Briefspiel:Hausbesuch/Berichte und Zusagen

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Briefspiel in Urbasi
Datiert auf: Anfang Rondra 1047 BF Schauplatz: Urbasi, im Palazzo Solivino Entstehungszeitraum: Frühjahr bis Sommer 2026
Protagonisten: Doriana, Alvinia, Ricardo und Rahdrigo Solivino, Poldoron und Auricanius von Urbet Autoren/Beteiligte: Bella, Gonfaloniere
Zyklus: Übersicht · Auf dem Torre Rotondo · Zu den Gründen · Zwiegespräch · Spiel der Geschwister · K-a-m-m-p-f · Heißer Tanz · Berichte und Zusagen · Zurück im Palazzo Modesto


Berichte und Zusagen

Fortsetzung von hier.


Aus seiner 'Begleitpflicht' entlassen: Poldoron von Urbet

Poldoron 'verabschiedete' sich von Doriana mit einer ebenso angedeuteten Verbeugung, versuchte dabei noch einmal aus ihrer Gestik und Mimik zu lesen, wandte sich, als die Tochter der Familie Solivino die Treppe hinaufschritt, dann aber auch ohne weiteres Zögern zum Salon, in den der Hausherr und sein Familienoberhaupt ganz am Anfang des Besuchs verschwunden waren.
Unbedarft tat er es nicht, da er durchaus mit misstrauischen Nachfragen Rahdrigos zur Länge seiner Abwesenheit, vielleicht auch gleich zum Verbleib Dorianas rechnete. Seine Antworten sollten besser wohlbedacht sein, fand er.
Ausladende Schritte brachten ihn rasch bis zur Tür des Salons, in dem der neugewählte Priore und Auricanius noch an einem Tisch saßen, der mehrere Weingläser und Schalen von Delikatessen aufwies.
„Ah, Poldoron“, sah ihn der Baron zuerst und begrüßte ihn strahlend. „Ich wusste doch, dass du dir den feinsten Cassiener des Silbertals nicht entgehen lassen wollen würdest. Komm, setz dich. Unser Gastgeber hat dazu noch die besten Leckereien gereicht, die unser Reich zu bieten hat.“
Auricanius unterstrich die Aufforderung gleich mit eifrig herbeiwinkender Geste.
So überschwänglich kannte der Cavalliere seinen Familienoberen gar nicht. Hatte der Wein so schnell bei ihm angeschlagen? Auch das war unwahrscheinlich.
Kaum am Tisch angekommen, konnte er gerade auch dem Hausherrn gegenüber noch eine Verbeugung andeuten, bevor Auricanius ihm schon die erste Delikatesse hinhielt.
„Probier, es ist wirklich köstlich“, forderte ihn der Baron auf.
Poldoron tat wie ihm geheißen wurde, obwohl ihm der Praios-Geweihte weiterhin komisch vorkam.
„Und? Was meinst du? Ist nicht dieser Genuß allein den Besuch schon wert gewesen?“
Auricanius sah ihn dabei mit eindringlichem Blick an, als habe er ihm die Antwort schon vorgegeben. Erst jetzt ahnte Poldoron, dass das zumindest für ihn auffällige Verhalten des Barons vielleicht nur eine List war, die ihren Gastgeber von unmittelbaren Fragen der Art, auf die er sich schon vorbereitet hatte, erstmal abhalten sollte.
„Mhm“, drückte er darum auch zunächst seinen Genuß sehr deutlich aus. „Überaus vorzüglich!“ Und machte dann Rahdrigo gegenüber ein vielleicht ein Stück weit zu verlegenes Lächeln …

Rahdrigo hob leicht die Augenbrauen.
„Wie schön, dass Euch gefällt, was meine Familie anzubieten hat“, sagte er dann mit einem Lächeln, das bestenfalls als zuckersüß, schlimmstenfalls als sarkastisch gelten konnte. „Vielen Dank, dass Ihr meine Tochter sicher zu Ihrem Gemach geleitet habt. War sie so zuvorkommend, Euch ausführlich den Palazzo zu zeigen?“
Der Patriarch ließ den Jüngeren seiner Besucher nicht aus den Augen, während er nach der Weinkaraffe langte und in das dritte, unangetastete Glas einschenkte.

„Eure Tochter …“, fing Poldoron an, stockte aber sogleich und schluckte, als müsse er seinen Rachen noch frei machen.
„Nein“, fuhr er dann fort, „sie hat mir nur sehr wenig vom Palazzo gezeigt.“
'Verflucht', dachte er dabei, das waren nicht die Worte, die er sich zurecht gelegt hatte. Er straffte sich.
„Im Wesentlichen nämlich die Ahnengalerie und besonders das Porträt ihrer Großmutter in Rüstung, auf die sehr stolz zu sein scheint.“
Das entsprach schon eher seinem ursprünglichen Plan.
„Sie erzählte dabei auch von ihrer jüngsten Schwester, die Knappin ist, und der Großmutter wohl am ehesten nacheifern könnte.“
Trotz des anhaltenden Gefühls, von Rahdrigo überaus kritisch gemustert zu werden, fand Poldoron mehr und mehr seine gewünschten Worte und erzählte einfach immer weiter.
„Eure anderen beiden Kinder haben sich mir danach auch vorgestellt, auch wenn sie dabei wenig sprachen. Sie waren jedenfalls kommunikativer und zugänglicher als der Hauskater, der nur kurz seinen Rücken aufstellte, bevor er flüchtete.“
Gerade die von Doriana unbemerkte Anwesenheit ihrer Geschwister für sein 'Alibi' zu nutzen, hielt Poldoron für eine seiner besseren Ideen – und war doch froh, dies in Abwesenheit Dorianas tun zu können.
„Was mir eure Tochter dann noch gezeigt hat, ist der rückwärtige Garten mit seinen überaus wertgeschätzten Pflanzkübeln und Blumengestecken. Wobei die Idee dazu wohl meiner Nachfrage bezüglich ihrer Fechtstunden entsprang. Sie wusste dann auch unter Beweis zu stellen – natürlich nur im ausreichend gesicherten Übungskampf – was sie seit der Exkursion in die Goldfelsen damals in rondrianischer Hinsicht dazu gelernt hatte. Zugegeben, die Tageszeit und Temperaturen haben uns das dann rasch überdenken lassen. An der Stelle entschied eure Tochter schließlich, nochmal zu ihrem Gemach zurückzukehren, auf mein Geleit nun aber verzichten zu können. So sah ich sie soeben den Weg abermals ins Obergeschoss hinauf nehmen, während ich hierher kam.“
Poldoron atmete einmal tief ein und wieder aus. Er schien vorerst mit seinem Bericht fertig zu sein.
Auricanius nickte derweil zustimmend: „Na, das hört sich doch wunderbar an.“ Und an Rahdrigo gerichtet: „Die Jugend sucht sich ihre Abenteuer, während wir … Älteren … die Vorzüge des gesetzteren Salonlebens wertzuschätzen gelernt haben!“
Dabei hob er sein Weinglas, als gelte es allein darauf nun anzustoßen.

Feiert die Jugend ... und ihre Abenteuer: Baron Auricanius

„Abenteuer… jawohl.“
Rahdrigo prostete ihm zu.
Das war nicht die Doriana, die vor Jahren an der Universität angefangen hatte, nicht die Doriana, die für ihre neuen Freunde heimlich Wein nach Methumis schmuggelte – das hatte er von der Dienerschaft erfahren – und auch nicht die Doriana, die erschüttert und zugleich schwärmend von dieser Exkursion zurückgekehrt war. Schwärmend von ihm. Es versetzte ihm immer wieder einen neuen Stich, seine Tochter wiederzusehen und festzustellen, dass er nicht mehr zu den Personen gehörte, die sie am besten kannten.
Rahdrigo schaute von Auricanius zu Poldoron, den er während des Berichtes mit zunehmender Anspannung gemustert hatte, wohl auf der Suche nach einer offensichtlichen Unwahrheit, die sich jedoch nicht offenbarte. Der junge von Urbet wirkte nicht einmal peinlich berührt. Nun, vielleicht war da doch nichts und alles eher in seinem (und offensichtlich Dorianas) Kopf. Vielleicht.
Er lächelte wieder, diesmal freundlich und an beide Gäste gewandt.
„Wie schön, dass Ihr meine reizenden Kinder kennenlernen konntet, zumindest fast alle. Wobei Ihr meine Älteste schon kanntet.“
Die letzte Aussage war überraschenderweise so gut wie frei von Kritik, obwohl natürlich ein Rest Misstrauen blieb. Er war nicht seine Geschwister, die ihre Kinder im Namen Rahjas Hals über Kopf in Glück und Unglück rennen ließen. Sollte Doriana sich lieber einen Patriziersohn aussuchen, davon gab es schließlich auch genug. Am besten gleich einen Kaufmann oder Juristen.
„Bedauerlicherweise konntet Ihr meine wundervolle Ehefrau Traviane heute nicht antreffen“, fuhr er fort und schaute vor allem Poldoron an, da Auricanius sie schon von diversen Anlässen flüchtig kannte. „Sie geht ihrer Verpflichtung als Vögtin von Ayrn nach, ist jedoch von diesem Treffen unterrichtet. Ich soll Ihre herzlichsten Grüße ausrichten. Sicher kann sie es kaum erwarten, Euch kennenzulernen, Cavalliere.“
Unwillkürlich fragte er sich, auf welcher Seite seine Frau in dieser Frage stehen würde, hatten sie durch Alvinias Liebschaften bedingt doch schon ausführlich über das Thema gesprochen und gestritten. Aber seine Zweitälteste hatte sich noch nie beschützen oder in irgendeiner Form eingrenzen lassen.


Nachdem sie eine Weile geplaudert hatten, klopfte es zart an der Tür.
„Herein“, sagte Rahdrigo und Doriana schwebte förmlich in den Raum, so sanft und gleichförmig waren die mühsam einstudierten Schritte. Sie bildete den größtmöglichen Kontrast zu ihrem ersten Auftritt. Das dunkelblonde Haar war größtenteils zurückgesteckt, bis auf wenige gelockte Strähnen, die aus der Frisur hingen. Sie hatte etwas Wimperntusche aufgetragen und dezenten Lippenstift. Ihr hellblaues Kleid hätte auf einem Ball sehr schlicht gewirkt, hier war es fast etwas übertrieben. Ein farblich passender Fächer war in ihrer Hand und sie fächerte sich locker etwas Luft zu, mit so fließenden Handbewegungen, als würde sie den ganzen Tag nichts anderes machen. Als sie an den Tisch herantrat, konnten die drei blumigen Parfümduft ausmachen, nicht gerade dezent, aber noch nicht zu aufdringlich. Als wäre sie sich der Grenzen, mit denen sie spielte, genau bewusst, machte sie einen unnötig tiefen Knicks und lächelte strahlend.
„Tut mir furchtbar leid, dass Ihr Euch so lange gedulden musstet, Monsignor, Cavalliere, Vater.“
Sie hielt sich den Fächer scheinbar zufällig an die linke Wange. Sie wagte einen schnellen Blick zu Poldoron, um abzuschätzen, was er von ihrem gänzlich anderen Auftritt dachte, ob sie ihm so gefiel… bevor sie sich wieder erinnerte, dass ihr das ja egal war und sie demonstrativ wegschaute.
„Doriana, meine Liebe, gar nichts muss dir leid tun. Setz dich doch“, bat Rahdrigo.
Sie setzte sich.

Präsentiert sich verwandelt: Doriana Solivino

„In der Tat“, pflichtete Auricanius dem Hausherrn zu, ehe er sich an die Studiosa wandte. „Die Geduld ist eine Tugend, Signora, und sie kann dazu sehr lohnenswert sein.“
Er schien ihr zuzwinkern, auch wenn er es so schnell tat, dass es leicht zu übersehen war.
Poldoron nickte Doriana derweil zur erneuten Begrüßung nur zu. Sein Ausdruck dabei war schwer zu deuten. War es Ehrfurcht, die ihn ein Stück weit eingeschüchtert wirken ließ? Oder doch eher Verlegenheit?
„Doch, doch“, fuhr Auricanius fort, während der Cavalliere schwieg, „eine solche Verwandlungskunst erfordert ja auch für sich ein Studium.“ Er musterte Doriana dabei wohlwollend.
„Oder wie meine Schwester sagen würde: Ihr zeigt euch nun geradezu 'methumifiziert!' Zugegeben, wenn sie Tharinda mit dieser Umschreibung versieht, hat das immer auch etwas provokantes. Aber was will die Kriegerin, die im heutigen Alter ihrer Tochter statt auf Bälle lieber schon ins ferne Omlad zog, um sich mit den Novadis zu prügeln, auch von Mode verstehen?“
Er lachte kurz auf, obgleich er sich keineswegs – weder über Yandriga noch Doriana – lustig machen wollte.
Poldoron warf dem Baron dennoch einen flüchtigen, misstrauischen Blick zu. Worauf wollte Auricanius hinaus? Gedachte er die offensichtlichen Bemühungen Dorianas, seiner anfänglichen Kritik zu begegnen, gar schlecht zu reden? Das hatte sie nicht verdient!
„Eure natürliche ... auriolische Schönheit“, fuhr Auricanius fort, „ist eine Zierde für sich, Signora. Und doch steht euch die Methumis-Zier mindestens ebenso sehr.“
Er hob das Glas, um die letzten Worte zu unterstreichen.
„Findest du nicht auch, Poldoron?“, richtete er sich dann unvermittelt an den bislang sprachlosen Cavalliere.
Der räusperte sich.
„Monsignore“, begann Poldoron formell, sich seine Worte noch zurechtlegend, „über das Modebewusstsein eurer Schwester will ich mir kein Urteil anmaßen.“ Wich er der eigentlichen Frage aus? Er wusste es selbst nicht so recht. „Denn auf einem Ball habe ich sie in der Tat noch nie gesehen.“
Er machte eine kurze Pause.
„Wie Bälle mir überhaupt bisher überaus selten über den Weg gelaufen sind. Und doch muss ich euch, Monsignore, aus aktuellem Anlass fragen, ob ihr mir für einen solchen zum Erleuchtungsfest auch jetzt schon freigeben könnt?“
Poldoron sah bei seiner eigenen Frage durchaus verstohlen zu Doriana.
Auricanius wirkte überrascht ob des Anliegens Poldorons, doch fing er sich schnell und blickte dann beinahe freudestrahlend vom Cavalliere zur Damosella und wieder zurück.
„In Methumis?“, stellte er seinerseits eine Gegenfrage.
Poldoron nickte.
„Sehr, sehr ... wirklich sehr gerne, Cavalliere.“
Die förmliche Anrede Poldorons kaschierte die Freude, die die anderen Worte des Barons darüber bereits hinauszuschreien schienen, nur noch aus reiner Höflichkeit.
„Auf die Jugend … und ihre Abenteuer“, hob er, vor allem an Rahdrigo gewandt, abermals das Weinglas, zum erneuten Prost wohl …

Als Auricanius sie eine ‚Schönheit‘ nannte, schoss Doriana das Blut in die Wangen. Sie schielte auf das Weinglas in seiner Hand. So viel konnte der Baron doch gar nicht gehabt haben... Kaum jemand hatte sie bisher so genannt, schon gar kein Praios-Geweihter, und nur bei diesen war sie sich stets völlig sicher, dass ein Aussage auch so gemeint war.
Sie drehte den Kopf etwas zu schnell zu Poldoron, als er nach dem Erleuchtungsfest fragte, und kämpfte gegen den Drang an, zu ihrem Vater zu linsen. Überraschung, Ungläubigkeit, Freude huschten über ihr Gesicht, bevor sie es wieder unter Kontrolle brachte. Doriana erlaubte sich hinter dem Fächer den Hauch eines Lächelns und ein kaum merkliches Nicken, das nur Poldoron sehen konnte, während sie am liebsten aufgeschrien hätte und nicht einmal selbst wusste, ob vor Freude oder Panik. Er hatte ja gesagt. Oh Götter, sie brauchte Hilfe bei der Auswahl eines Ballkleides! Aber vor allem musste sie spätestens bis zum Ball herausfinden, was sie wirklich von ihm wollte.

Rahdrigo betrachtete das Schauspiel und hob leicht eine Augenbraue. Denn ein Schauspiel war es ohne Frage, er wusste nur nicht ganz, was es bezwecken sollte. Als hätten sie sich alle gegen ihn – nein, er durfte nicht in diese Richtung denken, auch wenn er es oft genug tat. Der sich mit einem Mal alt vorkommende Patriarch warf seiner Tochter einen langen, fast befremdlichen Blick zu. Hatte sie ihm nicht früher alles anvertrauen können? Oder war sie noch nie ehrlich mit ihm gewesen und er hatte es nur nicht bemerkt?
Er räusperte sich. „Ähem, ja. Auf die… Jugend, Monsignor.“