Briefspiel:Spiel der Füchse/Maskenball
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Am Abend des 4.Travia 1048 im Palazzo Alentino
Tsabella della Carenio
Tsabella della Carenio genoss den großen Auftritt auf dem Tanzparkett. An der Hand ihres Erstgeborenen Grangorion schritt sie, die lange Schleppe mit Pfauenfedern geschmückt, vorbei an den Gästen, die sich bereits im Ballsaal befanden.
Die Fünfzigjährige grüßte hierhin und dahin, neigte das Haupt, so dass die Pfauenfedern fröhlich wippten und ließ sich schließlich von einem der Diener ein Glas mit Bosparanjer reichen.
Nicht zu wissen, wer hinter all den interessanten Masken steckte, empfand sie als aufregend, gerade zu erregend. Hinter welcher steckte wohl Baron Jucho von Dallenthin-Firdayon? War er der Fuchs, der Mungo oder die Elster?
Die Aufregung der Mutter übertrug sich auch auf den jungen Esquirio Grangorion. Er musterte die maskierten Frauen und Männer, erfreute sich an den farbenfrohen Gewändern, den ausgefallenen Masken. Ihm war bewusst, dass die Mutter ihn nicht grundlos als Begleiter für diese mehrtägige Festivität ausgesucht hatte. Sie war auf der Suche nach einer passenden Frau für ihren Erstgeborenen. Und was eignete sich besser als ein solches Stelldichein der Schönen, Wichtigen und Reichen.
Die Kapelle begann zu spielen. Grangorion bat, ganz der wohlerzogene Galan, seine Mutter zum ersten Tanz.
Grangorion und Dalia
Das Licht der zahlreichen Kerzen spiegelte sich in der polierten Fläche des Marmorbodens und ließ die feinen Partikel des Räucherwerks tanzen, die langsam durch den Ballsaal zogen wie eine unsichtbare Choreographie. Die ersten Paare fanden sich zum Tanz, Damen und Herren verneigten sich voreinander, Federn und Schleifen raschelten, und der Geruch von Bosparanjer mischte sich mit dem feinen Parfum der hohen Gesellschaft.
Abseits dieses wohlgeordneten Treibens, dort, wo der Ballsaal in einen schmaleren, mit Nischen und Statuen geschmückten Gang überging, stand eine Frau, die nicht zu übersehen war. Nicht, weil sie sich in den Mittelpunkt drängte, sondern weil sie selbst am Rande des Geschehens eine Gravitation entfaltete, die den Blick aller Anwesenden früher oder später zu ihr zog.
Baronessa Dalia Ollantur trug ein Kleid, das wie eine Hommage an die Kunst des Theaters wirkte: feine Seide in tiefem Rot, durchzogen von schmalen Bahnen aus elfenbeinweißem Satin, die sich in schwungvollen Linien um ihre Taille wanden, und ein Mieder aus schwarzem Samt, das sich wie ein nächtlicher Vorhang um ihre Gestalt legte. Der Rock fiel weit und geschmeidig, jede Bewegung ließ die Farben ineinander übergehen wie Blut und Licht im Spiel der Dämmerung.
Ihr Gesicht verbarg eine Maske aus poliertem Silber, die die Form eines stilisierten Ziegenbocks hatte. Ein Symbol, das in dieser Gesellschaft mehrdeutig war: Sinnbild von Übermut und Fruchtbarkeit, aber auch von List und Verführung. Die Hörner schraubten sich elegant nach oben, und zwischen ihnen funkelten winzige Rubine wie blutrote Sterne.
Dalias Haltung war tadellos, beinahe gelassen. Sie stand nicht einfach da, sie inszenierte ihr Stehen. Eine Hand ruhte locker am Griff ihres Fächers, die andere glitt immer wieder über die zarte Spitze ihres Mieders, ein kleiner, kaum wahrnehmbarer Rhythmus, der verriet: Jede Geste war kalkuliert. Ihr Gang, wenn sie sich ein paar Schritte bewegte, war geschmeidig und raumgreifend.
Sie beobachtete die Tanzenden nicht mit sehnsüchtiger Erwartung, sondern mit dem prüfenden Blick einer Regisseurin. Hinter der Maske ihrer scheinbaren Zurückhaltung arbeitete ihr Geist auf Hochtouren. Ihre Augen folgten Grangorion della Carenio, der eben mit seiner Mutter den ersten Tanz eröffnete. Sein Auftreten war selbstbewusst, doch noch etwas unbedarft. Das eines jungen Mannes, der gelernt hatte, sich zu präsentieren, aber noch nicht wusste, wie er andere dazu bringt, sich für ihn zu präsentieren.
Dalia hatte entschieden, dass er heute einer ihrer Spielsteine sein würde. Vielleicht ein nützlicher Verbündeter, vielleicht ein Werkzeug für ein größeres Ziel, das würde sich zeigen. Aber eines stand fest: Er würde zu ihr kommen. Sie würde nicht zu ihm gehen.
Also begann sie ihr Spiel.
Zuerst ein flüchtiger Blick, kaum länger als ein Herzschlag, schnell genug, um nicht als Aufforderung zu gelten, aber lang genug, um im Gedächtnis zu bleiben. Dann, als die Musik schneller wurde, ließ sie den Fächer leicht aufspringen und wieder sinken, ein fast unbewusster Reflex, der seine Augen erneut zu ihr lenkte. Schließlich trat sie ein paar Schritte näher ans Parkett, gerade so weit, dass sie in seinem Sichtfeld blieb, und drehte sich halb zur Seite, als würde sie sich einer unsichtbaren Einladung bereits öffnen.
Es war ein Tanz vor dem Tanz, ein stilles Duell aus Zeichen und Andeutungen.
Grangorions Blick verfing sich immer wieder an ihr. Er wusste nicht genau, warum. Vielleicht war es die Maske, deren Hörner fast provokant aus der Menge herausragten. Vielleicht das Kleid, dessen Farben seine Sinne reizten. Vielleicht war es ihre Haltung, diese Mischung aus Unnahbarkeit und Einladung, die ihn zugleich herausforderte und verlockte.
Dalia spürte es, noch bevor er sich in Bewegung setzte. Sie sah, wie sich seine Schultern leicht strafften, wie der Blick entschlossener wurde. Der Moment, in dem die Beute den Köder annimmt. Und als er schließlich durch die Menge auf sie zukam, lächelte sie hinter ihrer Maske, nicht offen, sondern wie eine Schauspielerin, die eine Regieanweisung exakt so umsetzt, wie sie es geplant hatte.
Tsabella hatte längst bemerkt, dass ihr Sohn nicht mehr ihr, sondern der schönen Unbekannten in rahjanischem Rot, kombiniert mit jungfräulichem Weiß und geheimnisvollem Schwarz seine Aufmerksamkeit schenkte. Die Signale, die das Ziegenböcklein sendete, ließen keinen Zweifel, dass sie ihre Angel ausgeworfen hatte.
Und natürlich biss Grangorion an. Blitzschnell erkundete er, welcher passender Tänzer sich bereit zeigte, ihm seine Mutter abzunehmen und ließ Tsabella elegant aus seinem Arm heraus in die Hände eines anderen Tänzers drehen. Mit festem Schritt, die breiten Schultern gespannt, den Blick unverwandt auf sein Ziel gerichtet, näherte er sich Dalia. Als er näher kam, besann er sich der Rolle, die er spielen sollte. Er war der Fuchs, der listige Schleicher! Also mäßigte er seinen Schritt, begann Dalia zu umrunden, bemüht ihre schönen Augen hinter der Ziegenbockmaske nicht zu verlieren. Erst in die eine Richtung, dann in die andere, umschlich er sie, drehte und neigte den Kopf mit der fuchsroten Fellohren und der schwarzen Knopfnase ihr immer wieder zu, wand sich elegant um sie herum und verbeugte sich schließlich galant, seine Rechte zur Tanzaufforderung ausgestreckt.
Dalias silberne Maske spiegelte das Licht der Kronleuchter wider, während sie reglos stand und den jungen Mann anblickte, der sich ihr näherte. In Grangorions geschmeidigen Bewegungen lag eine gewisse Unsicherheit, verborgen unter dem Mantel einstudierter Eleganz. Der Versuch, einem Spiel beizuwohnen, dessen Regeln er noch nicht verstand.
Sie ließ ihn gewähren. Ließ zu, dass er sie umkreiste, dass seine Augen an den Kurven ihres Kleides, an den Rubinen ihrer Maske, an den zarten, fast unmerklichen Atemzügen ihres Dekolletés hafteten. Dann, als sein Kreisen fast ein Jagen geworden war, hob sie leicht den Kopf und reichte ihm die Hand.
„Ihr umschleicht mich wie ein Fuchs die offene Türe des Hühnerstalls,“ hauchte sie, die Stimme samtweich, ein Hauch Spott in den Worten, aber Wärme in ihrem Tonfall.
Dann trat sie näher, glitt in seine Arme, so fließend, als sei es keine Bewegung, sondern ein Übergang. Der Tanz begann. Ihre Schritte waren präzise und leicht, sie führte ihn, ohne dass er es merkte, mit kaum wahrnehmbaren Druckverlagerungen, ließ ihn glauben, es sei seine Führung. Ihre Finger ruhten federleicht auf seinem Arm, ihre Hand in der seinen, warm und sicher, doch immer nur so lange, bis er sie fester halten wollte, dann entglitt sie ihm wieder.
Ein Spiel aus Nähe und Entzug. Manchmal blickte sie auf, so dass ihre Augen, schimmernd im Kerzenlicht, ihn trafen. Ein Blick, der ihn in die Tiefe zog. Dann wieder wandte sie sich ab, ihr perfekt geflochtener Zopf fiel über ihre Schulter. Sein Griff an ihrer Taille wurde fester. Sie erlaubte es, für einen Moment. Dann drehte sie sich aus seinem Arm, ihr Rock weitete sich in einer Bewegung, die wie ein aufblühendes Feuer wirkte, und sie stand wieder einen Schritt entfernt, lächelnd, aber nicht greifbar.
Um sie herum verschmolzen Musik, Stimmen, Parfüm, Lachen. Der Rest des Balles wurde zu einem Hintergrundrauschen. Dalia spürte, dass die Zeit gekommen war. Ihr Lächeln wurde kaum merklich weicher, und sie senkte für den Bruchteil eines Augenblicks die Lider.
Unter der silbernen Maske, kaum sichtbar, murmelte sie einige Worte. Kein Laut, den andere hören konnten, nur ein hauchfeines Bekenntnis an ihren Gott.
Ein kaum spürbarer Strom floss durch ihre Fingerspitzen, ein warmer Hauch, der von ihrer Haut in die seine überging. Kein Zauber, der mit Licht oder Glanz einherging, sondern ein Mirakel des Verlangens, das sich leise in seinem Innern festsetzte.
Grangorion atmete schärfer ein. Es war, als hätte jemand die Welt um ihn verändert. Der Duft ihres Parfüms wurde intensiver, süß und berauschend. Ihr Atem an seiner Wange brannte, obwohl sie ihn gar nicht berührte. Jeder Ton der Musik schien sich in ihre Bewegungen zu fügen, jede ihrer Gesten schien ihm zu gelten. Er fühlte nichts als sie.
Dalia spürte die Veränderung. Seine Schritte wurden entschlossener, fast fordernd. Er versuchte, die Distanz zu verkürzen, drängte näher heran, suchte ihren Blick. Sie ließ ihn, für drei Herzschläge. Dann drehte sie sich in einer perfekten Pirouette von ihm weg, der Rock schlug wie eine Flamme um sie.
Als sie wieder stand, hatte sie den Fächer geöffnet.
„Vorsicht, Signor,“ sagte sie mit einem aufreizenden Lächeln. „Ein Jäger kann sich schnell in seiner eigenen Falle verstricken.“
Er wollte etwas erwidern, doch die Worte kamen nicht. Alles, was er fühlte, war Verlangen, ein unstillbares, wachsendes Feuer, das kein Wein und keine Musik löschen konnte.
Dalia verneigte sich knapp, die Bewegung elegant und vollkommen. „Ein schöner Tanz,“ flüsterte sie. „Vielleicht sehen wir uns später wieder.“
Dann wandte sie sich ab, glitt lautlos durch die Menge, und ließ den jungen della Carenio mit rasendem Puls, trockener Kehle und einer Sehnsucht zurück, deren Ursprung er sich nicht erklären konnte. Hinter der silbernen Ziegenmaske lächelte die Baronessa zufrieden.
Verdattert blieb Grangorion zurück. Ehe er sich gefasst hatte, war die begehrenswerte Tanzpartnerin verschwunden. Alles in ihm sehnte sich nach ihr. Er wollte den heißen Tanz fortführen, sie wieder an sich ziehen, ihren Duft einsaugen, ihren Körper spüren, sich im leidenschaftlichen Ringen um Dominanz mit ihr messen. Aber die geschmeidige Tänzerin hatte ihn einfach stehengelassen. Hektisch versuchte sein Blick, sie im Gemenge wiederzufinden. Warum hatte sie ihn stehen gelassen? Hatte ihr der Tanz mit ihm nicht gefallen? Er hatte eigentlich das Gefühl gehabt, dass sie ihn durchaus anziehend gefunden hatte. War er zu forsch gewesen?
Grangorions Körper glühte, der Puls raste, der Atem ging schnell. Er musste sie aufspüren, sie stellen und erlegen. Er war der Fuchs, sie der Ziegenbock! Eilig durchmaß er den Ballsaal, hielt Ausschau nach dem Ziegenbock im seidigen Rock und dem schwarzsamtenen Mieder. Wo war sie nur?
Tsabella war nicht entgangen, dass die Tanzpartnerin, die ihren Sohn in ihren Bann geschlagen hatte, das Weite gesucht hatte. Mit grazilen Sprüngen, gleich dem Ziegenbock, den sie mit ihrer Maske nachzuahmen gedachte, hatte sie sich schnell zwischen den anderen Tanzpaaren hindurch geschlängelt. Tsabella bemühte sich, das Böcklein nicht aus den Augen zu verlieren, und als Grangorion schließlich verzweifelt vor ihr stand, konnte sie ihm zumindest den Hinweis geben, wo sie seine Tanzpartnerin zuletzt gesehen hatte.
Kopflos stürmte er davon, ganz offensichtlich wie von Sinnen vor Sehnsucht. Da ahnte Tsabella, dass hinter dem Auftritt des Böckleins womöglich mehr steckte und nahm sich vor, sich die junge Frau zur Brust zu nehmen, wenn sie ihr das nächste Mal begegnete.
Nachdem Grangorion hinter seiner Tanzpartnerin herhetzte, machte sich Tsabella auf die Suche nach einem Hausdiener, der ihr ein neues Glas Bosparanier kredenzen konnte.
Wieder vereint
Terantina ya Pirras hatte sich etwas von ihren Verwandten entfernt. Ihre Tante Feodora war so mürrisch. Für sie war alles ein Geschäft. Auch diese Festlichkeiten hier. Eine Schande. Langsam schritt sie durch die Menge und genoss die begehrlichen Blicke der Männer und die eifersüchtigen Augenaufschläge der Frauen.
Und dann sah sie ihn. Gekleidet in edler Kleidung, ganz in den Wappenfarben Rot und Grün der di Camaro gehalten mit ebenso wappengerechter goldener Stickerei. Rote Lederhandschuhe vollendeten den noblen Eindruck des Edelmannes,, ebenso die Drôler Spitze, die an Handgelenken und Kragen die einzige weiße Komponente seiner Gewandung darstellte. Seine Maske konnte Terantina nicht erkennen, denn sie näherte sich langsam von hinten. Als sie ihn erreichte, hauchte sie ihm vorsichtig hinter seine Ohrmuschel. “Egal wie lange wir uns nicht gesehen haben, deine Gestalt und deinen Geruch erkenne ich unter hunderten liebster Dartan. Schenkst du mir den ersten Tanz des Abends?”
Dartan drehte sich um. Freude war in seinem Gesicht abzulesen, obwohl er eine goldene Maske über dem Gesicht trug. Ein ehrliches Lächeln begrüßte Terantina eben trotzdem mit glaubwürdiger Freude.. “Wenn du willst, dass von vornherein alle über uns reden…” scherzte er “Dann gerne. Diese Füße haben das Tanzen hoffentlich nicht verlernt, da oben so fernab der Heimat?”
Terantina lachte. “Lass sie reden. Solange sie reden, ist man interessant.” Sie ergriff seine Hände und zog ihn Richtung Tanzfläche. “Und was das Tanzen angeht, lebe ich dort nicht im Niemandsland. Und wer weiss, vielleicht sind deine Füße schon etwas aus der Übung und ich muss mir jemand anderen suchen, wenn der Traubentritt erklingt.” Ihr Mund verzog sich zu einem frechen Grinsen.
Auch Dartan musste grinsen. “Es ist ein Traubentritt. Der Tanz lebt davon, dass man ständig den Partner wechselt. Der Norden tut dir eindeutig nicht gut. Wir können das ja mit einer kleinen Wette versüßen. Wer am Ende von uns beiden weniger Bänder ergattern konnte, muss dem anderen die Füße küssen? Was denkst du?” Er genoss die Gespräche und auch die Handberührung mit der Frau, die er heiraten sollte und die mehr als nur gute Freunde dadurch wurden, dass sie alles daran setzten, eben jene Heirat zu verhindern. Dafür, dass er eigentlich nur hier war, um darauf aufzupassen, dass seine Schwester Phelippa nicht das Familienvermögen in den Sand setzte, hatte dieses Fest gerade massiv an Schönheit gewonnen.
“Ein Spiel im Spiel also. Warum nicht. Und auch der Einsatz gefällt mir.” Dieser Verrückte, dachte sie nur und doch, genau das schätzte sie so an ihm. Sanft zog sie ihn an sich und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. “Damit ist es besiegelt.”
“Damit ist was besiegelt?”, vernahme sie eine Stimme mit gespielter Entrüstung neben sich. “Gehst du wieder stiften, anstatt meine Schwägerin zu werden?” Phelippa di Camaro stand neben ihnen, die Arme vor der Brust verschränkt. “Lieber eine Schwägerin verloren und eine Schwester behalten.” Voller Freunde nahm Terantina Phelippa in die Arme.
Phelippas gekünstelte Strenge hielt nicht lange nach dieser Umarmung. Natürlich freute auch sie sich, ihre Freundin aus Jugendtagen wieder zu sehen. Mit einem “Na komm her” umarmte sie Terantina kräftig zurück. Dann löste sie die Umarmung und sah an der Rahjageweihten entlang. Du kommst einfach ganz in rot? Und so… zugebunden? Was ist passiert, erlaubt dir dein neuer Provinztempel keine Reisen nach Belhanka mehr?” grinste sie frech.
Es stimmte schon, Phelippa hatte sich für diesen Anlass keine Blöße gegeben. Ihr Kleid war schulterfrei, um bloß nicht den Blick auf ihre Perlenketten zu hindern, zudem trug sie ein ebenso teures Diadem aus Perlenschmuck. Das Kleid selbst glitzerte Perlmuttfarben. Ihre Maske war die eines Feuervogels mit weit ausgebreiteten Flügeln.
Terantina rollte ob der Neckereien nur mit den Augen. Noch einmal umarmten sie sich kurz. Dann legte Phelippa den Kopf ein wenig schief. “Ich hätte mit dir auch als Schwester UND Schwägerin leben können.” Sie blickte ein wenig verstohlen auf die beiden. “Ich versteh bis heute nicht, warum ausgerechnet ihr beide nicht zusammen sein wolltet. Ihr… passt zueinander. Also… Kleidungsmäßig… heute….”
“Wir brauchen halt beide unsere Freiheiten und um unsere besondere Beziehung auszuleben, benötigen wir keinen Traviabund.” Sanft fuhr sie Dartan über den Arm. “Aber genug von mir. Auf wen hat denn die holde Phelippa ein Auge geworfen, denn ich gehe doch recht in der Annahme, das auch du auf die Jagd nach Bändern gehen wirst.” Neugierig schaute sie ihre Freundin an.
“Erwarte keine Namen. Alle hier tragen Masken, das ist doch das Schöne. Und so wie ich das sehe, sind sie hier alle gülden. Aber ich hätte nichts dagegen, wenn sich hinter der Maske des Abends ein begeisterter Herr Firdayon befinden würde.” lachte Phelippa. “Aber ich denke, ich schaue mir erst einmal die normalen Tänze an. Ich denke, danach hat sich die Spreu schnell vom Weizen getrennt.”
Eine neue Welt
Alvinia Solivino ließ ihren Blick langsam durch den Ballsaal wandern. Genüsslich sog sie all die Eindrücke auf, die gedämpften Gespräche, das verhaltene Kichern überall. Die wunderschön gekleideten Adligen, die sich zur noch ruhigen Musik langsam auf der Tanzfläche wiegten. Ihr juckte es in den Fingern, sich ebenfalls einzureihen, doch sie wollte sich erstmal einen Überblick über die Möglichkeiten verschaffen.
Ihr fiel eine junge Dame auf, allem Anschein nach eine Magierin, die sie beobachtete, gemeinsam mit ihrer Freundin neben ihr. Ein einladendes Lächeln umspielte Alvinias Lippen, als sie den Blick erwiderte und den Kopf leicht schief legte. Da berührte sie jemand an der Schulter. Sie fuhr herum, doch es war nur Salkyo von Schreyen.
„Wir werden beobachtet, Signora.“, flüsterte er schmunzelnd. In der formalen Anrede lag ein Hauch von Spott. Nun, es war auch wirklich lange her, dass sie sich formal angesprochen hatten. Wenn Alvinia richtig darüber nachdachte, wusste sie gar nicht mehr, ob sie sich überhaupt je formal angesprochen hatten.
„Salkyo, du musst wirklich noch üben, wenn du einmal ein guter Leibwächter sein willst. Mir ist nicht geholfen, wenn du etwas bemerkst, nachdem ich es selbst längst bemerkt habe.“, sagte sie kopfschüttelnd. „Lassen wir die beiden hübschen Damen nicht länger warten. Ich könnte schwören, die eine hat einen Blick auf dich geworfen. Sie wartet bestimmt darauf, dass du sie zum Tanz forderst.“
Sie nickte leicht in Richtung der Dame, die neben der Magierin stand. Salkyo hatte zumindest den Anstand, leicht zu erröten, glaubte sie, unter seiner Maske zu erahnen.
Sie grinste in seine Richtung und schlenderte dann auf ihre Beobachterinnen zu.
Ihre Mutter hatte ihr noch eingebläut, unauffällig ihrem Wunsch nachzugehen, arkan begabte Menschen zu entdecken, denen man es nicht ansehen kann. Sie traute wirklich niemanden. Nachdem sie einige Odem gesprochen hatte und ihre Kräfte mit einem Trank stärken musste, war ihr Blick auf diese junge Dame gefallen. Sie konnte eine Aura erkennen, aber diese war irgendwie anders. Auch sonst waren Anzeichen des Codex Albyricus nicht zu erkennen. Zumindest auf dieser Entfernung war keinerlei Stab zu sehen oder irgendwelche Symbolik auf der Kleidung, die auf eine Spezifikation hindeuten konnte. Sie trug ein dunkelgrünes Kleid, welches mit Silberfäden durchzogen war. Ihre Maske erinnerte an eine Katze. Eine schwarze Lockenpracht umrahmte ihr Gesicht.
“Schwester.”, hörte sie neben sich eine Stimme. “Schwester. Du starrst sie an. Das ist alles andere als unauffällig.” Phÿllis ya Pirras schrak aus ihren Gedanken auf. Ancalita betrachtete ihre Schwester besorgt. “Was hast du?” “Diese junge Dame dort, diese Katze mit einem Krieger an ihrer Seite. Sie hat eine Aura, aber anders.” “Du starrst schon wieder…..nein, sie hat es bemerkt. Schau, sie tuscheln und blicken in unsere Richtung.”
Die Schwarzhaarige lächelte ihnen freundlich zu und beide näherten sich den Schwestern.
„Rahja zum Gruße, Signoras.“ Ein tiefer Knicks und ein herzliches Lächeln zur Begrüßung. Neben ihr verneigte Salkyo sich tief. „Mein Name ist Salkyo von Schreyen. Darf ich Euch zum Tanz bitten?“ Er bot der einen Dame seine Hand an und lächelte charmanter als er Alvinia je anlächeln würde.
Sie wandte ihre volle Aufmerksamkeit der jungen Adepta zu, ein nicht weniger charmantes Lächeln auf den Lippen als ihr Begleiter. “Alvinia Solivino mein Name. Würdet Ihr mir einen Tanz gewähren?“
Die beiden Schwestern waren zunächst überrascht. Zuerst reagierte Ancalita und verbeugte sich. “Der Liebholden zum Gruße, Ancalita ya Pirras und dies ist meine Schwester Phÿllis.” Diese machte einen formvollendeten Knicks. Danach warf sie einen Blick auf die dargebotene Hand. “Von Schreyen sagtet ihr? Altes Arivorer Rittergeschlecht. In Shenilo wohlbekannt.” Sie schaute Salkyo in die Augen. “Es tut mir leid, aber ich muss euer Anliegen…..” Ancalita spürte eine Berührung an ihrem Unterarm.
Phÿllis hatte ihre Hand darauf gelegt, um die Aufmerksamkeit ihrer Schwester zu erhalten. Sie lächelte sanft und nickte ihr zu. Entschieden schüttelte die junge Kriegerin den Kopf und ein stummer Zwiespalt wurde ausgefochten. Letzten Endes nickte auch Ancalita und wandte sich wieder Salkyo zu. Sie legte ihre Hand auf seine. “Werter Signor von Schreyen, habt Dank und ja, es wäre mir eine Ehre und ein Vergnügen.”
Ancalitas Zurückweisung traf ihn mehr, als Salkyo es die drei Damen merken lassen wollte. Ihm war das Blickduell der Schwestern nicht entgangen. Es war verletzend, dass seine Tanzpartnerin von ihrer Schwester dazu gedrängt werden musste, seine Einladung anzunehmen. Als ob er so eine schlechte Wahl war!
Sein Lächeln wurde deutlich distanzierter, als er die junge ya Pirras zur Tanzfläche führte und eine Tanzhaltung einnahm. Sie wiegten sich leicht im Takt der Musik. Salkyo gehörte sicher nicht zu den besten Tänzern des Balls, bei Weitem nicht, doch er beherrschte diese Kunst deutlich besser als viele seiner Familienmitglieder.
"Ihr seid also aus Shenilo? Der größte Teil meiner Familie lebt dort." 'Der das Glück hat, überhaupt noch zu leben', dachte er mit einem eigenartigen Gefühl der Leere, wo vor einigen Jahren noch Trauer gewesen war.
"Dennoch muss ich zu meiner Schande gestehen, so selten dort zu sein, dass ich den Namen Eures Hauses zwar bereits vernommen habe, doch nicht näher einordnen kann.”
Ancalita fühlte sich nicht wohl. Krampfhaft versuchte sie sich Takt und Schrittfolge zu merken und bei jeder Drehung achtete sie darauf, einen Blick auf ihre Schwester zu erhaschen. “Mein Familienzweig stammt ursprünglich aus Malur, lebt jetzt aber auf Burg Margine in Margine Amena. Unser Hauptzweig sitzt in Efferdas, ursprünglich Belhanka. Der Thronfolgekrieg hat uns übel mitgespielt.” Sie lächelte entschuldigend. “Verzeiht, aber gesellschaftlicher Tanz und Konversation war nicht unbedingt meine Paradedisziplin.”
“Ihr seid Kriegerin?” Salkyo bedachte seine Tanzpartnerin mit einem neugierigen Blick. Sie hatte offensichtlich wirklich nicht viel Übung, daher versuchte er, es ihr so einfach wie möglich zu machen. Es endete damit, dass er sich auf zu viel gleichzeitig konzentrieren musste, sich in der Schrittfolge verhedderte und die beiden komplett raus waren. “Entschuldigt, Signora Ancalita, das war mein Fehler.” Er versuchte, einen neuen Anfang zu finden, an dem sie gut einsteigen konnten.
“Nein, es war mein Fehler, Signor Salkyo. Ich war unkonzentriert. Verzeiht mir, ich blamiere euch.” Beschämt sah sie zu Boden und auf einmal hörte sie die Stimme ihres Lehrmeisters im Kopf, der sie zur Konzentration ermahnte. Sie straffte sich und begann im richtigen Moment den Tanz mit Salkyo weiterzuführen. Weiterhin fiel es ihr schwer, aber sie bemühte sich redlich. “Ich bin Schülerin der Schwertkampfschule di Ulfaran. Darf ich mir erlauben, euch nach eurem Werdegang zu fragen, Signor?”
Er schwieg so lange, dass sie fast damit rechnete, keine Antwort mehr zu erhalten.
“Mein Werdegang… nun, nichts, was mir so viel Ansehen wie eine echte Schwertkampfausbildung einbringen könnte. Alles, was ich vom Kriegshandwerk noch verstehe, weiß ich aus meiner frühen Kindheit in Arivor. Nach der Katastrophe lebte ich die meiste Zeit in Urbasi oder eben da, wo es mich gerade hinzog. Wie auch heute.”
Salkyos Lächeln wirkte eher gezwungen als echt. Er hatte eine zweite Maske aufgesetzt, die nicht sein Gesicht, sondern seine Gefühle verbergen sollte. Sie wiegten sich im Takt der Musik. Ancalita spürte, dass sich etwas verändert hatte.
“Wenn ich euch mit meiner Neugier in Verlegenheit gebracht habe, tut es mir leid, Signor. Ich wollte nur erfahren, wen ich hier vor mir habe, aus reiner Höflichkeit. Es war nicht in meinem Sinne, euch die Laune zu verderben, indem ich euch dumme Fragen stelle. Sollen wir den Tanz beenden?”
“Keineswegs habt Ihr mir die Laune verdorben und noch viel weniger sind Eure Fragen dumm, Signora.”, versicherte ihr Salkyo. Er lächelte wieder und diesmal gelang es ihm besser, seine Anspannung zu verbergen.
“Wenn Ihr das wünscht, gerne.” Der junge von Schreyen hielt ihre Hand noch fest, bis sie die Tanzfläche verlassen hatten, dann ließ er sie los. “Es war mir eine Freude, Signora Ancalita.”, sagte er mit einer Verneigung.
Ancalita verbeugte sich ebenfalls. “Die Freude war ganz auf meiner Seite, Signor Salkyo.”, sprach sie höflich, aber er glaubte ihr kein Wort. Mit Sorge im Gesicht, suchte sie die Tanzfläche ab und erst als sie Phÿllis erblickte, entspannte sie sich etwas.
Während Salkyo und Ancalita sich zur Tanzfläche begaben, wandte sich Phÿllis Alvinia zu. “Seid ihr sicher, dass ihr euch dies zumuten wollt, Signora Alvinia? Ich bin eine schreckliche Tänzerin.”
"Sehr erfreut, Euch kennenzulernen, Signora Phÿllis. Ja, ich bin mir sicher. Ebenso sicher wie ich mir bin, dass Euer Anblick auf der Tanzfläche alle verzaubern wird."
Alvinia schlug die Augen nieder und sah mit einem reizenden Lächeln zu Phÿllis auf. Ein langer Blick wanderte über das grüne Kleid mit den Schlangenmustern, das nicht zu viel preisgab, zu der im gleichen Stil gehaltenen Maske, um schließlich bei ihren grünen Augen zu verharren.
"Ich gebe Euch mein Wort, dafür zu sorgen, dass Ihr nicht stolpern werdet, wenn Ihr wirklich darauf besteht, so eine grauenhafte Tänzerin zu sein.” Sie zwinkerte ihr fröhlich zu.
Phÿllis errötete leicht. “Zuviel der Komplimente, Signora Alvinia, wahrlich zuviel. Aber diese kann ich nur zurückgeben. Eure Erscheinung auf der Tanzfläche wird die Herzen vieler Männer schneller schlagen lassen.” Sie blickte Alvinia in die Augen. “Ihr werdet doch bestimmt beim Fuchsband teilnehmen. Ihr solltet dann auf einen Tanz mit mir verzichten, denn ich kann mir nicht vorstellen, wie ihr mein Unvermögen ausgleichen könnt.” Dann hielt ihr die Hand hin. “Aber wenn euch das immer noch nicht abschreckt, dann soll es wohl so sein."
“Eure Worte lassen mein Herz schneller schlagen, Signora. Und vielleicht sind es ja gar nicht die Männer, für die ich heute hier bin.” Alvinia ergriff ihre Hand, ohne dabei den Blick von ihren Augen zu wenden. “Ja, ich werde beim Fuchsband teilnehmen. Doch abgesehen davon, dass eine Tanzpartnerin, die nicht teilnimmt, aus meiner Sicht ein Vorteil ist, ist mir Eure Gesellschaft mehr wert als ein, zwei Bänder mehr oder weniger bei diesem Spiel. Letztlich ist es nur ein Spiel, das Spaß machen soll. Ihr solltet Euch wahrlich mehr Mühe geben, wenn Ihr mich abschrecken wollt. Wenn Ihr das denn wollt.”, neckte sie Phÿllis mit einem verschmitzten Lächeln, während sie auf die Tanzfläche zugingen.
Wieder errötete Phÿllis. Wer war diese Frau? Etwas Geheimnisvolles umgab sie und doch steckte sie auch voller Unbekümmertheit um die Phÿllis sie beneidete. “Was meint ihr mit, ihr seid nicht wegen der Männer hier? Ihr treibt eure Scherze mit mir, Signora. Wir kennen uns doch überhaupt nicht, haben wir uns doch gerade erst einander vorgestellt. Trotzdem denkt ihr, dass ich bessere Gesellschaft wäre als manch anderer Edelmann hier? Ihr verwirrt mich, Alvinia Solivino. Das muss ich zugeben.”
Sie warteten auf den richtigen Takt um den Tanz zu beginnen. “Dann führt mich, Signora Alvinia und denkt dabei an euer Versprechen und meine Vorwarnung.” Weiterhin konnte die den Blick von Alvinias Augen nicht lösen.
“Ihr habt Recht, vieles, was ich sage, ist als Scherz gemeint. Doch dass ich heute nicht wegen der Männer hier bin, meinte ich völlig ernst.” Alvinia erwiderte ihren intensiven Blick. Im richtigen Moment begann sie zu tanzen und zog Phÿllis mit sich.
‘Erst einmal nur Grundschritte, später Figuren’, bremste sie sich selbst aus. Gut, dass ihr Tanzlehrer viel Wert darauf gelegt hatte, ihr auch den Führungspart beizubringen. Das half jetzt ungemein, um dafür zu sorgen, dass Phÿllis sich sicher fühlte und tatsächlich nicht stolperte.
“Und ich habe es noch nie als Problem gesehen, nett mit Leuten zu plaudern… oder zu tanzen, die ich erst seit Kurzem kenne. Nun, solange sie mir sympathisch sind natürlich.”, bemerkte sie augenzwinkernd.
Als der Zeitpunkt für eine Drehung kam, hob sie zwei Takte vorher den Arm leicht an und warf Phÿllis einen fragenden Blick zu.
Ein Hauch von Unsicherheit fuhr durch ihren Körper und kurz blickte sie sich nach ihrer Schwester Ancalita um. Doch dann nahm sie allen Mut zusammen, ergriff Alvinias Hand und vollführte eine Drehung. Nicht perfekt, aber auch kein Desaster. Sie hatte etwas zuviel Schwung, aber Alvinia hielt sie fest. Sie lächelte. “Ihr habt wunderschöne Augen, Signora Alvinia, schimmernd wie Smaragde. In ihnen leuchtet die Freude, die ihr am Tanzen habt. Sagt, wo habt ihr dies erlernt?”
Alvinia strahlte Phÿllis an. “Vielen Dank, Signora. Ich kann das Kompliment nur aus ganzem Herzen erwidern. Eure Augen sind zwei funkelnde Sterne.” Sie zog die Adepta etwas näher zu sich. “Doch was sind zwei Sterne ohne die Dunkelheit, aus der sie hervorstechen können?”, wisperte sie ihr ins Ohr.
Während sie weiter über die Tanzfläche schwebten, sprach Phÿllis fast schon erhaben:
“In dunkler Stille, tief und sacht,
zwei Augen leuchten in der Nacht.
Ein Blick, der durch die Seele zieht,
als ob er längst dein Innerstes sieht.
Sind sie Gefahr? Sind sie ein Traum?
Ein Wispern weht durch dunklen Raum.
Smaragdgrün, tief und unerkannt,
zwei Flammen in des Schattens Hand.”
Sie vollführten eine weitere Drehung.
“Wunderschön.”, murmelte Alvinia atemlos. “Ihr seid eine famose Dichterin! Und das ganz spontan?” Sie sah Phÿllis voller Bewunderung an.
“Ihr wolltet von mir wissen, wie ich tanzen lernte: Die Grundlagen hat mir meine rahjageweihte Cousine beigebracht und dann hat sie meinem Vater empfohlen, mir einen richtigen Tanzlehrer zur Seite zu stellen, der mir die komplizierten Tänze besser vermitteln könnte. Doch nun sagt Ihr, wo habt Ihr gelernt, so zu dichten?”
“in der Zeit zwischen den ganzen Studien brauchte ich etwas Ablenkung und so wie es scheint, hat mich die Herrin Hesinde nicht nur mit einem arkanen Talent gesegnet. Im Tempel der Hesinde fand ich in der Bibliothek einige Werke mit Gedichten aller Art und Form. Diese haben mich sofort fasziniert. Wie ihr.” Sanft drückte sie Alvinias Hand. “Dürfte ich euch noch etwas fragen, Signora. Euer Talent,...euer arkanes Talent….wo habt ihr studiert? Ich habe es gesehen und es war anders als ich es kenne. Ihr seid geheimnisvoll….und schön….und ich würde gerne mehr über euch erfahren.”
Alvinia schwieg einige Wimpernschläge. Mit einem schnellen Blick musterte sie Phÿllis von oben bis unten. Was hatte sie vor? All die Komplimente, selbst das Erröten, war es am Ende nur vorgespielt gewesen, um sie einzulullen und von einer Gefahr abzulenken, die diese hübsche junge Magierin vielleicht für sie darstellte?
Sie lehnte sich weiter nach vorne und gab ihrer Stimme einen verführerischen Klang. “Ihr wollt also mehr über mich herausfinden? Nicht hier, Signora Phÿllis… Lasst uns irgendwohin gehen, wo wir etwas ungestörter sein können.”
Überrascht von der Tonlage, errötete Phÿllis ein weiteres Mal. Ihre Stimme begann leicht zu zittern. “Ich…ich hoffe,,,ich bin euch mit meiner Frage nicht zu nahe getreten, Signora Alvinia…..oder das ich einen falschen Gedanken in euch erweckt habe…..oder….” Phÿllis zwang sich zur Ruhe. “Ich habe in der oberen Etage einen Wintergarten mit Sitzgelegenheiten gesehen. Vielleicht wäre das ein geeigneter Ort.”
Die Kapelle hörte auf zu spielen. Beide Damen spendeten Applaus und begaben sich dann zur Treppe nach oben. Wie selbstverständlich hakte sich Alvinia bei Phÿllis ein, welche völlig überrascht, gar überfordert ihre Schwester suchte. Sie erblickte Ancalita Arm in Arm mit Salkyo von Schreyen und ihre Blicke trafen sich. Ein kurzes Gespräch nur mit den Blicken, dann nickten sie sich gegenseitig zu und in Phÿllis breitete sich das gute Gefühl aus, beschützt zu sein.
Salkyo musste ihre angespannte Suche bemerkt haben. “Keine Sorge, Alvinia wird Eurer Schwester schon kein Haar krümmen.”, meinte er mit einem schiefen Lächeln. “Wollen wir etwas von diesem zweifellos köstlichen Wein probieren, den sie hier verteilen?” Sein Blick folgte einer Kellnerin, die keine zwei Schritt entfernt an ihnen vorbeiging.
“Nein, bitte keinen Wein.” Ancalita machte eine abweisende Bewegung. “Ich vertrage ihn nicht. Aber es wird wohl nicht nur Wein kredenzt werden.” Tief atmete sie durch. “Denn ich würde gerne etwas in eurer Gesellschaft trinken, Signor Salkyo.”
"Ich glaube, der Kellner dahinten hat Tee und sogar Kaffee. Über eure Gesellschaft würde ich mich sehr freuen." Salkyo bot ihr seinen Arm.
Mit einem dankbaren Lächeln nahm Ancalita die dargebotene Armbeuge Salkyos an und sie gingen beide auf den Kellner zu.
"Echter Kaffee aus den Südmeerkolonien oder doch lieber einen aromisierten Tee, original wie in der Tulamidischen Teestube?", erkundigte sich der Kellner sogleich nach ihren Vorlieben.
"Einen Kaffee bitte." Salkyo probierte sogleich einen Schluck des exotischen Getränks und nickte zufrieden. "Und für die Dame?" “Bitte einen Tee.”, antwortete Ancalita und nahm behutsam die dargebotene Porzellantasse entgegen. Vorsichtig nahm sie den ersten Schluck und spürte die wohlige Wärme in ihrem Körper und genoss das Aroma. “Werdet ihr an irgendwelchen Spielen dieser Veranstaltung teilnehmen, Signor von Schreyen?”
“Oh nein, ich bin nur als Leibwächter für Alvinia mitgekommen. Sollte ihr etwas zustoßen, werden ihre Eltern mich persönlich dafür verantwortlich machen.” Sein Lächeln war schwer zu deuten. “Wenn sie in dem einen oder anderen Spiel jedoch meinen Rat oder anderweitige Unterstützung braucht, werde ich nicht zögern. Und was ist mit Euch?”
“Ich bin als Leibwächterin meiner Schwester hier, aber ich werde auch an den Spielen teilnehmen. Eine Runde Boltan in so illustrer Runde könnte vielleicht doch interessant sein. Meine Mutter dachte, es wäre passend.” Sie nippte an ihrem Tee. “Spielt ihr Boltan?”
Salkyo nickte und trank noch einen Schluck Kaffee. "Ich kenne die Regeln und war einmal überzeugt davon, es gut spielen zu können. Bis mein jüngerer Cousin auf einmal besser als ich wurde, das hat mein Selbstvertrauen bezüglich Boltan nachhaltig erschüttert. Rechnet ihr euch Chancen aus?"
“Ich mache mir keine allzu großen Hoffnungen auf den Sieg. Habt ihr vielleicht Lust auf eine Partie? Hier gibt es bestimmt so etwas wie einen Splelesalon und ein Kartendeck lässt sich mit Sicherheit auch finden. Wir könnten einen der Bediensteten fragen.”
"Sehr gerne, Signora Ancalita." Salkyo erhob sich und begann, nach einem Spielesalon Ausschau zu halten. Eine offenstehende Tür auf der anderen Seite des Ballsaals klang vom Geräuschpegel her vielversprechend. Zwei Gruppen feuerten wohl ihre jeweiligen Favoriten an, deren Namen absolut unverständlich blieben, und schaukelten sich dabei gegenseitig hoch. Salkyo nahm die Kaffeetasse in seine Hand. "Wollen wir es da einmal probieren? Obwohl ich dankbar wäre, wenn Ihr mich im Beisein weniger Zuschauer besiegen würdet als das eine laufende Spiel anscheinend hat."
Phÿllis und Alvinia erreichten das obere Stockwerk und begaben sich zur Südseite des Palazzo. Als sie den Wintergarten erreichten, suchten sie sich eine Sitzgelegenheit fernab des Trubels. Sie fanden eine Bank und nahmen Platz. Es wurde still und Phÿllis schaute Alvinia erwartungsvoll an.
Alvinia blickte Phÿllis intensiv in die Augen. "Bevor ich Eure Frage beantworte, brauche ich ein paar Antworten von Euch. Das versteht Ihr doch sicher."
Langsam streckte sie die Hand aus und fuhr mit einem Finger ihre Wange entlang zum Kinn, so leicht, dass Phÿllis es kaum spürte. Sie ließ die Hand wieder sinken.
"Was hat Euch dazu gebracht, Euch überhaupt erst nach Magie umzusehen, Signora?" Ihre Stimme war seidenweich und ließ keinerlei Angst durchschimmern, während sie in Gedanken die Möglichkeiten durchforstete. Solange sie einfach eine zufällige Entdeckung war und die Neugier der Magierin geweckt hatte, war das nicht schlimm, aber wenn irgendjemand Phÿllis auf sie angesetzt hatte…
Bei der sanften Berührung Alvinias lief ein Schauer über Phÿllis’ Rücken. “Meine werte Frau Mutter hat mich darum gebeten. Sie ist sehr misstrauisch und wollte wissen, ob sich hier astral Begabte eingeschlichen haben, um im Sinne ihrer Auftraggeber oder aus eigenem Antrieb die Spiele zu beeinflussen.” Fast schon entschuldigend blickte Phÿllis zu Boden. “Ich habe es nicht gerne gemacht, aber ich hoffe auf ihre Wertschätzung. Aber über euch habe ich ihr noch nichts gesagt. Dies schwöre ich bei der großen Schlange. Nicht ein Wort.”
Alvinia blickte Phÿllis lange in die Augen. “Ich wüsste es sehr zu schätzen, wenn es auch weiterhin unter uns bliebe. Wenn es Euch beruhigt, ich hatte nicht vor, gegen die Gebote des Listenreichen zu verstoßen, unter dessen Schutz diese Veranstaltung steht.” Mit einem unschuldigen Augenaufschlag zwirbelte sie sich eine Locke um den Finger. “Signora… was bringt Euch eigentlich dazu, davon auszugehen, ich hätte studiert? Vielleicht bin ich eines dieser Feenwesen, die nichtsahnende Sterbliche in ihr Reich entführen.” Sie grinste.
“Kein Wort wird über meine Lippen kommen Signora Alvinia. Mein Wort darauf.” Aber trotzdem würde sie Alvinia im Auge behalten.
“Eure Aura wirkte strukturiert, als ob ihr gelernt habt, mit eurer Kraft umzugehen. Und nein, ein Feenwesen seid ihr nicht. Ich habe viel darüber gelesen über Feen, Nymphen und Laadifahri. Wahrlich könnt ihr Sterbliche in euer Reich entführen, aber dies ist keine Feenwelt. Ihr macht euch lustig über mich.” Phÿllis rutschte auf der Bank ein Stück zurück.
"Verzeihung." Alvinias Lächeln verschwand. "Das war nicht richtig." Schweigen senkte sich für einige Wimpernschläge über die beiden Frauen. Nur die Musik aus dem Tanzsaal drang gedämpft zu ihnen. "Es ist meine Maske, mein Schild.", flüsterte Alvinia schließlich kaum hörbar. Sie schien nicht mehr Phÿllis zu fixieren, sondern irgendetwas in weiter Ferne hinter ihr. "Wenn ich mich in die Ecke gedrängt fühle, wenn ich Angst habe, dann lache ich und lenke mit Scherzen von mir ab. Ihr habt mich in die Ecke gedrängt, Signora, und meine Versuche, Euch vom Gegenteil zu überzeugen, sind gescheitert. Ihr habt mir Euer Wort gegeben. Schwört bei den Zwölfen, dass Ihr Euch im entscheidenden Moment daran erinnern und halten werdet.” Sie sah ihr jetzt wieder eindringlich in die Augen. Gleichzeitig fühlte Phÿllis sich irgendwie beobachtet, als würde noch ein weiterer, intensiver Blick auf ihr ruhen.
Phÿllis nahm Alvinias Hände in die eigenen. “Bevor ich schwöre, möchte ich mich bei euch entschuldigen, Signora Alvinia. Ich hatte zu keiner Zeit vor, euch zu bedrängen. In keinster Art und Weise. Ich weiß wie es ist, eine Maske und einen Schild zu tragen. Sicherlich aus anderen Gründen als ihr.” Ihr Blick wurde traurig und Tränen sammelten sich darin. Mit belegter Stimme sprach sie weiter. “Ich schwöre bei den Zwölfen und dem Leben meiner Schwester, das ich mein Wort euch gegenüber halten werde.”
“Danke. Ich glaube Euch.” Der Hauch eines Lächelns kehrte auf ihre Lippen zurück. Alvinia schaute sich rasch um, es war gerade niemand in der Nähe. Trotzdem blieb ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern. "Meine Schwestern und ich... wir müssen in ständiger Angst leben. Und das einfach nur, weil wir keiner der Gilden angehören. Weil wir eben nicht studieren, zumindest nicht so, wie es vorgesehen ist für unsereins." Bei dem Wort unsereins wies sie mit der Hand erst auf Phÿllis, dann auf sich selbst. Alvinia wandte den Blick nicht von ihren Augen ab, sie wirkte mit einem Mal jünger, verletzlicher als zuvor.
Plötzlich spürte Phÿllis, wie etwas Weiches ihre Beine entlangstrich. Ein sanftes Schnurren ging von der flauschigen Katze aus, die sich auf leisen Pfoten angeschlichen hatte und jetzt mit wachsamen, grünen Augen zu Phÿllis aufblickte.
Phÿllis lächelte. “Wen haben wir denn hier? Wunderschöne Augen, genau wie seine Freundin. Ich gehe davon aus, dass dieser kuschelige Kerl zu euch gehört, Signora Alvinia.” Vorsichtig näherte sie sich dem Tier mit der rechten Hand und ließ die Katze erst einmal schnuppern und begann sie dann hinter dem Ohr zu kraulen. “Ihr spracht von Schwestern und ungewöhnlichen Lehrmethoden fernab jeder Gilde. Und hier haben wir einen Kater, der wohl zu euch gehört. Wenn ich den Folianten trauen kann, sitzt mir hier eine Tochter Satuarias neben mir.” Kurz sah sie ein Aufflackern in Alvinias Augen. “Euer Geheimnis ist bei mir sicher. Ich habe es geschworen und werde meln Wort halten. Und um dies zu festigen, biete ich euch meine Freundschaft an, oder sollte ich sagen dir? Wir sind auf eine gewisse Art verwandte Seelen. Ich wäre erfreut, wenn ihr meine Offerte annehmen würdet.”
Im Kaminzimmer
In einer anderen der halb abgeschirmten Sitzgruppe aus tulamidischen Kissen, hatte sich derweil eine ganz eigene Welt gebildet.
Andara Ollantur lag halb seitlich, ein Arm locker auf ein besticktes Seidenkissen gestützt, das Bein angewinkelt, als wäre diese Haltung nicht das Ergebnis bewusster Berechnung, sondern bloß ein zufälliger Zufall der Bequemlichkeit. Das gewagte Kleid tat, was es sollte. Es flüsterte, statt zu schreien. Jede Bewegung ließ Stoff und Haut in ein neues Verhältnis treten, das Prinz Folnor von Firdayon-Bethana mit ehrlicher Bewunderung studierte, als handele es sich um ein besonders kniffliges Brettspiel.Die Wasserpfeife stand zwischen ihnen wie ein stillschweigender Komplize.
„Ihr raucht, als hättet Ihr das schon oft getan“, bemerkte Folnor und nahm das Mundstück entgegen, seine Stimme gedämpft vom Rauch, aber nicht leiser. Leise war ohnehin nicht seine Stärke. Andara lächelte nur, langsam, wissend. „Und Ihr raucht, als würdet Ihr jedes Mal hoffen, dass jemand Euch dabei beobachtet.“
Der Prinz lachte auf, ein warmes, offenes Geräusch, das beinahe zu laut für diesen abgeschiedenen Winkel war. '-„Schuldig“, gab er zu und beugte sich vor, gerade weit genug, um die Grenze zu testen. „Aber sagt, Signora… ist es Euer Ziel, beobachtet zu werden oder nur, dass jemand ganz Bestimmtes hinsieht?“ Andara nahm ihm das Mundstück aus der Hand, ließ ihre Finger dabei einen Hauch zu lange an seinen verweilen. „Das“, sagte sie ruhig, während sie den Rauch ausatmete, „ist der Unterschied zwischen einem Auftritt und einer Einladung.“
Ihre Blicke verhakten sich. Nicht hastig, nicht fordernd, sondern mit jener süßen Selbstverständlichkeit zweier Menschen, die beide wissen, dass sie gerade ein Spiel spielen und dennoch gespannt sind, wer zuerst vergisst, dass es eines ist. Folnor stützte sich zurück, musterte sie von oben bis unten, ohne jede Scham. „Man hat mir zugetragen, dass die Damen der Familie Ollantur seien… sehr kultiviert.“ „Man sagt viel über uns“, erwiderte Andara sanft. „Meistens von Leuten, die uns nie wirklich zugehört haben.“
Sie rückte ein wenig näher, gerade so weit, dass der Duft ihres Parfüms den Rauch der Wasserpfeife verdrängte. Etwas Blumiges, Warmes, mit einem Unterton, der sich nicht sofort einordnen ließ. Folnor blinzelte, als hätte er kurz den Faden verloren.
„Und“, fragte er schließlich, „höre ich Euch gerade zu?“ Andara hob eine Augenbraue. „Das entscheidet sich nicht daran, ob Ihr antwortet, Prinz. Sondern daran, ob Ihr Euch später daran erinnert.“ Ein weiterer Zug an der Wasserpfeife, ein weiteres Lächeln, diesmal schmaler, näher an seinem Ohr als zuvor.
Folnor beugte sich vor, die Stimme nun leiser, fast verschwörerisch. „Ihr macht es einem Mann schwer, sich zu entscheiden, Signora Ollantur.“ Andara ließ den Blick über sein Gesicht gleiten, verweilte einen Moment zu lange auf seinen Lippen. „Wie beruhigend“, murmelte sie. „Dann habe ich ja alles richtig gemacht.“ Und während der Rauch langsam zur Decke stieg, spannte sich das unsichtbare Band zwischen ihnen weiter, Wort um Wort, Geste um Geste…
“Dann wollen wir doch einmal sehen, ob man euren Wunsch nach weniger Publikum erfüllen kann.” Ancalita winkte einen der Bediensteten zu sich und bat ihn um Boltan-Karten. Nachdem sie die Karten erhalten hatte, deutete sie auf die Treppe in die obere Etage. Natürlich nicht so ganz uneigennützig, denn sie war dann näher an ihrer Schwester. Langsam gingen sie die Stufen nach oben und wandten sich zur Südseite. Sie waren gerade auf dem Weg zum Wintergarten, als sie hinter einer Tür Stimmen vernahmen. Ancalita schaute Salkyo fragend an, der war aber schon auf dem Weg, um an die nur angelehnte Tür zu klopfen.
“Tretet ein, wer immer dort steht.”, hörten sie eine helle weibliche Stimme. Salkyo öffnete die Tür und beide betraten den Raum. Dieser war von der Einrichtung her im tulamidischen Stil aufgebaut. Anstelle von festen Sitzmöbeln hatte man hier mehrere Sitzkissen gruppiert. An jeder Gruppe stand ein kleiner Tisch, darauf eine Wasserpfeife. Von diesen Plätzen war einer belegt.
Neugierig betrat Salkyo den fremdartig und gleichzeitig gemütlich wirkenden Raum. Er tauschte einen Blick mit Ancalita und ging dann langsam auf die Frau, die sie hereingebeten hatte, und ihren männlichen Begleiter zu, “Phex zum Gruße, Signora, Signor.”, sagte er mit einer höflichen Verbeugung. “Ich bin Salkyo von Schreyen.” Er wartete darauf, dass die junge ya Pirras sich vorstellte. “Und ich bin Ancalita ya Pirras, Schülerin der der Schwertkampfschule di Ulfaran in Shenilo. Zu euren Diensten.” Sie verbeugte sich knapp.
Seelenschwestern
Der Kater schnurrte noch lauter und rieb seinen Kopf an ihrem Bein.
"Ihr seid ebenso scharfsinnig wie hinreißend.", lächelte Alvinia, ließ Phÿllis' Schlussfolgerung ansonsten aber unkommentiert. "Mit Freuden nehme ich Euer, ich meine dein Angebot an. Deine Freundschaft würde mir viel bedeuten. Was meinst du damit, verwandte Seelen?"
Für einen Herzschlag hörte der Kater auf zu schnurren und drehte seine Ohren in Richtung Tür, dann setzte er sein Schnurren einfach fort. Alvinia schien darauf zu warten, dass jemand hereinkam, doch als das nicht passierte, schenkte sie Phÿllis wieder ihre volle Aufmerksamkeit.
Phÿllis schaute auf die Katze und kraulte sie weiter.
“Im Kreis der Blutlinie, kalt und schwer,
sie steht am Rand, sie zählt nicht mehr.
Sie wandert nachts im dunklen Garten,
wo nur die Sterne Antwort taten.
Die Magie, die durch die Adern fließt,
ist sanft und rein und niemand sieht’s.
Die Last, verkannt zu sein im Haus,
zerfrisst sie wie ein kaltes Graus.
So spinnt sie Zauber, still, allein,
ihr Schmerz verwächst in jeden Stein.”'-
Sie atmete schwer. '-“Hätte ich nicht meine Schwester und meine Cousine Terantina, wäre da gar niemand. Mein Haus ist praiosgläubig. Was meinst du, wie groß der Schrecken war, als man mein Talent durch meine eigene Dummheit entdeckte. Auch ich kann nur im Verborgenen wirken, denn durch den Codex Albyricus und das Siegel, das ich nach meinem Abschluss erhalten werde bin ich gezeichnet für den Rest meines Daseins."
Die Katze sprang auf Phÿllis’ Schoß und schmiegte sich an sie, als wollte sie sie trösten. Alvinia umarmte sie sanft. “Es ist ein Geschenk, kein Fluch, vergiss das niemals. Jeder, der etwas Gegenteiliges behauptet, ist nur neidisch auf diejenigen, die das Glück hatten, so gesegnet zu werden. Du liebst deine Schwester sehr, und sie dich. Ihr könnt euch ohne Worte verstehen, das ist etwas Besonderes. Es gelingt mir nur mit meinem Bruder Ricardo. Ich liebe meine blutsverwandten Geschwister ebenso wie meine seelenverwandten Schwestern und freue mich sehr, heute eine neue Seelenschwester gefunden zu haben.”
Sie löste die Umarmung, um ihre Maske abzunehmen und lächelte sie voller Zuneigung an.
Phÿllis genoss die Umarmung. Sie war anders, als wenn ihre Schwester sie in die Arme nimmt, aber doch beruhigend und angenehm. Kurz drückte sie Alvinia. “Eine Seelenschwester", murmelte Phÿllis. Nachdem Alvinia die Umarmung gelöst hatte, nahm auch sie ihre Maske ab. “Keine Masken mehr, kein Verstecken zwischen uns. Es ist seltsam, aber wir sollten uns heute wohl treffen und zueinander finden. Die Wege der Götter sind sonderbar, aber sie zeigen mir eine neue Welt, auf die ich schon sehr gespannt bin. Sag, woher stammt deine Familie?”
“Das Gefühl habe ich auch. Obwohl ich zuerst befürchtete, dass es ein ganz bestimmter Gott war, der dich auf mich aufmerksam gemacht hat. Doch diese Befürchtung hast du mittlerweile zerstreut, sodass ich mich der Vermutung anschließe, dass es uns gegenüber wohlgesinntere Götter waren.” Nachdenklich strich Alvinia über das weiche Fell ihrer Katze, die immer noch in Phÿllis’ Schoß lag.
“Meine Familie stammt aus Urbasi, oder genauer dem näheren Umland. Wir leben aber seit über einem Jahrhundert bereits in der Stadt. Unsere Urahnin ist die Rahjaheilige Ricarda Solivino, sie hat den Wein Cassianti erfunden und die Tradition des Rahjaglaubens bei uns begründet oder zumindest gefestigt. Du sagtest bereits, dass deine Familie praiosgläubig ist. Woher stammt sie?”
“Unser Haus stammte ursprünglich aus Belhanka, bis sich ein Zweig nach Malur aufmachte. In den Wirren des Thronfolgekrieges mussten beide Orte verlassen werden. Nun residiert unser Oberhaupt in Efferdas und der andere Zweig in Margine Amena. Burg Margine ist unser Geburtsort, aber meine Mutter ging einen Traviabund ein und nachdem meine arkane Gabe entdeckt wurde, lebten wir fortan in Shenilo.” Phÿllis hielt kurz inne, als würde sie nachdenken. “Deine Familie klingt sehr interessant. Sind auch Gewelhte der Helteren in euren Reihen? Vielleicht kennt meine Cousine Terantina jemanden aus deiner Familie. Sie ist der Liebholden geweiht. Ich werde sie fragen, wenn du nichts dagegen hast. Und jetzt erzähle mir bitte von Urbasi.”
"Deine Tante ist eine Rahja-Geweihte?" Alvinia lächelte freudig. "Mein Onkel, meine Cousine und meine Großtante sind auch der Liebreizenden geweiht. Es kann gut sein, dass einer von ihnen sie von einem Fest der Freuden oder so kennt. Hmm... was könnte ich dir von Urbasi erzählen? Es liegt am Sikram und weithin sind schon die hohen Geschlechtertürme zu erkennen. Unser Palazzo hat auch einen und sogar der Rahja-Tempel hatte mal einen, bis er eingestürzt ist. Im Stadtwappen ist ein Esel, deswegen wird dieses Tier traditionell in höchsten Ehren gehalten. Böse Zungen behaupten, dass die Einwohner selbst so streitlustig und stur wie Esel sind." Ihr Grinsen war eindeutig ironisch. "Der Ingerimm-Tempel ist sehr wichtig wegen der Silberminen, darum nennt man Urbasi auch die Silberstadt. Wenn du sagst, ihr lebt in Shenilo, meinst du dann dich, deine Schwester und deine Mutter? Bist du vielleicht einmal meiner jüngeren Schwester begegnet? Sie heißt Innocencia, ist 14 Jahre alt und Knappin bei Festo von Schreyen, einem Verwandten von Salkyo." Gespannt schaute sie Phÿllis an.
“Es ist gut möglich, dass deine Verwandten und meine Cousine sich kennen. Wir können sie vielleicht später einmal fragen, wenn sie von der Jagd nach den Bändern nicht zu sehr erschöpft ist. Leider kenne ich deine jüngere Schwester nicht. Ich habe die Akademie nicht so oft verlassen, muss ich gestehen und einige Ecken und Winkel in Shenilo sind mir bis heute noch unbekannt. Aber wenn sie das Kriegerhandwerk lernt, kennt Ancalita sie vielleicht.” Phÿllis schmunzelte, aber dann verdüsterte sich ihre Miene wieder. “Ancalita und ich leben in Shenilo in unseren jeweiligen Akademien, welche sich zum Glück im gleichen Gebäude befinden. Meine Mutter ist nur zu geschäftlichen Dingen in Shenilo und lebt dann meistens in einem Hotel in der Stadt. Dort hat sie uns beiden auch ein Zimmer gemietet, aber nur auf Zeit. Wir beide sollen nach unseren Abschlüssen in die Dienste anderer Gönner oder Handelshäusern treten um Geld zu verdienen, damit wir eines Tages das wieder einbringen, was sie in uns investiert hat. Dazu sollen wir Erfahrungen sammeln und deswegen hat sie uns überhaupt hierhin mitgenommen. Um uns bekannter zu machen, fast schon feilzubieten wie eine Ware aus der Weinhandlung Yaquiria Shenilo.”
Auf einmal konnte sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie nestelte nach einem Tuch, um sich die Tränen abzuwischen. “Verzeih, das solltest du nicht sehen.”
Wut kochte in Alvinia hoch, als sie Phÿllis so in Tränen aufgelöst sah. "Hör zu, dein Leben gehört dir und wenn irgendjemand etwas anderes behauptet, musst du ihn in seine Schranken weisen, selbst wenn es deine Mutter ist! Du bist keine Ware und deine Schwester auch nicht." Sie drückte die Adepta fest an sich. "Wenn deine Mutter dich liebt, und ich weiß, dass sie das tief in sich drin tut, auch wenn es für dich vielleicht manchmal nicht so erscheint, muss sie das akzeptieren. Ich bin gerne für dich da, um dir den Rücken zu stärken, auch gegen irgendwelche Signors, die um deine Hand anhalten sollten, wenn du ihnen von deiner Mutter versprochen wurdest. Denn die einzige, die dich jemandem versprechen darf, bist du."
Alvinias Unruhe schien auf den Kater abzufärben, denn er sprang auf und beschwerte sich maunzend, dass die beiden ihm keine Aufmerksamkeit mehr schenkten.
“Ich glaube nicht, dass meine Mutter dieses Gefühl kennt. Liebe melne ich. Aber genug davon. Hier fühlt sich jemand vernachlässigt.” Phÿllis kratzte auf der Bank, um die Aufmerksamkeit der Katze auf sich zu lenken. Diese nahm die Einladung gerne an und ließ sich wieder genüsslich hinter den Ohren kraulen. “Sag Alvinia, ist dir jemand bekannt, der meine Schwester und mich in seine Dienste nehmen würde? Nun schau nicht so überrascht. Kannst du uns helfen?”
"Ähm... ich weiß nicht. So viele andere Adelshäuser kenne ich gar nicht. Für meine eigene Familie kann ich ja schlecht allein entscheiden." Da hellte sich ihre Miene auf. "Meine Schwester Doriana wird zum Spiel Fuchsbau anreisen und ihr Goldfelsen-Projekt vorstellen. Sie ist die Erbin unseres Vaters, des Familienpatriarchen. Vielleicht kennt sie jemanden. Oder sie möchte euch direkt bei uns einstellen. Oh, es wäre wunderbar, wenn du und deine Schwester zu uns nach Urbasi ziehen würdet!"
Während des letzten Satzes war ihre Stimme zu einem aufgeregten Quietschen geworden. Ihre Augen leuchteten.Die Katze schnurrte derweil wieder zufrieden und begann, ausgiebig ihre Pfoten zu putzen.
Phÿllis lächelte. “Ja, das könnte ich mir auch sehr gut vorstellen. Dann warten wir den Besuch deiner Schwester bei diesen Festlichkeiten ab und dann wissen wir mehr.” Die junge Adepta stand auf und hielt Alvinia die Hand hin. “Sollen wir nach unseren Begleitern sehen? Und das Fuchsband müsste bald beginnen. Ich möchte nicht, dass du es meinetwegen verpasst.”
Ein schöner Plan
Krespio bewegte den feinen Wein ein wenig im Mund hin und her. Er lächelte, als er seinen Blick entlang der Decke durch den Raum schweifen ließ. “Auf ins Abenteuer, Krespio, auf! Wenn ich hier nicht Spannendes erlebe, dann müsste ich mich wohl tatsächlich mal nach Maraskan aufmachen…” Versorgt mit einer dieser Leckereien, die man hier allenthalben herum reichte, bewegte er seinen Blick abermals durch den Raum, diesmal niedriger. “Zeit für ein wenig Plauderei…”
Dabei hätte er den Wein beinahe wieder ausgeprustet, als sein Blick auf ein Kind im Gewand der Dienstmädchen fiel, das sich neben das Dargebot an Speisen gehockt hatte und sich dort begeistert den Magen voll schlug. Als sie ihn sah, grinste sie mit schokoladenverschmiertem Mund und winkte ihm verschwörerisch, näher zu kommen.
Krespio stutzte nochmals. Das war ja nun wirklich nicht das, was er sich jetzt als Gesprächsgefährtin erhofft hatte. Wie alt mochte das Mädchen sein? Zehn vielleicht? Höchstens. Und entweder war es ein ziemlich schlechtes Dienstmädchen, wenn es sich hier an den Speisen der Gäste bediente, oder ein besonders cleveres und freches, oder sogar gar keins? Nun ja, vielleicht konnte das doch interessant werden. Um die Reichen, Mächtigen und Schönen ließe sich sowieso besser kümmern, wenn alle etwas mehr von diesem hervorragenden Wein intus hätten.
Er tat erst so, als würde er das Mädchen übersehen, schlug theatralisch tänzelnd und ein Schleichen antäuschend einen Bogen - alles so, dass das Kind das genau sehen konnte - und landete genau neben dem kauernden und kauenden Dienstmädchen.
“Sehr lobenswert, dass du den herausragenden Geschmack der Leckereien hier selbst überprüfst. Du bist bestimmt eine erfahrene Zuckerbäcker-Testerin, richtig?” Dabei nahm sich Krespio selbst einige dieser wundervollen Stückchen.
Tineke grinste, wischte sich die verräterischen Beweise aus dem Gesicht und zog Krespio so nahe, dass er sie hören konnte, trotz Flüsterton: “Du siehst aber teuer, äh reich aus! Machst du sowas öfter?” Dabei zeigte sie mit ihrem Finger einmal durch den Ballsaal, in dem sich die tanzenden Gäste gerade mit äußerster Eleganz ihre vielen Tuchbahnen umherschleuderten.
“Jedenfalls, sag mal, hast du Lust auf etwas Schabernack?” “Tja, Lust hätt` ich ja eigentlich schon, aber ich bin natürlich aus einem schon irgendwie auch ernsten Grund hier”, flüsterte Krespio augenzwinkernd, “ich meine, das hier könnte sowas wie die Feier des Jahrhunderts werden, da will man ja nicht gleich stören oder sich blamieren, nicht war. Also lautet meine Antwort vorläufig: Jein. Solange, bis du mir erklärt hast, was du vorhast, Mädchen.” “Oh, das ist schade. Weil, wenn ich dir erzähle, was ich vorhabe, würdest du das dann nicht weiter erzählen? Dann wäre mein Geheimnis kein Geheimnis mehr, wenn es andere wissen.” Mit einer betont herzzerreißenden Geste wischte sich Tineke den Hauch einer Träne aus dem Augenwinkel. Allerdings - vielleicht war es auch ein Krümel Schlafdreck.
“Wenn du mir allerdings versprechen würdest, es niemandem zu verraten, dann könnte ich mich vielleicht überwinden?” Mit einem amüsierten Grinsen gab Krespio ihr sein Ehren-Versprechen. Tineke, mit ernstem Gesicht, fuhr fort: “Also gut”, sie sah sich erneut verschwörerisch um, dann flüsterte sie Krespio ins Ohr: “Ich bin gar nicht hier, um zu gewinnen!”
Zufrieden lehnte sie sich zurück, um diese Erkenntnis sacken zu lassen und aß noch einen süßen Kringel. “Raffaello hat mir die Einladung besorgt und gesagt, dass er eine Aufgabe für mich hat. Und dafür können Verbündete auf keinen Fall schaden!”.
“Ach, das ist ja offenbar wirklich interessant. Dass man hier ist, ohne den dringenden Wunsch zu haben, dies hier zu gewinnen, kaum zu glauben…”, dabei grinste er theatralisch, Erstaunen vorgaukelnd. Aber welcher Art ist denn diese geheimnisvolle Aufgabe? Ich hoffe, es geht dabei auch, zumindest unter anderem, um Süßgebäck.” Krespio lächelte und schob sich auch einen dieser feinen Schlotzer in den Mund.
Tineke starrte ihn an, bis es beinahe unangenehm wurde. “So, junge Dame, ich muss nun erst einmal tanzen. Danach bin ich zurück und ich schlage vor, dass du dir beim Tanz ein lohnendes Ziel für uns aussuchst.”