Briefspiel:Ringen um Balthar/Rede der Gräfin Bellatrix Aralzin vor der Eteria
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Rede der Gräfin Bellatrix Aralzin vor der Eteria Shenilos
Shenilo, 20. Firun 1047 BF. Über dem Sitzungssaal der Eteria von Shenilo lag gespannte Erwartung. Debatten waren geführt, Tagesordnungspunkte abgehakt worden, doch niemand hatte ernsthaft daran geglaubt, dass dies ein gewöhnlicher Ratstag werden würde. Zu hartnäckig hatten sich die Gerüchte gehalten, zu präzise waren sie gewesen. Als die Flügeltüren geöffnet wurden, erhoben sich mehrere Ratsmitglieder beinahe instinktiv. Gräfin Bellatrix Aralzin trat ein, begleitet nur von einem einzelnen Berater, Baronet Pandrigo ya Diamero. Er blieb wenige Schritte hinter ihr zurück. Die Gräfin war in ihren Vierzigern, hochgewachsen, mit der ruhigen, gesammelten Körperhaltung einer Kampfmagierin, die es gewohnt war, dass ein Raum ihr gehörte, noch bevor sie sprach. Ihre dunkle Robe war schlicht geschnitten, doch mit feinen silbernen Linien und Mustern versehen. Kein Schmuck lenkte vom Wesentlichen ab. Alles an ihr wirkte funktional, bewusst, kontrolliert. Ebenso ihr Magierstab aus dunklem poliertem Holz.
Sie wartete, bis die Türen geschlossen waren. Dann trat sie an das Rednerpult und begann zu sprechen. "Signoras und Signores der Eteria von Shenilo", sagte sie ruhig, ohne den geringsten Anflug von Zeremonie. "Ich danke euch nicht für eure Zeit. Zeit ist etwas, das sich Shenilo derzeit nicht leisten kann." Einige Gesichter verhärteten sich, andere zeigten neugieriges Interesse.
"Ich bin heute nicht als Trauernde hier", fuhr sie fort, "auch wenn ich erst vor kurzem das Erbe meiner Mutter angetreten habe. Ich bin nicht hier, um über die Kaiserjagd zu sprechen, über Unfälle die vielleicht gar keine waren." Ein kaum merkliches Zucken ging durch ihren Mundwinkel. "Ich bin hier, weil der Kaiserkanal gebaut wird. Und weil Balthar der Schlüssel dazu ist. Ein Schlüssel der dabei ist, Shenilo zu entgleiten." Sie ließ diese Worte fallen wie einen Stein in stilles Wasser.
"Der Kaiserkanal ist kein lokales Projekt. Er ist kein Bauvorhaben, das man den Baumeistern überlässt und über Buchhalter abrechnet. Er ist eine Entscheidung über das künftige Gesicht der Ponterra. Über Zölle, über Handel, über militärischen Zugriff. Über Macht." Ihre Stimme gewann an Volumen, ohne laut zu werden.
"Wer die Schleusen kontrolliert, kontrolliert den Kanal. Wer den Kanal kontrolliert, kontrolliert die Ländereien an seinen Ufern. Und wer Balthar kontrolliert, der kontrolliert das Tor zur Residenz seiner imperialen Majestät." Sie hob die Hand, als wolle sie Einwürfe im Keim ersticken.
"Kuslik hat das verstanden. Dort baut man, während hier diskutiert wird. Dort legt man Grundsteine, während hier Ansprüche zirkulieren. Dort spricht man im Sangreal über technische Details, während man euch höflich, aber bestimmt übergeht." Ein leises Murmeln ging durch die Reihen.
"In Kuslik nennen sie es Fortschritt", sagte Bellatrix schneidend. "In Wahrheit ist es Aneignung." Sie trat einen Schritt vor.
"Balthar wird mit Protektorinnen versehen. Mit Söldnern gesichert. Mit Festen umworben. Die Schleusen mit Namen beschriftet, die Geschichte neu schreiben sollen. Und jedes Mal wartet man in Kuslik darauf, dass Shenilo endlich sagt: Bis hierher. Und nicht weiter." Ihre Augen wanderten über die Patrizier der stolzen Geronsstadt.
"Doch Shenilo schweigt. Shenilo verweist auf alte Rechte, auf Ansprüche, auf Zuständigkeiten. Rechte, die nicht eingefordert werden, sind nichts als wertloses Papier." Ein Patrizier räusperte sich, wollte ansetzen, doch Bellatrix' Blick ließ ihn verstummen.
"Ich sage euch das nicht als Gegnerin Kusliks", fuhr sie fort. "Ich sage es als Comtessa Camerlenga. Als Frau, die täglich die Schatulle des Kaisers sieht. Als jemand, der weiß, wie schnell sich Einfluss in Münzen und Münzen in Truppen verwandeln lassen." Sie ließ die Hand sinken.
"Und ich sage es als eure Gräfin, deren Mutter ihr Leben stets im Dienst des Reiches führte." Ein kurzer Moment der Stille folgte.
"Ich erwarte", sagte Bellatrix nun langsam und mit Nachdruck, "dass diese Eteria innerhalb eines Mondes konkrete Maßnahmen beschließt. Keine groben Vorschläge. Konkrete Maßnahmen." Sie zählte an den Fingern ab.
"Politische Schritte, die Balthars Zugehörigkeit unmissverständlich festschreiben. Wirtschaftliche Maßnahmen, die kusliker Einflussnahme Grenzen setzen. Und, wenn nötig, Vorbereitungen, die deutlich machen, dass Shenilo bereit ist, seine Interessen notfalls auch durchzusetzen." Ein Raunen, schärfer als zuvor. "Ich werde in einem Mond zurückkehren", schloss sie. "Dann werde ich mir anhören, was ihr beschlossen habt. Und ich werde mir merken, wer in dieser Stunde Verantwortung getragen hat." Ihr Blick wurde kühl.
"Duldet diese Provokationen nicht länger. Kuslik testet euch. Die mächtigen Yaquirias beobachten euch. Und Balthar wartet nicht." Shenilo hatte eine Frist. Und jeder im Saal wusste, dass der nächste Mond über mehr entscheiden würde als über eine Stadt an einem Kanal.