Briefspiel:Rückkehr zu einer praiosgefälligen Ordnung
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Bestandsaufnahme
Schloss Sewadâl, in der Baronie Sewamund, Boron 1046 BF
Nachdenklich legte Amelthona d'Illumnesto einen der letzten Berichte zur Seite. Als habe sie in den letzten Tagen nicht genug davon gelesen, harrten immer noch weitere Horden an Papierstapeln auf die jüngst ernannte Protektorin Sewakiens und damit derzeitige Regentin der Baronie Sewamund. Irion von Streitebeck war seines Amtes enthoben worden, hatte sich angeblich gar selbst dazu entschieden, den Titel des Barons von Sewamund abzulegen. Doch hatte es Comto Cusimo Garlischgrötz, der Herzog Grangoriens und damit der Lehnsherr des Barons oder der Baronin von Sewamund, nicht eilig, sofort eine Entscheidung über dessen Nachfolge zu treffen. Kurzerhand hatte er sie, Amelthona d’Illumnesto, zur Protektorin ernannt und ihr die Regierungsaufgaben übertragen, bis ein neuer Baron, eine neue Baronin gefunden wurde.
Ihre Erfahrungen und ihr guter Ruf als Kronvögtin Talantes hatten sicherlich ebenso dazu beigetragen, wie ihre Neutralität. Das Haus d'Illumnesto war mit keiner der Patrizierfamilien Sewamunds oder der Baronie zu eng verbunden, dass es zu etwaigen Loyalitätskonflikten kommen würde. Sie war also faktisch wirklich nur dem Herzog rechenschaftspflichtig - das war sowohl Fluch, wie auch Segen, befand sie sich doch ganz in der Hand des Comtos.
Sofort nach dieser Ernennung, die erstaunlich stillschweigend vorübergegangen war, war sie mit ihren Söhnen Solvolio und Aldigon in das Schloss Sewadâl aufgebrochen, dies war das Jagdschloss der Barone von Sewamund und nun temporär ihre Residenz als Protektorin. Das Schloss Corello sollte nach dem Willen des Herzogs in den Besitz der Stadt übergehen, eine neue Residenz für den neuen Baron oder die neue Baronin war noch nicht bestimmt. Daher war es nötig, fürs Erste sämtliche Akten und Archive des Barons aus dem Schloss Corello in das Schloss Sewadâl zu überführen. Überführen zu lassen - dafür bediente sich die neue Protektorin des verbliebenen Beamtenapparats Irion von Streitebecks, jene Sekretäre und Höflinge, die nicht mit ihm nach Almada abgereist, geflohen oder entlassen worden waren.
Amelthona machte sich keine Illusionen, dazu war sie zu sehr politische Realistin, sie und ihre Familie waren natürlich keine Option für die sewamunder Baronskrone. Ihre Aufgabe war es allein, die Baronie Sewamund und die Sewaklande aufzuräumen, zu sichern und bereit zu halten für den kommenden Baron, die kommende Baronin. Eine erste Depesche verließ Sewadâl in Richtung Talante mit Anweisungen an ihre Tochter Gylduria, in der kommenden Zeit als Cancellaria die Kronvogtei zu verwalten, ihr aber unbedingt in allem Bericht zu erstatten.
Ihre erste Amtshandlung als Protektorin war es - nachdem sie die Zimmer bezogen hatten - die wichtigsten noch verbliebenen Amtsträger Irion von Streitebecks zu sich rufen zu lassen. Einige hatten bereits ihren Abschied auf die eine oder andere Weise eingereicht, darunter der Bannerherr, die Landrichterin und der Delegierte im Kronkonvent, alle drei Verwandte des Streitebeckers. Die verbliebenen Amtsträger informierte Amelthona über die aktuellen Entwicklungen. Die Bergvögtin Alwene von Wiesen-Osthzweyg war schon seit Jahren erkrankt und hatte ihr würdiges Amt von der Jagdmeisterin Ardare von Wiesen-Osthzweyg in Vertretung ausüben lassen.
"Seid versichert, dass niemand etwas zu befürchten hat." erklärte die Kronvögtin, nein, Protektorin mit ruhiger Stimme, während sie ihren Blick schweifen ließ. "Sowohl ich als derzeitige Regentin als auch der mit Sicherheit nachfolgende neue Baron respektive die neue Baronin benötigen informiertes und gut eingearbeitetes Personal." Sie heftete ihren Blick auf eine ältliche Frau, die Leitende Archivarin. "Unsere erste Aufgabe wird es sein, alle möglichen Berichte zu sichten und den organisatorischen und finanziellen Zustand der Baronie zu erheben." Sie runzelte die Stirn. "Das wird keine leichte Aufgabe, aber ich vertraue darauf, dass jeder von Euch tatkräftig dabei mitwirkt, die praiosgefällige Ordnung wiederherzustellen, damit wir perainegefällig helfen können." Sie dachte an die Sturmflut, die die Grangorer Bucht und damit auch die Landstadt Sewamund heimgesucht hatte - und die beinahe auch ihr Leben und das ihres Sohnes Solvolio gekostet hatte. Und mit dieser Anweisung begann die schier endlose Sichtung von Büchern und Papieren und Schriftrollen...
Harte Entscheidungen
Traviano Pirialdo
Das Licht der Nachmittagssonne legte sich über Schloss Sewadâl. Zwischen Stapeln von Schriftrollen und sauber geordneten Amtsbüchern saß Amelthona d’Illumnesto, Protektorin Sewakiens. Ein Diener trat leise ein und kündigte an: "Protektorin, Signor Traviano Pirialdo, Truchsess der Baronie Sewamund, ersucht um Gehör."
"Lasst ihn eintreten", sprach Amelthona ruhig.
Die Türflügel öffneten sich mit gedämpftem Knarren. Traviano Pirialdo trat ein wie ein Schauspieler, der seinen Auftritt kannte. Der lange Mantel aus dunkelblauem Stoff, das Haar perfekt gelegt, ein feines Parfum aus Belhanka in der Luft. Er verneigte sich tief, den linken Arm theatralisch über die Brust gelegt in einem Kusliker Hofknicks. Dann hob er den Kopf, lächelte – und begann zu sprechen.
"Signora, erlaubt mir, dass ich, ehe ich mich Euren sicherlich zahlreichen und weisen Fragen stelle, ein Wort an Euch richte. Denn ich wähne, die Zeit verlangt, dass man den Dingen ihre Form gibt – und Form, so lehrte mich einst mein Lehrmeister in Vinsalt, ist nichts anderes als Wahrheit in schöner Kleidung. In den vergangenen Götterläufen hatte ich das Privileg, dem edlen Herrn Irion von Streitebeck als Truchsess zu dienen. Ich habe den Haushalt der Schlösser Corello und Sewadâl geführt, seine Vorräte verwaltet, seine Rechnungen geprüft, und – man verzeihe mir den Stolz – keinen einzigen Kreuzer in Unordnung geraten lassen. Ich sage das nicht, um mich zu rühmen, sondern um zu unterstreichen: Auch in den dunkelsten Stunden blieb der Hof geordnet, weil jemand darüber wachte. Ich habe Baron Irion stets mit aller gebotenen Treue gedient – nicht als Parteigänger, sondern als Diener der Baronie. Ich bin kein Politiker. Ich bin, Signora, ein Diener der Ordnung, der Pflicht. Und wenn nun neue Hände das Zepter führen sollen, so wird meine Feder denselben Gehorsam zeigen wie zuvor. Es heißt, man müsse sich im Wind der Veränderungen biegen – ich sage, man muss aufrecht im Wind stehen, wenn man einen Hofstaat führen will. Ich habe dies stets getan, und ich stehe auch jetzt bereit, in welcher Funktion immer Ihr es für zweckdienlich erachtet: ob weiterhin als Truchsess der Baronie oder, wenn Ihr es wünscht, als Majordomus des Schlosses Corello, das ja künftig der Stadt Sewamund anheimfallen soll. Ihr seht, ich diene nicht einem Namen, ich diene der Ordnung – und derer, die sie zu hüten wissen."
Er machte eine gemessene Pause, neigte leicht den Kopf und fuhr dann, mit einem feierlichen Ernst, fort: "Ich bringe zudem Nachricht vom Hof Seiner Hoheit, des Herzogs von Grangor. Herzog Cusimo Garlischgrötz hat entschieden, dass die herzogliche Festung Ardenhain künftig dem neuen Baron oder der neuen Baronin Sewamunds zufallen soll – als Kompensation für das Schloss Corello, das auf Geheiß des Herzogs der Stadt übereignet wird." Er schwieg, ließ die Hände sinken, und sein Blick suchte den der Protektorin, ruhig, aber von jenem leisen Glanz des Selbstbewusstseins durchzogen, der fast wie Hochmut wirkte.
Aufmerksam hatte die Protektorin dem Truchsessen gelauscht. Auch wenn es ihr mit jedem weiteren langatmigem Wort schwerer gefallen war, so hatte sie doch die Haltung bewahrt und ihn sprechen lassen. Sie konnte den Truchsessen der Baronie Sewamund nicht ignorieren - immerhin entstammte er der angesehenen Familie Pirialdo und sein dezent vorgebrachter Hinweis auf seine Kunde vom Herzogenhof vermittelte ihr, der gebürtigen Pertakiserin, über welche Netzwerke der Truchsess verfügen konnte. Sie lächelte in sich hinein. Gekonnt und subtil hatte er dies vorgebracht, so feinfühlig, dass niemand, auch sie nicht, Affront daran nehmen konnte.
Auch, dass er als erstes und aus eigenem Antrieb das Gespräch mit ihr gesucht hatte, zeigte ihr, dass er nicht gewillt war, einfach nur abzuwarten. Im Wind stehen, so hatte er es gesagt. Aber dennoch auch den Wind nutzen, oh ja, das würde er, so ihre Einschätzung. Amelthona hatte sich vorher informiert, hatte ihre beiden Söhne darauf angesetzt, Informationen über alle Mitglieder des Baronshofes und ihr Umfeld einzuholen, möglichst unauffällig, aber möglichst effektiv. Nur so würde es ihr möglich sein, über die Neuordnung der Baronie wirksam entscheiden zu können.
"Signor, Traviano." ergriff sie daher nun das Wort. Freundlich, gediegen, nicht affektiert, nicht gekünstelt, sondern beherrscht und würdevoll. "Ich danke Euch für die hilfreiche Botschaft vom Herzogenhof." Sie machte sich eine Notiz in ihr Buch. Um die Feste Ardenhain würde sie sich zu einem späteren Zeitpunkt kümmern - nein, sie würde Solvolio sich darum kümmern lassen. Als sie wieder den Blick hob, lächelte sie. "Nun, ich denke, sowohl die Baronie Sewamund als auch ich brauchen Eure Dienste weiterhin." Sie beobachtete seinen Gesichtsausdruck. Unausgesprochen blieb, dass sie auch den Herzog nicht verärgern konnte oder wollte - abgesehen davon, dass Traviano Pirialdo tatsächlich seine Aufgaben immer zur Zufriedenheit der Baronie erledigt hatte, war das Netzwerk, welches er über seine Familie mit in die Verwaltung brachte, nicht zu unterschätzen. "Wenn Ihr Euch Sorgen um Eure Position gemacht haben solltet..." Sie beobachtete den jungen Mann. "... dann seid versichert, dass diese unberechtigt sind."
Traviano Pirialdo ließ einen kaum merklichen Atemzug verstreichen. Nicht tief genug, um Erleichterung zu verraten, nur ausreichend, um die Spannung aus den Schultern zu nehmen, als lege man ein sorgfältig gefaltetes Tuch beiseite. Sein Lächeln blieb, doch es gewann an Ruhe, an Gewicht, als habe es nun einen festen Grund unter den Füßen. Er verneigte sich erneut, diesmal weniger theatralisch, fast schon persönlich.
"Protektorin", begann er, und seine Stimme hatte den geschliffenen Klang behalten, war jedoch um einen leisen Ton wärmer geworden, "Eure Worte ehren mich. Mehr noch: Sie geben dem, was ich stets als meine Aufgabe verstand, eine klare Richtung." Er richtete sich auf, die Hände locker vor dem Leib verschränkt, nicht bittend, nicht fordernd. "Es ist...beruhigend", fuhr er fort, das Wort sorgfältig gewählt, "zu wissen, dass Kontinuität in Zeiten des Wandels nicht als Starrsinn missverstanden wird. Ordnung gedeiht am besten, wenn man nicht jeden Morgen neu erklären muss, warum sie existiert." Ein Hauch von Ironie blitzte auf, schnell gezügelt.
"Ich danke Euch daher für Eure Offenheit – und für Eure Zeit. Beides ist in diesen Tagen ein kostbares Gut." Er neigte leicht den Kopf. "Ich werde meine Aufgaben weiterhin mit der gleichen Sorgfalt erfüllen wie bisher, in dem Wissen, dass sie nun unter Eurer Aufsicht stehen. Sollte es Wünsche, Anpassungen oder neue Prioritäten geben, so stehe ich jederzeit zu Eurer Verfügung." Für einen Augenblick verweilte sein Blick auf den Notizen der Protektorin, dann hob er ihn wieder, ruhig, gefasst. Mit diesem kurzen Blick vermeinte er in der für ihn auf den Kopf stehenden Schrift die Worte "Traviano. Kontakt. Comto." zu erkennen, wobei das Wort "Kontakt" unterstrichen war.
"Gestattet mir zum Abschluss nur dies: Es ist mir eine Freude zu sehen, dass die Baronie Sewamund in Händen liegt, die Bedacht vor Eile stellen. Das erleichtert vieles."
Er machte einen Schritt zurück, erneut eine Verbeugung, nun eindeutig zum Abschied. "Ich will Euch nicht länger aufhalten, Signora. Möge der Rest Eures Tages ebenso geordnet verlaufen wie dieses Gespräch." Dann wandte er sich zum Gehen, der Mantel schwang leise mit – und wer sehr genau hinsah, hätte erkennen können, dass sein Gang nun ein wenig leichter war als beim Eintreten.
Interludium I
Das erste Gespräch hatte sie hinter sich gebracht. Und auch wenn Traviano sicherlich schwer durchschaubar war - ein Grund mehr, ihn in ihrer Nähe zu wissen - so hatte sie den Eindruck, er würde sich wie bisher vernünftig um die Anliegen der Baronie, vor allem des Baronshofes kümmern. Sie gönnte sich nun einen kleinen Imbiss, bestehend aus einigen belegten Broten und heiß aufgebrühtem Tee. Den von ihrer Dienerin angebotenen Wein lehnte sie ab, sie wollte einen klaren Kopf behalten.
Gerade hatte sie sich von ihrem Stuhl erhoben und ging ein paar Schritte, um ihre - wie sie zugeben musste - alternden Knochen zu strecken, da öffnete sich die Tür nach einem kurzen Klopfen erneut. Als sie sich umdrehte, war es ihr Sohn Solvolio, den sie erblickte. Er war zu einem gutaussehenden Mann herangewachsen, dazu gut ausgebildet. Wenn er doch nur nicht so zögerlich in manchen Entscheidungen wäre. "Solvolio, gut, dass du kommst." Sie deutete auf den Schreibtisch. "Du solltest dich ebenfalls mit den Anliegen der Baronie Sewamund beschäftigen."
Er wirkte skeptisch, runzelte die Stirn. "Aber du bist die Protektorin."
Amelthona lächelte. "Natürlich. Und natürlich ist mir auch bewusst, dass dieser Titel nicht vererbt wird. Aber du kannst trotzdem lernen und dich auf zukünftige Aufgaben vorbereiten." Sie ging mit ruhigen Schritten zurück zu ihrem Schreibtisch. "Weißt du, Comto Cusimo hat das Haus d'Illumnesto gebeten, die Baronie Sewamund zu verwalten, bis ein neuer Baron gefunden und ernannt wurde. Schon allein das Protektorat ist eine große Auszeichnung unseres kleinen pertakiser Hauses. Wir sollten weder den Herzog noch den künftigen Baron oder die künftige Baronin enttäuschen. Es wäre eine Möglichkeit für uns, das Haus d'Illumnesto, an Ansehen zu gewinnen."
Der Ritter erwiderte das Lächeln seiner Mutter nun. "Natürlich, ich verstehe. Gibt es schon Hinweise darauf, wer den Baronstitel Sewamunds erhalten könnte." Sie schüttelte den Kopf. "Es gibt sicherlich einige aussichtsreiche Kandidaten, doch mir ist nichts Genaueres bekannt." Nun stand sie wieder hinter ihrem Schreibtisch. "Was uns in Praios' Namen nicht davon abhalten soll, unsere Aufgaben nach bestem Wissen und Gewissen zu erfüllen." Amelthona schaute ihrem Sohn direkt in die Augen. "Ich möchte, dass du den folgenden Gesprächen beiwohnst, beobachtest und lernst."
Mondino Horrad-Tribêc
Nicht einmal ein halbes Stundenglas später saß Amelthona erneut hinter dem Schreibtisch in einem Amtszimmer auf Schloss Sewadâl, welches in sicherlich nicht allzu ferner Zukunft das des neuen Barons oder der neuen Baronin von Sewamund sein würde. Solvolio saß unauffällig, aber wahrnehmbar auf einem Stuhl in der Ecke des Raumes, das Licht aus den beiden Fenstern links und rechts von ihm erhellte sein mittelbraunes gepflegtes Haar. Wie erwartet, klopfte es, eine Dienerin öffnete auf ihren Zuruf die Tür und kündigte den nächsten Besucher an. "Signor Mondino Horrad-Tribêc.” Es trat ein Mann in den Raum, gebeugt vom Alter und doch von korpulenter Statur. Er bewegte sich langsam, stützte sich auf einen Gehstock. Jeder Schritt schien ihm Mühe zu bereiten und doch hielt er zielstrebig auf den Schreibtisch zu.
"Signor Mondino..." Amelthona schenkte auch ihm ein Lächeln und deutete auf den Stuhl, der auf der anderen Seite ihres Schreibtisches stand. "...danke, dass Ihr die Zeit für mich gefunden habt." Tatsächlich hatte Aldigon, ihr jüngerer Sohn, einen durchorganisierten Terminplan erstellt, der jedem höheren Mitglied des Baronshofes ausreichend Zeit für entsprechende Gespräche einräumte. "Bitte, nehmt doch Platz." Jeden Schritt, mit dem sich der Cancellarius der Baronie Sewamund näherte, beobachtete die Protektorin genau.
Mondino Horrad-Tribêc blieb einen Herzschlag lang stehen, als müsse er sich vergewissern, dass der angebotene Stuhl tatsächlich ihm galt. Dann nickte er, einmal, bedächtig, und setzte sich in Bewegung. Der Gehstock klopfte leise auf den Steinboden, ein trockenes, regelmäßiges Geräusch. Das Hinsetzen geriet zu einer kleinen Zeremonie. Er drehte sich, prüfte mit der freien Hand die Lehne, murmelte halblaut etwas von "verfluchten Polstern" und ließ sich schließlich mit einem hörbaren Ausatmen nieder. Für einen Moment ruhte seine Hand auf dem Stock, als müsse auch dieser erst zur Ruhe kommen.
"Protektorin d’Illumnesto", hob er an, die Stimme brüchig, aber von jener Amtswürde durchzogen, die Jahrzehnte nicht abschleifen konnten. "Es ist mir eine aufrichtige Freude, Euch endlich sprechen zu dürfen. Wahrlich. Solche Zusammenkünfte sind..." Er machte eine kleine Pause, die Stirn in Falten gelegt, als suche er nach dem richtigen Begriff. "...sind für die ordnungsgemäße Fortführung der Geschäfte der Baronie von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Das habe ich stets gesagt. Auch zu..." Er machte wieder eine Pause, sah kurz aus dem Fenster. "...Baron Irion." Er lächelte entschuldigend, ein mildes, etwas müdes Lächeln. "Verzeiht mir. Das Gedächtnis ist wie ein Archiv." Ein kurzer Blick zu Solvolio, dann wieder zur Protektorin. "Man muss manchmal erst das richtige Regal finden."
Der Ritter nickte und lächelte dem alten Mann zu, doch mochte dieses Lächeln in dem hübschen Gesicht vielleicht eine Spur gequält oder ungeduldig wirken. Amelthona sah diesen Blick und runzelte in einem stummen Befehl die Stirn, woraufhin Solvolio sich um ein freundlicheres Lächeln bemühte. Mondino rückte auf dem Stuhl hin und her, bis er eine Position gefunden hatte, die zumindest den Anschein von Bequemlichkeit bot.
"Dass Ihr Euch die Zeit nehmt, Signora, spricht für Euren Respekt vor den gewachsenen Strukturen der Baronie." Seine Finger trommelten einmal auf den Stockknauf, dann verharrten sie. "Und das ist...beruhigend. Für einen Mann meines Alters ist Kontinuität kein leerer Begriff." Er räusperte sich, zog ein gefaltetes Tuch aus dem Ärmel und tupfte sich die Stirn.
"Doch ich will Eure Zeit nicht unnötig binden, so sehr ich sie auch schätze." Er neigte den Kopf, die Augen wach, neugierig, ein wenig wässrig. "Darf ich also fragen, worum es in diesem Gespräch gehen soll? Handelt es sich um eine formale Angelegenheit, eine vorbereitende Konsultation...oder lediglich um ein orientierendes Gespräch zur Lage der baronialen Kanzlei?" Ein kurzer Moment der Stille folgte, in dem Mondino Horrad-Tribêc sichtbar darauf wartete, einsortiert zu werden wie ein Dokument, das man endlich wiedergefunden hatte.
Den ganzen Vorgang, diesen ganzen umständlichen Prozess des Hinsetzens hatte die Protektorin mit einer stoischen Ruhe betrachtet. Mochte es in ihr einem Kampf gleichkommen sein, mochte es ihr aufgrund früherer Übung leicht gefallen sein - sie ließ weder das eine noch das andere nach außen erkennen, sondern mühte sich um gelassene Höflichkeit. Glücklicherweise hatte Aldigon das Zeitfenster für das Gespräch mit dem Cancellarius großzügig bemessen, entweder war es Zufall gewesen oder ihr jüngerer Sohn hatte Informationen erhalten, die ihn dazu verleitet hatten. Gleichwie, es kam ihr nun zugegen. Ihren älteren Sohn in der Ecke versuchte sie zu ignorieren, auch wenn ihm die Ungeduld deutlicher anzusehen war als ihr. Er musste noch lernen.
Amelthona tippte wie gedankenverloren mit ihren langen, schlanken Fingern auf den Seiten ihres aufgeschlagenen Notizbuches, schaute den älteren Mann aus halb geöffneten Augen an, bevor sie sie ganz öffnete und ihn direkt und klar ansah. "Nun, das kommt auf den Verlauf des Gespräches an, Signor." antwortete sie lächelnd. "Ihr seid der Cancellarius der Baronie Sewamund." Sie runzelte die Stirn, als würde sie nachdenken. "Seit 1035 nach dem Falle Bosparans, in diesem Jahr wurdet Ihr von Signor Irion von Streitebeck berufen." Eine Zustimmung wartete sie nicht ab, auch wenn der alte Mann den Mund öffnete und schon die ersten Silben diesen zu verlassen drohten. "Berichtet mir doch in kurzen, eigenen Worten vom derzeitigen Status der Baronie. Wie steht die Baronie Sewamund nach dem Konflikt da?"
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