäftigt sein würden, sich untereinander etwas vorzuheucheln, wäre der passende Moment, ohne weitere Kenntnisnahme “anreisen” zu können. 60 Dukaten gespart, hieße ebenso dem Freikauf vom Blutalrik wieder ein paar Münzen näher zu sein.

Das großzügige Gelände verfügte über genügend Grün, um das Schauspiel der Anreise aus sicherer Deckung heraus beobachten zu können. Als die letzten Gäste ihren Weg in das Gebäude fanden, putzte sich Diego noch einmal über seine Stiefel, richtete den frisch gestärkten Mühlsteinkragen und vollzog die letzten Kammstriche durch sein langes, schwarzes Haar, welches sich lang und glatt über den Kragen legte. Ja, so würde es gehen. Er erhob seinen Kopf, der mit einer zweigehörnten Levthansmaske geziert war, streckte die Brust hervor und stolzierte zielsicher Richtung Eingangsbereich. Solange seine überdimensionierten Rüschenärmel seinen Handrücken umschmeichelten und hin und wieder den Blick auf zehn nicht minder überdimensionierte Ringe an seinen Fingern freigaben, fühlte er sich sicher in seiner Rolle. Der Rest würde ein Kinderspiel. Er liebte die Improvisation und heute Abend sollte er davon wohl genug ausleben können.
“Möge das Spiel beginnen.” sprach er mehr zu sich selbst, als er freundlich nickend von einem der Angestellten beim Durchschreiten der doppelflügigen Tür begrüßt wurde.