Briefspiel:Kaiserjagd/Erinnerung an das Tikalener Kochduell
Erinnerung an das Tikalener Kochduell
2. Firun 1046 BF, über den Tag hinweg, vom ersten bis zum zweiten Nachtlager
Auf der Suche nach der Schwester
Ein scharfer Luftzug ließ den Eingang ihres Jagdzelts erzittern. Firun war in diesem Jahr früh gekommen, die feuchten Nebel des Yaquirtals hatten sich zu klirrender Kälte verdichtet. Leonora saß auf einem schlichten Hocker neben der kleinen Feuerstelle, die kaum genug Glut hatte, um die Kälte zu vertreiben. Die Geräusche der Kaiserjagd hallten fern durch das Lager: das Schnauben von Pferden, das Knarzen der Sattelgurte, gedämpfte Rufe in der Dämmerung. Doch in ihrem Kopf war es nicht die Kälte, nicht das Jagdgetöse, das ihre Gedanken füllte, sondern der Duft von gebackenen Quitten.
Sie legte die Hände um die Schale mit dampfender Kräuterbrühe und sah ins Feuer, während sich der Abend um das Zelt senkte. Ihre Gedanken wanderten zurück, zurück zum Tikalener Kochduell vor drei Monden.
- Die Vorratshalle war erfüllt gewesen vom dichten Aroma gebräunter Butter, dem rauchigen Duft von Wacholderbeeren und der fruchtigen Süße der Spätsommerernte. Es war ein warmer Nachmittag gewesen, die Fenster standen offen, das Sonnenlicht fiel golden auf die Tische. Sie hatte wie immer keine Schürze getragen, sondern einfach die Ärmel hochgekrempelt und das Haar unter einem Tuch verborgen.
- Am gegenüberliegenden Tisch hatte Jorano der Wurstmacher fluchend versucht, seine Wildschweinpastete zu retten, während Mairas Tochter Rieka mit kritischem Blick die Farbe ihres Quittenkompotts beäugte. Es war ein freundlicher Wettbewerb, doch in Tikalen nahm man ihn ernst. Ehre, Handwerk, Stolz, das Kochen war hier kein Zeitvertreib, sondern ein Ausdruck von Können und Herkunft.
- Leonora erinnerte sich noch gut, wie sie das Reh zerlegt hatte. Mit ruhiger Hand, die sie sich einst am Übungsschwert antrainiert hatte. Wie sie das Fleisch mit Brombeerwein und Rosmarin marinierte, das Ragout mit Zwiebeln und Nelken verfeinerte, die Soße abschmeckte und wie sie am Ende selbst überrascht war, wie rund der Geschmack geworden war.
- „Erinnert mich an Vaters Küche, im ersten Jahr nach Mutters Tod“, hatte sie damals zu Borgo Naritzi gesagt, der am Rande saß und wie immer nicht mit Lob geizte, wenn er es ernst meinte. Und diesmal hatte er genickt. Nur genickt. Das genügte.
- Dann war der Moment der Verkostung gekommen. Sie hatte eine Karaffe mit teurem weißen Wein aus Felsfelden geöffnet. Ein feiner Wein, hatte sie gesagt, nicht laut, nicht leise, sondern da, wo man ihn braucht.
Im Zelt knisterte das Feuer. Leonora blies leicht über die Brühe und nahm einen Schluck. Der Geschmack war einfach, aber klar. Ihre Gedanken kehrten zurück in die kalte Gegenwart.
Draußen scharrte ein Pferd über den Boden. Vielleicht, dachte sie, vielleicht war es gut, wenn man sich abends an etwas Wärmendes erinnerte. Wenn man nicht nur an Schlachten, an Schuld, an Gespräche mit Tsaida dachte, sondern an Quitten, an Wein, an die alten Hände eines Kellermeisters.
Sie lächelte leise.
„Nächstes Jahr“, flüsterte sie. „Nächstes Jahr gibt es Reh mit Brombeeren. Und kein Mensch wird den Wein zu leicht finden.“
Dann zog sie den Mantel enger um sich und löschte die Glut.
Die Sonne stand noch tief am Himmel, als Leonora sich auf den Weg machte. Die Kälte des Vormittags wich allmählich einer fahlen, aber klaren Helligkeit. Über den Wiesen und Heiden jenseits des Altanquir-Tals zogen bereits die ersten Falken ihre Kreise, begleitet von den Rufen der Jäger und dem scharfen Pfiff der Beizvögel.
Leonora hatte sich nicht für die Beizjagd angemeldet. Stattdessen nutzte sie die Gelegenheit, um das Lager zu durchstreifen und nach bekannten Gesichtern Ausschau zu halten. Ihr Ziel war es, ihre Schwester Nurîm zu finden, Fürst Rahmans Adjutantin und eine der wenigen Personen, die sie in diesem politischen Gewirr noch als Verbündete betrachten konnte.
Eisige Kälte kroch durch jede Ritze von Leonoras Jagdgewand. Der Boden war angefroren, jeder Grashalm mit einer dünnen Schicht Reif überzogen. Leonora atmete tief die kalte Luft ein. Der Geruch von nassem Leder, Pferdeschweiß und dem Rauch der Feuer hing schwer in der Luft. Sie schob sich durch das Gewirr des Lagers. Hier und da bereiteten sich Adlige und ihre Begleitungen noch auf den Tag vor. Knappen polierten Metall, Pagen eilten mit Botschaften umher, Falkner prüften die Schnüre ihrer Handschuhe und beruhigten ihre unruhigen Vögel. Die Stimmung war eine Mischung aus jagdlicher Vorfreude und höfischer Anspannung. Heute war der Tag der Beizjagd. Der Horas hatte einen Preis für den besten Falkenfang ausgelobt, und viele der Anwesenden würden alles tun, um diesen Ehrentitel zu erringen.
Leonora suchte nach den Farben und Wappen des Hauses Firdayon-Bethana, den Insignien des Fürsten Rahman. Sie fragte einen Waffenträger, der unter der Last zweier schwerer Armbruste keuchte. „Entschuldigt, habt Ihr das Zelt des Fürsten Ralman gesehen?“
Der Mann schüttelte den Kopf, atmete schwer.
„Der Fürst? Die sind doch alle schon weg. Gestern bereits nach der Predigt aufgebrochen.“
Eine kalte Furcht, die nichts mit der Morgenluft zu tun hatte, kribbelte Leonora die Wirbelsäule hinab. War Nurîm bereits fort? Warum hatte sie sich nicht gemeldet? Sie drängte weiter, Richtung des etwas abseits gelegenen Bereichs, der für die höchstrangigen Gäste reserviert war. Die Zelte hier waren größer, prächtiger, aus feinstem Leinen und Seide, bewacht von stummen, wachsam aussehenden Soldaten in prunkvollen Rüstungen.
Vor einem Zelt, das das gesuchte Wappen zeigte, blieb sie stehen. Es war verschlossen. Ein Diener, der vorbeieilte, bestätigte ihre Befürchtung.
„Die Dame Nurîm ist mit dem Gefolge des Prinzen abgereist, gestern schon. Sie ließ nichts zurück.“
Leonoras Verstand arbeitete schnell. Rahman war weg. Nurîm war weg. Frustriert verließ Leonora das Zelt. Das war eine Sackgasse. Sie wandte sich den unsichtbaren Augen und Ohren des Lagers zu, den Wasserträgern, den Pferdeknechten, den Köchinnen.
Sie fand eine Gruppe von Mägden, die damit beschäftigt waren, große Kessel mit Wasser für die Pferde zu füllen. Leonora näherte sich ihnen mit einer nonchalanten Miene, als mache sie nur einen Morgenspaziergang.
„Ein kalter Morgen für eine Jagd“, begann sie beiläufig.
Eine der älteren Frauen, mit wettergegerbtem Gesicht und kräftigen Armen, nickte. „Der Firun zeigt seine Zähne. Aber die Herren da draußen werden sich warm halten, mit ihren Vögeln und ihrem Eifer.“
„Habt ihr zufällig das Gefolge des Fürsten Rahman abreisen sehen? Ich suche eine Bekannte, Nurîm. Sie trägt oft einen grauen Umhang.“
Die Magd dachte nach, während sie einen Eimer schwenkte. „Die Adjutantin vom Fürsten? Ja, die sind früh weg. Laut und wichtig wie immer.“ Sie runzelte die Stirn. „Die mit dem grauen Umhang? Ja, die ist mitgezogen. Sah aus, als hätte sie Eile.“
Leonora dankte der Magd mit einer kleinen Münze, die sie aus ihrem Gürtel zog, und machte sich sofort auf den Weg. Sie kehrte nicht in ihr Zelt zurück.
Der Keiler
Die eisige Luft des Wintertags brannte in Leonoras Lungen, als sie sich durch das unwegsame Gelände des Persenciello-Waldes kämpfte. Unter den hohen Wipfeln der Bäume herrschte eine gespenstische Stille, nur unterbrochen vom Knirschen ihrer eigenen Schritte auf dem gefrorenen Boden und dem fernen Echo der Jagdhörner. Der Geruch von feuchtem Moos, Tannennadeln und der scharfen Note von Pferdeschweiß hing schwer um sie herum. Ihr blondes Haar, straff zu einem Zopf geflochten, der über ihre Schulter fiel, war von einer feinen Eisschicht überzogen. Die schlichte, aber gut geschnittene Jagdrobe in den Farben Grün und Gelb ihres Hauses schützte sie nur unzureichend vor der beißenden Kälte. In ihrer Hand hielt sie fest den Knauf ihres Jagdschwertes, nicht aus Furcht, sondern aus Gewohnheit. Die Klinge war ein Teil von ihr, eine Erweiterung ihres Willens, so wie es ihr Vater Pulpio sie gelehrt hatte.
Sie war allein unterwegs. Die meisten anderen Jagdteilnehmer hatten sich in größeren Gruppen zusammengeschlossen, um ihre Chancen zu erhöhen, aber Leonora suchte nicht den Ruhm. Für sie war die Jagd eine Pflichtübung, eine weitere Gelegenheit, den Namen Tribêc zu ehren, ohne dabei aufzufallen. Ihre Gedanken waren, wie so oft, bei den zerrissenen Fäden ihrer Familie, bei den unausgesprochenen Erwartungen und den stillen Vorwürfen. Das Gespräch mit Tsaida auf der Flussbarke hatte zwar eine Art Waffenstillstand gebracht, aber die grundlegenden Spannungen waren geblieben. Sie fühlte sich wie eine Garadanfigur auf einem Brett, dessen Regeln sie nie vollständig verstanden hatte.
Ein lautes, gellendes Schreien, gefolgt von einem wütenden, kehligen Grunzen, riss sie aus ihren Gedanken. Es kam von einer Lichtung, die nur wenige Schritte vor ihr lag. Instinktiv duckte sie sich hinter den Stamm einer mächtigen Eiche und spähte vorsichtig hindurch.
Was sie sah, ließ ihr Blut in den Adern gefrieren.
In der Mitte der Lichtung kämpfte ein Mann verzweifelt gegen einen riesigen Keiler. Das Tier war eine Bestie, muskulös und wütend, mit kleinen, bösen Augen und gefährlichen Hauern, die im fahlen Winterlicht blutig glänzten. Der Mann, an seiner Kleidung als Adliger zu erkennen, war offensichtlich von seinem Pferd geworfen worden. Das edle Tier lag zitternd und mit einer tiefen Wunde an der Flanke am Boden. Der Mann, Dareius Amarinto, wie sie jetzt erkannte, hielt sich nur mit Mühe auf den Beinen. Sein Gesicht war aschfahl, seine Bewegungen waren verlangsamt, fast taumelnd. Eine blutende Schramme an seiner Schläfe zeugte von seinem Sturz. In seiner Hand hielt er einen Jagdspieß, mit dem er die Angriffe des Keilers abwehrte, aber seine Hände zitterten so stark, dass die Spitze des Speeres unkontrolliert wackelte.
Leonora handelte ohne zu zögern. Ihr Pflichtgefühl und ihr angeborener Beschützerinstinkt ließen keine Zeit für Überlegungen. Sie trat aus dem Schatten der Bäume, ihr Jagdschwert zog sie mit einem sanften, metallischen Zischen.
„Heda!“, rief sie mit fester, klarer Stimme, die sich erstaunlich ruhig anhörte, obwohl ihr Herz wie wild gegen ihre Rippen hämmerte.
Der Keiler, abgelenkt durch den neuen Reiz, wandte seinen wütenden Blick für einen Sekundenbruchteil von Dareius ab. Das war die Gelegenheit. Leonora bewegte sich nicht wie eine Kriegerin, sondern mit der präzisen Eleganz einer geübten Waldläuferin. Sie ging nicht frontal auf das Tier los, sondern umkreiste es, ihren Körper tief und bereit haltend. Ihr Blick war fest auf die Schulter des Keilers gerichtet, die Schwachstelle zwischen Hals und Vorderlauf.
Dareius, der sie jetzt erkannte, starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an. In seinem Blick lag nicht nur Überraschung, sondern eine tiefe, abgrundtiefe Erschöpfung, die weit über die körperliche Anstrengung des Kampfes hinausging.
„Baronessa …“, keuchte er, seine Stimme war heiser und gebrochen.
„Konzentriert Euch, Cavalliere!“, wies sie ihn an, ohne ihn anzusehen. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt dem Tier. „Wenn er wieder angreift, haltet ihn von links ab. Ich nehme die rechte Flanke.“
Der Keiler entschied sich für sie. Mit einem wütenden Grunzen stampfte er mit den Vorderhufen auf den Boden und stürmte dann mit gesenktem Kopf auf sie zu. Die Kraft, die in diesem Angriff steckte, war enorm, genug, um einen Menschen schwer zu verletzen oder zu töten.
Leonora wich nicht aus. Sie wartete, bis das Tier fast auf sie aufgeschlossen war, dann machte sie einen schnellen Ausfallschritt zur Seite und schwang ihr Schwert in einem flachen, kraftvollen Bogen. Die Klinge traf den Keiler genau an der Stelle, die sie ins Visier genommen hatte, und schnitt tief in die Sehnen und Muskeln. Das Tier stieß einen markerschütternden Schmerzensschrei aus und brach auf der betroffenen Seite zusammen. Seine wütenden Attacken waren nun behindert, aber es war noch lange nicht besiegt.
Dareius nutzte die Gunst des Moments. Mit einer Anstrengung, die ihm das letzte bisschen Kraft zu kosten schien, rammte er seinen Jagdspieß in den Hals der Bestie. Ein letztes, gurgelndes Keuchen entfuhr dem Keiler, dann lag er reglos auf dem gefrorenen Boden.
Eine plötzliche Stille legte sich über die Lichtung, die nur vom schwachen Stöhnen des verletzten Pferdes und dem heftigen Atem der beiden Menschen unterbrochen wurde.
Leonora senkte ihr Schwert und wandte sich Dareius zu. Er lehnte sich schwer atmend gegen den Stamm einer Buche, die Hände auf den Knien abgestützt. Sein ganzer Körper zitterte. Sein sonst so sorgfältig kuratiertes Äußeres war zerzaust, sein Haar klebte schweißnass an der Stirn, und sein Gesicht war eine Maske aus Erschöpfung, Schmutz und getrocknetem Blut.
„Ihr seid verwundet“, stellte sie fest und trat näher. Ihre Stimme war sachlich, aber nicht kalt.
Er schüttelte den Kopf, ein müdes, abwesendes Lächeln umspielte seine blassen Lippen.
„Nur ein Kratzer.“
Sie musterte ihn genauer. Es war mehr als nur die Anstrengung der Jagd. Seine blaugrauen Augen, normalerweise voller Charme und Selbstvertrauen, waren tief in ihre Höhlen gesunken und wirkten glasig. Dunkle Ringe umrahmten sie. Seine Haltung verriet eine seelische Zerrüttung, die ihn bis in die Knochen zu erschüttern schien.
„Setzt Euch“, wies sie ihn an und deutete auf einen umgestürzten Baumstamm. „Bevor Ihr umfallt.“
Er gehorchte wortlos und ließ sich schwer auf das Holz fallen. Leonora holte einen kleinen Lederbeutel aus ihrer Tasche.
„Hier“, sagte sie und reichte ihm einen Apfel. „Das hilft immer.“ Der Apfel war knallrot und fest, ein letztes Überbleibsel der Herbsternte.
Leonora kniete sich neben ihn, zog ein sauberes Leinentuch aus ihrem Gürtel und wischte das Blut von seiner Schläfe.
„Ihr seht aus, als hättet Ihr eine Schlacht hinter Euch, nicht eine Jagd, Cavalliere“, bemerkte sie ruhig.
Dareius stieß ein kurzes, bitteres Lachen aus. „Eine Schlacht? Vielleicht. Gegen Dämonen, die ich selbst gerufen habe.“ Er schloss die Augen.
Leonora sagte nichts. Sie hatte Gerüchte mitbekommen. „Esst“, sagte sie dann. „Ein leerer Magen macht alles schlimmer.“
Er biss in den Apfel, und das laute, knackende Geräusch durchschnitt die Stille.
„Danke“, murmelte er mit vollem Mund. Während er aß, nahm sie ihr Schwert zur Hand.
„Manchmal“, begann sie leise, während sie ihr Schwert säuberte, ohne ihn anzusehen, „ist die größte Jagd nicht die nach dem Wild, sondern die nach einem Moment der Stille. Einem Moment, in dem man einfach atmen kann, ohne dass jemand etwas von einem erwartet.“
Dareius hielt inne, den Apfel halb aufgegessen in der Hand. Er sah sie an, musterte ihr Profil, die konzentrierte Miene, die Hände, die das Schwert pflegten.
„Ihr habt eine merkwürdige Art, Stille zu finden, Baronessa“, sagte er schließlich, „indem Ihr wütende Keiler erlegt.“
Ein kleines Lächeln erschien auf Leonoras Lippen.
„Es ist eine effektive Methode. Und es lenkt wunderbar von den eigenen Dämonen ab.“
Sie stand auf und streckte sich.
„Mein Vater sagte immer“, begann sie nach einer Weile, „dass der Mensch am meisten lernt, wenn er am tiefsten gefordert wird. Aber er sagte auch, man solle nie vergessen, dabei das Leben zu schmecken.“
Sie blickte auf den angebissenen Apfel in seiner Hand. In diesem Moment hörte man Hufgetrappel und Stimmen, die sich rasch der Lichtung näherten.
Dareius richtete sich auf, und eine Maske der Höflichkeit fiel über seine Züge. Bevor die anderen eintrafen, wandte er sich noch einmal an sie.
„Signora Leonora … ich … danke. Nicht nur für den Keiler.“
Sie nickte nur.
„Vergesst den Apfel nicht. Manchmal ist es die einfachste Nahrung, die die größte Kraft hat.“
„Ihr habt Recht.“ Er nickte dankbar. „Oh, Baronessa. Ich …“
Er zögerte kurz.
„... ich habe etwas für Euch. Kommt heute Abend nach der Jagd zu meinem Zelt. Ich würde es Euch gerne ungestört übergeben.“
Sein Blick, die müden Augen, erlaubten es nicht zu deuten, was er im Schilde führte. Es schien ihm jedoch sehr wichtig zu sein.
Leonoras Augen suchten für einen Moment sein Gesicht ab. Die Müdigkeit in seinen Zügen war unübersehbar, aber darunter lag eine seltsame Dringlichkeit. Es war keine Einladung, wie sie sie von anderen Adligen kannte: berechnend, voller Hintergedanken. Es wirkte eher wie die Bitte eines Mannes, der sich einer Aufgabe verschrieben hatte.
„Cavalliere“, erwiderte sie mit ruhiger, aber messerscharfer Stimme, „ich bezweifle zwar, dass ein nächtlicher Besuch in Eurem Zelt den Gerüchten, die ohnehin schon über Euch kreisen, zuträglich wäre. Besonders nicht nach den Ereignissen in Vinsalt.“
Sie kannte die Gefahren, die ein solches Treffen bergen konnte, Gerede, Missverständnisse, doch etwas in seinem Blick, eine ungeschützte Verletzlichkeit, ließ sie dann doch zustimmen.
„Aber einverstanden, Cavalliere, ich werde kommen.“
Am Abend
Der Rest des Jagdtages verging für Leonora in einer Art Nebel. Sie nahm an offiziellen Veranstaltungen teil, hörte die Siegesmeldungen der anderen, tauschte höfliche Komplimente aus, aber ihr Geist war anderswo. Immer wieder kehrten ihre Gedanken zu der Lichtung zurück, zu dem zitternden Mann, der mehr einem gejagten Tier glich als einem Jäger, und zu der ungewöhnlichen Nähe, die inmitten von Blut und Gefahr zwischen ihnen entstanden war.
Was konnte er ihr geben wollen? Eine Belohnung? Das wäre eine Beleidigung gewesen, und er schien klug genug, das zu wissen. Ein politisches Angebot? Möglich, aber sein Ton hatte nicht danach geklungen. Nein, es war etwas Persönlicheres. Etwas, das mit der schonungslosen Ehrlichkeit zu tun hatte, die in jenen Augenblicken auf der Lichtung geherrscht hatte.
Als die Praios-Scheibe hinter den Hügeln des Persenciello-Walds versank und die Fackeln im Lager entzündet wurden, machte Leonora sich auf den Weg. Sie trug ein einfaches, dunkles Reitkleid, unauffällig und praktisch.
Das Zelt des Cavalliere war am Rande aufgestellt, größer und prunkvoller als einige der anderen, aber nicht protzig. Die Wachen musterten sie mit wachsamem Respekt, als sie sich näherte, schritten aber wortlos zur Seite, als ob sie erwartet worden wäre.
Leonora klopfte leise an den Zeltpfosten. Der Zeltvorhang wurde sofort von innen zur Seite geschoben. Dareius stand dort, im warmen Feuerschein der Schale hinter ihm, und für einen Atemzug sah er nicht aus wie der strahlende Turnierheld, nicht wie der charismatische Ritter — sondern einfach wie jemand, der nach Klarheit suchte.
Er lächelte, sanft und ehrlich.
„Signora Leonora … Ihr seid gekommen.“
Seine Stimme klang erleichtert, fast dankbar.
„Ich freue mich wirklich darüber. Bitte — tretet ein.“
Das Innere des Zelts war in rötlich-goldenes Licht getaucht, das von der Feuerschale ausging, welche in einem eisernen Becken brannte und die Luft wohlig erwärmte. Neben ihr stand ein kleiner Tisch, darauf eine geöffnete Weinflasche und zwei Kristallgläser, deren Facetten das Licht glitzern ließen. Zwei Stühle standen einander gegenüber.
Dareius zog ihr den Stuhl zurecht — eine kleine Geste, aber eine respektvolle.
„Bitte, setzt Euch.“
Als sie Platz nahm, goss er den Wein ein: zuerst für sie, dann für sich selbst. Die rubinrote Flüssigkeit funkelte im Feuerschein. Er ließ sich ihr gegenüber nieder. Erst jetzt, im warmen, ruhigen Licht, sah sie, wie müde er wirklich war. Doch zugleich lag ein entschlossener Glanz in seinen Augen, der am Nachmittag noch gefehlt hatte.
„Zunächst …“ — er hob leicht sein Glas — „danke ich Euch. Für den Keiler. Ohne Euch wäre das heute vielleicht anders ausgegangen.“
Er senkte den Blick, fast verlegen.
„Ich habe Euch nicht einmal den gebührenden Dank ausgesprochen für Eure Hilfe.“
Sie erwiderte nichts, nahm aber einen Schluck. Der Wein war schwer, würzig, warm.
Dareius tat es ihr gleich. Als er sein Glas wieder abstellte, veränderte sich seine Haltung. Die Worte schienen schwerer zu werden.
„Aber …“, begann er leise, „deswegen habe ich Euch nicht hergebeten.“
Ein tiefer Atemzug. Dann griff er nach etwas neben sich.
Ein kleines Säckchen aus teurem, mit goldener Kordel gebundenem Stoff. Dunkelblau, beinahe schwarz — die Art von Stoff, die man für Erbstücke und Ehrenzeichen verwendete. Er hielt es so behutsam, als könne es zerbrechen. Er legte es auf den Tisch, löste vorsichtig die Kordel, öffnete das Säckchen. Das Rascheln des Stoffes wirkte in der stillen Zeltluft fast laut. Dann kippte er den Inhalt in seine Hand. Und langsam — sehr langsam — legte er den Gegenstand auf den Stoff des geöffneten Säckchens. Eine goldene Spange. Zwei gekreuzte Schwerter.
Kaiser-Rauls-Schwerter in Gold.
Leonoras Miene erstarrte. Der Atem blieb ihr stehen. Sie starrte auf die goldene Spange. Die gekreuzten Schwerter schienen im flackernden Licht zu atmen, jedes Detail, die feinen Gravuren an den Griffen, die winzigen Edelsteine in den Parierstangen, war ihr so vertraut wie ihr eigenes Gesicht im Spiegel. Sie hatte Usvina diese Spange unzählige Male tragen sehen. Bei Turnieren. Bei offiziellen Anlässen. An dem Tag, als ihre Schwester Tikalen für immer den Rücken gekehrt hatte.
Die Feuerschale knackte — ein klarer, einsamer Ton.
Eine Welle von Schmerz und Nostalgie, so intensiv, dass sie ihr die Luft nahm, durchfuhr sie. Usvina. Die heldenhafte, verbitterte, unerreichbare ältere Schwester, die in der Dämonenschlacht gekämpft hatte und schließlich in einem schmutzigen Scharmützel vor Sewamund gefallen war. Ihr Tod war ein offene Wunde in der Familie, ein Ereignis, über das man nicht sprach, dessen Schatten aber über allem lag.
Dareius sah sie an. Tief. Ohne den Blick zu senken.
„Ihr wisst natürlich, was das ist“, sagte er leise.
Er wartete, einen Herzschlag lang. Zwei.
„Es sind die Kaiser-Rauls-Schwerter Eurer Schwester.“
Ein sanftes, schweres Ausatmen folgte.
„Usvina.“
Er ließ die Worte nicht hängen; er hielt ihren Blick fest, als würde er eine Bürde teilen.
Ihre Hand zuckte unwillkürlich, um die Spange zu berühren, zog sich dann aber zurück, so als fürchte sie sich vor einer Verbrennung, die von dem Metall ausging. Sie schloss die Augen und atmete tief durch, kämpfte gegen die Tränen an, die sich ungebeten in ihre Augen drängten. Sie würde nicht weinen. Nicht hier. Nicht vor ihm.
„Sie trug sie, als sie vor Sewamund fiel.“
Als sie die Augen wieder öffnete, war ihr Blick klar. Sie sah Dareius an.
Die Erinnerung lag wie Frost in der Luft — scharf, stechend, unausweichlich. Dann schloss er kurz die Augen — ein Moment der Stille, fast wie ein Gebet — bevor er wieder zu ihr aufsah.
„Woher?“, brach es schließlich heiser aus ihr heraus.
„Ich habe sie an mich genommen, weil ich sie nicht den Plünderern überlassen und die Würde Eurer Schwester bewahren wollte.“<br
Er schob das Säckchen mit der Spange ganz langsam, ganz vorsichtig über den Tisch hinweg zu ihr.
„Ich denke Ihr solltet sie haben. Wahrscheinlich hätte sie es so gewollt.“
Die Feuerschale flackerte, warf goldenes Licht auf die Schwerter — und auf Leonora und Dareius, die sich gegenübersaßen, verbunden durch Pflicht, Ehre, Tod und Verlust.
Sie streckte eine Hand aus, und ihre Finger schlossen sich langsam um die Spange. Die Berührung war wie ein elektrischer Schlag. Sie spürte fast den Nachhall von Usvinas Stolz, ihrer Wut, ihrer unerbittlichen Entschlossenheit. Eine Träne, die sie nicht zurückhalten konnte, rann ihr die Wange hinab und tropfte auf den dunklen Stoff des Säckchens.
„Sie hat nie von Euch gesprochen“, flüsterte Leonora, mehr zu sich selbst als zu ihm. „Aber sie hätte es tun sollen.“
Sie hob den Kopf, und ihr Blick war nun frei von Tränen, gefüllt mit einer neu gefundenen Entschlossenheit.
„Diese Geste, sie bedeutet mehr, als Ihr vielleicht ahnt, Cavalliere. Ihr habt nicht nur ein Stück Metall zurückgegeben, ihr habt ein Stück ihrer Ehre zurückgebracht. Ein Stück unserer Familienehre.“
Sie stand auf, die Spange sicher in ihrer Hand umklammert.
„Ich kann Euch nicht sagen, was das für mich bedeutet. Und für meine Familie.“
Sie machte eine Pause und sah ihn an, sah wirklich ihn an, jenseits der Erschöpfung, jenseits der politischen Maske. Dann steckte sie die Spange behutsam in eine innere Tasche ihres Kleides, direkt über ihrem Herzen.
„Ich werde sie meinem Bruder geben. Er wird wissen, was zu tun ist. Vielleicht, ja vielleicht kann sie dazu beitragen, einige der Wunden in unserer Familie zu heilen.“
Leonora trat zum Zelteingang, dann drehte sie sich ein letztes Mal um. Die Formalia waren vergessen, die Höflichkeit des Hofes bedeutungslos geworden.
„Danke, Dareius“, sagte sie einfach, „für alles.“
Dareius stand auf, unentschlossen, was er sagen oder tun sollte. Er, der sonst nie um Worte verlegen war, sie je nach Bedarf als Waffe, romantische Gabe oder politisches Werkzeug einsetzte.
„Ihr müsst wissen … es tut mir leid.“
Er atmete tief durch.
„Die Götter haben entschieden, meine Großtante zu sich zu nehmen und das Schicksal Eurer Schwester mit dem meinen zu verknüpfen. Ich habe dieses Gemetzel vor Castarosa jeden Tag aufs Neue verflucht und die Erinnerung daran stets mit mir getragen. Eurer Schwester ging es wohl ebenso. In einer anderen Welt und einem anderen Leben wären wir vielleicht Seite an Seite gestanden und hätten gemeinsam gefochten. Aber es sollte nicht sein. Uns beiden war klar, dass es irgendwann so enden musste, obwohl wir es nicht so wollten.“
Er wirkte niedergeschlagen, aber dennoch befreit von einer Last, die ihn fast sein ganzes Leben begleitet hatte.
„Ihr verdient, die Wahrheit zu hören. Eure Schwester fiel nicht durch meine Klinge …“
Leonoras Hand, die schon den Zelteingang berührt hatte, erstarrte. Sie drehte sich langsam um, ihr Gesicht war eine Maske aus konzentrierter Aufmerksamkeit. Das Feuer warf tanzende Schatten auf ihre Züge.
„Sondern?“, fragte sie, ihre Stimme war ein kaum hörbarer Hauch.
„Sie fiel durch die Klinge Rondinellas von Trebesco, die an meiner Seite für Sewamund focht. Sie rettete mein Leben … Eure Schwester hatte im Zweikampf mit mir bereits die Oberhand gewonnen.“
Seine Finger umklammerten den Rand des Tisches, bis die Knöchel weiß hervortraten, als die Erinnerungen an die Schlacht in sein Bewusstsein strömten. Die Schreie der Verwundeten, die Toten, die unbekannten Gesichter, die unter seiner Klinge gefallen waren. Der junge Söldner aus Usvinas Haufen, dessen Schwert an seinem zerbrach und mit ungläubigem Blick von Harrkara Orkwürgers Axt fast in zwei Teile gespalten worden war … das zuerst hassverzerrte Gesicht Aldares von Selzin, welches fast schon friedvolle Züge annahm in dem Moment, als er sie mit seiner Klinge durchbohrte und sie die Schwingen Golgaris hörte. Ein deutlich hörbarer Seufzer kam über seine Lippen.
Leonora stand reglos da, als wäre sie zur Salzsäule erstarrt. All die Zeit hatte sie sich gefragt, wie es gewesen war. Nun hatte sie endlich eine Antwort gefunden.
„Rondinella“, wiederholte sie tonlos. Der Name war ihr vertraut, wiewohl es sie etwas verwunderte, wie scheinbar vertraut Dareius von ihr sprach.
Dareius beobachtete sie, sein Gesicht eine einzige Darbietung von Reue und Mitleid.
„Sie tat es, um mich zu schützen. Usvina ... Eure Schwester war eine furiose Kämpferin. Sie hatte mich bereits verwundet, mein Schild war gespalten. Ein weiterer Schlag, und ...“
Er brach ab, die Erinnerung war zu lebhaft.
„Rondinella griff von der Seite ein. Es ging schnell. Usvina hat nicht gelitten.“
„Sie wusste, wer sie war?“, fragte Leonora, ihre Stimme war jetzt ruhig.
Dareius nickte langsam. „In dem Moment, als sie fiel ... ja. Ich sah es in ihren Augen. Es war ein Aufblitzen ... nicht von Überraschung. Von ... Erkenntnis.“
Leonora schloss die Augen. Sie fühlte nicht Wut auf Rondinella. Die junge Frau hatte nur getan, was von ihr erwartet wurde, was ihre Pflicht war. Was sie fühlte, war eine so tiefe, so umfassende Traurigkeit, dass sie beinahe physisch schmerzte. Eine Traurigkeit über die ganze verdrehte, zerrüttete Geschichte ihrer Familie. Über die sinnlose Verschwendung von Usvinas Leben, das nach den Dämonenschlachten in diesem kleinen, schmutzigen Konflikt endete.
Sie öffnete die Augen, ihr Blick war intensiv. „Ihr habt mir heute zwei Geschenke gemacht, Cavalliere. Die Spange meiner Schwester. Und die Wahrheit über ihren Tod. Das eine ist ein Symbol der Ehre. Das andere ist der Schlüssel, um diese Ehre wiederherzustellen.“
Sie atmete tief durch und wandte sich zum Gehen, ihre Silhouette war schlank und aufrecht gegen den dunklen Zeltstoff.
Dareius sprach leise, er wirkte erleichtert: „Das war ich ihr schuldig … und meiner Großtante Phrenya. Ich hoffe, sie sind nun wieder vereint, in Rondras Hallen.“
Leonora verharrte noch einen Moment, ihr Rücken ihm zugewandt. Die Worte „Rondras Hallen“ hallten in der Stille des Zeltes nach. Ein Bild formte sich in ihrem Geist: Usvina und Phrenya Amarinto, nebeneinander sitzend in den goldenen Hallen, vereint im ewigen Ruhm. Es war ein tröstlicher Gedanke, einer, den ihr praiosgläubiger Bruder Driedrich sicherlich missbilligt hätte, der aber in diesem Moment eine seltsame Wärme in ihrer erstarrten Brust entfachte.
Sie drehte sich nicht um, als sie sprach, ihre Stimme war klar und ruhig, doch getragen von einer Tiefe, die das ganze Gewicht der Familiengeschichte in sich trug. „Mein Vater“, begann sie, „pflegte zu sagen, dass die größten Schlachten nicht auf dem Feld geschlagen werden, sondern in den Herzen derer, die zurückbleiben. Er meinte die Schlacht zwischen Rache und Vergebung. Zwischen dem Festhalten an der Vergangenheit und dem Mut, eine neue Zukunft zu schmieden.“
Langsam wandte sie sich ihm wieder zu. In ihren blauen Augen brannte kein Zorn, kein Groll. Stattdessen lag dort ein ruhiger, unerschütterlicher Entschluss, der den müden Cavalliere fast ehrfurchtsvoll staunen ließ.
„Die Spange, die Ihr mir zurückgegeben habt, ist mehr als ein Erbstück. Sie ist ein Symbol. Ein Symbol für eine Wunde, die endlich heilen kann. Nicht nur in meiner Familie. Sondern zwischen unseren Häusern.“
Dareius starrte sie an, fassungslos über die Wendung, die das Gespräch nahm. Er hatte Buße und vielleicht Verständnis erwartet, nicht diese Klarheit.
„Was schlagt Ihr also vor, Baronessa?“, fragte er leise, fast ehrfürchtig.
Leonoras Lippen formten ein ernstes, aber nicht unfreundliches Lächeln.
„Ich schlage vor, dass wir aus dem Blut, das zwischen unseren Familien vergossen wurde, etwas Neues wachsen lassen. Etwas, das weder Tribêc noch Amarinto alleine schaffen können.“
Sie legte eine Hand auf die Stelle über ihrem Herzen, wo die Spange sicher verwahrt lag.
„Das nächste Tikalener Kochduell steht bevor. Es wird nicht nur um das beste Rehragout oder den feinsten Wein gehen. Es wird ein Fest sein, ein Fest, zu dem ich Euch offiziell einlade. Nicht als Teilnehmer, als kulinarischer Duellant, sondern als Ehrengast.“
Die Kühnheit dieses Plans ließ Dareius den Atem stocken. Was sollte er bei einem provinziellen Kochduell?
Leonora hielt inne und ließ die Worte wirken. Das einzige Geräusch war das leise Knistern der Feuerschale.
„Kommt zum Kochduell, Dareius“, sagte sie, sein Name klang auf ihren Lippen wie eine natürliche Folge der geteilten Geschichte und der angebotenen Zukunft. „Kommt und bringt den Appetit auf eine bessere Zukunft mit.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, es schien ihm ein wenig die Sprache verschlagen zu haben, neigte sie den Kopf in einer Geste des Abschieds und des Respekts.
„Denkt darüber nach.“
Dareius zögerte kurz und dachte dann unwillkürlich an die Erzählungen seines Vaters, der vor vielen Götterläufen mit Leonoras und Usvinas Vater Pulpio Zeuge eines legendären Traviawunders in Eslamsgrund geworden war, wo sie gemeinsam große Mengen erlesenster Speisen verzehrt und so die einst verfeindeten Familien wieder angenähert hatten. Vielleicht hatte sie Recht, vielleicht waren einfache Dinge wie das gemeinsame Mahl der richtige Weg, um Brücken für die Zukunft zu bauen.
Er nickte entschlossen. „Ich werde kommen, Baronessa, Ihr habt mein Wort.“
Dann war sie fort, hinaus in die kalte Nacht, das Erbe ihrer Schwester und die unerwartete Verbindung wie einen Schatz mit sich tragend.
Die Zeltplane fiel hinter ihr zu, schnitt sie ab von der warmen, weingetränkten Intimität des Innenraums. In Leonoras Herzen begann ein Plan zu reifen, ein fast unmöglicher Plan, der aus einer seltsamen Allianz zwischen Tikalen und Sewamund, zwischen Einfachheit und Komplexität, zwischen einer Baronessa, die Brot backte, und einem Cavalliere, der nach seiner Seele jagte, entstanden war. Ihre Finger, kalt, gruben sich in den Stoff über der Spange. Sie konnte den Drang nicht unterdrücken. Sie musste sie noch einmal sehen. Leonora zog das Stück Metall hervor. Im fahlen Licht des aufsteigenden Mondes wirkten die gekreuzten Schwerter gespenstisch, fast drohend. Eine Erinnerung an alles, was ihre Familie verloren hatte.
Vielleicht, dachte sie, während sie durch das schlafende Lager ging, war die Zeit reif für ein neues Rezept. Sie wusste genau, wo sie anfangen musste: Beim Tikalener Kochduell.