Briefspiel:Im Hort der Schlangen
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Die Briefspielgeschichte Im Hort der Schlangen handelt von den Ambitionen des ponterranischen Landadelshauses ya Satara Zugang zu den höchsten Machtzirkeln der selbstbewussten Landstadt Shenilo zu erhalten. Dabei profitieren sie auch von geheimer Unterstützung mächtiger Gönner.
Die Alveranidenburg zu Kuslik, im Tsa 1046 BF
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Die Insel Morrisca in der Yaquirmündung |
Die Alveranidenburg lag prächtig, aber dennoch subtil wie eine symbolische Präsenz des Horas auf der Insel Morrisca. Schon von der Yaquirbrücke aus hatte Firunio ya Satara ihre hohen Mauern und die sorgfältig gegliederten Türme gesehen, doch erst im Innern offenbarte sich der eigentümliche Charakter des Ortes: keine kriegerische Enge, keine prahlerische Pracht, sondern eine Strenge aus hellem Stein, poliertem Holz und geschliffenem Glas. Selbst die Wachen in den blauen Röcken der Vogteigarde standen nicht mit jener gelangweilten Körperhaltung Posten, die man vor so vielen Adelssitzen fand, sondern mit einer Haltung, als bewachten sie den Kaiser persönlich.

Der Hesindegeweihte aus Shenilo war kaum durch das äußere Tor getreten, als ein schlanker Mann mittleren Alters in dunkelblauer Kleidung entgegentrat. Ein Kanzleisekretärs des Landvogts. Auf seiner Brust glänzte das Wappen des Großfürstentums Kuslik. "Euer Gnaden Firunio ya Satara? Willkommen in der Alveranidenburg. Mein Name ist Valerio Sodemara, Kanzleisekretär des Comto della Gribaldi." Er verneigte sich mit tadelloser Höflichkeit. "Der Landvogt lässt Euch ausrichten, dass er die Mühe Eurer Reise sehr zu schätzen weiß. Comto della Gribaldi hat seit Längerem den Wunsch gehegt, mit einem so kundigen Vertreter der Hesindekirche über die Neuordnung der juristischen Bestände der Bibliothek der Alveranidenburg zu sprechen. Deshalb", sagte Sekretär Sodemara, beinahe erfreut, "hat der Comto auf ein persönliches Gespräch bestanden. Man erwägt, einzelne Abschriften der hiesigen Rechtssammlungen nach Shenilo zu geben und im Gegenzug dortige Kommentare zur Entwicklung der städtischen Statuten zu erbitten." Die Begründung war tadellos. Gelehrsam, plausibel – und, wie Firunio bemerkte, so gestaltet, dass kein Bediensteter sie hinterfragen würde. Als Gerücht würde man höchstens erfahren, ein Hesindegeweihter aus Shenilo sei wegen einer gelehrten Zusammenarbeit empfangen worden. Niemand würde darin etwas Außergewöhnliches sehen. Sekretär Sodemara führte ihn durch zwei gewölbte Gänge, an deren Wänden Stiche alter Stadtansichten hingen: Kuslik unter den Garethern, Kuslik in der Blüte des alten Reiches, Kuslik im Thronfolgekrieg. Vor einem Fenster blieb der Sekretär einen Augenblick stehen und wies hinaus auf die Stadt, deren Dächer im Mittagssonnenlicht wie ein Meer aus rotem Ziegel und weißem Kalk wirkten.
"Der Landvogt bedauert, dass Ihr nicht länger in der Stadt weilt", sagte er beiläufig. "Comto della Gribaldi hat eine große Hochachtung vor Shenilo. Zwei Städte, die sich so der Gelehrsamkeit und dem Handel verpflichtet fühlen, sollten einander nicht fremd sein." Vor einer hohen zweiflügeligen Tür blieb er stehen. Zwei Diener in den Farben des Landvogts warteten dort bereits, einer mit einem Tablett aus dunklem Holz, auf dem eine Karaffe mit dampfendem Kaffee und zwei kleine Becher standen. Der andere hielt eine schmale Ledermappe in den Händen. "Comto della Gribaldi empfängt seine Ganden ya Satara im Arbeitszimmer", verkündete Sekretär Sodemara in deutlich vernehmbarer Lautstärke. "Die Unterlagen zu den juristischen Beständen und zu den Abschriften sind vorbereitet. Bitte sorgt dafür, dass während des Gesprächs niemand stört." "Sehr wohl", antwortete einer der Diener. Die Tür öffnete sich.

Das Arbeitszimmer Thûan della Gribaldis war geräumig, doch keineswegs überladen. Hohe Regale bedeckten zwei Wände; in ihnen standen Bände mit Gesetzessammlungen, Kartenrollen und schlichte Archivkästen. Auf einem Seitentisch erhob sich eine unvollendete Büste aus hellem Marmor: ein nachdenkliches Gesicht, dessen Züge nur auf einer Seite bereits aus dem Stein getreten waren. Das Licht fiel durch schmale Fenster auf den massiven Schreibtisch aus dunklem Nussbaumholz. Dahinter stand der Landvogt selbst. Thûan della Gribaldi wirkte in seinem dunkelgrünen Amtsgewand gedrungen, fast unscheinbar, hätte nicht die Haltung seiner kräftigen Hände und die ruhige Aufmerksamkeit seiner Augen dem ersten Eindruck widersprochen. Sein schwarzes Kraushaar war sorgsam zurückgestrichen; die Pockennarben in seinem Gesicht verschwanden nicht unter höfischer Freundlichkeit, sondern gaben ihm etwas Unverrückbares. "Mentor ya Satara", sagte er mit gedämpfter Stimme. "Willkommen in Kuslik. Ich hoffe, die Reise auf dem Yaquir war angenehm." Er trat einen Schritt zur Seite und wies auf die bereitstehenden Sessel am Schreibtisch. Hinter Firunio zog Sekretär Sodemara die Tür zu. Das Schloss fiel mit einem kaum hörbaren, endgültigen Klicken ins Holz. Sie waren allein. Ein kurzes Schmunzeln glitt über Thûans Gesicht. "Nun, Eingeweihter, ich habe Nachrichten vom ‘Adamantenen Spiegel’ für Euch. Aber zuerst, berichtet, wie ist Eure Situation in der Geronsstadt?"
Firunio setzte sich auf den dargebotenen Sessel und ließ sich einen Augenblick Zeit, ehe er antwortete. "Besser als noch vor einigen Jahren – doch meine Stellung bleibt empfindlicher, als mir lieb ist. Shenilo rühmt sich seiner Gelehrsamkeit und seiner kultivierten Lebensart, aber bei manchen der führenden Häuser ist aus Muße längst Trägheit geworden, aus Geschmack Eitelkeit und aus Wohlstand offene Dekadenz. Sie erben Ämter, Vermögen und Einfluss und halten schon ihren Namen für einen hinreichenden Beweis ihrer Befähigung." Er lehnte sich etwas zurück. "Solange man selbst nicht fest zu diesen Kreisen gehört, ist man dennoch von ihrem Wohlwollen abhängig. Ein freundliches Wort aus dem richtigen Haus vermag mehr als ein gelehrter Vortrag, während ein einziges Gerücht Türen schließen kann, die sich erst nach Jahren wieder öffnen. Als Mentor genieße ich Ansehen. Durch meine Ehe mit der Esquiria Cordovana Curameo bin ich zudem in Kreise vorgedrungen, die mir zuvor verschlossen waren. Dennoch besitzt der Name ya Satara bislang mehr Klang als Gewicht. Man hört mir zu, lädt mich ein und sucht gelegentlich meinen Rat – doch an den Tafeln, an denen über Ämter, Erbschaften und Verbindungen entschieden wird, sitzen noch immer andere."
Firunio hielt kurz inne.
"Gerade deshalb gilt mein Interesse den führenden Geschlechtern der Stadt. Weshalb bringen manche Linien über Generationen hinweg kluge und fähige Erben hervor, während andere trotz bester Lehrer in Torheit, Schwäche und Verschwendung verfallen? Ich möchte untersuchen, ob sich geistige und charakterliche Eignung durch die gezielte Auswahl von Ehepartnern, Lehrern und Erben fördern lässt – und ob ungeeignete Verbindungen nicht besser verhindert werden sollten, ehe sie ganze Häuser verderben."
Ein schmales Lächeln trat auf seine Lippen. "Für solche Forschungen benötigt man Zugang. Je wohlhabender und bekannter mein Haus wird, desto weniger bin ich auf die Gunst einzelner Familien angewiesen – und desto bereitwilliger werden sie uns ihre Türen, ihre Archive öffnen und schließlich auch Zugang zu ihre Kindern erlauben." Er sah Thûan ruhig an. "Ihr könnt dem Adamantenen Spiegel daher ausrichten, dass jede Unterstützung der ya Sataras weit mehr bewirkt als den Aufstieg eines alten Hauses. Mit unserem Ansehen wachsen auch meine Möglichkeiten, im Herzen Shenilos zu wirken."
Thûan hatte Firunio zugehört, ohne ihn zu unterbrechen. Während der Mentor von den trägen Erben Shenilos, von der Abhängigkeit eines aufstrebenden Hauses vom Wohlwollen der etablierten Familien und schließlich von seinen Forschungen sprach, blieb der Landvogt still. Nur einmal schob er den kleinen Becher zur Seite und legte beide kräftigen Hände flach auf die dunkle Tischplatte. Als Firunio geendet hatte, ließ Thûan den Blick einen Augenblick auf der unvollendeten Marmorbüste ruhen. Das halb aus dem Stein gelöste Gesicht schien in derselben schweigenden Geduld zu verharren wie ihr Schöpfer. "Ihr beschreibt Eure Lage mit bemerkenswerter Nüchternheit, Mentor", sagte er schließlich. Seine Stimme war leise, doch von jener Ruhe, die nicht um Aufmerksamkeit werben musste. "Viele Menschen verwechseln den Zutritt zu einem Salon mit Einfluss. Sie werden eingeladen, man hört ihre Gedanken an, man lobt ihre Bildung – und sie gehen heim, ohne bemerkt zu haben, dass die eigentlichen Entscheidungen längst an einem anderen Tisch gefallen sind."
Ein kurzes Schmunzeln zog über sein pockennarbiges Gesicht. "Dass Ihr diesen Unterschied erkennt, spricht für Euch. Und dass Ihr nicht nur nach einer Stimme, sondern nach einem dauerhaften Platz in Shenilos Ordnung strebt, spricht für Eure Ambitionen."
Er richtete den Blick wieder auf Firunio. "Der Adamantene Spiegel hat Eure Berichte und die Zukunft des Hauses ya Satara überdacht. Sein Wunsch lautet, dass Euer Haus in Shenilo künftig als verlängerter Arm der Eingeweihten wirken soll." Thûan sprach die Worte ohne Feierlichkeit aus. Gerade das verlieh ihnen Gewicht. "Das Haus ya Satara soll in Shenilo zu einer Größe werden, an die man sich wendet. Mit wachsendem Ansehen sollt Ihr den Blick auf die Stadt schärfen, ihre Strömungen erkennen und die Eingeweihten davon unterrichten, was in ihren Häusern, Tempeln und Räten gesprochen wird. Und Ihr sollt die Draconiter im Auge behalten. Shenilo ist eine gelehrte Stadt. Wo alte Texte, seltsame Reliquien, verborgene Sammlungen oder allzu eifrige Sucher nach Wissen zusammentreffen, sind sie nie weit. Ihr kennt die Stadt und ihre Gesellschaft. Ihr werdet erkennen, wenn sich dort etwas bewegt, das nicht dem gewöhnlichen Treiben ehrgeiziger Gelehrter entspringt."
Thûan lehnte sich zurück. "Die Zeit ist günstig. Das dem euren so verbundene Haus di Matienna bereitet, soweit unsere Erkenntnisse reichen, im Verborgenen seinen Rückzug aus Shenilo vor. Vor allem Baronin Guiliana di Matienna hat sich über die Jahre immer weiter von der Politik der Stadt entfremdet. Sie sucht nicht den offenen Bruch; dafür ist ihr Name zu alt und ihre Stellung noch zu wertvoll. Aber sie scheint ihrer Verpflichtungen in der Eteria und dem Sheniloer Bund müde geworden zu sein. Das Haus di Matienna wird seinen Einfluss nicht mit einem Schlag abgeben. Es wird ihn nach und nach nicht mehr ausüben."
Der Landvogt nahm den Becher wieder auf, trank jedoch nicht daraus. "Eine solche Entwicklung hinterlässt keinen freien Stuhl, auf die man sich einfach setzen könnte. Sie hinterlässt Abhängigkeiten: Verwalter, Klienten, Schuldner, alte Bündnisse, Ansprüche und Versprechen. Und sie hinterlässt Menschen, die fürchten, bei einem Rückzug der di Matienna ungeschützt zurückzubleiben." Sein Blick wurde etwas schärfer. "Bietet den di Matienna daher Eure Dienste an. Nicht als jene, die auf ihr Erbe lauern, und auch nicht als Lehrmeister, die einer Baronin erklären wollen, wie sie ihre Angelegenheiten zu führen habe. Bietet Euch als Interessenvertreter an. Als Haus, das ihre Verbindungen wahrt, ihre Verpflichtungen verwaltet und verhindert, dass aus einer stillen Entfremdung ein öffentlicher Verlust an Würde wird." Thûan machte eine knappe Bewegung in Richtung Firunios, als reiche er ihm nicht bloß einen Rat, sondern ein sorgfältig geschliffenes Werkzeug. "Wenn die ya Satara zunächst für die di Matienna handeln, werden sich deren Verbündete und Abhängige daran gewöhnen, Euch in den wichtigen Fragen aufzusuchen. Und mit der Zeit wird Shenilo sich an die neue Ordnung gewöhnen."
Wieder glitt sein Blick zu der halb vollendeten Büste. "Sorgt dafür, dass die ya Satara für die Familien Shenilos unentbehrlich und unumgänglich werden. Dann öffnen sich nicht nur ihre Türen; sie werden Euch bitten, die euren offen zu halten." Sein Blick wandte sich wieder zu Firunio. "Die Eingeweihten stehen natürlich an Eurer Seite, im Verborgenen, stets eine helfende Hand ausgestreckt."
Firunios wacher Blick blieb einen Moment auf Thûan gerichtet. Dann strich er sich mit einer ruhigen Bewegung eine der halblangen blonden Strähnen aus der Stirn. "Das ist ein weitsichtiger Vorschlag", sagte er schließlich. "Und einer, der sich womöglich leichter verwirklichen lässt, als es zunächst scheinen mag." Er dachte einen Augenblick nach. "Wie Ihr sicherlich wisst, ist Baronin Guiliana mir nicht nur politisch verbunden. Ihre Mutter ist eine geborene ya Satara; Guiliana ist meine Cousine zweiten Grades. Wenn wir ihr unsere Dienste anbieten, treten wir also nicht als fremdes Haus auf, das auf eine Gelegenheit lauert. Wir können uns auf eine Verbindung berufen, die längst besteht." Seine blauen Augen verengten sich leicht, während er den Gedanken weiterspann. "Für Arinken drängt sich dabei Tolmans Familienzweig geradezu auf. Er ist der Bruder von Guilianas Mutter, seine Gemahlin gehört zum Patriziat Arinkens, und sein Haus besitzt mit dem Weingut eine wirtschaftliche Grundlage, die sich noch erheblich entwickeln ließe. Seine Enkelin Rahjane – meine Nichte zweiten Grades und aller Voraussicht nach eines Tages Erbin des Gutes – besitzt trotz ihrer jungen Jahre einen bemerkenswert scharfen Geist. Bislang richtet sie ihn vor allem darauf, Reben, Keller und Handel zu verbessern. Aber wer gelernt hat, einen Besitz gewinnbringend zu entwickeln, kann dieses Talent später auch auf andere Dinge anwenden."
Ein kaum merkliches Lächeln erschien auf Firunios Lippen. "Natürlich ließe sich diese Entwicklung beschleunigen. Ein Gut, dessen Erzeugnisse in den Häusern Arinkens und vielleicht eines Tages auch Kusliks und Shenilos auf den Tafeln stehen, verschafft seinem Namen eine Sichtbarkeit, die sich mit gelehrten Abhandlungen nur schwer erreichen lässt. Und bisweilen genügt ja bereits das wohlwollende Interesse einer einflussreichen Stelle, damit aus einem vielversprechenden Vorhaben ein bedeutendes wird." Er ließ offen, ob er damit lediglich eine Feststellung getroffen hatte. "In Shenilo selbst wiederum beginnen wir keineswegs bei Null. Meine Ehe mit Cordovana Curameo hat mir Zugang zu Kreisen verschafft, die mir zuvor nur von außen offenstanden. Hinzu kommen mein Cousin Korodian und seine Gemahlin Avessandra Dorén. Bislang habe ich diese Beziehungen wohl zu sehr einzeln betrachtet." Firunio lehnte sich etwas zurück. "Vielleicht liegt gerade darin der entscheidende Gedanke: Sie sind keine Ansammlung von Verwandtschaften. Sie können ein Geflecht werden." Sein Blick wurde wieder ernst. "Wenn die di Matienna sich tatsächlich zurückziehen, müssen wir ihren Platz nicht an uns reißen. Es genügt zunächst, ihre Angelegenheiten zuverlässig weiterzuführen. Wenn ihre Verbündeten, Verwalter und Klienten sich daran gewöhnen, in wichtigen Fragen die ya Satara aufzusuchen, wird aus Vertretung irgendwann Gewohnheit – und aus Gewohnheit Stellung."
Er schwieg kurz. "Dann treten wir nicht an die Stelle der di Matienna. Wir bewahren ihre Kontinuität. Zumindest wird es für Shenilo lange genug genau danach aussehen."
Thûans Aufmerksamkeit ruhte auf dem Geweihten, ruhig und unablenkbar; doch in seinen Augen lag etwas, das wohlwollender war als bloße Zustimmung. Er hatte nicht nur einen Mann sprechen hören, der die ihm angebotene Möglichkeit begriff. Er sah, wie dieser Mann sie bereits in die Sprache von Macht und Beziehungen übersetzte. Er nickte zufrieden. Nicht jeder, dem man ein Werkzeug reichte, wusste, an welcher Stelle es anzusetzen war. Firunio hingegen schien die Verbindungen seiner Familie nicht länger als einzelne Linien zu betrachten, sondern als das, was sie werden konnten: ein Netz, das sich über Shenilo, Arinken und die Ponterra legte. Als er von den Möglichkeiten des Weinguts sprach, glitt Thûans Blick für einen Moment wieder zu der unvollendeten Büste auf dem Seitentisch. Er hatte dem Stein noch keine vollständigen Züge gegeben. Dennoch war bereits zu erkennen, welchen Ausdruck das Gesicht einmal tragen sollte. Eine durchaus passende Metapher. "Ein Geflecht", wiederholte Thûan leise. "Ja. Und ein solches entsteht dadurch, dass man die richtigen Fäden aneinanderführt und sie verbindet."
Er verschränkte die Hände vor sich und neigte den Kopf ein wenig. "Ihr habt recht: Euer Haus darf die Stellung der di Matienna in Shenilo nicht an sich reißen. Das wäre auffällig, es würde Misstrauen wecken und womöglich jene gegen Euch vereinen, die selbst auf einen Teil ihres Einflusses hoffen. Kontinuität ist die klügere Sprache. Wenn Ihr zunächst bewahrt, was andere nicht mehr zu tragen vermögen, wird man Euch dafür danken. Und wenn man Euch lange genug damit verbindet, wird niemand mehr Fragen stellen."
Ein kaum merkliches Lächeln trat auf sein Gesicht. "Eure Verbindung zu Baronin Guiliana ist dabei natürlich mehr wert als manche förmliche Empfehlung. Verwandtschaft öffnet nicht jede Tür, aber sie erklärt zufriedenstellend, weshalb eine Tür geöffnet wird. Und was das Weingut eures Hauses betrifft … ein wirtschaftlich gesundes Gut, geführt von Menschen mit Sinn für Qualität und Perfektion, kann ein Haus auf eine Weise sichtbar machen, wie es auch das glänzendste Auftreten eines Vertreters in einem städtischen Salon nicht vermag." Dann schwieg Thûan. Die Stille währte einen Herzschlag zu lang, um zufällig zu sein. Sie war nicht unangenehm, sondern bewusst gesetzt, als hätte der Landvogt einen weiteren Gedanken in den Raum gestellt, der erst noch die richtige Gestalt annehmen müsse.
Schließlich sagte er, beinahe nachdenklich: "Die Weinhandlung Yaquiria Shenilo."
Der Name stand zwischen ihnen wie ein zusätzliches Möbelstück im Arbeitszimmer. "Ein Bund, dessen Weine auf den hohen Tafeln der Ponterra und auch darüber hinaus stehen", fuhr Thûan fort. "Wer dort als verlässlicher Geschäftspartner wahrgenommen wird, erhält mehr als ein gutes Geschäft. Er erhält Einladungen, Empfehlungen und Kontakte. Und früher oder später einen Platz in jenen Kreisen, in denen Shenilos wichtige Entscheidungen getroffen werden." Sein Blick ruhte auf Firunio. "Die Familie Brahl ist hierbei der Schlüssel. Sie versteht Weinhandel nicht bloß als Gewerbe, sondern als Form der Herrschaft. Die Brahls kennen die Vorlieben der bedeutenden Häuser Shenilos, die Empfindlichkeiten ihrer Verwalter, die Eitelkeiten ihrer Gastgeber und die Anlässe, zu denen ein guter Jahrgang Zungen lockert. Wer ihr Vertrauen gewinnt, findet den Weg zu denen, die wissen, an welcher Tafel die eigentlichen Entscheidungen getroffen werden."
Thûan lehnte sich zurück und öffnete mit einer langsamen Bewegung eine Schublade seines Schreibtischs. Nicht die oberste, in der Schreibzeug und Siegelwachs lagen, sondern eine darunterliegende, deren Schloss sich erst nach einem kurzen Dreh seines Schlüssels ergab. Er nahm ein gefaltetes Schriftstück heraus. Das schwere Papier war mit dunkelgrünem Band umschlossen. Thûan legte die Urkunde zunächst vor sich auf die Tischplatte, als sei sie nur ein weiterer Vorgang zwischen vielen. Erst dann löste er das Band und entfaltete sie mit der bedächtigen Sorgfalt die einem Gegenstand zusätzlichen Wert verlieh.
"Es ist bisweilen erstaunlich", sagte er beiläufig, während sein Blick über den Text glitt, "wie schnell aus einem ordentlich geführten Weingut ein ernstzunehmender Name werden kann, sobald jemand mit dem nötigen Einfluss die Qualität seiner Erzeugnisse öffentlich anerkennt." Er drehte das Schriftstück so, dass es für Firunio lesbar war.
Es handelte sich um einen Exklusivvertrag über die Lieferung mehrerer Dutzend Fässer Wein an den Hof des Seneschalls von Holdan, Baronet Tarenion Marvallo. Der Name stand klar unter den Bestimmungen; daneben sein unversehrtes Siegel. Die Lieferungen sollten über einen längeren Zeitraum erfolgen, die Auswahl der Weine ausdrücklich dem Erzeuger überlassen bleiben.
Langsam schob Thûan das Schriftstück über die dunkle Tischplatte in Firunios Richtung. "Nun", sagte er, noch immer in jenem Tonfall, als denke er lediglich laut nach, "ein Vertrag dieser Art könnte gewiss Türen bei der Weinhandlung Yaquiria Shenilo öffnen. Besonders für einen aufstrebenden Weinproduzenten aus der Umgebung Shenilos, der nicht nur über ein entwicklungsfähiges Gut verfügt, sondern auch über einen so guten Leumund wie das Haus ya Satara."
Er nahm die Hand von der Urkunde, ließ sie jedoch auf dem Tisch liegen. "Die Brahls mögen Qualität. Aber sie schätzen ebenso Verlässlichkeit. Ein Haus, das einen Hof wie den des Seneschalls von Holdan langfristig und ohne Beanstandung beliefert, wäre für sie ein Handelspartner, dessen Name geeignet ist, ihren eigenen Ruf zu weiter zu polieren." Thûan schwieg und wartete.
Firunios Blick senkte sich auf die Urkunde. Für einige Augenblicke sagte er nichts. Seine blauen Augen wanderten über die Zeilen, blieben am Namen des Seneschalls und schließlich an dessen Siegel hängen. Dann strich er sich eine blonde Strähne aus der Stirn und sah wieder zu Thûan auf. "Das ist weit mehr als ein Absatzmarkt für einige Dutzend Fässer." Ein schmales Lächeln zeigte sich. "Es verschafft meinem Onkel Tolman einen Kunden, dessen Name selbst wiederum eine Empfehlung darstellt. Und Rahjane erhält Gelegenheit zu beweisen, dass ihre Vorstellungen nicht nur im eigenen Keller funktionieren." Er legte zwei Finger auf den Rand der Urkunde, nahm sie jedoch noch nicht an sich. "Ich würde damit allerdings nicht morgen bei den Brahls vorstellig werden. Ein Vertrag verspricht Verlässlichkeit. Eine tadellose erste Lieferung beweist sie. Wenn anschließend bekannt wird, dass am Hof des Seneschalls von Holdan Wein der ya Satara ausgeschenkt wird, dürfte ein Gespräch mit der Weinhandlung Yaquiria einen deutlich anderen Charakter besitzen." Sein Blick wanderte noch einmal über das Schriftstück. "Diese erste Lieferung werden wir daher selbst begleiten. Cordovana und ich. Ein solcher Anlass wäre vergeudet, wenn man lediglich Fässer ablädt und wieder abreist. Wo Wein ausgeschenkt wird, entstehen Gespräche – und vielleicht lässt sich der eine oder andere neue Faden aufnehmen." Ein wenig belustigt fügte er hinzu: "Rahjane sollte ebenfalls mitkommen. Gemeinsam mit ihrem Vater, solange ihre Jugend das noch gebietet. Wenn wir ihren Wein an einen solchen Hof bringen, soll sie auch selbst erleben, wie man ihn dort empfängt."
Nun nahm Firunio die Urkunde langsam an sich. "Tolman wird für diese Lieferung die besten Fässer seines Banquiris aus dem Keller holen müssen. Ein vortrefflicher Weißer, wenn man den Urteilen unserer Gäste glauben darf. Und ich werde Rahjane nahelegen, noch einmal sehr genau in ihrem eigenen kleinen Bestand nachzusehen." Das Lächeln auf seinen Lippen wurde etwas deutlicher. "Ich habe Grund zu der Annahme, dass dort bereits die eine oder andere Flasche ihrer sogenannten Tolmanseiche ruht. Ihre erste eigene Kreation – und noch hütet die Siebzehnjährige sie beinahe eifersüchtiger als manches Haus seine Familiengeheimnisse. Vielleicht ist der Hof des Seneschalls der richtige Ort, um eines davon preiszugeben."
Firunio betrachtete noch einmal das Siegel, ehe er die Urkunde sorgfältig vor sich legte. "Für Eure Großzügigkeit danke ich Euch, Comto. Ihr habt meinem Haus heute nicht bloß ein einträgliches Geschäft verschafft, sondern eine Gelegenheit, aus der weit mehr erwachsen kann. Ich werde dafür Sorge tragen, dass sie nicht ungenutzt verstreicht." Sein Ausdruck wurde ernster. "Und richtet dem Adamantenen Spiegel aus, dass er auch weiterhin auf mich zählen kann. Ich werde die mir anvertraute Aufgabe in Shenilo mit der gebotenen Sorgfalt erfüllen, die Augen offenhalten und daran arbeiten, dass das Haus ya Satara zu jenem Werkzeug wird, das er dort benötigt."
Dann kehrte das feine Lächeln zurück. "Ihr habt mir vorhin geraten, ein Geflecht zu schaffen. Ich glaube, ich beginne zu verstehen, wie fein dessen Fäden sein können." Seine Hand ruhte nun auf der Urkunde. "Dieser Vertrag sollte nicht einfach erfüllt werden. Er sollte der Anfang von etwas sein."
Thûan nickte langsam, doch ehe Firunios Gedanke an eine erste Lieferung weiter Gestalt annehmen konnte, hob er leicht die Hand. "Nicht zu schnell", sagte er ruhig. "Der Vertrag ist wertvoll – gerade deshalb sollte er nicht die erste Bewegung auf dem Brett sein." Sein Blick ruhte auf der Urkunde. "Lasst noch keinen Wein nach Holdan bringen. Nicht, solange die Lieferung allein als Geschäft der ya Satara erscheint. Eine tadellose erste Fuhre kann Euch Anerkennung einbringen; ein Vorhaben jedoch, das von den richtigen Personen vorbereitet und getragen wird, verschafft Euch Verbündete. Und Anerkennung ist flüchtig. Verbündete sind es, die einer Familie Zugang zu Räumen verschaffen, in denen Anerkennung überhaupt erst verteilt wird."
Thûan lehnte sich ein wenig zurück. "Nehmt zunächst Kontakt zum Hof des Seneschalls auf. Mit dem Vorschlag, den Vertrag gemeinsam weiter auszugestalten. In dieser Angelegenheit solltet Ihr vor allem Amene Raloff aufsuchen." Ein feines, wissendes Lächeln trat auf sein Gesicht. "Die Gattin des Seneschalls ist nicht bloß eine angenehme Begleitung ihres Gatten. Sie versteht, wie man dessen Interessen vertritt und zugleich ihre eigenen. Gebt ihr eine Gelegenheit, sich auszuzeichnen: als jene, die für den Hof von Holdan nicht lediglich einen neuen Wein auswählt, sondern eine dauerhaft verlässliche Verbindung in die Ponterra schafft." Er hielt einen Moment inne. "Wenn Amene Raloff das als ihren Erfolg begreift, wird sie es fördern. Sie wird ihm in Holdan Gewicht verleihen, seine Durchführung beaufsichtigen und, wenn nötig, gegen Zweifel verteidigen. Dann habt Ihr nicht einfach eine Kundin gewonnen, sondern eine politische Verbündete an der Seite des Seneschalls."
Thûans kräftige Hand strich einmal über die Tischplatte. "Sucht anschließend am besten gemeinsam mit ihr das Gespräch mit den Brahls. Nicht als kleines Weingut, das um Einlass bei der Weinhandlung Yaquiria Shenilo bittet, sondern als Vertreter eines Vorhabens, das dem Hof von Holdan, der Weinhandlung und den ya Satara gleichermaßen nützt." Sein Blick wurde etwas schärfer. "Die Brahls sollen erkennen, dass sie nicht nur ein paar Fässer umschlagen oder ihre Listen um einen weiteren Namen ergänzen können. Sie sollen Anteil an einem Geschäft erhalten, das ihnen Zugang zu Holdan eröffnet und ihren eigenen Ruf hebt. Ihre Erfahrung im Handel, Transport und in der Auswahl wird das Vorhaben glaubwürdig machen; im Gegenzug erhalten die ya Satara einen Weg in die Weinhandlung und zu ihren gesellschaftlichen Verbindungen." Er deutete mit einem kaum merklichen Nicken auf das gesiegelte Schriftstück. "Erst wenn Amene Raloff das Vorhaben unterstützt und die Brahls sich als Partner daran beteiligt sehen, solltet ihr liefern."
Diesen Worten ließ er ein aufmunterndes Nicken folgen. "Geht nun, Eingeweihter. Möge die Weisheit der Herrin mit euch sein."
Firunio ließ den Blick noch einmal über die Urkunde gleiten. Ein kurzes Lächeln zeigte sich auf seinen Lippen, während er sich eine blonde Strähne aus der Stirn strich. "Ihr habt Recht. Ich dachte bereits an die erste Lieferung, wo ich besser noch an die Verbindungen denken sollte, die ihr vorausgehen müssen." Er nahm das Schriftstück nun endgültig an sich und erhob sich. "Dann soll unser erstes Zusammentreffen im Hauptkontor der Weinhandlung Yaquiria Shenilo stattfinden. Amene Raloff und die Brahls an einem Tisch – nicht als Bittsteller und mögliche Handelspartner, sondern von Beginn an als Beteiligte an einem Vorhaben, von dem jeder von uns profitieren kann. Erst wenn dieses Geflecht geknüpft ist, sollen die Fässer den Keller meines Onkels verlassen." Seine blauen Augen ruhten noch einen Moment aufmerksam auf Thûan. "Ich danke Euch für Euren Rat – und für das Vertrauen, das Ihr damit in mich und mein Haus setzt. Richtet dem Adamantenen Spiegel aus, dass ich die mir übertragene Aufgabe in Shenilo mit aller gebotenen Sorgfalt weiterführen werde." Firunio neigte respektvoll den Kopf. "Möge die Herrin auch Eure Wege mit Weisheit erhellen."
Im Hauptkontor der Weinhandlung Yaquiria Shenilo zu Shenilo, im Peraine 1046 BF
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