Briefspiel:Helfende Heilung
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Der kühle Morgenwind und das noch schüchternde Licht der Praoisscheibe begrüßten Miseria, das ärmere Viertel der Hafenstadt Efferdas. Es waren bereits mehrere Menschengruppen auf den Vorplatz des Therbunitenspitals erschienen . Dieses war eines der wenigen gepflegten Gebäude des Viertels und bildete einen sichtbaren Kontrast zu den Bewohnern, die täglich um das Nötigste zu kämpfen haben. Doch zur Bewunderung der Architektur war niemand gekommen, zu der wöchentlich einmal stattfindenden Brotausgabe, die von der kleinen Travia-Gemeinde der Stadt organisiert wird, gesellte sich heute ein zweiter Stand, um die Not der Bewohner zu lindern. Es war die Familie di Solano, jüngst in den Senat von Efferdas aufgestiegen, die um mehrere Handkarren Tische aufgestellt hat und dort Heilkräuter und einfache Arzneien und Verbände verteilte. Und das gemeinnützig. Eine halbes Wunder, denn die Familie di Solano, gab sich bis dato weniger als Gemeinnützig und mehr auf sich selbst bedacht.
Die ältere Travia-Geweihte Viana d’Antara ging zum gegenüberliegenden Stand der Familie di Solano und lächelte mütterlich als die beiden dortigen Hilfespender sie ansahen.
,,Ich danke Euch. Ich danke Euch vom ganzen Herzen, werte Signora und werter Signor. Mir ist bekannt, dass es Euch einige Überwindung gekostet hat, hier zu helfen, doch ich möchte Euch im Namen der Gütigen Göttin und ihrer kleinen Gemeinde aufrichtig danken”, sie neigte höflich vor Praiem und Silem den Kopf.
„Es ist unserer Familie eine Ehre,“ fing Silem an zu sprechen, bevor er von Praiem unsanft unterbrochen wurde.
„Nur nicht so förmlich, werte Schwester im Geiste, wir sind hier heute weder im Senat, noch in einem Palazzo.“sprach Praiem mit einem, für ihn, finsteren Blick an seinen Cousin Silem „Heute zählt die Gemeinde von eurer Herrin, Travia, nicht unser eigener Stolz.“ Woraufhin der Tsa-Geweihte einen ganzen Büschel Heilkräuter der nächsten Bedürftigen gab.
,,Unsere Göttinnen sind Schwestern im Einsatz um die Versehrten und Notleidenden. Zu Lange wurde in Efferdas diesem Viertel nur wenig bis keine Beachtung geschenkt. Doch Miseria ist der Spiegel der Stadt. Zerbricht er, so zerbrechen auch wir. Die Stadt preist den Launischen Efferd, doch nach einem warmen Heim sehnen sich alle, Seefahrer wie Straßenkinder.”, erklärte sie und reichte aus ihrem mitgebrachten Weidenkorb ein selbstgebackenen Milchsemmel an ein kleines Kind.
„Wir sind erst vor kurzem zu einem Amt der Macht gekommen, aber dies hier zu sehen, zeigt, wofür wir hier streiten, verehrte Signora,“ sprach Silem mit einer Miene von Trauer über die Verhältnisse und einen Blick, der Rätsel aufwirft. Entschlüsselt wird dieser Blick durch das Schweifenlassen des Eigenen, denn es ist Freude über die Erblickung einer schönen Frau, welche in seinen Augen liegt.
Viana lächelte sanft. ,,Ihr habt gut gesprochen. Im Senat oder in Sälen können unser aller Familien das Spiel der Höheren betreiben, doch es schadet uns nicht, wenn wir abseits davon zusammen kommen und einander respektvoll das Brot reichen”. Sie schaute tief in Silems Augen.
„Schönste Viana, ich bin zwar nicht von eurer Gemeinde, aber ich sehe euer Leid, ich sehe dass Leid,“ Praiem zeigte um sich herum „in jedem Fall, dies zu sehen wird nicht nur mich betrüben. Solltet ihr hier Probleme haben, sich um eure Gemeinde zu kümmern, ich stehe für euch und euren Schützlingen bereit, sendet nach mir ich bin auch zur Praiosstunde bereit,“ sprach Praiem großspurig und sammelt dafür erstaunte Blicke. „Ich kann euch keine Medizin ohne die Zustimmung meiner Schwester geben, es war schon eine Monumental Aufgabe, sie hierfür breitzuschlagen, aber ich kann mit mir und dem Segen meiner Herrin dienen.“
Viana schaute erneut tief und prüfend in die Augen des Tsa-Geweihten und von Silem di Solano, ehe sie antwortete. ,,Ich danke Euch von Herzen, doch seht Euch um. Die Probleme hier sind groß und die Stadt schenkt uns nur bedingt Hilfe. Aber wenn Ihr nach dem heutigen Tage, selbst Euch dauerhaft ein Herz gefasst habt, so währt Ihr uns bei der wöchentlichen Brotausgabe höchstwillkommen als Standnachbarn Gutes im Sinne unser beider Göttinnen zu verrichten. Was haltet Ihr davon, doch bitte kalkuliert nicht, lasst Euer Herz die Antwort finden”, die Geweihte legte großmütterlich ihre Hand auf Silems Herz.
„Ich werde tun, wie es mir von Nicandra diktiert wird, es ist ihre Entscheidung,“ sprach Silem und wich, wie es scheint, peinlich berührt von der alten Travia-Geweihten zurück.
„Ich spreche für euch mit meiner Schwester und werde selbst ohne ihre Zustimmung bei eurer Brotausgabe helfen, ich bin keine Puppe meiner Schwester.“ Praiem entschlossener, mit freundlichem Lächeln, ging auf eine alte Dame zu, um ihr zu helfen, einen Verband anzulegen.
Warm lächelte Viana Silem an und legte fast stolz auf Praiems Schulter ihre Hand.
,,Habt Dank mein Kind der Tsa”, sagte sie sanft und verteilte danach an eine Kindergruppe weitere Milchsemmel in Form von kleinen Gänsen. Dabei schenkte sie ein jedem einen Segen der Gütigen Göttin. Viana blickte zu Elianoo, der überaus geübt mehrere Personen gleichzeitig mit Brot und Segen versorgen kann. Sie lachte herzlich auf.
„Der Junge, ist ja mal begabt,“ sagte Silem wieder etwas entspannter, dem Blick Vianas folgend.
Die Geweihte lächelte stolz. ,,Ja, das ist er. Eliano ist eine große Hilfe für unsere Gemeinschaft. Mein Neffe, ist noch nicht lange bei uns, wisst Ihr. Mein seiliger Bruder Loreno ist im Krieg geblieben und dort hatte er eine Liebe und folglich erblickte Eliano das Licht Deres. Doch wir mussten er von ihm als er vor einigen Monaten vor unserer Türe stand. Unverkennbar sieht er seinem Vater ähnlich”. Sie fasste an ihr Amulett und blickte gen Himmel. ,,Sein Vater wäre stolz”.
„Ich verstehe.“ Praiem schien das Gespräch von einer Gruppe Bedürftiger mitgehört zu haben. „Mein Vater, er starb auch. Zu früh nahm ihn Boron von uns.“ In Praiems Blick zwar keine Trauer, aber ein Schimmer von Nostalgie.
Sanft tröstend legte Viana erneut ihre Hand auf Praiems Schulter.
,,Lasst Euer Haupt nicht schwer werden. Die von uns gegangenen Familienmitglieder und Angehörige sind niemals fort. Sind sind in unserem Herzen und das wärmt uns in den dunkelsten Momenten”.
„Ich danke für die schönen Worte, aber wir sollten uns wieder den Bedürftigen zuwenden. Gerade können wir den Kindern helfen, dass sie nicht wie ich und euer Neffe aufwachsen.“ Mit diesen Worten riss Praiem sich aus seiner Nostalgie und nahm einen Tiegel voll Wundsalbe und schmierte sie auf die Wunden Hände eines sich anstellenden Handwerkers.
,,Gewiss doch”, sagte sie verständnisvoll.
,,Äh…Tante Viana? Kannst du noch ein paar Milchsemmel bringen? Ich hole schnell noch etwas Graubrot vom Wagen”, rief Eliano herüber.
,,Ist gut, Neffe. Dann Euer Wort ist mir der Leitspruch, helfen wir weiter den Bedürftigen!”, sagte Viana arbeitswütig und strahlte eine Wärme aus, die allen Anwesenden ungewollt auch innerlich erfasste. Die Geweihte eilte zur Brotausgabe und gemeinsam mit einem Mann mit Wollweste und orangenen Schal, verteilte sie eifrig ihre Milchsemmel.