Briefspiel:Das Falkenproblem
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Das Falkenproblem
Früh am Morgen sah man Gylduria durch die Straßen von Urbasi eilen.
Der gestrige Tag hatte seine Spuren hinterlassen. Was führten die Silbertalers im Schilde? Warum dieser plötzliche Drang, die Fehde beizulegen und auf eine so enge Bindung zu bestehen?
"Bei den Zwölfen, eine solche Lamoryanz sieht ihnen überhaupt nicht ähnlich. Eine ganze Nacht haben mir diese elenden Cani gekostet. Aber wenigstens scheint mir eine Lösung für das Falkenproblem eingefallen zu sein."
Mit festem Schritt steuerte Gylduria auf die Werkstätten Federico Danzolas zu.
"Ser Danzola, welche Freude sie zu sehen! Es ist schon zu lange her, dass wir geredet haben", begrüßte Gylduria den bekanntesten Spiegelmacher Urbasis.
Für Passanten konnte die Szenerie wie ein ganz normales geschäftliches Gespräch erscheinen, für das Familienoberhaupt der Deraccini ging es aber um viel mehr: um die Zukunft ihrer Famiglia und deren Unternehmungen.
"Vielen Dank, Ser Danzola! Bitte seien sie so gut und schicken sie die Rechnung an meinen Palazzo."
Gylduria verließ mit einem kleinen Bündel die Werkstatt des Spiegelmachers und machte sich wieder auf den Weg durch die Gassen der Stadt.
Nach kurzem Fußmarsch klopfte sie an die Türe eines einfachen Hauses.
"Signora Deraccini, welche Ehre!", sagte eine ältere Frau, machte einen höflichen und angemessenen Knicks, und wischte sich die Hände an einer leicht angegrauten Schürze ab.
Die Türe schloss sich hinter den beiden Frauen.
Einige Zeit später öffnete sich die Türe wieder und Gylduria verabschiedete sich mit den Worten: "Meinen herzlichsten Dank, Fiagaretta. Du hast wie immer eine wunderbare Arbeit geleistet. Und sei Dir meiner Hilfe bei deinem Problem sicher."
In einem für Gylduria ungewöhnlichen Moment der Menschlichkeit, legte sie Fiagaretta gar die Hand auf die Schulter und lächelte sie an.
Dann verschwand sie im Getümmel der zur Mittagszeit prall gefüllten Straßen und machte sich eilig auf den Weg zurück zum Palazzo Colombana. Vor dem prächtigen Portal blieb sie einen Moment stehen, schaute auf zur Sonne und sagte mit einem fast hinterhältigen Lächeln: "Ich hoffe doch stark, der Herr Praios nimmt es mir nicht zu übel, dass ich ihn als Verbündeten missbrauche!"
Für ihr Alter ungewöhnlich schnell schritt sie die Stufen hinauf und verschwand in ihrem Studiolo.
Einige Zeit später hörten Vitius und Selina sie hinter verschlossenen Türen lachen. Beide schauten sich verwundert um, hatte doch ihr gestriges Gespräch bezüglich der Silbertalers ihrer Mutter nur wenig Frohsinn bereitet.
Selina klopfte an die schwere Holztüre des Studiolos ihrer Mutter und trat mit Vitius im Gefolge ein.
"Mutter?", fragte sie mit einer Spur von Besorgnis.
Gylduria drehte sich um, eine Brieftaube in ihren Händen, und sagte: "Ah... Selina, Vitius! Ich freue mich Euch zu sehen. Nehmt Platz und werdet Zeugen der wohl größten Neuerung unseres Brieftaubengeschäfts!"
Sie wartete, bis Selina und Vitius sich auf die Stühle vor ihrem Schreibtisch gesetzt hatten.
"Seht her! Seht doch nur!", sagte Gylduria und hielt die Taube hinaus ins Licht der Praiosscheibe.
Vitius wendete seinen Blick ab, während Selina ihre Augen mit der Hand bedeckte, um nicht zu sehr geblendet zu werden.
"Was... was um alles in der Welt ist das?", fragte Vitius und blinzelt zu seiner Mutter herüber.
Gylduria zog die Taube zurück in den Raum und verstaute sie in einem kleinen Transportkäfig.
"Vitius, du Narr, sieh doch hin!", fuhr sie ihren Sohn an. "Schau, die alte Fiagaretta hat mir dieses... Leibchen für Tauben genäht. Ser Federico Danzola hat mit diesen kleinen und leichten Spiegelplättchen seinen Teil zu unserem Sieg über die Falken beigetragen! Ich habe die Spiegelplättchen hier auf dem Rückenteil des Leibchens befestigt. Es ist doch so einfach zu verstehen, solange man an seinem Tsatag Hesindes Gaben nicht völlig ignoriert hat!"
Triumphierend deutete sie auf einen kleinen Haufen dieser eigenartigen Gebilde und fügte hinzu: "Ich nenne es Praiosschild! Das sind natürlich nur die ersten Testmodelle!"
Vitius schaut sich das Praiosschild genauer an und fragte: "Und wie soll das gegen Falkenangriffe auf unsere Tauben helfen?"
Mit einem Gesicht, als würde sie die Götter um Nachsicht anflehen, belehrte Gylduria ihren Sohn: "Vitius, mein Sohn. Einfältige Frucht meiner Lenden. Könntest Du nur einmal aufhören, alles mit einem Schwert oder einer Armbrust erledigen zu wollen! Hast Du jemals Falken in der Nähe von spiegelndem Gewässer gesehen?"
Vitius schüttelte den Kopf, bevor es ihm langsam dämmerte.
"Richtig, zähle eins und eins zusammen... Falken greifen immer von oben an, sind durch die Strahlen der Sonne geblendet und irritiert. Was machen sie hoffentlich nicht? Genau... die Taube schlagen!"
Sie hielt noch einmal den Käfig mit Taube in das Licht und ließ die reflektierten Sonnenstrahlen durch das Studiolo tanzen.
Dann griff sie das kleine Bündel Praiosschilde und warf sie Vitius zu. "Vitius, du wirst nach Vinsalt reiten. Nimm zehn Tauben mit und statte sie mit den Schilden aus. Wir wollen doch mal sehen, ob wir die Verlustrate auf der Strecke nicht wenigstens etwas senken können."
Zu ihrer Tochter gewandt sagte sie: "Und du Selina, bereite eine Anzeige für das Bosparanische Blatt vor. Irgendwas mit: 'Wir verleihen Ihrer Nachricht Flügel!' Sei kreativ. Wir werden das Praiosschild als exklusive Transportversicherung mit Aufpreis für besonders wichtige Nachrichten verkaufen!"