Archiv:Aufruhr im Haus der Edlen (BB 43)

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Aufruhr im Haus der Edlen
Justiziar von Sewamund erhebt schwere Vorwürfe gegen den Südaventurienrat

Zu einem Eklat ist es im Haus der Edlen am Feuertag, 9. Travia 1038 BF, gekommen, als Amaldo di Piastinza, Justiziar der Stadt Sewamund, mit dem von Khardan Luntfeld, dem Vertreter derselben Stadt im Haus der Edlen, erteilten Wort zum Thema der uthurischen Entdeckungsfahrten sprechend, einen scharfen Angriff gegen den Südaventurienrat richtete, der von vielen Delegierten nicht nur als in den Worten unschicklich, sondern auch als Überschreitung seiner Kompetenzen und seines Standes angesehen wurde. Da der Abgeordnete zuvor nicht durch Ausfälle dieser Art aufgefallen war, deutete sein Auftritt nach dem Dafürhalten kenntnisreicher Beobachter auf eine kalkulierte Provokation hin, hinter der eine Protektion durch einflussreiche und entsprechend interessierte Gönner vermutet werden darf. Bei einer Gesamtbetrachtung der Sachlage kommt hierfür insbesondere das Haus Aralzin in Frage. Doch schildern wir die Ereignisse im Einzelnen:

Wie informierten Lesern nicht entgangen sein dürfte, gehören sowohl die Familie Luntfeld als auch das Haus Piastinza dem vor drei Götterläufen gegründeten "Uthuria-Konsortium" der Stadt Sewamund an, welches es dem Vernehmen nach zu einer erfolgreichen Koloniegründung auf dem Boden des uthurischen Festlandes gebracht hat - und damit in der Südmeer-Domäne wilderte, die bis dato als Prärogative des Südaventurienrats und damit der bedeutenden Familien Berlînghan und ya Strozza galt. Wie aus Kreisen des Hofstaats zu erfahren war, kam es diesbezüglich bereits zu einer formellen Beschwerde des Comto Iustitiars Eolan IV. Berlînghan im Kronrat, und zu einem scharfen Wortgefecht zwischen diesem und der Comtessa Camerlenga Bellatrix Aralzin, bei welcher es sich um die älteste Tochter und designierte Nachfolgerin der Gräfin von Bethana, Hesindiane Aralzin handelt, die wiederum einem der mächtigsten Fürstengeschlechter der Septimana vorsteht. Es dünkt uns keine übertriebene Konjektur, wenn wir hinter diesem Zusammenstoß das Begehren des grangorischen Nordens unseres schönen Landes vermuten, vom Zugriff auf die in Zukunft zu erschließenden Reichtümer und Möglichkeiten Uthuriens nicht ausgeschlossen und abgehängt zu werden.

Nicht lange nach dem Zeitpunkt jener Konfrontation im Kronrat ward das Thema der Südmeerpolitik auf die Tagesordnung des Hauses der Edlen gesetzt, der Antrag vom Delegierten der Stadt Sewamund, Khardan Luntfeld, eingebracht, welcher dann auch in der betreffenden Sitzung sein Wort an den Justiziar seiner Stadt delegierte. Dieser Redner fasste nun zunächst die Thesen einer eigenen Denkschrift zusammen, welche den Titel trug: "Denkschrift über die neuesten Entdeckungen im Südmeer und auf dem uthurischen Lande, unter Beachtung der von den Häusern di Piastinza, Luntfeld, Degano, Cortesinio und Kacheleen dortselbst mit eigener Erkundungsfahrt erworbenen Erkenntnisse, auch betreffend die vom Souverän des Wiedererstandenen Horasreiches in Bezug auf künftige Unternehmungen im Südmeer zu treffen ersuchten Maßnahmen und Regulierungen." Bereits hier ging ein Murren durch den Saal, denn manchem Abgeordneten erschien es als ungehörig, auf diese Weise den Anspruch zu erheben, den Comto Protector oder gar den Horas selbst in seinen Entscheidungen beraten zu können.

Die Vorschläge im Einzelnen beinhalteten nichts weniger als einen gänzlichen Umsturz der bestehenden Verwaltung kolonialer Angelegenheiten, welcher in seiner Extension so herausfordernd und in seinem möglichen Erfolg so unwahrscheinlich war, dass wir nicht falsch darin liegen dürften, ihn als geplante Provokation anzusehen. So wurde die Gründung einer direkt dem Sangreal unterstehenden Verwaltungsbehörde angeregt, welche nicht nur den Verkehr mit dem uthurischen Festlande, sondern auch den Handel mit dem Güldenland und den Waldinseln einer einheitlichen Regulierung unterstellen sollte, und die der direkten Aufsicht durch Vertreter des Kronrats unterliegen sollte. Der geneigte Leser wird erkennen, dass ein solcher Akt den bestehenden Südaventurienrat auf einen Schlag entmachtet hätte. Zudem hätte diese Verwaltungsbehörde nicht aus Vertretern der politischen Faktionen, sondern aus Fachleuten gebildet werden sollen, welche, vermittelt über die Aufsichtsbehörde, letztlich nur dem Horas selbst Rechenschaft geschuldet hätten - eine gleichmacherische Missachtung ständischer Würden, die von alters her bei der Bestellung von Posten berücksichtigt werden. Zu diesen Regulierungen hätten dem Vorschlag entsprechend sowohl eine einheitliche Besteuerung von Kolonialimporten gehören sollen, um die Staatskasse an den Gewinnen zu beteiligen, als auch die Pflicht, den gesamten Handelsverkehr nur auf Schiffen des I.R.H. abzuwickeln, möglicherweise mit fallweisen Sonderkonditionen für Handelshäuser, die den Vertragspartnern der Goldenen Allianz angehören. Außerdem hätte ein Amt für strategischen Einkauf, das Acquisitions-Bureau, eingerichtet werden sollen, dessen primäre Aufgabe in der kontinuierlichen und ausreichenden Versorgung des horasischen Schiffbaus mit nostrischem und andergastischem Steineichenholz bestanden hätte - eine Maßnahme, die der Redaktion als die noch vernünftigste Idee des ganzen Memorandums erscheint.

Bereits beim Vortrag dieser Ideen kam es zu den ersten gebührenbewehrten Ordnungsrufen, weil die wütenden Zwischenrufe einiger Delegierter aus der Coverna nicht verstummen wollten, die den vortragenden Advokaten als eitlen Emporkömmling, Speichellecker Grangors oder Froschfresser beschimpften, sofern sie ihm nicht ihrerseits mit der kulinarischen Zubereitung und dem Verzehr seines Wappentiers drohten. Die Ungerührtheit, mit dem Amaldo di Piastinza diese Schimpftiraden hinnahm, lässt auf innerliche Vorbereitung, ein vorausberechnetes Auftreten und auf das Bewusstsein einer mächtigen Protektion schließen. Waren die von ihm geäußerten Vorschläge bereits eine Herausforderung, so erst recht seine direkten Angriffe auf die Vizekönigin des Südmeers, Nandora ya Strozza, der er fehlende Initiative zur Erschließung des Südkontinents vorwarf. Es sei die Trägheit und Schläfrigkeit der Südmeerverwaltung, die einer solchen Initiative entgegenstehe, weil ihr eine subalterne Vizekönigin vorstehe, die am Ende der bislang bekannten Welt in Feuchtigkeit und Hitze dahindämmere und wesentliche Entscheidungen an provinzielle, korrupte Kanzleien delegiere und dafür nicht einmal der Admiralität Rechenschaft schulde, sondern einem Rat von Pfeffersäcken einer Stadt, die sich selber Republik nenne, als ob nicht auch deren Geschäfte dem Horas unterstünden. Als sich der Advokat mit erkennbarem Genuss in das Furioso dieser Vorwürfe hineinsteigerte, nahmen zugleich die Unruhe und Zwischenrufe von den Bänken im Haus der Edlen tumultuarische Formen an - wiederum die Delegierten aus der Coverna drohten dem Redner mit Duellforderungen, gerichtlichen Anklagen oder unmittelbarer körperlicher Gewalt, und als einige Delegierte sich lautstark erhoben und mit den Fäusten gegen das Rednerpult drohten, da schirmten sogar die Saalordner den rechtmäßig Redenden vor einer möglichen Verschärfung der Situation ab.

Die Wortmeldungen in der nachfolgenden Beratung waren eher kurz, aber dafür geharnischt. Die Vertreter covernischer Interessen waren von Inhalt und Wucht der septimanischen Initiative erkennbar überrumpelt, weshalb sich ihre Stellungnahmen überwiegend in Vorwürfen der Anmaßung und der Absurdität erschöpften. Aber auch gemäßigte und an dem Interessenkonflikt zwischen Norden und Süden des Lieblichen Feldes unbeteiligte Mitglieder des Hauses der Edlen rügten den Redner für das, was sie als Kompetenzüberschreitung und unnötiges Säen von Unruhe und Zwietracht ansahen. Ein Vertreter der Urbasiglia schwor, sich eher für den vierspurigen Ausbau des Goldfelser Stiegs stark zu machen als große Summen Geldes im tiefen Südmeer zu versenken. Es versteht sich nahezu von selbst, dass der in der Sache und in den Worten radikale Antrag aus Sewamund nach kurzer Beratungszeit und nach den wenigen kurzen und scharfen Gegenreden mit einer großen Mehrheit abgelehnt wurde.

Doch hat der Antragsteller jemals damit gerechnet, dass seine Initiative hätte Erfolg haben können? Auch in seinem Scheitern könnte der Antrag seinen mutmaßlichen eigentlichen Zweck vollauf erfüllt haben. Denn er hat mit den geradezu theatralischen Qualitäten seiner Begründung gezeigt, dass die dahinterstehenden Kräfte auch einen scharfen Konflikt nicht scheuen, um ihren Interessen Geltung zu verschaffen. Bis zur Öffnung des Seewegs nach Uthuria schien es eine kluge Balancierung der Handelsinteressen zu sein, im Großen und Ganzen den Nordmeerhandel dem grangorischen und den Südmeerhandel dem belhankischen Handelsnetz zuzuordnen. Doch der weite Raum der Möglichkeiten im uthurischen Seegebiet und auf der uthurischen Landmasse, deren schiere Größe noch immer und wohl auf längere Zeit unabsehbar bleibt, haben in die Waagschale des Südens ein solches Gewicht geworfen, dass keine absehbare Entwicklung des Nordlandhandels hierfür irgendeine gleichwertige Kompensation bieten könnte.

Und damit sind nicht mehr nur Fragen des Handels, sondern auch der politischen Gewichtungen aufgeworfen, und in diesen spielt, soweit es die Septimana betrifft, das Haus Aralzin eine herausragende Rolle. Dennoch war es für politische Beobachter eine große Überraschung, als kaum zwei Wochen nach dem Vorfall im Haus der Edlen aus dem Sangreal bekanntgegeben wurde, dass die Interessen der Septimana im Südmeer "aus gegebenem Anlass" Berücksichtigung finden sollten. Auch dies spricht dafür, dass die Comtessa Camerlenga Bellatrix Aralzin im Kronrat noch einmal ihren Einfluss geltend gemacht hat. Unklar ist bis dato jedoch, welches denn der "gegebene Anlass" sein sollte. Denn dass sich der Sangreal von den lauten Worten eines Winkeladvokaten einer Kleinstadt unter Druck setzen lassen sollte, strapaziert das Plausibilitätsempfinden der Redaktion dann doch über Gebühr. Eher scheint uns der Grund die weise Einsicht unserer Herrscher zu sein, dass große Veränderungen wie die Öffnung des Südmeers auch große Entscheidungen erfordern, um die Machtgleichgewichte im Reiche nicht ins Rutschen zu bringen, woraus dem Land kein Gedeihen entstehen könnte.
Harren wir also geduldig der Auflösung des Rätselworts von den gegebenen Anlässen, die da kommen mögen.

IJ