Briefspiel:Hausbesuch/Auf dem Torre Rotondo

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Briefspiel in Urbasi
Datiert auf: Anfang Rondra 1047 BF Schauplatz: Urbasi, im Palazzo Solivino Entstehungszeitraum: Frühjahr bis Sommer 2026
Protagonisten: Doriana, Alvinia, Ricardo und Rahdrigo Solivino, Poldoron und Auricanius von Urbet Autoren/Beteiligte: Bella, Gonfaloniere
Zyklus: Übersicht · Auf dem Torre Rotondo · Zu den Gründen · Zwiegespräch · Spiel der Geschwister · K-a-m-m-p-f · Heißer Tanz · Berichte und Zusagen · Zurück im Palazzo Modesto


Studiosa im Universitätsurlaub: Doriana Solivino

Auf dem Torre Rotondo

„Du bist an der Reihe. He, Doriana!“
„Hm?“ Doriana Solivino riss sich von der traumhaften Aussicht über Urbasi und den Sikram los. Die Hitze hing schwer über der Stadt, sodass sie an diesem späten Nachmittag geradezu verlassen wirkte. Hier oben auf dem Torre Rotondo war sie jedoch erträglich, denn ab und zu wehte ein erfrischendes Lüftchen durch ihr lockeres, recht freizügiges alla Aureliana Kleid, das sie erst vor wenigen Wochen in Methumis entdeckt hatte. Ihr lockiges, dunkelblondes Haar war alles andere als gemacht, heute Morgen hatte sie es nicht einmal gekämmt. Aber das Gute war ja gerade, dass sie es nicht machen musste. Sie hatte sozusagen Urlaub von der Universität und heute nicht vor, den Palazzo zu verlassen. Nein, einfach herumliegen, sich sonnen, gemeinsam mit ihren kleinen Geschwistern, die sie mehr vermisst hatte, als es je vorstellbar gewesen war.
Alvinia wedelte mit der Hand vor ihrem Gesicht herum. „Dere an Doriana.“
Nun, vielleicht hatte sie sie doch nicht so sehr vermisst. Ihre um ein Jahr jüngere Schwester war inzwischen größer als sie, und so hübsch! Sie hatte eine unverschämt perfekte Figur, grüne Augen wie sie, wallende schwarze Locken, die einfach immer grandios aussahen, ganz ohne dass sie sich darum kümmerte, anders als bei Dorianas Vogelnest. Die jungen Männer Urbasis mussten bei ihr Schlange stehen.
„Ja, ich weiß, ich bin dran. Lass mich doch einmal entspannen.“ Sie rollte mit den Augen und schaute in ihre Karten. Es sah nicht gut aus, sie würde diese Runde verlieren, wie die letzten fünf.
„Warum grinst du so triumphierend?“, fragte sie ihren kleinen Bruder. Ricardo hatte die zwei letzten Runden gewonnen. Auf seinem Schoß lag Alvinias zufrieden schnurrende Katze, die sich die Sonne auf den Bauch scheinen ließ.
„Ach nichts.“ Doch das Grinsen verschwand nicht. Ricardo war eine Geschichte für sich. Er redete nicht viel, saß meistens in seinem Zimmer. Aus unerfindlichen Gründen verstand er sich ohne Worte mit der beliebten, immer für ein Fest zu habenden Alvinia. Die beiden waren so eng zusammengerückt, dass Doriana sich manchmal wie das dritte Rad am Wagen vorkam.
„Ich muss noch nachdenken“, gab sie zu. Ihre Geschwister waren wirklich gut in Boltan geworden.
„Natürlich!“ Alvinia seufzte theatralisch, stand auf und lief zum Rand des Turms. Wie selbstverständlich setzte sie sich zwischen zwei Zinnen und ließ die Beine baumeln.
„Was, bei allen Heiligen, machst du da?“ Doriana bekam schon ein mulmiges Gefühl vom Zuschauen.
„Das macht sie immer“, zuckte Ricardo nur mit den Schultern und kraulte die Katze hinter den Ohren.

Überrascht mit seinem Heraldikwissen: Ricardo Solivino

„Oh, schaut mal, da unten! Eine Kutsche, kommt die zu uns?“, rief Alvinia plötzlich.
Doriana und Ricardo legten die Boltan-Karten ab, Ricardo hob die protestierende Katze von seinem Schoß. Neugierig kamen sie nach vorne zu ihrer Schwester, blickten ebenfalls in die schwindelerregende Tiefe.
„Welches Wappen ist das?“, rätselte Alvinia laut denkend, während die Kutsche auf der Straße vom Renascentia- zum Agendayo-Platz fuhr. Viele Karossen waren in diesem Teil Urbasis nicht unterwegs, weil weiter südlich nur noch Treppen aus der Oberstadt herabführten. Und da ihr Palazzo der einzige derzeit bewohnte am Agendayo-Platz war, war auch ihre vorige Frage sehr berechtigt.
„Das ist das Urbet-Wappen, erwiderte Ricardo, wofür er umgehend einen erstaunten Blick Alvinias erntete. „Aber da ist auch ein Reiter dabei, mit Löwinnen-Emblem. Ein Lutisaner!“
Doriana war ob der Sicherheit, mit der ihr tiefgründiger Bruder heraldische Zuordnungen traf, nicht weniger verwundert. Gerade seine letzte Feststellung ließ sie den die Kutsche begleitenden Berittenen jedoch noch aufmerksamer mustern.
Poldoron!“, entfuhr es ihr. Sofort schoss ihr das Blut in die Wangen.
„Wer?“, fragten ihre Geschwister im Chor. Dann lachte Alvinia plötzlich. „Warum bist du denn so rot? Doriana … ist das etwa dein …“
„Sei nicht albern. Oh verdammt, wie sehe ich denn aus? Ich glaube … ich glaube, ich sollte mal hinunter gehen.“ Doriana hastete zur Falltür, während sie versuchte, ihr Haare noch schnell zu ordnen, ihre halb verwirrten, halb belustigten Geschwister zurücklassend.