Briefspiel:Vespa crabro/Der Mut einer Magd
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Im Erdgeschoss des Gebäudes, am frühen Morgen des 11. Firun 1046 BF
Autoren: Cassian und Rondrastein
Bekka war die jüngste der Küchenmägde und so kam ihr die Aufgabe zu morgens als Erste aufzustehen, die Feuerstellen und Öfen zu reinigen und neu anzuzünden, damit die Köche gleich mit ihrer Arbeit beginnen konnten, wenn sie erwachten. Gewissenhaft schaufelte das Mädchen also die Asche in einen Kübel und wollte sie über den Hof auf den Misthaufen tragen. Sie hatte die Küchentür erst einen kleinen Spalt geöffnet, als ihr auffiel, dass sich Leute durch das Tor drängten, die fremd und kriegerisch aussahen. Einer der Männer wischte seine Klinge an dem Waffenrock der Wächterin ab, die leblos auf dem Boden lag. Bekka meinte, sie müsste Rahjada heißen oder geheißen haben. Dem Mädchen schnürte es die Kehle zu. Ihr wurde eiskalt und zitternd vor Angst erstarrte sie hinter der Tür.
Es wurden immer mehr, die durch das Tor kamen und sie begannen sich im Burghof zu verteilen. Aber sie taten es leise. `Das ist ein Überfall, oh Götter! was soll ich nur tun? Die meiste schlafen doch noch..` fuhr es ihr durch den Kopf. Draußen wurden Gruppen gebildet, die sich den einzelnen Gebäuden der Burg zuwandten, alle hatten mittlerweile Waffen gezogen. Voller Dankbarkeit registrierte die Magd, dass keine der Gruppen auf die kleine Küchenpforte zusteuerte, sondern jeweils auf den Haupteingang des Gebäudes. ‘Ich könnte Alarm rufen’, dachte sie nach, ‘Hervoragende Idee du Esel, da hören dich als Erstes die Söldner im Hof und sonst niemand. Aber irgendwas muss ich tun…’ Verzweifelt schaute sich Bekka um. Die Glocke am Torhaus… das Glöckchen war dafür da, die Knechte zum Essen zu rufen, oder eben auch wenn sich der Burg jemand nährte, oder wenn es brannte… naja irgendwie brannte es ja jetzt.
Am Tor waren mittlerweile keine Bewaffneten mehr, nur die arme Rahjada lag da noch. Bekka betete um Mut und dann rannte sie los. Sie sah weder nach rechts noch nach links, sie fixierte die Glocke als hinge ihr Leben davon ab. Und wenige Herzschläge später erreichte sie tatsächlich ihr Ziel und zog mit aller Kraft an dem Strang. PING!!! PING!! PING!! Der Ton war hell, laut und durchdringend.
Nicht lange nachdem die Magd die Glocke geläutet hatte, waren auf dem Pflaster vor dem Burgtor genagelte Schritte zu vernehmen, die sich schnell näherten. Kurz darauf tauchten mehrere Personen auf, die keinen vertrauenswürdigen Eindruck machten. “Was haben wir denn da?", fragte der Vorderste der Gesellen lächelnd. Der Mann hatte einen unsauber gestutzten, schwarzen Bart und bei seinem Lächeln zeigten sich gelbe Zahnreihen oder besser gesagt die Reste davon. “Sowas Süßes und dann auch noch als Begrüßung”, erwiderte sein Nebenmann. Es war deutlich, was die beiden Gesellen im Sinn hatten, als sie auf Bekka zugingen. Die weiteren Neuankömmlinge strömten an ihr vorbei, so als ob sie das Geschehen und sie nicht beachten würden.
Abrupt ließ das Mädchen das Glockenseil los, als die Männer auf sie zukamen. Sie wich zurück, aber wohin sollte sie rennen? Bekka entschied sich für die Küchenpforte.
„Nicht so schnell, Häschen”, erklang die Stimme des Schwarzbärtigen hinter ihr, was sie eher beschleunigte als bremste.
„Das haben wir gleich”, sagte eine andere Stimme. Gleichzeitig mit den Worten explodierte Schmerz in ihrer Seite. Bekka geriet aus dem Takt. Sie blickte nach unten und sah einen Wurfdolch aus ihrer Flanke ragen. Blut quoll hervor und ihr Bein wollte sich nicht mehr so schnell bewegen, wie es musste. „Guter Wurf, Festo.” Die Stimme kam näher und Bekka schluchzte verzweifelt auf. Sie würde die rettende Küche nicht erreichen.
Bald nach den Gesellen war der Klang beschlagener Hufe zu vernehmen, die sich schnell näherten. Kurz darauf gab es einen dumpfen Aufschlag und direkt neben Bekka wurde einer der beiden Verfolger krachend gegen die Wand geschleudert. Der Angreifer blieb reglos liegen.
Sein Kumpan drehte sich um und wollte gerade zu einem Fluch ansetzen, aber er blieb ihm im Halse stecken. Er sah den Kusliker Säbel noch auf sich zukommen, wollte ausweichen, aber es war zu spät. Unmittelbar darauf schlug sein Körper hart neben Bekka auf den Burghof. Tote, vor Schreck aufgerissene Augen starrten die junge Magd an.
Bekka wollte schreien, aber ihrer Kehle entrang sich nur ein Wimmern, wieder versuchte sie, auf die Beine zu kommen.
Ein Ross schnaubte über Bekka und der Klang eines absteigenden Reiters war zu vernehmen. Plötzlich wurde die junge Magd am Arm ihrer gesunden Seite hochgezogen. In ihrem Sichtfeld tauchte ein Gesicht auf, das sie hier bereits oft gesehen hatte. Es war das des Barons von Montarena.
„Danke, Herr”, brachte Bekka zwischen einigen Schluchzern heraus. „Da sind noch mehr, sie sind nach drinnen gegangen und haben die Wache umgebracht.” Bekka war froh um den festen Griff an ihrem Arm. Sie war sich nicht sicher, ob sie alleine stehen konnte, ihre Seite tat niederhöllisch weh.
„Schaffst du es in die Küche?”, fragte Lorian, während er sich umschaute, ob weitere Gegner kamen. Sie schüttelte kaum merklich den Kopf. „Gut, dann gehen wir gemeinsam.”
Lorian war etwas ungeduldig, da er in Palas zu seiner Familie wollte, aber er half ihr dennoch in die Küche und setzte sie dort auf einem Schemmel ab. Kurz schaute er sich um, ob es hier irgendwelche sauberen Lappen gab. Als er welche gefunden hatte, gab er diese Bekka. „Press das auf die Wunde!” Nachdem sie die Fetzen an sich genommen hatte, schloss er die Tür in den Hof.
„Ihr solltet hier sicher sein. Versucht ruhig zu bleiben und haltet die Wunde mit Druck abgedeckt. Sobald es geht, kommt jemand und sieht nach euch!” Als die junge Magd mit einem Nicken zu verstehen gab, dass sie verstanden hatte, verließ Lorian die Küche und betrat den Flur des Gesindehauses.
Der Anblick, der sich ihm bot, war erschreckend. Der ganze Boden klebte vor Blut. Er schaute in einen der Räume, die von der Custodia Donatica als Unterkunft genutzt wurden. Er hatte erwartet, dass der Anblick schlimm werden würde, aber nicht so schlimm. Alle Männer und Frauen, die im Raum geschlafen hatten, lagen immer noch in ihren Betten. Die Bettlaken waren vom Blut getränkt und keine der Personen regte sich noch. Sie waren im Schlaf ermordet worden.
Fluchend verließ der Baron die Unterkunft, wie die anderen Räume aussehen würden konnte er sich vorstellen. Im Erdgeschoss war es ruhig, aber von oben drang Kampflärm herunter. Daher stieg Lorian die Treppe schnellen Schrittes hinauf.
Weiter geht es in Blutiger Morgen