Briefspiel:Consigliowahl 1047 BF/Auf dem Platz des Heiligen Agreppo
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Auf dem Platz des Heiligen Agreppo
Autoren: Gonfaloniere, Princeps
Auf dem Platz des Heiligen Agreppo war an diesem Morgen ein einziges Bunt aus Stimmen, Düften und flatternden Bannern. Händler priesen lautstark ihre Waren an: Seidenbrokat aus Vinsalt, Olivenöl aus Almada und gewürzter Most von den Hügeln der Coverna. Zwischen den Ständen drängten sich Edelleute in feinsten Gewändern, gefolgt von Schreiberlingen und neugierigen Bürgern, die auf den Beginn einer Schießübung der berühmten Armbrüste von Meister Grotho Tadoschi warteten.
Am Rande des Platzes, nahe eines Schießstandes stand ein gedrungener Mann mit buschigem Bart, dessen dunkle Augen aufmerksam jede Armbrust musterten, als könne er allein mit dem Blick den Lauf begradigen. Meister Tadoschi – so nannte man ihn ehrfürchtig – hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt, während zwei junge Armbruster nervös ihre Schüsse auf mehrere Zielscheiben abgaben.
„Zu hoch angesetzt, Bursche“, brummte er, ohne die Stimme zu erheben. „Die Sehne atmet, wenn du sie spannst – also atme mit ihr.“
Der Junge errötete, nickte und versuchte es erneut. Dieses Mal schlug der Bolzen sauber ins Schwarze. Das Murmeln der Menge wurde von einem aufbrandenden Applaus begleitet. Mit einem Kopfschütteln ging Grotho an einen Tisch zurück, der voller Ersatzteile und Bolzen überquoll. Erst nach einem Moment nahm er eine weitere Person wahr, die sich dem Tisch näherte.
Die Robe der Praios-Geweihten, getragen über einer einfachen grauen Kutte, war hier im Aurelat kein ungewöhnlicher Anblick, wies sie doch die mit zwei Klöstern einheimischen Turaniter aus. Dass der Neuankömmling am improvisierten Miliz-Schießstand der Nachbarschaft des Silbertalers kein gewöhnlicher Turaniter war, machte jedoch schon das Raunen der Umstehenden deutlich, als diese ihn ebenfalls bemerkten. Auricanius von Urbet, der hiesige Klostervorsteher, Baron … und Bruder des einstigen Fürsten Traviano … verirrte sich selten auf den geschäftigen Hauptmarkt Urbasis, war den Einheimischen aber als einer der wohl einflussreichsten Patrizier ihrer Heimatstadt mehr als bekannt.
„Meister Grotho, ich sehe euch wohl beschäftigt bei der Ausbildung unserer Miliz“, begrüßte Auricanius den Angroscho. Sein Blick wanderte dabei wohlwollend über die Szenerie. Dem gerade sehr treffsicheren Burschen schenkte er ein anerkennendes Nicken.
„Das hätte mein Vetter Panthino – Boron sei seiner Seele gnädig – nicht besser vermocht, selbst wenn es das Bein der Gonfaloniera gewesen wäre …“
Ein geradezu spitzbübisches Lächeln zog bei dieser Bemerkung nur für einen kurzen Augenblick über sein Gesicht. Die Reaktion der Umstehenden darauf fiel unterschiedlich aus: Unter manch erschrockenes Gesicht mischte sich das eine oder andere Schmunzeln, doch auch fragende Ausdücke waren zu sehen.
„Hört, hört!“
Ein Mann mittleren Alters nahm das gewagte Kompliment des Praios-Geweihten als Anlass für weiteren Applaus dem Schützen gegenüber auf, der rasch um sich griff.
„Signor“, wandte sich Auricanius wieder direkt an Grotho, „ich hatte gehofft, euch in eurer Werkstatt anzutreffen, aber vielleicht habt ihr Zeit für einen kurzen Spaziergang, so ihr euren Adjutanten die Aufsicht für einen Moment überlassen wollt?“
Mit einem Nicken antwortete der Zwerg seinem Besucher und übergab eine seiner Armbrüste an einen nervös wirkenden jungen Mann, der wohl den hohen Herrn gegenüber seines Lehrers erkannte. Eilig entfernte er sich mit mehrfachen Verbeugungen. ‘Diese Jugend’, dachte sich Grotho und versteckte ein heiteres Lächeln in seinem Bart.
Wieder in ernster Miene verfallen und nachdenklich über seinen Besuch, bat er darum mittels Handbewegung vorzugehen, um gemeinsam in einem Spaziergang das urbasische Treiben auf sich wirken zu lassen.
Der praiosgeweihte Baron schien den Trubel des Marktes noch einmal auf sich wirken zu lassen, als er sich neben dem Zwerg vom behelfsmäßigen Schießstand der Nachbarschaft entfernte.
„Ich will eure kostbare Zeit nicht über Gebühr beanspruchen, Signor“, fing er dann an. „Deshalb komme ich gleich zum Anliegen, das ich habe. Wie ihr euch denken könnt, geht es mir um die anstehende Wahl des Consiglios und letztlich des nächsten Gonfalonieres unserer Heimatstadt. Signora Duridanyas vierte Amtsperiode geht ihrem Ende entgegen … und ob der Korruptionsvorwürfe gegen sie, hoffe ich sehr, dass es an der Spitze unserer Stadt …“
Auricanius' Blick ging dabei den Stadtberg hinauf, wo hinter dem vorkragenden Palazzo Silbertaler Magistralia lag.
„… sehr bald einen neuen ersten Repräsentanten gibt.“
Er machte eine kurze Pause, als habe er es sich nicht leicht gemacht, dieses Urteil zu fällen.
„Ich schätze euch vor allem als aufrichtigen, das Wohl gerade auch der einfachen Urbasier im Sinn habenden Mann, und hoffe, dass ihr für meinen Standpunkt Verständnis aufbringen könnt.“
“Nun, Monsignore”, begann Meister Grotho, ehe er einmal tief Luft holte für die Fortsetzung seines Satzes. “Nun, ich begrüße Eure Direktheit und bin erstaunt, dass Ihr entgegen den üblichen Gepflogenheiten der Politik für einen Wandel steht. Auch dort stimmen wir überein. Die Stadt braucht ein neues Gesicht. Allein, wenn ihr Euch umhört. Die Händler wollen stärkere Vergünstigungen für die Stadt, ehe die Konkurrenzstädte aufholen und Urbasi verdrängen. Ich stehe Euch, bei allem Dank für Eure ehrlichen Worte, nicht zur Verfügung. Ich bin der Aufmerksamkeit überdrüssig und bevorzuge ein ruhiges Leben in der Silberstadt.”
Auricanius sah den Angroscho kurz erstaunt an.
„Oh, ihr missversteht mich. Es war nicht mein Ansinnen, euch diese Würde aufzubürden. Nicht dass ich euch nicht für fähig hielte, aber ich dachte mir schon, dass ihr daran kaum Freude haben dürftet. Dennoch habe ich mir natürlich die Frage gestellt, wer könnte besser geeignet sein als Gonfaloniere denn unsere jetztige Repräsentantin … und musste darüber auch durchaus länger nachdenken. Ich glaube nicht, dass Signora Sanjana an sich eine schlechte Wahl wäre, ebensowenig Niccolo, dessen Vater ich ja einst mit zum Stadtoberhaupt kürte. Meine Wahl wird schlussendlich aber auf Signor Rahdrigo fallen, dessen Familie überhaupt zum ersten Mal eine Kandidatur aufgestellt hat.“
Auricanius sah den Angroscho bei dieser ‘Enthüllung’ an, als versuchte er aus seiner Reaktion etwas herauszulesen.
„Ich schätze die Familie Solivino, die politisch unverbraucht, aber nicht unbedarft ist, als beste Chance für Urbasi ein, die Errungenschaften der Agreppara-Einigung mit dem Grafen für die Zukunft zu nutzen, noch immer bestehende Spannungen abzubauen, ohne in den Verdacht zu geraten, dem Fürsten in Vinsalt dabei den Rücken zuwenden zu wollen.“
Der Praios-Geweihte hielt erneut kurz inne.
„Dass die Familie Solivino nicht so offensiv um Stimmen wirbt wie andere, ist mir dabei sehr bewusst. Letztlich stehe ich auch deshalb überhaupt jetzt vor euch, weil ich denke, dass euch wie mir zuallererst an einer positiven Entwicklung Urbasis … und Agrepparas gelegen ist. Um eine solche Entwicklung anzustoßen, ist es jedoch manchmal notwendig, die richtigen Leute in die richtige Position zu führen, selbst wenn es andere gibt, die dies für sich mehr anstreben. Es kann mitunter der entscheidende Unterschied sein, jemanden als ersten Repräsentanten zu berufen, der dies gar nicht am stärksten will – weil der dann auch unempfänglicher für die Verlockungen der Macht sein mag, denen andere nicht widerstehen konnten.“
Auricanius schüttelte leicht mit dem Kopf, als verwehrte er sich einem Gedanken.
„Entschuldigt bitte, Meister Grotho, dass ich euch überhaupt mit diesen – vielleicht auch wirr erscheinenden – Gedanken belästige. Politik sollte am Ende wenig mehr als ein notwendiges Übel sein. Dass es mich überhaupt so sehr beschäftigt, mögt ihr töricht nennen. Oder wie seht ihr das?“
Der Praios-Geweihte sah den Zwerg dabei an, als könne dieser ihm schon wegen seiner Lebenserfahrung weiteren (besseren? anderen?) Ratschlag geben.
“Ihr seid nicht der erste Würdenträger, der die Familie Solivino vorschlägt. Dies ist sehr bemerkenswert, da es unüblich ist, dass mich zwei Personen der gleichen ‘Fraktion’ an einem Tag ansprechen.”
Grotho verschränkte nun die Arme hinter seinem Rücken.
“Die Solivinos sind sehr zuvorkommend und könnten dieser Stadt einen gewissen Glanz verleihen und die Kultur aufblühen lassen. Ebenso würden Entscheidungen nicht mehr den hiesigen Zwist anfeuern zwischen den Familien. Ruhe ist nun Gebot. Wisst Ihr, wir einfachen Leute wollen im Theater unterhalten werden und nicht durch die Mächtigen mit ihrer Gier nach Besitz.”
Der Praios-Geweihte lächelte.
“Das ist eine Aussage, die ich gerne zitieren würde, natürlich anonym, wenn euch das lieber ist. Sie fasst immerhin sehr bündig eine gewisse Verdrossenheit zusammen, die ich auch gespürt zu haben meine. Dabei könnte sie dem Verhältnis mancher Mächtiger in unserer Stadt zum Theater noch sehr treffend den Spiegel vorhalten, weil es natürlich teils die Haltung gibt, dass dort vor allem deshalb für Unterhaltung gesorgt werden sollte, um von gewissen Sachen abzulenken oder eine gewünschte Meinung vorzugeben.”
“Zitiert gerne anonym, wenn es Euch einen Vorteil bietet. Nur haltet mich aus den Spielchen heraus. Ich bin mir sicher, dass Euer Besuch noch mehr einbringen soll als nur meine bloße und bescheidene Meinung. Nun, Monsignore, sprecht frei heraus, was Ihr begehrt.”
“Verzeiht, Signor, mir ist hier überhaupt nicht nach Spielchen, und mein einziges Begehr habe ich bereits zu Beginn angesprochen. Es freut mich zu hören, dass ihr gerade in dieser Hinsicht wohl bereits ähnlich denkt. So euch andere schon diesbezüglich kontaktiert haben, war meine Anwesenheit vielleicht nicht einmal notwendig. Dennoch, allein des Gleichnisses mit dem Theater wegen, nehme ich etwas wertvolles aus diesem Gespräch mit, und würde eure kostbare Zeit darüber hinaus gar nicht weiter mit diesem Thema – Politik – beanspruchen wollen.”
Auricanius lächelte den Angroscho dabei noch einmal an, wohl bereit, sich zu verabschieden.
“Wohlan. Verzeiht, Monsignore. Ich sehe schon Spiele, die nicht existieren. Es wird Zeit, dass wir die Wahl hinter uns bringen und wir alle wieder unseren Geschäften nachgehen können. All die Gespräche in der letzten Zeit haben meinen Kopf wohl mürbe gemacht. Es lag nicht in meiner Absicht Euch etwas zu unterstellen. Kommt doch nach dem ganzen Trubel und den Wirren der Politik in mein Haus und begutachtet meine neuesten Arbeiten.”
“Das werde ich gerne tun, Signor.”
Auricanius nickte dabei bestätigend.
“Und weiter viel Erfolg bei eurer hoch geschätzten Arbeit, ob nun in eurer Werkstatt … oder beim Ausbilden der Miliz.”
Zum Abschluss deutete der Baron vor dem Patron der Eisenzunft noch eine Verbeugung an.