Briefspiel:Der Zorn des Drachen/Rahjadas Fragen

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Städteübergreifendes Briefspiel
Datiert auf: Mitte Rahja 1047 BF Schauplatz: Sangreal bei Horasia Entstehungszeitraum: Oktober 2026
Protagonisten: Khadan II. Firdayon u.w. Autoren/Beteiligte: Amarinto, Bella, Carenio, Erlan, Gishtan re Kust, Gonfaloniere, OrsinoCarson, Rhutkles, Schatzkanzler, VanHoven, VivionaYaPirras
Zyklus: Übersicht & Auftakt · Dem Zentrum der Macht entgegen · Kaiserlicher Auftritt · Was von einem Frieden blieb · Rahjadas Fragen


Rahjadas Fragen

Autorin: Bella

Nachdem der Horas die Halle des Unsterblichen Ruhms verlassen hatte, musste Rahjada Solivino nichts tun, außer sich von der aufgewühlten Menge mitspülen zu lassen und Istirde von Urbet nicht zu verlieren. Das reichte ihr auch schon, denn es gab genug Fragen, die ihre Aufmerksamkeit einforderten.
Gab dem jungen Horas seine Abstammung von Ucuri das Recht, Zwölfgöttergläubige in den Tod zu senden? War es Hochverrat, Götterlästerung oder beides, so etwas zu denken? Wie viele würden zu Boron gehen? Würde jemand sterben, den sie kannte? War es das Opfer wert, wenn das Horasreich am Ende siegte oder zumindest nicht verlor? Was würde Auricanius dazu sagen?
Sie kamen wieder in die Halle der Höchsten Harmonie und ihr Atem stockte zum zweiten Mal. Rahjada legte den Kopf in den Nacken. Einhundert Schritt ging es in die Höhe! Wie konnte man so etwas überhaupt bauen? Gänsehaut bildete sich auf ihren Armen und sie blickte von ihrer Begleiterin zu all den anderen Adligen um sie herum. Jeder und jede von ihnen war auf dem eigenen Land ein Herrscher, bedeutend. Hier waren sie alle so, so klein.
„Einfach brillant“, murmelte sie und lachte leise in sich hinein. Niemand, der sich klein fühlte, würde es wagen, zu widersprechen. Die lange ‚Straße der Erwartung‘, das Erklimmen der Alveranischen Treppe, die immense Größe der Hallen, die zwei Herolde und schließlich diese Rede, die alle Zwölfe anrief: alles war nur dazu gedacht, dass sich diejenigen, die sonst die Wichtigen waren, klein fühlten. Klein, aber stolz auf die Größe des Reiches.
Ergo wie die Murakianer im Kronkonvent.
Während es wie auf dem Hinweg im Säulengang vor dem Ausgangsportal deutlich langsamer voranging, wandte Rahjada sich Istirde zu.
„Signora, wie ist es eurer Meinung nach einzuordnen, dass der Horas bei dem Zwischenruf der Murakianer gelächelt hat? War es eine spontane Geste des Wohlwollens oder eine gezielte politische Boschaft? Können wir es als Aufforderung zu engem Zusammenhalt verstehen oder zu etwas… drastischerem?“
Ganz von selbst verfiel sie in einen nüchtern-analytischen Tonfall. Es war viel einfacher, auf diese Verkündung so distanziert zu blicken wie auf den Text eines vor zweihundert Jahren verstorbenen Rhetorikers. Die Vorstellung wiederum, dass in zweihundert Jahren an einem völlig ereignislosen Feuertag Studenten einer Universität, vielleicht sogar in Methumis, das Protokoll dieser historischen Kriegserklärung analysieren und sich dabei langweilen würden, hatte mit einem Mal etwas ungemein Tröstliches.


Autor: Gonfaloniere

Istirde war von der Größe und Bedeutung des soeben Erlebten selbst noch beeindruckt. Nachdem der Kaiser nach seiner Verkündung an den Adel, seiner in die Ausführungen über das Blut seines Hauses und dessen Bezüge zu den Zwölfen eingebetteten Kriegserklärung, sich rasch auch wieder zurückgezogen hatte, schien sie zunächst wie im Strom mitgeschwommen zu sein. Hunderte Adlige gleichzeitig mussten das Bedürfnis gehabt haben, sich aus dem Thronsaal wieder in die davor liegenden Räumlichkeiten und bis selbst vor den Purpurpalast zu verteilen.
Erst Rahjadas Fragen ließen sie innerlich wieder etwas zur Ruhe kommen. Und während sie weitere Schritte bis zum Portal und der dahinter liegenden Alveranischen Treppe machten, musste sie nun erstmal wieder schmunzeln. Über die Art der Fragen der Delegierten ihres Familienoberhaupts. Aber natürlich nicht, weil diese falsch oder naiv wären – sondern weil sie ihr deutlich zeigten, warum Auricanius sie überhaupt zu seiner Vertreterin im Kronkonvent gemacht hatte. Ihre Beobachtungsgabe war bemerkenswert. Und das kritische Hinterfragen selbst unscheinbar wirkender Gesten war eine Qualität, in der sie dem Baron, den sie vertrat, zweifelsfrei glich.
Die angehende Dottora legte sich ihre Antwort darum auch bedacht zurecht: „Ich glaube, es war die Illuminierte von Westenende, die Hohe Rectorin selbst, die einen mir seit meiner Studienzeit an der Universität in Erinnerung gebliebenen Satz sagte … dass in der Politik und der hohen Staatskunst nämlich fast nie etwas zufällig geschieht. Selbst wenn es einen anderen Eindruck macht …“
Die beiden Esquirias waren inzwischen am großen – und an diesem Tag doch fast zu kleinen – Portal angekommen. Die Strahlen der Praiosscheibe schienen nun erstmals wieder direkt auf sie herunter, ohne durch Glas etwa gebrochen zu werden.
„Die Motive des Horas zu durchschauen, würde ich mir nie anmaßen“, fuhr Istirde fort, während sie sich auf dem gewaltigen Balkon am oberen Ende der Treppe aus dem Strom der Adligen nun abzusetzen versuchte. Statt sich einer der beiden Seiten zuzuordnen, an denen die Treppe zum Hof der Herrscher herabführte, lenkte sie ihre Schritte auf die zentrale Balustrade dazwischen hin zu.
„Den Zusammenhalt zu beschwören, wenn das Reich sich auf einen Krieg vorbereiten muss, ist natürlich eine naheliegende und auch richtige Empfehlung.“
Mittlerweile waren sie an der Balustrade angekommen. Vor und unter ihnen breiteten sich die südlichen Palast- und Wirtschaftsanlagen des Sangreals aus. Und dahinter das Horasreich selbst.
„Aber es würde mich in der Tat nicht verwundern, wenn zumindest ein Teil der Anwesenden dieses Moments, dieser einen, kleinen Geste, mehr darin werden sehen wollen. Eine Aufforderung vielleicht auch zu Drastischerem, wie ihr sagt. Wie schnell solche Deutungen ein Eigenleben entwickeln können, werde ich euch sicher nicht erklären müssen. Ihr seid ja nicht gestern erst mit den Gepflogenheiten der großen politischen Bühne unseres Landes bekannt gemacht worden.“
Istirdes Blick, mit dem sie Rahjada ansah, hatte etwas zur Vorsicht anmahnendes an sich.

Cavalliere Potulino von Urbet

„Istirde, Istirde“, forderte dann plötzlich aber eine andere Stimme ihre Aufmerksamkeit ein. Die Dottora in spe drehte sich wieder halb zum Portal hinter ihnen zurück.
Es war natürlich Potulino, ihr Vetter, der sie rief. Den Cavalliere, der etwa im Alter Rahjadas war, hatte sie schon an der Stimme erkannt. Und er strahlte. Seine Gesichtszüge wirkten geradezu freudetrunken. Es schien, als habe er soeben am größten Ereignis seines noch jungen Lebens teilhaben dürfen.
Als er bei ihr angekommen war, drückte er sie kurz und stellte sich dann aufrecht vor ihr auf.
„Ist das nicht großartig gewesen?“, fragte er – und es hörte sich wie eine rein rhetorische Formulierung an.
Sie nickte kurz, lenkte die Aufmerksamkeit des Cavallieres dann aber sogleich auf ihre ihm bislang unbekannte Begleiterin.
„Ich muss dir Auricanius' Delegierte vorstellen, glaube ich. Esquiria Rahjada aus der Familie Solivino, eine Licentiata der Universität Methumis.“
Potulino sah die beinahe Gleichaltrige kaum minder freudestrahlend an wie zuvor seine Kusine.
Istirde hingegen wandte sich wieder Rahjada zu: „Und für euch, Signora – mein Vetter Potulino, Cavalliere in Diensten des Barons von Westfar. Und erstmals werdender Vater, wie er mir bei unserer ersten Begegnung in der Zwingerstadt heute erst verraten hat …“


Autorin: Bella

"Meine herzlichsten Glückwünsche, Cavalliere!"
Rahjada erwiderte das Lächeln und knickste leicht. Sie linste unauffällig zu Istirde, die ihr mit ihrem Blick etwas hatte sagen wollen. Vorsicht. Kritische Fragen gehörten ins Hinterzimmer und nicht auf ein Parkett, wo alle wichtigen Entscheidungsträger des Reiches versammelt oder vertreten waren.
Potulino war anscheinend hin- und weg von der Aussicht auf Krieg, obwohl er bald für ein Kind verantwortlich sein würde. Es sollte sie eigentlich nichts angehen, aber der Gedanke daran, wie dieser etwa gleichaltrige Ritter vielleicht bald begeistert in seinen Tod ritt und dabei bereitwillig riskierte, dass sein Kind ihn nie kennenlernte, machte etwas mit ihr. Und es gab so viele mehr, die so dachten. Ihr eigener Vetter zum Beispiel, Rahjesco, war keineswegs anders, auch wenn er zumindest kein Kind hatte.
Aber Rahjada achtete sorgsam darauf, dass sie nichts von ihren Gefühlen zeigte und ihr Lächeln schön locker blieb.
"Ihr wart ebenfalls bei der Verkündung Seiner Imperialen Majestät zugegen, nehme ich an?" Sie fiel in einen leichten Plauderton. “Bei den Zwölfen, das war vielleicht spektakulär!”
Wofür hatte sie einen Fächer? Rahjada ließ ihn aufschnappen und fächelte sich Luft zu, als müsse sie sich noch von all der Aufregung erholen, was ja auch stimmte.


Autor: Gonfaloniere

Potulino nickte bei den Glückwünschen Rahjadas dankend, sah sie bei ihrer danach formulierten Frage aber etwas skeptisch an. Fragte sie ihn ernsthaft, ob er – wie der Rest des versammelten Adels – soeben im Thronsaal war? Er vermochte nicht einzuschätzen, ob dies ein Scherz sein sollte … wischte die zweifelnden Gedanken dann aber auch schnell wieder beiseite.
“Seht euch um, Esquiria”, versuchte er sich an einem unschuldigen Lächeln, “wie kann etwas in dieser Umgebung nicht spektakulär sein.”
Eine raumgreifende Geste, die auch die umliegenden Paläste einzubeziehen schien, unterstrich diese Aussage. Ein Seitenblick zu seiner älteren Kusine, die ihn währenddessen kühl musterte, dämpfte seine schier überquellende Freude dann aber wieder etwas.
Halb an Istirde, halb an Rahjada gewandt, fuhr er darum nüchterner fort: “Ja, ich weiß, ein Krieg ist kein Turnier. Und auch Domaldo …” Er sprach offensichtlich von seinem Schwiegervater, dem einflussreichen Baron von Westfar. “... betont immer wieder, dass man anderer Leute wahre Interessen nie unterschätzen sollte. Als wenn ich das bei meiner Hochzeit nicht schon zu spüren bekommen hätte …”
Er schüttelte unvermittelt den Kopf, als gelte es unangenehme Erinnerungen abzuschütteln.
“Aus der Familie Solivino?”, wandte er sich mit einer Frage schließlich wieder ganz an Rahjada. “Die Winzerdynastie? Deren Tochter mein Bruder mal gerettet haben soll? Jedenfalls behauptet er das mir gegenüber immer wieder, als sei’s seine größte Heldentat gewesen …”


Autorin: Bella

Die Esquiria schmunzelte. "Ah, ja, meine Cousine Doriana. Sie hat noch lange danach von nichts anderem gesprochen."
Eher von niemand anderem. Rahjada hatte damals als letzte aus der Familie davon erfahren, aber erinnerte sich noch gut daran, wie ihre kleine Cousine bei einem ihrer seltenen Besuche in Urbasi andauernd von ihrem Ritter geschwärmt hatte.
"Vielleicht war es ja die größte Heldentat Eures Bruders. Sollte nicht die Rettung unschuldigen Lebens das höchste Ziel aller derer sein, die sich Helden nennen?"
Sie lächelte und hob leicht die Schultern, bevor sie unmittelbar das Thema wechselte.
"Ihr werdet für Euren Baron in die Schlacht ziehen?"
Aus Tonfall und Mimik ließ sich nicht lesen, wie sie dazu stand.


Autor: Gonfaloniere

Der Cavalliere wirkte bei Rahjadas erster Frage nachdenklich – und legte sich auch für die Antwort auf die zweite seine Worte für einen Moment zurecht.
“Das muss der Baron entscheiden. Als Ritter stehen wir alle …” Er meinte wohl die Cavallieri insgesamt. “… in jemand anderes Diensten. Sei es ein Baron, eine größere Stadt wie Urbasi oder manchmal direkt einem Hochadligen gegenüber. Cavallieri entsenden nicht einmal Delegierte ins Haus der Edlen. Das tun nur die höheren Titelträger. Oder kennt ihr jemanden, der im Kronkonvent für einen Cavalliere spricht?”
Potulinos unterschwellige Frage nach der Verantwortung schien deutlich heraus, klang in der Formulierung aber vielleicht konfrontativer, als sie gemeint war.
“Wird euch im Konvent nicht sogar 'Immunität' gewährt, oder wie das heißt?”
Istirde beobachtete beide Jüngeren während des Gesprächs aufmerksam. In Potulinos letzter Frage glaubte sie ein Stück weit seine jugendliche Trotzigkeit wiederzuerkennen, aber auch die spitzbübische Freude, die er schon im Kindesalter zeigte, wenn er glaubte, Älteren mit seinen Argumenten Paroli bieten zu können. Die nachdenklichere Seite war bei ihm erst im Erwachsenenalter dazugekommen.
Rahjadas Reaktion darauf interessierte sie aber auch, weshalb sie sich selbst zunächst zurückhielt.


Autorin: Bella

Rahjada musterte ihn nachdenklich und nickte anerkennend.
“Das ist richtig. Die Immunität sorgt dafür, dass wir während der Debatten nicht befürchten müssen, für unsere Aussagen verhaftet zu werden. Das macht es leichter, Ansichten zu vertreten, die gerade gegen den Strom schwimmen. Wie momentan die Forderung nach Frieden.”
Beim letzten Satz senkte sie die Stimme. Denn das hier war keine offizielle Debatte.
"Ich hätte daher mehr tun müssen und können, um diese Entwicklung aufzuhalten: Andere Mitglieder des Kronkonvents in Einzelgesprächen überzeugen, eine brillante Rede vortragen, die die gesamte Konventshalle von den Stühlen gerissen hätte. Ich habe nicht herausgefunden, ob mir das möglich gewesen wäre, da ich glaube, dass Entwicklungen solcher Art kaum im Kronkonvent einzudämmen sind, weil sie außerhalb beginnen. Bei Patrizierfamilien, deren höchster erblicher Titel der eines Cavalliere ist, beispielsweise.”
Vielleicht sollte sie aufhören zu reden, um Potulino nicht zu langweilen, aber sie wollte ihren Gedanken zu Ende führen, ihn irgendwie davon überzeugen, dass sie nicht so richtig zu 'denen da oben' gehörte. Das konnte sie gar nicht, oder?
"Doch natürlich wollen wir nicht abstreiten, dass eine solche Familie ohne Sitz im Konvent, aus welcher ich das Vergnügen habe zu stammen ...” Ein leicht ironisches Lächeln umspielte kurz ihre Lippen. “... weniger Einfluss nehmen kann als eine Baronsfamilie. All mein Einfluss ist der des Monsignors Auricanius und dieses Verhältnis lässt sich auf alle meine Amtskollegen übertragen. Ihr wiederum könnt auf die Meinung Eures Verwandten direkt Einfluss nehmen, während ich sie nur vertrete.
Dass ich damit bisher meine persönliche Meinung vertreten durfte, ist sicherlich ein direkter Grund, warum ich überhaupt zu seiner Delegierten wurde, heißt jedoch nicht, dass ich das auch tun dürfte oder würde, wenn unsere Meinungen einmal auseinandergingen.”


Autor: Gonfaloniere

Erstaunlicherweise folgte Potulino den Ausführungen Rahjadas offensichtlich bis zum Ende aufmerksam – und bemächtigte sich dann auch eines anerkennenden Nickens für ihre dargebrachte Argumentation. So ganz konnte er sich das aufblitzende ‘spitzbübische’ Grinsen dennoch nicht verkneifen.
“Obwohl ihr mir einen größeren Einfluss auf die Meinung meines Onkels zuzurechnen scheint, scheint doch ihr besser über seine Ansichten und Standpunkte im Bilde zu sein. Dass er so entschieden gegen den Krieg eingestellt ist, wie eure Ausführungen nun vermuten lassen, war mir gar nicht bewusst.”
Er stockte kurz, sah dann von Rahjada zu Istirde und fragte sie: “Ist dem so?”
Die Ältere sah ihn daraufhin mit eindringlichem Blick an: “Sollte dich das verwundern?”
Der Tonfall klang beinahe tadelnd, als forderte sie ihn auf, überhaupt einmal nachzudenken.
“Du weißt, dass er die Tugenden aller Zwölfe achtet. Dazu gehören auch jene Tsas. Und das sind keine Lippenbekenntnisse!”
“Aber er ist auch nicht blöd”, gab sich Potulino wieder eher trotzig. “Er muss doch sehen, dass das Reich gerade zum Narren gehalten wird … dass es sich wehren muss! Dass es um die Ehre geht!”
“Um wessen Ehre?”, hielt Istirde dagegen, wenn auch mit deutlich gedämpfterer Stimme. “Die des Reiches? Oder die des Fürsten von Vin…”
Sie hielt plötzlich inne und setzte ein ‘höfischeres’ Lächeln auf. Ihr Blick ging zum Portal des Purpurpalasts, aus dem inzwischen deutlich weniger Adlige drängten. Zwei auf ihre Gruppe zukommende schienen dabei jedoch ihre besondere Aufmerksamkeit zu haben.

Obschon Graf, eher zurückhaltend: Aurention II.

Der eine war der Baron von Westfar, Potulinos Schwiegervater Domaldo, der trotz seiner bald siebzig Götterläufe mit der Selbstverständlichkeit eines der mächtigsten Kriegeradligen des Reiches auf sie zu schritt. Der andere musste aber kein Geringerer als der amtierende Graf von Harderin sein: Aurention II., von dem Istirde wusste, dass er überwiegend bei Hofe wohnte, wirkte neben dem eigentlich niederrangigen Baron fast wie ein Lausbub. Zwar um Würde bemüht, doch trotz seiner Jugend bereits auf einen Gehstock gestützt, dazu so blass, dass man es schon nicht mehr allein für ‘vornehm’ halten konnte. Istirde erinnerte sich, dass Auricanius ihr gegenüber einst von chronischen Gebrechen sprach, die den Hochadligen wohl schon seit seiner Geburt plagten.
So gegensätzlich die beiden auf sie Zukommenden zwangsläufig wirkten, irritierte die Esquiria auch der Umstand, sie überhaupt Seite an Seite zu sehen. Verband die Häuser Westfar und Harderin nicht eine alte Feindschaft?
Den Blick seiner Kusine hatte auch Potulino bemerkt, der bereits einen Schritt auf seinen Schwiegervater zuging.
“Hochgeboren”, bediente er sich diesem gegenüber einer ehrfürchtigen, wenn auch altertümlichen Anrede – und schien den Grafen daneben als solchen vielleicht noch nicht einmal erkannt zu haben.
“Hast du deine Familie gefunden?”, kam der Angesprochene etwaigen weiteren Ausführungen zuvor.
Potulino nickte sofort und drehte sich halb zu den beiden Damen um: “Meine Kusine Istirde …”
“Ich weiß”, fiel ihm der Baron erneut ins Wort und nickte ihr zur Begrüßung nur kurz und eher oberflächlich lächelnd zu.
“... und Esquiria … Rahjada … aus der Familie Solivino … die derzeitige Delegierte meines Onkels.”
“Ahja”, machte Domaldo einen Schritt auf sie zu. “Schau an, ihr sprecht also für ihn?” Es war eine rhetorische Frage, die ihn gar nicht weiter innehalten ließ.
“Seine Abwesenheit ist aufgefallen. Warum ist er nicht hier?”
Domaldo starrte die junge Esquiria wohl in Erwartung einer raschen Antwort an, während Aurention sie eher beobachtend – oder sich gar fürs direkte Auftreten seines Begleiters ‘entschuldigend’? – musterte.


Autorin: Bella

"Comto", begrüßte Rahjada zunächst den Grafen, neigte den Kopf und knickste deutlich tiefer als zuvor bei Potulino. "Hochgeboren", wandte sie sich dann erst dem Baron zu, knickste zum dritten Mal.
"Wie Ihr bereits treffend erkannt habt, vertrete ich den Baron von Cindano hier vollumfänglich. Jedoch kann ich das nicht in seiner Baronie, in welcher er persönlich gebraucht wird, um Vorbereitungen zu treffen und dem Ruf des Horas als einer der ersten folgen zu können, sollte Seine Imperiale Majestät dem Neuen Reich den Krieg erklären. So ist es nun ja gekommen.”
Rahjada lächelte ihn freundlich an. Sie hatte mit keinem Wort gesagt, welche Vorbereitungen das genau waren und dass er dem Ruf auch folgen würde. Ganz so sicher war sie sich da selbst nicht.


Autor: Gonfaloniere

“Mhm”, schien der Baron von Westfar mit dieser Antwort nicht zufrieden zu sein. Er musterte die junge Delegierte skeptisch.
“Seit wann weilt er selbst in seiner Baronie? Das hat er jahrelang nicht gemacht. Will er uns zum Narren halten?”
Bei der letzten Frage wurde Domaldo noch lauter als er es ohnehin schon war.
“Mit Verlaub, Baron”, mischte sich da energisch Istirde ein. “Was der Monsignor für falsch oder für richtig hält, haben wir als Mitglieder seines Hauses nicht zu hinterfragen, vor allem nicht euch gegenüber. Das geziemt sich nicht, wie ihr selbst wissen werdet.”
Istirdes Blick wanderte beim letzten Satz auch zu Potulino, der sich eine beschwichtigende Intervention seinem Schwiegervater gegenüber darüber ganz schnell anders überlegte.
“Dass euch die Abwesenheit des Monsignors nicht glücklich macht, habt ihr derweil deutlich zur Kenntnis gebracht. Und wir können euch versichern, dass wir dies ihm gegenüber auch zum Ausdruck bringen werden.”
Istirdes Tonlage entspannte sich allmählich, um die Situation nicht weiter zu verschärfen.
“Gleichzeitig stehe ich …” Sie nahm sich hier selbst in die Pflicht. “... euch bei allen Fragen, die ihr etwa zum Stimmverhalten, zu Standpunkten oder Ansichten unseres Hauses habt – hinsichtlich der Verkündung Seiner Imperialen Majestät oder auch in anderer Angelegenheit – gerne mit Antworten zur Verfügung, soweit ich sie geben kann …”
Die angehende Dottora redete weiter auf den Baron ein, der sich inzwischen ganz von Rahjada abgewandt hatte. Hinter seinem Rücken trat dafür der jüngere Graf auf die Delegierte zu.
“Signora, es ist mir eine Freude euch kennenzulernen”, gab er sich freundlich, ohne dass es unnatürlich wirkte.
“Weilt ihr das erste Mal in der Palaststadt?”
Dass einige Schritt hinter dem Grafen wohl zwei Begleiter desselben dessen Umfeld stets im Blick behielten, konnte Rahjada spätestens jetzt erkennen. Der eine war älter und mochte vielleicht ein Medicus sein? Die andere war grob im selben Alter wie Aurention und machte den Eindruck, seine Leibwächterin sein zu können.