Visionen von Raben und Finsternis

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Version vom 10:27, 4. Nov. 2019

Diese Geschichte entstand als Vorspiel des Allaventurischen Konvents 2019.


Heldentrutz, Baronie Schneehag, Kloster Etiliengrund, 18. Rahja 1041 BF

Wie vom Donner gerührt fuhr Coris “Etiliane” Fesslin, Dienerin Golgaris, aus ihrem Schlaf hoch. Schwitzend und heftig atmend versuchte sie sich zu orientieren. Sie hatte geträumt. Und was sie geträumt hatte, beunruhigte sie zutiefst.
Es war bereits das zweite Mal, dass sie genau diesen Traum gehabt hatte. Zunächst hatte sie nur die übliche Schwärze gesehen, die beruhigende Schwärze des Herrn des Schlafes. Doch dann war da auch ein Licht in der Schwärze gewesen. Das Licht hatte die Umgebung fadenscheinig erhellt, ohne dass Coris hätte ausmachen können, wo sie sich befand.
Plötzlich war ein Schatten auf sie gefallen, der alles wieder in Dunkelheit getaucht hatte, in unheimliche Finsternis. Ihr Blick war nach oben gegangen und dann hatte sie ihn gesehen: den Raben, den Boten Golgaris.
In ihrem Traum war Coris aufgesprungen und dem Raben gefolgt. Besser gesagt, sie war dessen Schatten gefolgt. Doch er war schneller. Sie konnte ihn nicht einholen. Er flog dem schwarzen Horizont entgegen.
Coris spürte, dass dieser Horizont nichts Gutes barg. Während sie dennoch lief, sah sie neben sich einen weiteren Raben fliegen. Er flog in dieselbe Richtung und auch er war zu schnell, als dass sie ihn hätte einholen können. Dieses Mal war ein Detail dazu gekommen, das sie noch mehr zum Grübeln brachte: Immer mehr Raben flogen in einer Formation, die dem Haupttempel Borons in Punin glich, dem Gebrochenen Rad.

Die Borongeweihte schauderte. Obwohl es in ihrer Kammer nicht kalt war, fröstelte sie. Eine Gänsehaut überzog ihren ganzen Körper. Sie lief zum Fenster und sah hinaus. Das Madamal stand noch hoch am Himmel. Wie eine Barke auf dem klaren Nachthimmel sah es aus. Es mochte um die Travia- oder Boronstunde sein. Als Coris auf ihr Lager zurückkehrte, konnte sie keinen Schlaf mehr finden.

Direkt nach dem Morgengebet suchte sie das Gespräch mit ihrem Mitbruder Bishdaryan von Tikalen. Der Rat des Noioniten mit seiner ruhigen Art war ihr wichtig. Vielleicht konnte er sich einen Reim auf die Traumvision machen.
Sie traf ihn vor dem Tempelportal auf dem Weg zum Refektorium, wo der warme Frühstücksbrei auf die Bewohner des Klosters wartete: “Boron zum Gruße, Bishdaryan. Kann ich dich einen Augenblick sprechen?”, fragte sie. Erst dann fiel ihr der ungewohnte Ausdruck in seinem Gesicht auf: Besorgnis. Und er schien wenig geschlafen zu haben. Auch dies ungewöhnlich für ihn, der sich abends doch stets mit erkennbarer Freude in Bishdariels Arme legte.
Der Horasier hielt inne und musterte die junge Frau, ehe er antwortete: “Du bist in Unruhe, Schwester. Gerne höre ich, was der Grund dafür ist. Doch hier, im Hof?”

Coris schüttelte den Kopf. “Vielleicht gleich nach dem gemeinsamen Frühstück in der Bibliothek?”

Und so kam es, dass sich Bishdaryan und Coris nach dem Morgenmahl in der Bibliothek des Klosters einfanden, die sich direkt über dem Refektorium im Obergeschoss eines der Türme befand. In langen Reihen wurden dort Bücher und Schriftrollen sowie Kartenmaterial aus alten wie jungen Zeiten aufbewahrt. Es gab Schreibpulte zur Arbeit an Manuskripten, aber auch eine Leseecke, nah bei einem Fenster, wohin sich die beiden Geweihten zurückzogen, um zu sprechen.

Die Dienerin Golgaris begann aufgeregt, Bishdaryan von ihren Träumen zu erzählen. Sie beschrieb die Dunkelheit, das Licht im Dunkel und dann den Schatten des Raben, nein der Raben, denen sie zu folgen versuchte. Und sie versuchte die Schwärze zu beschreiben, die sie so gefangen genommen und geängstigt hatte.
Coris endete mit einer Frage an ihren Glaubensbruder: “Was soll ich davon halten, Bruder? Ich spüre, dass dies kein einfacher Alptraum ist. Das ist eine Botschaft! Doch was soll sie mir sagen?”

“Das soll dir ich sagen, Schwester?” Er klang ehrlich verwundert. “Die Werkzeuge zum Verstehen von Träumen sind im Träumenden selbst zu finden. Der ‘Deutende’ kann ihm - oder ihr - lediglich auf dem Weg zum Verstehen helfen.” Er lächelte schwach: “Und heute… heute ist es so, dass ich selbst solcher Hilfe bedürfte. Denn erneut, wie schon vor unserer ersten Begegnung, hatte ich einen gleichen Traum wie du. Wollen wir diesmal gemeinsam versuchen zu ergründen, was uns der HERr in diesem zu vermitteln trachtet? Falls er es ist, der neuerlich zu uns spricht? Und, Coris, davon bin ich überzeugt, so ehrfurchtgebietend dieser Gedanke auch ist.”

Die blasse Geweihte machte große Augen, als Bishdaryan erzählte, dass er den gleichen Traum gehabt habe. Ganz genauso wie damals, als sie sich in Perricum kennengelernt hatten. Und sie nickte auf seine Vermutung hin: "Auch ich gehe davon aus, dass der Dunkle Vater uns eine Botschaft schickt. Was meinst du? Soll uns die Flugformation der Raben einen Hinweis geben, wohin wir uns wenden sollen? Also, ich meine ja nur... sie fliegen im Halbkreis, also wie ein Boronsrad oder wie das Gebrochene Rad. Betrifft die Botschaft also die Boronkirche? Oder glaubst du, es könnte eine falsche Fährte sein? Gar ein unheiliges Geschehen? "
Nun war Coris zögerlich geworden. Mit verunsicherter Miene versuchte sie Bishdaryans Meinungen zu erfragen.

Der aber schüttelte entschieden den Kopf, fast ein wenig zu rasch: “Ich will nicht glauben, dass ausgerechnet unser eigenes Göttervertrauen so schwach ist, dass irreführende Träume in unseren Schlaf zu sickern vermögen! Sieh, wir beide folgen dem Raben - in unserem Leben wie auch in jenem Traum. Ruft er uns ein weiteres Mal an einen Ort, an dem wir gebraucht werden? Wir fühlen, dass dort, wohin der Rabe im Traum uns geleitet, Gefahr drohen könnte. Doch wem? Uns? Nun, da wir von einer möglichen Gefahr ahnen, können wir versuchen, ihr auszuweichen - falls sie uns drohte - oder ihren Ursprung zu ergründen.”
Er sann einen Augenblick darüber nach, was die junge Frau gesagt hatte: “Die Anordnung der Raben im Flug… das ist mir nicht aufgefallen”, lobte er ihre Aufmerksamkeit. “Doch du könntest recht haben: Wenn die geflügelten Boten ein Sinnbild für Diener des Raben sind - und damit also für Geweihte -, so könnte ihr gemeinsamer Flug in dieser Weise ein solches für die Kirche an sich sein.
Ich weiß, was ich tun werde. Das was ich immer getan habe: Die unbekannte Gefahr ergründen, um möglicherweise bedrückten Seelen zu helfen. Doch was willst du tun, da du hier und jetzt an einem sehr angenehmen, sicher empfundenen Ort weilst?”

Coris spürte die Vertrautheit mit Bishdaryan und seine Zuversicht und Entschlossenheit taten ihr gut. Sie empfand genau wie er. Auch sie wollte wissen, was die Vision bedeutete und genauso wie ihr Glaubensbruder war sie sicher, dass sie diese Vision erhalten hatte, damit sie etwas unternahm und nicht damit sie die Hände in den Schoß legte und Boron einen guten Alveraner sein ließ.
Doch wohin wies die Vision? Coris sprach ihre Vermutung aus: “Was meinst du, Bishdaryan, will uns die Vision womöglich sagen, dass in Punin etwas passiert, das unsere Boronkirche betrifft? Und wenn das so ist, darf ich dich begleiten, wenn du dorthin reist?", fragte sie zaghaft. "Also natürlich nur, wenn der Abt mich ziehen lässt."

“Punin? Ja… das könnte passen. Man hört schon länger Gerüchte…” Er nickte dann, überrascht von ihrem schnellen Entschluss, die sichere Heimat des Klosters Etiliengrund schon wieder hinter sich zu lassen: “Wir wissen, was wir gesehen haben. Und ich glaube, wiederum werden wir dort, wohin wir sollen, weitere finden, die den gleichen Traum träumten. Es gibt keine Zufälle.
Doch tun wir einen Schritt nach dem anderen: Ich werde heute Abend in mich gehen und versuchen, mit... einer Vertrauensperson in meiner Heimat zu sprechen und diese fragen, ob es fern von hier Entwicklungen gibt, die für die Kirche des Raben von Bedeutung sind. Vielleicht gibt es Nachricht von einem Ereignis in Punin. Sollte dem so sein, mag dieser Ort das Ziel unserer Reise werden. Erst dann sollten wir den guten Abt mit unseren Einsichten und Plänen behelligen.”

Die Dienerin Golgaris hörte aufmerksam zu. Sie hatte noch gar nicht darüber nachgedacht, dass sie ja gar nicht sicher wussten, wohin die Träume sie lenken wollten. Punin war immerhin nur eine Vermutung. Es könnte ja auch gar kein bestimmter Ort gemeint sein, sondern die ganze Boronkirche als solche. Umso besser, wenn Bishdaryan einen anderen Geweihten kontaktieren konnte, der ihnen womöglich mehr Sicherheit für ihr Reiseziel gab. Aufs Geradewohl loszuziehen ergab vermutlich nicht viel Sinn. Wobei Coris irgendwie ahnte, dass der Unergründliche sie schon leiten würde, auf seine Weise: “Da hast du recht. Wir sollten abwarten, ob wir noch bessere Hinweise erhalten oder dein Vertrauenskontakt uns helfen kann. Beunruhigend ist es aber schon, findest du nicht?”

Hatte sie mit einer seiner üblichen, sogleich beruhigenden Auslassungen gerechnet? Eine solche gab der Geweihte diesmal nicht: “Das empfinde auch ich. Es ist weniger die Furcht vor dem Unbekannten, vielmehr der Gedanke, dass diesmal mehr auf dem Spiel stehen könnte als eine Frieden stiftende Ehe, die von dunklen Mächten bedroht wird. Die Zuversicht, die mich bei jenen Träumen vor Monden letztlich nicht verließ, spüre ich diesmal nicht. Und nicht einmal die Ahnung, ob überhaupt eine Bedrohung besteht, ist uns gegeben. Was, wenn sich ein Geschehen erst entfaltet, zu dem uns der SCHweigende in seinem Ratschluss weist, und gerade unser eigenes Handeln die Wendung zum Verhängnis bewirkt? Doch ich bin gewiss, nicht einfach hier im Kloster verbleiben zu können. Lass uns nicht zaudern. Stärken wir uns, um uns über den Weg Erkennen zu schaffen.”

Coris nickte. Das Gespräch mit dem Glaubensbruder hatte ihr letztlich doch wieder geholfen. Seine besonnene Art und die weitreichende Erfahrung, die ihr noch fehlten, hatten eine beruhigende Wirkung. Wie immer nach einer Unterhaltung mit Bishdaryan war Coris von innerer Ruhe erfüllt. Sicher würde sich alles weisen.

Zum Ende des Götternamens packten Coris, Nazir und Bishdaryan ihre Sachen und bereiteten sich auf die Abreise vor. Innerhalb des vergangenen Götternamens hatten Coris und Bishdaryan dieselben, vollkommen übereinstimmenden Visionen gehabt. Immer mehr hatte sich herauskristallisiert, dass die Diener des Raben ins Zentrum des Boronkultes, das Gebrochene Rad in Punin, gerufen wurden. Schließlich hatten Coris und Bishdaryan den Abt des Klosters ins Vertrauen gezogen.
Eslamo Etiliano de las Dardas hatte den Beschreibungen der Visionen von Coris und Bishdaryan mit wachsendem Unbehagen zugehört. Er hatte sich nachdenklich über die Glatze gestrichen und dann geantwortet, dass ihm die Sache gar nicht gefalle. Als erfahrener Deuter Bishdariels wusste er jedoch einen Alptraum von einer Vision zu unterscheiden und da beide übereinstimmend dieselbe Vision gehabt hatten, blieb kein Zweifel.
Zudem verfügte der Gast aus dem Horasreich über Wissen, das er aus einem fernen Tempel von einer vertrauten Person erhalten hatte: In einer Göttlichen Verständigung hatte jene ihm mitgeteilt, dass im “Gebrochenen Rad”, dem Zentrum ihrer Kirche, über eine mögliche Nachfolge des “Raben”, des obersten Geweihten, nachgedacht werde. “Wenn nicht nur gedacht, sondern auch gesprochen wird, bedeutet das Unruhe und Veränderung”, hatte Bishdaryan gefolgert.
Also hatte der Abt beschlossen, Coris, Bishdaryan und Nazir nach Punin zu entsenden. Eslamo Etiliano de las Dardas hatte einen Brief an den Baron von Schneehag gesandt, um ihn von den besorgniserregenden Visionen seiner Glaubensgeschwister in Kenntnis zu setzen. Zu seinem Erstaunen kam alsbald eine Antwort des Barons, dass dieser mit Bedeckung gen Punin reisen würde um dort an den Hadrokles-Paligan-Spielen teilzunehmen. Der Baron bot an, die Diener Borons mitzunehmen. Und so machten sich die beiden Geweihten an die Reisevorbereitungen. Schon am folgenden Morgen brachen Coris, Nazir und Bishdaryan zum Weggasthof Rödermühle auf, wo sie mit dem Baron und seinen Begleitern zusammentrafen.


(sz, wus)

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