Sewamunder Seewind: 2. Rahja 1031 BF

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Inhaltsverzeichnis

Der Schacht

Offene Enden

Der Schacht auf der Eicheninsel ist noch un­voll­endet, da die Familie van Kacheleen zZZ sich aus dem Un­ter­nehmen zurück­gezogen hat. Neue Teil­haber (i.e. Mit­spie­ler) wären will­kom­men: Post, (D).


Inzwischen hat es sich eingebürgert, mehrere Handlungsfäden gleichzeitig zu verfolgen. In diesem Abschnitt stehen Links zu Kapiteln, in denen die Handlung noch fortgeführt wird. Wenn ein Handlungsfaden eine neue Überschrift bekomme, sollte der jeweilige Link aktualisiert werden. Ist der Handlungsfaden abgeschlossen, wird der Link entfernt.

Personen

Haus Novacasa
Familie van Kacheleen
Familie Continio
Familie dilli'Kathoren (Teremon)
Familie Vesselbek
Peraineblume
Arbeiter/Holzfäller
Sonstige

1. Tag, Sewamund, der Kontrakt

Sewamunder Seewind: Wie unserem allseits beliebten Hausschriftscheller Horasio y Bris zugetragen wurde, bahnt sich eine Kollaboration der Familie van Kacheleen mit dem Haus Novacasa an. Hier sein wie immer in gefälliger Prosa dargebotener Bericht:

Eine Depesche wird an der Villa Novacasa durch einen Boten überreicht. Ein Siegel mit sich zugewandten Delphinen ist sichtbar.
Werter Jacop Rahjamor Novacasa,
die Zwölfe zum Gruße. Mit großer Freude habe ich Eure Glückwünsche entgegen und mit Interesse Euer Angebot zur Kenntnis genommen. Vielleicht habt Ihr weitere, möglichst detaillierte Informationen und realisierte Referenzunternehmungen zu der benannten Merkantilen Allianz.
Ich lade Euch herzlichst zum Gedankenaustausch in den Palazzo Aurelio ein. Lasst es mich ob Ihrer Teilnahme wissen.
Herzlichst
Aurelio van Kacheleen

Ein wie ein tulamidischer Haremswächter prächtig ausstaffierter würdiger Herr entsteigt einer Kutsche und wird im Palazzo Aurelio vorstellig. Er legitimiert sich als Oro Masut, vom Hause Novacasa mit der Aufnahme von Verhandlungen beauftragt.

Es fordert dem Hausdiener Ungalf ter Goov die gesamte Aufmerksamkeit ab, die sich anbahnende Gesichtsentgleisung, hinter einem gut geschulten und überaus freundlichen Lächeln zu verbergen, als er Herrn Oro Masut erstmalig erblickt. Doch bevor er die Türe zuwerfen kann, hat er sich schon wieder gefangen und bittet Herrn Masut freundlich, in den Palazzo Aurelio einzutreten.
Gestochen aber würzig bittet ter Goov Herrn Masut, in der Eingangshalle zu warten. Nach einer kurzen Unterredung mit seinem Herren Aurelio Trahelius van Kacheleen kommen beide zu dem Entschluss, Herrn Masut zu empfangen, allerdings ohne die Anwesenheit Aurelios. Ein sehr dringendes Termingeschäft macht eine Teilnahme leider kurzerhand unmöglich.
Da sein Sohn Pexje van Kacheleen gerade im Hause weilt und eine Übung in der Führung von diplomatischen Gesprächen verdient, ist der Gesprächpartner für den - sagen wir - sommerlich gekleideten Herrn Masut schnell gefunden.
Pexje betritt die Eingangshalle und vergisst für einen Augenblick die letzten Worte seines Bediensteten Ungalf ... "Mein junger Herr, egal was gleich passieren wird ... halten Sie unbedingt Contenance ... ". Nach Luft schnappend und wenige Augenblicke später sagt er:
"Werter Herr Masut, seinen Sie auf ein Gespräch Gast der Familie van Kacheleen. Bitte folgen Sie mir. Mein Name ist Pexje van Kacheleen, mein Vater läßt sich vielmals entschuldigen."
Mit schnellen Schritten führt Pexje den Gast in das vorbereitete Zimmer im ersten Stockwerk. Er bietet Masut einen Stuhl sowie ein erfrischendes Getränk an.
"Bitte - Ihr Herr möchte unserem Hause einen Vorschlag unterbreiten. Diesen würden wir uns gerne anhören". Interessiert schaute er Masut nun an.

Oro Masut verbeugt sich zum wiederholten Male, erwidert den Gruß und überreicht auch dem Sohn des Hauses die Legitimation. Nach einigem Kleinsprech über Götter und Welt kommt er zur Sache:
"Mein Herr führt unter anderem den Titel des Commissars für Holzhandel und Staatsforste im Seekönigreich Beider Hylaios. In dieser Eigenschaft bietet er eurer Familie Teilhaberschaft an einem Unternehmen zum Einschlag von Steineichenholz auf einer bereits avisierten Insel. Der Gewinn wäre den Anteilen entsprechend und mit der Krone zu teilen. Vorerst soll ein einzelnes Schiff entsandt werden."

"Das Seekönigreich Beider Hylaios." murmelte Pexje. Aufgrund der Nähe zu Belhanka und den Handelswegen nach Neetha ein interessantes Unterfangen.
Den Norden deckte die Familie bereits ab. Im Süden kaufte man allerdings hinzu. Nur eines, dass hörte sich dann doch recht nordisch an. Steineiche. Ein sehr hartes Holz. Gute Schiffe, besonders Kriegsschiffe wurden aus diesem harten und robusten Material gefertigt, das wußte Pexje.
Und das es einen Wald namens Steineichenwald hoch im Norden gibt. Wie konnte es sein, dass es auch weit im Süden einen Ableger des Waldes gibt ?
Konnte dies sein, hatte er nicht andere Güter im Gedächtnis, die als Spezialitäten dieser Inseln galten ???
"Seid ihr Euch da sicher, dass es sich um Steineiche handelt?" diese Frage schießt wie ein Pfeil aus seinem Munde. Misstrauisch beäugt er seinen Gegenüber. "Und bezüglich der Position des Commissars für Holzhandel und Staatsforste benötigen wir ein offizielles Dokument zur Prüfung, welche Anteil hält die Krone und welche Ladekapazitäten benötigt das Schiff, an welche Mengen dachte Ihr Herr ?".
Ja, denkt sich Pexje wohl, so gewinne ich ein wenig Zeit und kann in Ruhe überlegen, was ich von dieser Sache halten soll....

Als Zweifel an Reputation und Kompetenz seines Herrn geäußert werden, verdüstert sich der Blick des Thorwalers für einen Lidschlag. "Das Schiff darf so groß sein, wie die Einlagen es hergeben. Es stünde die kleine Schivone Peraineblume von 180 Quadern aus dem Besitz des Advokaten Gui La Flor zur Verfügung. Aber wenn ein günstigeres oder größeres Fahrzeug gewünscht wird, wäre auch das möglich. Das Unternehmen ist bereits fertig geplant. Es muß nur noch finanziert und realisiert werden." Es werden noch diverse Details ausgetauscht, dann fragt Oro Masut nach der Länge der erbetenen Bedenkzeit und bietet für das nächste Treffen das Haus der Aufgehenden Sonne an, in dem der Comto Novacasa zwischen Praiosstunde und Mitternacht mit hoher Wahrscheinlichkeit ganz zwanglos anzutreffen ist. Ansonsten empfiehlt sich eine vorherige Anmeldung.

Pexje weiß jetzt nicht, ob er zu weit gegangen ist. Schließlich ist Herr Masut ein Gesandter einer hoch gestellten Sewamunder Persönlichkeit. Auch wenn er eine solche Tracht vorher noch nicht gesehen hat.
Dennoch würde ihn sein Vater Aurelio tadeln, wenn, ja wenn, die wichtigen Detailfragen nicht geklärt wären. Um so wichtiger ist es, informiert zu sein, über Art, Umfang, Risiko und vor allem eine ausreichende Legitimation. Ein Schiff auszurüsten ist kostspielig, daher gilt es finanzielle Risiken von vornherein zu begrenzen, ja, zu vermeiden, wenn sie als allzu waghalsig erscheinen.
Nebenbei will Pexje, am Anschluss an das Gespräch, Erkundigungen bezüglich des Wachstumsgebietes der gemeinen Steineiche sowie über das Haus Novacasa einholen. Dieses würde Pexje dann seinem Vater vorbereitet aushändigen, so dass Aurelio Trahelius van Kacheleen den Weg in das Haus der Aufgehenden Sonne antreten kann.
"Geschätzter Herr Masut, entschuldigt meine Neugierde", spricht Pexje. "Ich werde Eure Einladung meinem Vater ausrichten und bedanke mich für den ersten Gedankenaustausch. Eine Depesche wird in den nächsten Tagen verschickt werden."
So endet das erste Gespräch. Herr Masut wirde aus dem Hause geleitet und verabschiedet. Die Türe fällt ins Schloss und einzig das emsige, geschäftige Treiben aus den Magazinen ist zu hören. Pexje atmete tief durch.

Oro Masut begibt sich in die wartende Kutsche und betrachtet nachdenklich seine ungesalbten Hände. Unterhandlungen dieser Art könnten ihn eines Tages in den Ruin treiben.
"Die hiesigen van Kacheleens scheinen beängstigend ehrliche Häute zu sein. Ihr solltet euch vorsehen," sagt er später seiner Herrschaft. Die Herrin des Hauses bleibt gelassen: "Wir werden damit zurechtkommen - solange diese Leute nicht die Mode von gestern tragen." Dann wendet sie sich wieder einem der grün bespannten Tische zu: "Va Banco!"

6.Tag, Aurelio, die Novacasas und ein Handschlag

Fünf Tage später findet eine erneute Depesche den Weg zum Anwesen des ehrwürdigen Hauses Novacasa. Darin kündigt sich Herr Aurelio Trahelius van Kacheleen für den folgenden Tag an. Falls dies nicht genehm sein sollte, so wünscht er eine Mitteilung nebst neuen Terminvorschlag. Der Termin passt.
So entsteigt Aurelio schlicht aber sehr akkurat gewandet seiner vierspännigen Kutsche, die auf dem Anwesen der Familie Novacasa hält. Er nähert sich dem Eingang, seine lederne Tasche in der rechten Hand.

Aurelio nimmt gerade die vorletzte Stufe zum Eingang, als ihm aus einem offenstehenden Fenster eine männlichen Stimme zuweht: "... lasse ich mich teeren und federn, als zu gestatten, dass herumerzählt wird, ich hätte jemanden mit einem derart schlichten Gewand durch den Vordereingang gelassen. Und wenn es mich mein letztes Hemd..."
Aurelio nimmt gerade die letzte Stufe, als sich die Tür vor ihm auftut und eine Dame in einem rauschend-rosenroten Sommerkleid aus zarter al'anfanischer Seide ihm entgegenkommt, ihn überschwänglich begrüßt, beim Arm nimmt und ihn auf dem kurzen Weg zur Kutsche mit so vielen Komplimenten und Klatsch überhäuft, wie er sonst in einem Monat nicht zu hören pflegt, sodass Aurelio bis auf seine eigene - mit einem huldvollen Augenaufschlag und strahlendem Lächeln entgegengenommene - Begrüßung nicht zu Wort kommt.
Oro Masut ist den beiden gefolgt, setzt sich neben den Kutscher, gibt ihm die Hand und instruiert ihn ob des Weges.
"Mein Gemahl ist untröstlich ob seines unverzeihlichen Benehmens. Er hat sich im Haus der Aufgehenden Sonne aufhalten lassen, aber wir werden flugs... wollt ihr nicht dieses köstliche Pralinchen aus unserer neuesten Kollektion... so süß, daß allein schon der Gedanke daran die Figur ruinieren könnte... ah, seht nur, da sind wir schon!"
Obwohl der Kutscher recht geruhsam fährt, vergeht die nur wenige Steinwürfe kurze Strecke für Aurelio wie in einem Augenblick. In der Eingangshalle begrüßen ihn dann zwei sommerlich freizügig und dennoch überaus aufwendig - nach allerneuester Mode gekleidete Herren, von denen der eine als Advokat Gui La Flor und der andere als Comto Jacop Rahjamor Novacasa vorgestellt werden: "Phex zum Gruße, werter Herr. Wir haben jeden Tadel verdient. Maßregelt uns nur nach Belieben. Mögt ihr vielleicht einen Grado erwerben, damit wir uns ein wenig amüsieren können?
Der Advokat nimmt derweil die Unterlagen entgegen und zieht sich zurück, um sie wohlwollend zu prüfen.

"Das nenne ich einmal ein gelungenes Manöver", Aurelio lacht laut los. "Verzeiht, Euer Edelhochgeboren. Ich pflege vor dem angenehmen Teil der Unterhaltung stets das Geschäftliche vorder- und tiefengründig zu besprechen".
Aurelio schaut in das etwas irritierte Gesicht seines Gegenübers. Aus dem Nebenraum dringt das Geräusch von raschelnden Papier. Die Aufstellungen, detaillierten Hinweise sowie diverse Kalkulationen unter verschiedenen Begebenheiten sollten Ihre Wirkung auf Gui La Flor haben. Gerade das Wissen um den Unterschied von Pinien und Steineichen. 'Aber der Reihe nach', denkt sich Aurelio.
"Mein lieber Gastgeber, vielmals möchte ich mich für die Einladung sowie den Ausflug zum Haus der Aufgehenden Sonne bedanken. Zugegeben, etwas überraschend, aber dafür mit einer sehr angenehmen Begleitung."
Aurelio hält kurz inne, lässt den Inhalt des Satzes wirken, genießt den kurzen Rundblick, der mehr als erblicken lässt, dass man sich wohl Tage in diesem Hause aufhalten könnte. Zumindest solange, wie die eigene Geldbörse noch fleißig Goldenes spendiert.
Anschließend spricht er weiter:
"Die Unternehmung zu den Zyklopeninseln, erzählt mir bitte mehr davon. Welche Insel wird angesteuert, welchen Finanzbedarf gilt es zu decken? Wieviel Pinienholz gilt es zu schlagen? Haben Sie schon Aufkäufer für diese Ware, wenn ja in welchem Hafen und zu welchen Preis, was ist ihr Anteil an dieser Unternehmung und wie viel geht an die Krone ?"
Zielstrebig, dabei höflich. Kurz und prägnant.

Der Comto zeigt so ob so viel demonstrativen Geschäftssinnes sichtlich gelangweilt und schwenkt sein parfümiertes Tüchlein: "Aber ich bitte Euch, wir werden doch nicht mit läppischen Details den Tag vergeuden. Dafür haben Wir Unser Personal. Lasst Euch jedoch vorab versichern, dass es sich bei dem Geschäft in der Tat um wohlfeiles Steineichenholz handelt. Ihr werdet schon sehen."
Ein apartes junges Stubenmädchen bringt derweil wohl temperierten Bosparanjer und Naschereien, darunter weitere schokoladige Köstlichkeiten.
"Wie ist es, mögt ihr euch die Räumlichkeiten und Vergnügungen ansehen, ein wenig mitspielen oder vielleicht einen Blick in mein neuestes Werk Rasen, Rosen und Rabatten werfen? Ich versichere Euch, es sind ein paar exquisite Pflänzchen dabei."

"Ja", so gerade noch, konnte Aurelio einen wirklich sehr, sehr tiefer Seufzer unterdrücken. Hätte es eine Maßangabe der Tiefe bedurft, die Wegstrecke von Sewamund nach Havena hätte nicht ausgereicht. Bestimmt nicht.
"Comto, wie konnte ich Eure Leidenschaft nur derart übersehen, gerne nehme ich vorab noch ein Pärchen dieser köstlichen Pralinés, auch wenn sie meine Figur vollends ruinieren werden", setzt Aurelio tapfer nach.
"Sicherlich, als Gast möchte ich mich den Gepflogenheiten ihres Hauses unterwerfen und "lasst die Spiele beginnen. Ich setze dieses Säckchen Gold im Tausch ihrer Grados ein." Dabei konnte sich Aurelio ein Lächeln nicht verkneifen. Gespannt auf die Vergnügungsvorschläge seines Gastgebers wartend, schaut Aurelio seinen Gastgeber an.

"Ah, wie entzückend! Das freut mich." Jacop gibt sich selbst einen kleinen Nasenstüber, sieht sich einen Augenblick suchend um und scheint gerade zu einem Entschluss gekommen zu sein, als sich Oro Masut nähert, das fallengelassene Tüchlein vom Boden aufhebt, mit um Vergebung bittender Miene auf eine unauffällige Tapetentür blickt und flüstert: "Euer Edelhochgeboren... untröstlich... vollkommen unaufschiebbar..."
Mit allen Anzeichen gesteigerten Unwillens und angehender Verzweiflung entschuldigt der Comto sich für den erneuten Fauxpas, dem Gast nicht völlig zur Verfügung stehen zu können, aber es gäbe nun mal gewisse Zwänge... "Ihr wisst, wovon ich rede.". Er winkt eine der aparten Tischdamen herbei, mit der Maßgabe, sich in jeder Hinsicht ausschließlich um das Wohl des Gastes zu kümmern, bis der Advokat das übernähme.
Nach Austausch einiger letzter Artigkeiten und Abschiedsworte entschwindet Comto Novacasa mit einer letzten Geste der Entschuldigung.
Aurelio ist ein wenig ratlos. Das hier ist nicht seine Welt. Da hinten wirft doch wahrhaftig jemand einen Horasdor durch den Raum auf einen mit Tuch bespannten Tisch. Ist das etwa ein Spiel? Um Horasdors? Unfassbar. Das Stubenmädchen hält immer noch mit gesenktem Blick das Tablett, während die Tischdame ihn bereitwillig anstrahlt. Ihr Busen hebt sich jedesmal deutlich, wenn er draufschaut. Ihr Blick ist nicht gesenkt, sondern begegnet ihm bei jeder Gelegenheit und macht ihm prickelnde Versprechungen, sodass Aurelio vor Nervosität die Lampen an der Wand zu zählen beginnt. Wenigstens kann er den ungeöffneten Geldbeutel wieder sicher verstauen. Will man ihn hier etwa so stehenlassen?
Nein. Schon nach wenigen Augenblicken kommt Gui La Flor herbei und erlöst den Geschäftsmann. In einem stillen Raum wird endlich ein Gespräch aufgenommen, das Aurelios Vorstellungen von geschäftlichen Verhandlungen entspricht.
Gui La Flor entpuppt sich als ebenso kenntnisreicher Kenner der Handelsbestimmungen und Gesetze wie Aurelio. Nachdem Diskretion vereinbart wurde, kommt das Gespräch zu den Details. Das Haus Novacasa hat Kenntnis von einer - der - zu den Zyklopeninseln gehörenden Eicheninsel, auf der tatsächlich Steineichen wachsen, die aber aufgrund gewisser Änderungen der Wachstumsbedingungen nunmehr geschlagen werden dürfen und sollen.

Schnell kristallisiert sich für Aurelio heraus, dass Herr La Flor zu wissen scheint, wovon er spricht. Das merkwürdige Äußere und das für Grangorer und Sewamunder Verhältnisse sehr freizügige Auftreten seiner Verhandlungspartner scheint eine Art kleidsamer Mantel zu sein. Sei's drum. Sie verstehen wohl wovon sie sprechen, und genau diese Sorte Verhandlungspartner ist ihm am liebsten.
Die ihm vorliegenden Dokumente sehen echt aus, die Inhalte schlüssig. Alle Siegel und Unterschriften sind am rechten Ort.
Nach einer weiteren Stunde der Verhandlung sind sich beide einig. Falls es aus nicht näher zu beziffernden Gründen - eine Schiffshavarie und Piratenüberfall scheiden dabei contracthalber aus - nicht zum gewünschten Abtransport echter Steineichen kommen wird, geht der 40%tige Anteil zu den entstandenen Ausrüstungskosten abzüglich 15% Wagnis und Risiko wieder in den Besitz des Hauses Novacasa über. Als zu transportierende Menge wird die Ladekapazität der Peraineblume gewählt. Herr La Flor sollte zudem mit 9% beteiligt werden. Als Einsatz einigen sich beide auf die Peraineblume als Transportschiff.
Mit dieser kleinen Rückversicherungsklausel sieht Aurelio nun keinen weiteren Grund, dieses erste gemeinsame Geschäft abzulehnen. Per Handschlag wird eine Absichtserklärung besiegelt. Dabei verabreden beide, dass das exakte Vertragswerk am nächsten Tage ausgearbeitet und unterschrieben wird.
Im Anschluß genießt Aurelio die Annehmlichkeiten im Haus der Aufgehenden Sonne. Er versucht sein Glück im Reihumgrün, Ditschen und Schwarzen Jacop. Nach mäßigen Erfolgen, aber viel Spaß beim Spiel und guter Unterhaltung verlässt Aurelio gegen Mitternacht diesen „Tempel der Sünde“. Geschafft, aber irgendwie glücklich an seine stürmische Jugendzeit erinnert, damals in Grangor ...

7. Tag, Unterschriften

Früh am nächsten Morgen, werden alle Notwendigkeiten einer schnellen Reiseaufnahme in die Wege geleitet. Ein geschäftiges Treiben liegt über dem Palazzo Aurelio. Soeben gehen Aurelio durch seinen treuen Diener Ungalf interessante Neuigkeiten mit der Morgenpost zu, die diesen Handel nur noch stärken.
Am selben Nachmittag werden alle Formalitäten feierlich von allen Beteiligten unterschrieben und dem Unterfangen steht somit nichts mehr im Wege.

18. Tag, Anker hoch!

Endlich, 11 Tage später liegt die Peraineblume, ausgerüstet und bereit zum Auslaufen im Sewamunder Hafenbecken vor Anker. Es verspricht ein sonniger Tag zu werden. Die See ist ruhig und lässt auf eine unkomplizierte Reise hoffen. Ein paar Möwen fliegen kreischend am Hafenpier als eine Kutsche vor der Peraineblume hält. Als Gesandte des Hauses van Kacheleen entsendet Aurelio seine unzertrennlichen Zwillinge Brunella und Travinus van Kacheleen auf die Reise zu den Zyklopeninseln. Brunella im schlichten weißen Kleid mit einem Sonnenschirm, der auf ihrer rechten Schulter ruht und einem Taschentuch sich vor die Nase haltend, um den Fischgeruch nicht zu intensiv einatmen zu müssen.
Travinus wirkt dagegen männlich, gut gebaut, schulterlanges gepflegtes Haar, dazu ebenfalls weiß gekleidet. Ein Rapier glänzt an seiner Seite. Ihnen folgen zwei in Havena angeworbene Angestellte des Hauses. Culried Trachlon, ein breitschultiger Seemann Mitte dreißig und Tassania Kleeblatt, eine schlanke, spitzbübisch dreinblickende Person Anfang zwanzig.

Mit den offiziellen Vertretern der Familie van Kacheleen sind nun alle Passagiere und Besatzungsmitglieder an Bord, und das Schiff läuft mit der Morgenflut aus.

18.-24. Tag, Die Reise

Auf direktem Weg sind 500 Meilen zurückzulegen, auf den üblichen Routen einiges mehr, aber ein hochseetüchtiges Schiff wie die Peraineblume ist nicht auf Küstenfahrt angewiesen, und so wird die Strecke trotz gelegentlich widriger Winde in einigen Tagem absolviert. Auf hoher See ist die Wahrscheinlichkeit einer Begegnung gering, und so sind auch die Einträge ins Logbuch recht monoton: "Stino."

24.Tag, Teremon auf Pailos

Dann heißt es "Land in Sicht!" und die Langeweile hat ein Ende.

Travinus kennt sich auf Pailos sehr gut aus. Nur zu lebhaft und lebendig sind ihm die Erinnerungen auf den letzten 300 Seemeilen an diese Zeit seines Lebens wieder zurück gekommen. In der letzten Nacht kann er sich zumindest bei einem heißen Techtelmechtel mit der im Ausguck diensthabenden feschen Matrosin Trischa genussvoll ablenken.
Eicheninsel. Er weiß eigentlich nichts über diesen Flecken Land. Außer den wichtigen Details, die ihm sein Vater vor der Abfahrt und seine Schwester während der Reise immer und immer eintrichtern. Steineichen finden, Formalitäten klären, durch anzuwerbende Holzfäller schlagen lassen, danach wieder schnellstens den Hafen von Teremon auf Pailos anlaufen und die Steineichen dort gewinnträchtigst verkaufen und mit anderen Waren heimkehren.
In Teremon handelt seine Zwillingsschwester mit einer ortsansässigen Reederei einen Vorkaufvertrag mit Ausstiegklausel aus. Währenddessen wird die unter Deck befindliche Ladung im Hafen gelöscht und ein satter Gewinn als Guthaben angerechnet.
Die Fahrt ist somit zumindest kostenneutral, denkt sich Brunella frohlockend. Dazu werden eiligst einige Zyklopäer mit scharfen Holzfälleräxten angeworben, um diese Unternehmung schnellstens durchführen zu können.
Dies alles wickelt Brunella als erfahrene Kaufherrin scheinbar im Handumdrehen ab. Die Männer und Frauen hören auf Ihre messerscharfen Kommandos und fühlten sich nach jedem kleinen Lob belohnt, als hätten sie viel Gold erhalten. Travinus hält sich dabei im Hintergrund. Es dauert nicht lange und die Peraineblume, ein stolzes Schiff, läuft wieder aus, diesmal mit Kurs auf die Eicheninsel.

25. Tag, Eicheninsel

Wieder heißt es "Land in Sicht!" und die Vorfreude beginnt. Das Schiff geht an einer guten Landestelle vor Anker. Es handelt sich um eine sehr kleine Bucht, deren Ankerstelle gerade für die Peraineblume ausreicht.
Brunella, Travinus und die Holzfäller verlassen über eine Planke das Schiff. Etwas, was nach Tagen auf See sofort auffällt: Dere scheint sich nicht mehr zu bewegen. Der Launische hatte gerade mal keine Gewalt über sie. Keine direkte. Es ist heiß. Die Sonne brennt auf dieses kleines Eiland herab. Ab und an geht eine frische Brise, hergeweht vom Meer, durch die Luft. Wellen schwappen unentwegt und leise plätschernd gegen den Strand.
Die Insel sieht unbewohnt aus und sollte es nach den spärlichen Informationen auch sein. Der Waldrand ist nicht weit vom Strand entfernt. Nach einem kurzen aber anstrengenden Marsch durch die pralle Sonne erreicht der Trupp die Steineichen. Ein dichter Wald, sehr ergiebig, denkt sich Brunella. Wahrhaftig, Steineichen. Ungewöhnlich, so weit im Süden. Es hieß, die Insel habe sich in den letzten Jahren verändert. Es ist kein Botanicus an Bord, aber selbst die diesbezüglich unerfahrene Brunella hat den Eindruck, daß die Bäume irgendwie leidend aussehen.
Ein kurzes Augenmaß, ein Kalkulieren und überschlagen. "Es sollte für viele Schiffsladungen reichen." lautet ihr kurzer Kommentar. "Los Leute, fangt an."

Die Insel ist groß genug, um möglicherweise einen Wasservorrat zu haben, und tatsächlich wird ein Bächlein gefunden, das vermutlich aus einem natürlichen Reservoir in einer felsigen Gegend gespeist wird.

Nach einem erfrischenden Bad aller Expeditionsteilnehmer tut der erste Holzfäller seinen ersten Schlag gegen den Stamm einer Steineiche.

Schnell stellt sich heraus, daß die Zyklopäer den Umgang mit dem steinharten Holz nicht gewohnt sind. Die Äxte und Sägen werden sehr schnell stumpf und müssen häufig nachgeschliffen werden. Unmut über die harte Arbeit macht sich breit. Jegliche Prämie rückt in weite Ferne, denn die üblichen täglichen Stückzahlen können so längst nicht eingehalten werden.

26. Tag, der Flaschenzug

Während Travinus und Brunella am nächsten Morgen beraten, ob das zum Problem werden könnte, kommt eine Nachricht. Etwa 100 Schritt landeinwärts wurde eine Eiche entdeckt, bei der an einem besonders dicken Ast ein verrotteter Flaschenzug hängt.

Schnell macht sich Travinus mit einem Holzfäller auf zu der Stelle, an der der Flaschenzug gefunden wurde. Vorsichtig den Boden abtastend begeben sich beide langsam zu der Eiche. Irgendwo wird es eine Stelle geben die ins Erdreich hinunter führt, wofür sonst hängt diese technische Errungenschaft der Lastenbeförderung an solch einem starken Eichenarm ?
Viel wichtiger als das ist die Frage, woher kam dieser Flaschenzug und was mag er wohl hier einst bezweckt haben?

Der von Laubschichten, Kräutern und Waldblumen bedeckte Boden erweist sich im Umkreis von mehreren Schritten als gleichermaßen tragfähig. Der Flaschenzug war ehemals ein solides kunstloses Gerät, ist aber längst Satinavs Hörnern zum Opfer gefallen und keiner Beanspruchung mehr gewachsen. Eine Öffnung im Boden ist weder zu sehen noch zu ertasten.

Travinus' Ergeiz, und was noch viel wichtiger ist, seine Neugierde ist geweckt. Während er den Holzfäller zurück zu den anderen schickt, zwei weitere starke Burschen mit Schaufeln vom Schiff zu holen, um den Grund um diese Eiche ordentlich zu durchpflügen, macht er sich selbst auf und erklimmt den Baum. So verschafft er sich einen zweiten Überblick. Diesmal von oben. Schnell hat er diesen ehrwürdigen Eichenbaum akrobatisch bezwungen und schaut auf die sich darbietende Situation.

'Seine' Eiche ist eine Eiche wie die anderen auch. Alt, knorrig, und 'leidend', irgendwie fehl am Platze. Travinus versteht abgesehen vom Geschäftlichen nicht viel vom Wald, und Mitleid mit Bäumen ist ihm fremd, aber der Anblick berührt ihn dennoch seltsam.

Es dauert nicht lange und drei Holzfäller mit Schaufeln, Seilen und Äxten bewaffnet erscheinen nicht weit von der Eiche entfernt. Travinus winkt sie herbei. Für einen Moment fährt ihn eine kühle Seebrise durch die Haare, die sich irgendwie in das Landesinnere verirrt haben musste.
Scheinbar mühelos treiben die Männer in dieser Hitze fern ihrer Heimat die Spaten in den zyklopäischen Boden. Travinus war und wird wohl nie ein Kaufmann werden, so mühelos konnte er den Ernst dieser kaufmännischen Expedition in Sekundenbruchteilen wie einen lästigen Schleier von sich abstreifen und das einzig durch einen verrotteten Flaschenanzug an einem Eichenast mitten auf einem unbewohnten Eiland.

Bereits nach kurzer Grabung werden die Männer fündig und stoßen direkt unter dem Flaschenzug auf eine Lage Balken. Steineichenholz, an der Oberseite von Satinavs Hörnern angegriffen, aber darunter hart, sehr hart. Die Männer greifen zur Axt, doch bevor sie zuschlagen, wendet sich einer nach oben: "Eure Befehle, Herr van Kacheleen?"

"Wartet, wo rohe Gewalt sinnlos waltet". Um leiser und geheimnisvoller nachzulegen: "Könnte man sie einfach hochheben? Vielleicht gibt es gar eine Art Luke, sagen wir ein verborgenes Tor?". So steigt Travinus von seinem Eichenast hinab und begutachtet die Eichenbalken nun penibelst genau.

Balken, roh zusammengefügt und vermutlich stark genug, sogar das Gewicht eines Zyklopen zu tragen. An einer Seite der Grabung ist das flache Loch etwas tiefer. Hier wurde ein Rand der Balkenlage freigelegt. Der Boden daneben ist fest und von einer dicken Baumwurzel durchzogen, die der Grabung vorerst Einhalt gebot. Irgendein Mechanismus oder gar eine Öffnung ist nicht zu erkennen.

Könnte man die Wurzel vielleicht als Unterlage benutzen, um einen der Balken hinaus zu hebeln? Travinus weist die drei Holzfäller an, einen kurzerhand geschlagenen, sehr stabilen dicken Ast in das flache Loch zu stecken, die Wurzel als stabilen Punkt zu nehmen und kräftig an den Balken zu hebeln. "Hau ruck, zugleich", hörte man einen der Holzfäller mühsam ächzen.
Noch immer brennt die Sonne gnadenlos auf die vier Männer herab. Von weiten hört man die vielen Axtschläge gegen diese steinharten Bäume. Kein Luftzug weht.

Die schweren Balken sind vernutet und verdübelt und erweisen sich als recht widerstandsfähiges Hindernis. Insgesamt bedecken sie eine Fläche von 3x3 Schritt, die letztlich freigelegt werden muss, damit die Verbindungen zu lösen sind. Zum Glück ist der bedeckende Boden nur zwei Spann dick, sodass nicht allzuviel Erdreich zu bewegen ist. Gegen Mittag schaut Brunalla vorbei, lässt Essen bringen und mahnt, dass die Männer bei der Arbeit fehlen würden. Die Stimmung sei sowieso nicht sonderlich gut.
Endlich sind die Balken fortgeräumt. Darunter ist an der unterschiedlichen Farbe des Erdreichs ein zugeschüttetes Loch von 1x1 Schritt zu erkennen. In der Mitte liegen die vermoderten Reste eines Vogels. Die Holzfäller ziehen sich erschreckt zurück.

Ängstliche Leute kann Travinus nicht brauchen, und so schickt er die Holzfäller fort und gib ihnen mit auf den Weg, dass er noch ein wenig hier bleiben würde. Nun ist Travinus allein. Interessiert bückt er sich über den Vogel und betrachtet ihn genau. Ein wenig später, versucht er mit den Spaten den gesamten Boden abzuklopfen. Dafür muss er den Vogel anheben, damit er unter diesem nachschauen kann. Mit der Schaufel hebt er daher den Kadaver behutsam aus seinem Grab. Dabei fällt sein Blick zufällig auf die Rückseite der Balken, die das Grab bedeckten.

Balken, nichts weiter. Ein längst vergammeltes Huhn, nichts weiter. Nichts weiter? Zu sehen ist jedenfalls nichts, und der Geruch des Todes ist bereits nahezu vollständig entschwunden. Der Boden stammt von hier, wurde ausgehoben, wieder zurückgetan und festgestampft, wie an Farbe und Konsistenz auch für einen Laien wie Travinus zu sehen ist. Er hebt einen Spann Erdreich heraus und stellt dann fest, dass er vor Eifer in Schweiß geraten ist. Ziemt sich das für einen Patrizier? Schmutzig ist er inzwischen auch. Travinus stochert tiefer. Feste Erde, keine Wurzeln. Traviano stellt fest, dass seine Finger bald Blasen haben werden, wenn er so weitermacht. Er ist die Feder gewohnt, nicht das schwere Werkzeug.

"Ohne Fleiß kein Preis.", murmelt Travinus. Ein Huhn unter zusammengedübelten festen Eichenbalken an einer Eiche vergraben. Ein seltsames Ritual. So denkt er sich. Vielleicht finde ich unter diesem armen Vogel doch noch einen Hinweis. Irgendetwas.
Bevor er noch gut einen Schritt in diesen Boden graben möchte, schaut er sich die Eiche genauer an. Nach einem tiefen Schluck aus seinem Wasserschlauch gehts wieder an die Arbeit.

Travinus gräbt und gräbt. Einmal fällt ein Brocken Erde von der Wand und lässt den Abdruck einer ehemals dort befindlichen Verschalung sichtbar werden. Hinfort achtet Travinus auf diese Spuren und entdeckt sie auch weiterhin. Der Haufen mit dem Aushub wird immer größer. Der Wasserschlauch ist längst leer, da hört Travinus eine bekannte Stimme: "Hast du den Verstand verloren? Wie siehst du eigentlich aus? Was glaubst du, was die Leute sagen, wenn sie dich so sehen?" Immerhin hat Brunella einen Picknick-Korb dabei.

"Brunella, ja... nein... vielleicht...". Die Erde aus seiner Kleidung klopfend entsteigt Travinus der beachtlich gewachsenen Grube. "Du bist und bleibst mein Schatz, kleine Schwester". Amüsiert beißt er sich auf die staubtrockene Unterlippe. "Kleine Schwester?" Empört wirft ihm Brunella den Wasserschlauch vor die Füße. "Sei froh, dass ich dich aus dieser misslichen Lage gerettet habe. Wahrscheinlich wärst Du morgen noch hier am graben und würdest vor lauter Neugierde nicht merken, dass das Loch zu tief ist und Du nicht mehr hinaus steigen könntest". Sie hält inne, benetzt ihre vollen Lippen mit ihrer Zunge, "Lass uns kurz rasten und dann wieder zu den Männern zurückkehren. Es warte⁴ harte Arbeit auf uns. Diese Steineichen sind garstige Biester und schwer zu fällen. Wir hinken im Zeitplan hinterher."
Während sie so im Schatten der verkrüppelten Eiche sitzen, erzählt Travinus von seinem Fund.

Brunella hört sich alles geduldig an, ist auch nicht uninteressiert, weist aber darauf hin, dass Pflichten zu erfüllen sind. Die beiden stärken sich, plaudern dabei eine Weile und malen sich aus, was wohl zu finden wäre. Es dämmert bereits, als die Vorarbeiterin der Holzfäller ankommt und fragt, ob das Tagessoll als nicht erfüllt einzutragen ist oder ob länger gearbeitet werden soll - was die Kosten erhöhen würde.

"Wir arbeiten weiter, es gilt möglichst eine ganze Ladung nach Teremon zu bringen". Mit diesen Worten packte Sie alle Utensilien ein. Entschlossener geht Sie mit ihrem Bruder zu den Holzfällern zurück.
Brunella merkt, welche Stimmung vorherrscht. Dafür war sie zu lange im Geschäft. Schwere Arbeit, dazu in dieser trockenen Hitze. Das sind Gründe, welche die Moral der Arbeiter drücken können.
So stellt sich Brunella auf einen runden Felsen, gerade so, dass sie etwas erhöht vor Ihrer Schar müder Arbeiter steht und spricht sanft:
"Starke Frauen und Männer von Pailos, wir sind hier um gegen diese steinharten Eichen zu bestehen. Wir sind hier um Gold zu verdienen. Wir werden heute noch diese Stämme fällen, dann gehört jedem von Euch an diesem Abend eine gute Portion Rum. Kluge Leute von Pailos: Ich, Brunella van Kacheleen, verdopple eure Heuer, wenn ihr den Plan nicht nur einhaltet, sondern sogar um ein Zehnt übertrefft."

Die Laune der Holzfäller bessert sich. Arbeit ist Arbeit, und Schnaps ist Schnaps. Harte Arbeit ist eine Sache, doppelt harte Währung eine andere. Große Begeisterung kommt dennoch nicht auf. Was nicht geht, das geht nicht. Es wird bis in die Nacht gearbeitet, und so wird für heute das Ziel erreicht. Die Holzfäller hatten zuletzt mit einer Wucht auf die Bäume eingeschlagen, als gelte es, Schlinger zu fällen. Dennoch beschleunigte sich die Ausbeute kaum, denn die Klingen verschlissen umso schneller. Und so war es die lange Arbeitszeit, die letztlich das Soll erfüllen half.
Die Zwillinge ziehen sich auf das Schiff zurück. Die Vorarbeiterin Minervé Skeboserin bespricht sich mit ihnen: "Wir machen offenbar irgendwas falsch, aber wir wissen nicht, was. Wir bräuchten einen Fachmann, aber keiner von uns hat je mit Steineiche gearbeitet.

Ja, da hatte die Vorarbeiterin Recht. Brunella sprach sanft aber bestimmend. "Nur, meine liebe Minervé, jetzt ist zu spät, hier auf diesem von Menschen wohl unbewohnten Flecken Land, mitten in der Zyklopensee, einen fachkundigen Baumfäller zu finden ...", einen kurzen Atemzug später:
"Sei es drum. Wir haben Äxte, starke Männer, genug Rum und Proviant und werden wohl noch eine Weile länger hier bleiben.", um energisch und entschlossen nachzusetzen: "Diese widerspenstigen Steineichen werden wir in den Bauch unseres Schiffes verladen. Bei Phex, das werden wir."
Die Nacht bringt die ersehnte Kühle. Nach einer guten Portion Rum, gerade soviel, dass die morgige Arbeit nicht in Gefahr ist, fallen die Holzfäller zufrieden in ihren Schlaf. Zwei Wachposten werden aufgestellt. Travinus und Brunella schlafen bei den Männern. Ihr Diener ter Goov bleibt derweil auf der Peraineblume.

27. Tag, der Schacht wird tiefer

Mit dem ersten Sonnenstrahl kommt auch der morgendliche Kater. Zu hart hatte man geschuftet und zu gut schmeckte der mitternächtliche Rum. Dennoch treibt die Vorarbeiterin Minervé ihre Männer nach dem gemeinsamen Frühstück zur weiteren Höchstleistung an. Die Werkzeuge werden geschultert und man begibt sich zur Schlagstelle.
Es werden verschiedene Methoden ausprobiert.
Travinus grübelte bis in die frühen Morgenstunden an diversen Ideen. Aber eine fesselte ihn doch so sehr, dass er sich mit Minerve abspricht. Der Flaschenzug.
Im Schiffsbauch findet sich eine Kiste mit drei intakten und stabilen Flaschenzügen. Starke Seile, die über die Flaschenzüge laufen, werden von den Männern mit dem einen Ende an einer Steineiche befestigt, ungefähr in zwei Drittel der Gesamthöhe des Baumes. Das andere Seilende halten dagegen mehrere starke Männer. Nun bearbeiten abwechselnd zwei Holzfäller den Stamm, während die restlichen Männer am Seil ziehen.
Den restlichen Vormittag über sieht und hört man von Travinus nichts mehr. Er schläft. Brunella beaufsichtigt die Arbeiten und der Smutje kocht eine starke kräftige Suppe in einem großen Kessel für die Arbeiter.

Der Versuch mit den Flaschenzügen erweist sich zwar vordergründig als erfolgreich - die Stämme fallen ein klein wenig früher - aber letzlich als nicht vorteilhaft. Gerade wenn ein Stamm in Bewegung gerät, kommt es darauf an, die wenige verbleibende Zeit zu nutzen, damit das Holz sich nicht auf dem Weg nach unten spaltet. Zudem fehlen die Männer am Zugseil an ihrer Säge.
Die Matrosen verladen seit dem Morgen die erste Ladung Baumstämme. Zeitweilig beteiligt sich auch der Schiffszimmermann Furro Unterweger daran und hört von den Problemen der Landratten. Er lässt sich vom Kapitän eine Belohnung versprechen und erzählt Minervé dann, was er von einem Helfer aus dem Volk der Waldmenschen gelernt hat: "Die bearbeiten sogar Rotes Eisenholz teilweise noch mit uralten Bronzewerkzeugen. Der Trick ist, mit besonders wenig Druck und dafür schneller zu arbeiten. So nutzen die Werkzeuge sehr viel langsamer ab und man kommt insgesamt sogar schneller voran, als wenn man sich stark anstrengt." Tatsächlich: Nachdem die Vorarbeiterin ihre Truppe instruiert hat, geht die Arbeit merklich besser voran und ist auch nicht mehr so anstrengend. Als Travinus erwacht und beim 'Frühstück' davon hört, ärgert er sich ein wenig, nicht selbst an den Fachmann auf dem Schiff gedacht zu haben.

Am frühen Nachmittag sieht Travinus sich das Loch unter der Eiche an. Potztausend! Da hat doch tatsächlich jemand in der Nacht weiter gebuddelt, denn das Loch ist inzwischen mindestens einen Spann tiefer.

Irgendetwas kribbelt in ihm. Eine merkliche Unruhe macht sich zudem breit. Die Neugierde. Wird er beobachtet? Travinus untersucht die nähere Umgebung eindringlicher und sorgfältige als vorher. Jedem noch so kleinen Hinweis möchte er nachgehen. Dann widmet er sich dem mysteriösen Loch wieder, sucht nach Spuren in der Erde, neuen Spatenstichen oder Hinweisen auf bloße Hände, vielleicht Tatzen eines Tieres? Die Überreste des Vogels liegen unverändert in der Nähe. Offenbar hat in der Nacht ein Mensch mit einem Spaten weiter gegraben, allerdings ohne etwas zu finden.
Nach langen Minuten hat Travinus sich einen guten Überblick über die sich darbietende Situation verschafft. In ihm reift der Entschluss zum Weitermachen. Brunella hat das mit den Steineichen vollends im Griff. Die neue Methode scheint zu wirken, um die Bäume zügiger zu fallen. Man braucht ihn daher derzeit nicht. "Ich werde mir Proviant holen," sagt er sich. "Ein Seil, dazu den kräftigen Spaten. Irgendetwas ist hier und ich wäre nicht Travinus, wenn ich es nicht finden könnte. Etwas altes, verborgenes."
Schon kreisen die Geschichten seiner Mutter in seinen Gedanken herum. Sie erzählte viel von seinem Onkel Neven Nepolemo van Kacheleen und besonders seiner Cousine Larissa. Beide hatten sich vollends dem Auffinden von Altertümern und der Geschichte verschrieben. Gerade die Zyklopeninseln spielen bei den van Kacheleens eine zentrale Rolle. Er selbst lebte einen Götterlauf auf Pailos. Sollte es an ihm sein, hier, auf diesen Eiland etwas zu finden? Eine Spur in die Vergangenheit?
"Die Götter mögen mich führen". Mit diesem Worten beginnt Travinus zu graben. Damit er seine Hände weitestgehend schonen kann, trägt er Lederhandschuhe. Dazu einen gar merkwürdigen breitkrempigen Hut mit einer Falte im hochstehenden Mittelteil. Seine leichte, weiße Tuchkleidung ist einer robusten Hose gewichen, der Oberkörper ist luftig frei.

Travinus gräbt und gräbt. Er schuftet sich ab wie ein Tagelöhner im Akkord und kommt immer langsamer voran. Der eigentliche Schacht ist nur 1x1 Schritt breit, aber so eng kann Travinus immer nur ein kleines Stück graben, dann muß er das Loch erweitern, damit er sich noch drehen und wenden kann. Eine Mordsarbeit, denn die inzwischen durch die Zuschüttung gewachsenen Wurzeln sind eine Sache. Der unberührte Boden daneben ist dagegen von dem sehr viel dickeren - und entsprechend widerstandsfähigeren - Wurzelwerk der Eiche durchzogen und höllisch schwer wegzuräumen. Nach Stunden hat Travinus genug. Er hat ein ganz ordentliches, mehrere Schritt tiefes Loch gebuddelt, aber jetzt langt es. Er ist ein Patrizier, kein Sträfling, und ein Ende der Arbeit ist nicht in Sicht. Travinus setzt sich mit seinem Abendessen hin und überlegt.

Zweifelsohne ein Abenteuer. Auch wenn die Schwielen an den Händen ihn nach dieser Reise bestimmt noch etwas begleiten dürften. Seine Gedanken kreisen um die Lösung seines arbeitsintensiven Problems. Ziehe ich Holzfäller von Ihrer Arbeit ab? Nein, Brunella würde mir da etwas anderes erzählen. Sie ist zu kaufmännisch nüchtern, als dass sie auch nur im geringsten schätzen könnte, welchen Dienst er – ja – der Liebfelder Menschheit erbrachte. Zumindest den Zyklopäern... vielleicht auch nur wenigen „Eingeweihten“ ... zumindest, seufzt er abschließend, würde wohl vordergründig seine eigene Neugierde durch diesen Exkurs gestillt werden. Sei es drum.
Da kommt ihm der entscheidende Einfall.
Da sind noch die Matrosen auf dem Schiff. Die Heuer ist bezahlt und verfügbar wären sie demnach auch. Auch langweilen sie sich gewisslich. Da würde ich zwei, drei starke Männer mit dem heissen Versprechen einer Liebschaft im Hafen von Teremon und ein wenig zusätzlichem Silber sicherlich begeistern können.
Gesagt getan. Nach einem ausgiebigen Bad am Strand der Insel, spricht Travinus mit dem Kapitän der Peraineblume. Travinus steigt die hölzerne Treppe empor, hüstelt kurz und gewinnt dadurch die Aufmerksamkeit des Kapitäns.
„Den Launischen zum Gruße. Kapitän, ich komme mit einer wichtigen nicht aufschiebbaren Bitte auf Euch zu. Diese könnt Ihr mir unmöglich abschlagen. Nicht für das Geld, welches ich Euch und dreien Eurer Männer biete.“ Eine kleine Geldkatze wechselt in diesem Augenblick diskret den Besitzer.
„Sprecht mein Herr.“ Der Kapitän wiegt die Katze in seinen Händen und lächelt wohlwollend.
„Wir liegen hier wohl noch einige Zeit vor Anker, bis meine Schwester Brunella eine Schiffsladung dieser überaus harten Steineichen ihr eigen nennt. Ich dagegen habe andere Ziele. „
Der Kapitän schaut erstaunt und zieht eine Augenbraue hoch, den Blick weiterhin auf Travinus gerichtet.
„Drei starke Männer von Eurer Mannschaft benötige ich. Sie sollen sich nicht zu schade sein, durch harte Arbeit ein wenig zur Heuer hinzu zu verdienen. Ihr könnt mir sicherlich den Gefallen tun?“
Sein Gegenüber überlegt kurz, nickt und spricht:
„Für drei Tage gebe ich Euch den jungen Farrel, den starken Brutzel und den flinken Darius.“
Der Kapitän weist die drei starken Männer an, Travinus mit entsprechendem Gerät und Wasser zu folgen. Der Weg führt sie schnurgerade zu dem bisher ausgegrabenen Loch unter der Eiche.
Die Männer wissen, was auf sie zukommt. Harte Arbeit, allerdings mit der verlockenden Aussicht, die knapp kalkulierte Heuer ein wenig aufzustocken.
Da im Loch nur ein Mann ordentlich arbeiten kann, verständigen sich die drei, dass zwei von oben das Loch etwas vergrößern. Immer so, wie es die garstigen in die Breite wie Tiefe reichenden Wurzeln gerade noch zulassen. Es ist wirklich ein dichtes Wurzelwerk. So gräbt der Dritte derweil in die Tiefe. Unter vereinten Kräften schaffen es die Seeleute das Loch nicht nur zu vergrößern, auch mehr und mehr an Tiefe zu gewinnen. Als ein Teil der Wand nachzugeben droht, werden starke Äste geschlagen, die das Loch an den Seiten abstützen. So rieselt nur noch gelegentlich Erde nach, die aber keinen mehr verschütten kann.
Gegen Abend gehen die Arbeiter und Travinus erschöpft zum Schiff zurück. Dort besorgt sich Travinus eine Hängematte, ein Seil, ein Fischernetz, dazu eine Fackel und Feuerstein sowie Zunder. Er möchte bei der alten Eiche schlafen und überwachen, ob sich diese Nacht wieder der geheimnisvolle unbekannte Graber einfindet. Auf dem Rückweg erkundigt er sich bei seiner Zwillingsschwester kurz nach dem Tagessoll.
„Frag nicht Travinus, es wird noch was dauern.“ Bekommt er eine aus seiner Sicht der Dinge, mehr als erfreuliche Antwort, vielleicht ausreichend Zeit um zu ergründen, was es mit dem Loch auf sich hat.
Mit der Nacht weht der Wind zum einen eine frische Brise und aus dem Lager der Holzfäller kehligen Gesang herüber. Zudem ist der Himmel sternenklar und sogar das Madamal kann Travinus sehen. In gänzlicher Fülle sogar. Vollmond ...
So gut gerüstet und genährt sitzt Travinus auf einem starken Ast der alten Eiche. Von unten nicht zu erkennen, aber mit einem guten Blick auf die nähere Umgebung sowie das Loch unter ihm. Er hält das Fischernetz griffbereit, so dass er es nach unten fallen lassen kann und wartet geduldig.

Als die letzten Geräusche im Lager der Holzfäller verstummen, meldet sich Bishdariel auch bei Travinus. Beinahe fällt er herunter, als er kurz einnickt. Der Schreck hält ihn für eine ganze Weile wach. Schließlich hört er die erwarteten Geräusche. Wahrhaftig, da wagt es doch tatsächlich jemand, an 'seinem' Loch zu buddeln. Travinus wirft das vorbereitete Netz und - Volltreffer! - er hat den Übeltäter erwischt. Travinus springt vom Baum und - verfluchte Axt! - rutscht auf dem losen Erdreich aus. Er kullert ins Loch, genau auf den Rücken seines Gefangenen - seiner Gefangenen, denn eine zweifellos weibliche, junge Stimme quietscht vor Schreck: "Hilfe! Verschwinde, du Schwein!" Travinus weicht eine Kleinigkeit zurück, da trifft ein Knie genau auf seine Familienjuwelen. Waaaggghhh!!! Panik überfällt ihn: Was, wenn das das Ende seiner... Um Alverans Willen, nur das nicht! Travinus ist so mit sich und seinem Leid beschäftigt, daß er die davoneilenden Schritte erst vernimmt, als es längst zu spät ist. Er wimmert und grollt und verflucht die Würfel des Schicksals. Es dauert eine ganze Weile, bis Travinus wieder aufrecht stehen kann. Das Netz wurde zerschnitten. Auch das noch. Travinus öffnet seinen Hosenlatz und prüft den Zustand seines Gemächts. Immerhin, alles noch vorhanden, auch wenn die Schmerzen mehr als beunruhigend sind. Ganz langsam und mit kleinen Schritten begibt Travinus sich zum Strand. Er ist sich nicht sicher, ob bei der Zusammenstellung der Mannschaft an einen richtigen Arzt gedacht wurde.

In Gedanken versunken und mehr stolpernd als aufrecht gehend kommt Travinus an den Rand des Holzfällerlagers. Durch diverse Stürze ist aus seiner einst weißen und gepflegten Kleidung, etwas dunkleres, zerschlissenes geworden. An den Knien ist das Beinkleid zudem offen. Die Haut wirkt überwiegend ungewaschen und verleiht ihm etwas animalisches. Gerade im Licht der Sterne und des vollen Madamals ... Kaum schreitet er zwischen den ersten Zelten hindurch, als eine Wache ihn bemerkt. Was diese Wache jedoch sieht, ist weniger der junge Travinus, mehr eine verwunschene Gestalt aus dem Sagen und Legenden dieser Inseln. Ein böser mit Hufen gesegneter Chimär vielleicht? Voller Angst und Panik erschallt ein lautes "Hilfe, wir werden überfallen." und ein hastiger Griff zu den bereit liegenden Äxten. Durch den Ruf aus ihrem verdienten Schlaf gebracht und ängstlich obendrein, schnellen die Holzfäller aus dem Schlafe und Ihren Zelten.
Schnell brennen Fackeln und die Männer und Frauen, welche den Schrecken überwunden haben, machen sich auf zu erkunden, welcher Geist, oder welches Wesen das Lager überfällt. Auf engsten Raume zusammengerottet werden wild die Fackeln geschwenkt, viele Gebete Richtung der Götter geschickt. Brunella ist unterdessen am großen Haufen angekommen. Die Situation ist skurril, auf der einen Seite ein ängstlicher Mob, der wild gestikulierend einem verwilderten Wesen aus den niederen Sphären mutig die Stirn bietet, auf der anderen Seite ein... ein... ja, ein Wesen, das sehr furchteinflößend und irgendwie doch komisch aussieht. Auch waren Art und Haltung des bösen Wesen unserer Brunella sehr geläufig, wenn nicht sogar vertraut. Travinus. Im Schein des Madamals konnte sie ihn für einen kurzen Moment sehr gut erkennen. Verdammt. Was denkt er sich dabei?
Kurzerhand nimmt sie eine Zeltstange, schreitet schnell auf das Wesen/Travinus zu und dreht sich auf halben Wege zu ihren Männern und Frauen um. "Höret, tapfere Gefolgsleute aus Teremon, mutige Holzfäller! Den Mühen und der harten Arbeit haben wir gemeinsam getrotzt. Wir sind zäh und unerschrocken. Auch diese Prüfung werden wir mit Hilfe der Zwölfe bestehen. Diesen schwarzen Schrecken werde ich, Brunella van Kacheleen, persönlich gnädig stimmen." Ihre Stimme klingt hart und unbeugsam in der Sache selbst. Zu dem Wesen/Travinus gewandt sagte sie zuerst ganz leise, kaum hörbar. "Unsäglicher Bruder, höre auf das was ich Dir sage und renne dann zum Schiff. Bleibe außer Reichweite, ich werde dich finden und frische Kleidung bringen". Dann setzt sie sehr laut nach:
"Schwarzer Unhold, Wesen aus den Wäldern dieser Insel. Wir kommen in Frieden. Eine Schiffsladung eures Holzes wird reichen und wir verlassen diese Insel. Als Zeichen Eures Einverständnisses verlasst ihr uns jetzt und der Pakt zwischen uns gilt".
Für Travinus ist es ein Gefühl wie auf der Bühne einst in Grangor, nur ist dies das richtige Leben. Vor wenigen Augenblicken noch im Schacht von einer gewaltigen Übermacht in Schach gehalten und böse an den Kronjuwelen verletzt, und jetzt ... auf der Suche nach Hilfe von den eigenen treuen Gefährten als Wesen aus einer fremden Zeit und Kultur verkannt. Es war zu unglaublich und tragisch auf der einen Seite und eigentlich witzig auf der anderen Seite, wie sich die Situation blitzschnell änderte. Dazu der bühnenreife Auftritt seiner Schwester. So zischt er ein lautes "Buuuhhhuuuuu" und macht sich im Schatten des Waldes auf zum Meer. Er kommt unbemerkt zu der Stelle, wo die Peraineblume friedlich vor Anker liegt. Einige Steine versperren den Blick und so kann er getrost warten, bis Brunella ihm die Kleidung bringt.
Doch was ist das? Im Lichte der Sterne sieht er ein kleines Ruderboot, welches sich wohl unbemerkt vom Strand zur Peraineblume aufgemacht hat.
Nur eine Person sitzt darin. So scheint es. Ist es... kann es... wird es... viele Gedanken schießen ihm durch den Kopf und enden wieder bei der mysteriösen Person vom Schacht.
Der Schacht, schmerzhaft kommt ihm dieses Abenteuer wieder in Erinnerung. Nach einem frischen und erquickenden Bade in der kalten See, bringt Brunella ihm neue Kleidung. Schnell erzählt Travinus was ihm passiert ist und dankt seiner Brunella herzlich. Brunella hat außer Tadel und Ermahnungen nicht viel mitzuteilen.
Gemeinsam gehen sie ins Lager und hören dort immer und wieder von der Heldentat Brunellas und dass jetzt auch das Schicksal auf ihrer Seite sei. Der von Brunella kurzerhand ausgelobte Rum steigert mehr und mehr die Stimmung und läßt den Schrecken vergessen. Irgendwann in der Nacht wird es ruhig und Bishdariels Schleier fällt über die Eicheninsel.

10 Schritt Tiefe

28. Tag
Am nächsten Morgen gehen die Arbeiter später wie sonst und nach kurzer Ansprache von Brunella ihrer Arbeit mit herzhaften Eifer nach.
Travinus dagegen treibt seine Arbeiter unermüdlich an. Weiter, immer weiter. Es gilt, der mysteriösen Unbekannten zuvor zu kommen. Der Seemann im Loch befindet sich bereits in 10 Schritt Tiefe, als er Widerstand meldet. Die Grabung wird fortgesetzt und macht ein in der Wand des Schachtes verkeiltes, 1x1 Schritt großes Geviert aus Balken sichtbar, darunter eine Lage aus Balken, wie sie bereits freigelegt wurden.
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Endlich. Gut, dass er sich nicht hat beirren lassen. Hier ist mehr, als dieser olle tote Vogel. "Los, Männer, mit Hilfe eines Flaschenzuges schaffen wir das. Ein Haken muss ins Holz gebohrt werden, an diesem befestigen wir ein Seil, welches wir über den Flaschenzug bedienen." Seine Stimme ist zu seinem eigenen Erstaunen, hart und direkt. Sollte er über diesen Sinneswandel nachdenken? Er beschließt, sich das für die Rückfahrt aufzuheben. Hier gilt es Ruhm und Ehre zu erwerben. "Nehmt auch längere stabile Äste zum Hebeln".

Die Männer tun, was ihnen gesagt wird, auch wenn einer leise Bedenken äußert. Allzu brachial erscheint ihm die Methode. Es dauert eine Weile, bis die gesamte Konstruktion fertig ist, dann wird mit aller Macht daran gezogen. Doch auch lange Äste sind als Hebel nicht ausreichend. Die in der Wand des Schachtes verkeilten Balken geben kaum nach. Schließlich läßt Tavinus einige Taljen und richtig starke Taue vom Schiff holen. Dieser Gewalt kann das Balkenwerk nicht widerstehen. Es wird herausgerissen und nach oben gezerrt. Dabei stürzen die Seitenwände des Schachtes ein und die Verbindungen der Balken reißen auseinander. Schließlich kommen nur noch die Balken mit den hinein gebohrten Haken oben an.
Travinus sieht sich die Bescherung aus der Nähe an. Ärgerlich, aber nichts, was nicht problemlos in den Griff zu kriegen wäre. Er wechselt die erschöpften Arbeiter aus und holt gleich noch drei weitere hinzu. Das Loch wird neu ausgehoben, und infolge der eingestürzten Seitenwände wird der Trichter immer breiter. Das Wurzelwerk der Steineiche stützt den Boden in so großer Tiefe nicht mehr, und so muß teilweise neu verschalt werden.

29.Tag, drei Tage graben

Einen Tag später ist der Schacht wieder so weit hergerichtet, dass an der ursprünglichen Stelle weiter gegraben werden kann. Gefunden wird - nichts. "Schei...benkleister." Einen Moment lang denkt Travinus daran, die Brocken hinzuwerfen, aber dann wäre die ganze Mühe vergebens. "Niemand baut so etwas aus Jux und Dollerei. Weiter!"
Das Buddeln auf engstem Raum ist sehr anstrengend, und der Untergrund ist feuchter als vorher. Der Grundwasserspiegel dürfte längst durchstoßen sein, aber der Boden ist anscheinend dicht genug, um das nicht zum Problem zu machen. Die zu schöpfende Wassermenge hält sich in Grenzen.

So vergehen drei weitere Tage.

32. Tag, 20 Schritt Tiefe

Am Mittag meldet die am Grund des Schachtes arbeitende Matrosin erneut Balken, genau wie die Lage 10 Schritt darüber. Vier Hölzer im Geviert in der Wand verkeilt, darunter eine dicht gefügte Lage. Zum Mittagessen kommen Brunella und Kapitän Praiostobal Yonnes und lassen sich berichten. Kapitän Yonnes fragt, inwieweit dieses "Gebuddel" mit dem Kontrakt in Einklang zu bringen sei. "Ich müsste davon berichten, aber wenn Ihr bessere Vorschläge habt?"

"Überaus geschätzter Kapitän Yonnes. Falls es Euch aufgefallen ist, handelt es sich hier nicht um ein bloßes und gewöhnliches "Gebuddel", sondern um höchstwissenschaftliche Feldstudien."
Travinus kontert gekonnt den tiefen Blick des Kapitäns mit einen fast noch tieferen Gegenblick. Eine Augenbraue wandert bedächtig langsam die Stirn herauf und verbleibt hochgezogen an der für sie bestimmten Stelle.
"Durch Zufall und Hesindes Willen selbst haben wir diesen Eingang unter größten Mühen finden können und werden den selbigen im Dienste der Wissenschaft untersuchen. Es mag befremdlich und neu für Eure überaus wogenerprobten Ohren klingen, dass an Land, ja an sich nicht bewegenden Land, eine Errungenschaft längst vergessener Völker und Kulturen auf uns wartet ... aber lieber Kapitän Yonnes, dem ist und bleibt so. Nur finden, das sollten wir jetzt langsam etwas." Als er die letzten Worte sagt, schaut er zur Praoisscheibe, überlegt kurz und macht sich mit seinen Arbeitern ans Werk. Weiter, immer weiter.
Brunella hält sich während der gekonnten Rede ihres offensichtlich an einem schweren Sonnenstich erkrankten Bruder merklich zurück. Sie schiebt dem Kapitän eine kleine, gut gefüllt Geldkatze unauffällig zu und lächelt den starken Praiostobal an, wie es nur ein verspieltes Frauenzimmer kann. Mit dem Unterschied, dass Brunella weder verspielt noch ein richtiges 'Frauenzimmer' ist. Dafür ist sie zu sehr Kaufherrin durch und durch. Aber das tut dieser Situation keinen Abbruch. Praiostobal schaut kopfschüttelnd Travinus hinterher, bemerkt die beruhigende Wirkung der Geldkatze und fühlt sich durch Brunella merklich in seiner männlichen Kraft geschmeichelt.
"Gut, einzig eine Bedingung: Das heutige Abendmahl nehmen wir gemeinsam in der Offiziersmesse ein. Ihr seid eingeladen." Brunella nickt stumm.

"Und wir werden darüber reden müssen, wie wir den Geldgebern die Verzögerung erklären. Die Leute fehlen bei der Arbeit. Das kostet Geld. Der Zeitverlust lässt sich nicht einfach leugnen."

Die Sonne brennt wie all die letzten Tage auf das kleine Eiland herab. Die Holzfäller komme dem Ende Ihrer Aufgabe näher und näher und fällen Stamm um Stamm. Diese werden auf die Peraineblume verladen. Lange kann es nicht mehr dauern.
Am Schacht geht derweil die Arbeit unaufhörlich weiter. Einem Arbeiter fällt auf, dass auf den Balken etwas eingeritzt ist. Nachdem Travinus die Balken mit Wasser befeuchtet hat, kommen unbekannte Zeichen und Symbole zum Vorschein. Da kein Historiker und auch kein Sprachgelehrter kurzerhand aufzutreiben sind, beschließt Travinus, die Balken diesmal äußerst vorsichtig seitlich zu umgraben, möglichst freizulegen, um diese dann durch Hebel bewegen zu können. Es gilt zu vermeiden, dass der bereits gegrabene Schacht Schaden nehmen könnte. Auch möchte man die Zeichen nicht zerstören.
Nach erheblichen Mühen gelingt es die Balken sowie das Geviert freizulegen. Nach versteckten Mechanismen wird geschaut, womit die Balken vielleicht "leicht und schnell" geöffnet werden können. Ein Hebel, vielleicht eine Druckstelle? Sind die Balken in dieser Tiefe durch die lange Zeit unter Tage vielleicht vermodert und können einfach auseinander genommen werden?

Travinus ist so in seine Arbeit vertieft, daß ihm zunächst nicht auffällt, wie viel Wasser durch die bereits teilweise entfernten Balken nach oben dringt. Nasse Stiefel gehören ja schon seit einer Weile dazu. Als er bemerkt, dass das Wasser demnächst die Schäfte seiner Stiefel überfluten wird, zieht er den linken Fuß hoch, doch der Stiefel bleibt im Schlamm stecken. Er zerrt ihn heraus und zieht ihn wieder an, doch der andere ist inzwischen voll gelaufen. Als wäre das noch nicht genug, fallen immer mehr Brocken aus der Seitenwand und platschen ins Wasser. Travinus zieht den anderen Fuß aus dem Schlamm, diesmal mitsamt Stiefel. Er grübelt einen Moment, denn der linke Fuß sinkt bereits wieder ein. Verflucht! Das hier ist wahrlich nicht sein Handwerk, aber jetzt wird auch dem Laien klar, dass er sich in akuter Lebensgefahr befindet. Wenn er nicht alsbald aus dem zähen Schlamm freikommt und das Wasser so wie jetzt weiter steigt, wird er elendig absaufen! Er blickt fast 20 Schritt nach oben. Ein weiter Weg...
Brunella überlegt gerade, ob sich die Zweckentfremdung der Arbeitskräfte wirklich auf Dauer verheimlichen lässt. Irgendwer quatscht immer, ob betrunken oder versessen auf eine kleine Belohnung. Und wenn Travinus tatsächlich etwas findet, wem gehört es dann? Plötzlich schreckt sie hoch.

Die Menschen auf der Insel hören einen spitzen Schrei. Woher kann dieser kommen? Vom Schiff? Nein, die Wellen plätschern leicht gegen den Rumpf. Aus dem Lager selbst? Nein, die Holzfäller sind bei der Arbeit. Diese geht gut von der Axt und von der Säge.
"Travinus! Der Schacht!" schießt es Brunella durch den Kopf. Schnell lässt sie alles stehen und liegen und läuft, als wäre Boron selbst hinter ihr her, zu dem Loch an der alten verkrüppelten Eiche.

Dort sind die Leute in heller Aufregung. Ein junger Bursche wedelt hysterisch mit den Armen, hüpft auf und ab und schreit herum: "Macht doch was! Macht doch was!!" Gänzlich überflüssig, denn die Rettungsmaßnahmen sind bereits im Gange.

Mit vereinten Kräften gelingt es den Arbeitern, den unglücklichen Abenteurer aus seiner misslichen Lage zu befreien. Travinus erblickt die Praiosscheibe und schaut erschöpft in den nun fast 20 Schritt tiefen Schacht. Was mag sich an dessen Grund wohl verbergen? Sollte er hier und jetzt dem Ganzen nachgehen, oder lieber nach Teremon fahren, dort eine Expedition ausrüsten, um wieder hierher zurückzukehren? Was würde die mysteriöse Unbekannte zwischenzeitlich planen? Fragen, auf die er jetzt keine Antwort hat.
"Travinus." Er hört Brunellas Stimme. "Travinus, lass gut sein. Wir kehren um. Wir haben eine Schiffsladung zusammen und werden mit der Morgenflut aufbrechen."
Brunella sieht, dass es ihrem Bruder den Umständen entsprechend gut geht. So verlässt sie ihn wieder in Richtung Holzfällerlager. Er soll jetzt erst einmal zur Vernunft kommen. Vernunft.

Travinus ist hin- und hergerissen. Einerseits ist er immer noch sicher, auf dem richtigen Weg zu sein. Andererseits hat er sich das alles irgendwie anders vorgestellt, weniger mühsam, abenteuerlicher, heldenhafter. So wie in den Moritaten der Avesfreunde oder in den Geschichten der Vinsalter Oper. Hätte ihn da unten nicht lieber ein schleimiges Monster bedrohen können anstatt einfach nur Wasser und Dreck? Was wäre das für ein schmählicher Tod gewesen?
Für heute ist "Ende Gelände". Travinus braucht eine Pause und einen kräftigen Schluck, und das Personal macht auch keinen besonders enthusiastischen Eindruck. Er gibt ein paar letzte Anweisungen, dann zieht er sich zum Abendessen zurück.
Brunella, Travinus und Praiostobal beraten den Abschluss des Unternehmens. Der Kapitän weist ein weiteres Mal darauf hin, dass er keinen Ärger haben will. "Diese... äh... wissenschaftlichen Feldstudien stehen nicht im Kontrakt. Wenn auch nur einer quatscht, gibt es Ärger mit den Geldgebern. Ich werde von meiner Seite aus niemanden informieren, aber wenn man mich fragt, werde ich auch nicht lügen." Travinus und Brunella beruhigen den Kapitän ein weiteres Mal. Sie würden die Verantwortung übernehmen und das Kind schon schaukeln. So zufrieden gestellt, zieht der Kapitän sich zurück. Morgen geht es früh raus.
Dann sind die Geschwister unter sich. Brunella sieht ihren Bruder an: "Und jetzt? Was hast du vor?"

„Ich weiß es nicht, Schwesterherz“, seufzt Travinus leise. „Ein innerer Drang läßt mich nicht los, diesen kannte ich sonst nur.. ja, ja, die Frauenzimmer“ unwillkürlich muss er lächeln. „Travinus“ die Stimme von Brunella reißt ihn jäh aus seinen rahjagefälligen Gedanken.
„Bleib bitte bei der Sache. Die Kosten laufen weg. Das ist nicht gut und auch nicht zu erklären.“ Vorwurfsvoll blickt sie ihren Zwillingsbruder an.
„Brunella, ich werde hier bleiben. Lass mir ausreichend Proviant hier. Reise nach Teremon und bestelle den dilli'Kathoren meine besten Grüße. Teile ihnen mit, ich bräuchte ein kleines Schiff mit zehn Mann Besatzung, dazu zwei Hylailer Seesöldner. Als Ausrüstung sollten Grabungswerkzeug und dergleichen mitgebracht werden. Ich wache hier auf der Insel solange. Beeilt euch nur, denn ich möchte nicht ewig hier bleiben“.
Brunellas Blick wird sorgenvoller. Ihr Bruder war für seinen eigenen Kopf bekannt. So manche Geschichte hatte er ihr abends im heimeligen Sewamund erzählt, aber das hier war ein Abenteuer.
„Bruderherz, ungern lasse ich dich alleine zurück. Unser Diener ter Goov wird ebenfalls bleiben und dich mir gesund und munter zurück bringen. Umstimmen, das werde ich wohl nicht schaffen. Zu sehr hat dich das Fieber der van Kacheleen gepackt. Ich werde Onkel Neven Nepolemo eine eilige Depesche schreiben und ihm berichten, was wir bislang gefunden haben.“
Ihr Blick wird klarer und zuversichtlicher.
"Mit der Morgenflut brechen wir auf. Das Holz ist geschlagen und wird der Unternehmung einen schönen Gewinn abwerfen. Auf dem Rückweg von Teremon werden wir Waren der Insel laden, die wir im hohen Norden gewinnbringend verkaufen können. Unser Vater wird sehr zufrieden sein. Dass wir nun ein paar Tage länger brauchten als geplant, werde ich ihm erklären.
Die Nacht bricht herein und in vertrauter Runde sitzen Brunella, Travinus und Praiostobal in der Offiziersmesse und geben sich den kulinarischen Genüssen hin. Travinus hat vorsorglich zwei Mann als Wachen an den Schacht beordert.

33. Tag

Die Peraineblume fährt nach Teremon
Brunella steht neben dem Kapitän und schaut auf die stetig kleiner werdende Gruppe Menschen am Strand der Insel zurück. Alleine der Gedanke daran, dass sie ihren Bruder Travinus zurück lassen muss, bricht ihr das Herz. Travinus mochte ein großer Frauenheld sein und vieles auf den Reisen in seinem Leben erlebt haben, doch das hier ist nun ein Abenteuer ganz anderer Prägung. Er ist alleine auf einem vergessenen Eiland. Hoffentlich passiert ihm nichts. Gut, dass wenigstens Ungalf aufpasst. Das beruhigt Brunella ein wenig.
Alleine gelassen mit ihren Gedanken wendet Brunella sich dem Meer zu. Die rüstige Peraineblume fährt auf ihrer Reise zur nahe gelegenen Insel Pailos. Die berühmte Hafenstadt Teremon ist der Bestimmungsort. Dort hat Brunella bereits auf der Hinreise bei einer Reederei einen sehr guten Preis für das Steineichenholz erhandeln können. Die hiesigen Zimmerer lechzten förmlich nach diesem stabilen und resistenten Baustoff. Der Weg aus dem Steineichenwald im Norden Aventuriens hierhin ist lang, kostspielig und auch gefährlich. So hatten man sich schnell unter Kaufleuten geeinigt. Die weitere Reise sollte dann mit Waren der Zyklopeninsel fortgesetzt werden. Diese sollten in Sewamund gelöscht und weiter verkauft werden.
10 Schritt Tiefe II

Am frühen Morgen werden Travinus und sein Diener an Land gerudert. Das Schiff nimmt das kleine Beiboot wieder auf, lichtet den Anker und segelt los. Travinus sieht noch eine Weile hinterher, dann gehen er und sein Diener zum Schacht. Dort hat sich inzwischen das andere auf der Insel verbliebene Personal versammelt. Travinus zählt die 'Häupter seiner Lieben'

Sechs Personen. Nicht gerade viel für diese Unternehmung, aber dennoch genug, um nicht als Einsiedler Selbstgespräche führen zu müssen. Am Strand liegen der Proviant und die wenigen Habseligkeiten dieser kleinen Expeditionsgruppe. Travinus stellt sicher, dass alles auf sein Kommando hört und befiehlt den Anwesenden, den Proviant zum Schacht zu transportieren. Dort wird man das Expeditionslager aufschlagen und solange ausharren, bis ein Kutter kommt.
Die Sonne brennt wie seit ihrer Ankunft. Hart und unnachgiebig. Breitkrempige Hüte helfen, sich vor den Sonnenstrahlen zu schützen. Jeder Baumschatten wird dankbar ausgenutzt. Es dauert den ganzen Vormittag, bis der Proviant zur Eiche geschafft ist und die Zelte aufgeschlagen sind.
Ter Goov schaut Travinus aufmunternd an, als dieser vor der versammelten Mannschaft spricht. „...und soll uns die Praiosscheibe am Himmel den rechten Weg durch dieses Eiland zeigen. Auf das die Erde ihre Geheimnisse bald preisgeben wird. Ich taufe dieses Lager und die Expedition auf den Namen „Zyklopenhort“. Was immer uns erwarten wird, wir werden obsiegen. Für Sewamund, für die Wissenschaft.“
Stirnrunzeld schauen ihn die Männer und Frauen an, nur ein verhaltener Jubel stellt sich ein. Travinus schaut ein wenig verständnislos in die Runde. „Ungalf, wieso jubeln sie nicht inbrünstig?“ „Junger Herr,“ erwidert der Angesprochene, „vielleicht liegt es daran, dass wir die einzigen beiden Sewamunder hier sind. Ich möchte dabei allerdings höflichst bemerken, dass ich gebürtig aus Grangor stamme und ihr, mein junger Herr, lange Jahre in gleicher Stadt großgezogen wurdet.“
„Verstehe!“. Travinus setzt lauter nach: „Wofür tun wir das? Für Ruhm und Ehre und vor allem für blinkendes und blitzendes Gold!“ Ein tosender Jubel schlägt ihm entgegen. Ja, so hat er wohl eher den Nerv dieser sensiblen Bande getroffen. Gut so.
Ter Goov richtet nach der Ansprache seine kleine Feldküche ein. Teller, Töpfe und ein bauchiger Kessel, der an Ketten über einer Vertiefung hängt. Insgesamt gibt es fünf Zelte. Zwei für die Arbeiter. In einem nächtigt Travinus, im anderen sein Diener Ungalf und das fünfte Zelt dient als Vorratszelt.
Travinus kümmert sich derweil um den Schacht. Das Wasser ist über Nacht so weit gestiegen, dass das Loch nur noch 10 Schritt tief ist. Durch das Wasser wurden die Seitenwände tief unten aufgeweicht und alles ist zusammengesackt. Von einem Schacht ist momentan nichts mehr zu sehen, eher ein riesengroßes Dreckloch. Travinus seilt sich an, klettert mit einem langen Ast in der Hand vorsichtig die Böschung hinunter und lotet die Wassertiefe aus. Anderthalb Schritt. Die Arbeit mehrerer Tage ist zunichte.
Ansicht von der Seite -- Erdboden --
\_       _/
  \     /
   \www/             -- 10 Schritt --
   │\ /│

Travinus denkt eine Weile gründlich nach und gibt dann seine Befehle.

„Noch heute werden wir mit den vielen Eimern hier versuchen, die wir an Seile binden werden, das Wasser aus unserem Schacht zu holen. Mit Spundwänden, die wir ab sofort setzen werden, halten wir uns dieses dazu vom Leib. Es wird schweisstreibende Arbeit, aber dazu sind wir hier.“
Das Personal begibt sich nach Travinus Ansprache an die Arbeit.

Den ganzen Tag schuften die Männer und Frauen im Schweiße ihres Angesichts, bauen sogar eine kleine Treppe bis zum Wasserspiegel hinab, verschalen das Loch, schleppen Wasser und Schlamm. Die Halden neben dem Loch werden immer größer. Schließlich gibt Travinus Befehl, den Schlamm deutlich weiter wegzubringen und weiträumig zu verteilen, damit das Wasser besser ablaufen und das Material trocknen kann. Die Arbeit ist enorm anstrengend. Bei Sonnenuntergang ist der Wasserspiegel um etwa einen Schritt gesunken. Immerhin. Morgen wird man mehr schaffen, denn die Vorarbeiten sind ja bereits erledigt.

34.Tag

10 Schritt Tiefe III

"Scheiße! Scheiße, Scheiße, Scheiße!! Da soll doch Ingerimms Hammer dreinschlagen!" - Travinus braucht eine Weile, bis er begreift, dass die Verfluchungen ihn geweckt haben und nicht Teil seines letzten Traums sind. Er eilt im Nachtgewand zum Loch und .. zerbeißt einen Fluch zwischen den Zähnen. Neben ihm steht Minervé und grollt. "Das kannich sein, Herr van Kacheleen. Hier is was faul." Tatsächlich steht das Wasser wieder auf derselben Höhe wie am vorigen Morgen. Travinus fasst sich an den Kopf. Er fühlt sich, als würde das Loch ihn breit angrinsen. "Keine Panik. Frühstückt ordentlich, und dann macht ihr erstmal weiter." So verschafft Travinus sich etwas Zeit, um nachzudenken.

Nach dem Frühstück und während die Expeditionsgruppe den Schaden der Nacht zu beheben versucht, streift Travinus nachdenklich in der näheren Umgebung umher. Meinen es die Götter wirklich so schlecht mit ihm? Steht diese Gruppe gar unter einem schlechten Stern? Er schaut gen Himmel, kann einen solchen aber nicht erkennen. Glück gehabt.
Nach wenigen Metern, die er sich vom Lager entfernt hat, wird sein Kopf wieder frei. Er kann klarere Gedanken fassen.
Das Loch, fast war er am Ziel, dann kam das Wasser und nun steht es als schlammige Brühe zwischen ihm und des Rätsels Lösung. Vielleicht liegt die Lösung aber auch hier irgendwo herum?
Vielleicht gibt es einen zweiten Eingang? Hörte er nicht am Lagerfeuer von Feen, einäugigen Riesen und dergleichen mehr? Er beschließt, den heutigen Tag mit der Suche nach Merkwürdigkeiten zu verbringen. Ein einäugiger Riese sollte da gerade passend und merkwürdig genug sein. Oder halt ein weiterer Schacht in die Tiefe. So geht er die nähere Umgebung penibel und wachsam ab.

Nichts. Vom Strand aufwärts zum Waldrand sind es grob geschätzt etwa 50 Schritt, weitere 50 aufwärts bis zum Loch, wiederum 50 bis zu einem kleinen Höhenrücken und noch einmal eine ähnliche Strecke abwärts zu dem Bach, aus dem regelmäßig das Trinkwasser bezogen wird. Travinus erweitert den Suchkreis und geht noch einmal ins Innere der Insel. Irgendwie erwartet er, allmählich mal auf irgendein wundersames oder wunderliches Etwas zu stoßen. Die Umgebung wirkt irritierend auf ihn. Er war noch nie in einem Steineichenwald und hat das Gefühl, die Bäume wären hier fehl am Platze und wüßten davon. Plötzlich steht er vor einem großen Loch, fast so groß wie das von ihm verursachte und bereits teilweise zugewachsen. Das Loch dürfte mehrere Monate alt sein, vielleicht sogar über ein Jahr. Travinus braucht eine ganze Weile, bis ihm klar wird, daß die vielen großen Vertiefungen rundherum Fußspuren sind, etwa dreimal so groß wie die von Menschen. Dann bemerkt er Grabungsspuren und einige gekappte Wurzeln rundherum am Rand und im Inneren der Vertiefung. Hat hier jemand einen Baum ausgegraben? Wozu denn das?

Ertappt. „Ich wußte es, wir sind nicht allein....“ pfeift Travius begeistert durch die Zähne und reibt sich phexisch die Hände.“ Ein Blick verrät ihm, dass hier jemand mit großen Füßen nicht lange gefackelt hat. Allerdings waren es alte Spuren. Travinus überlegte. Wenn die letzte Balkenlage in nahezu 20 Schritt Tiefe ein Tor war, wo würde dieses Tor hinführen ? Angenommen es ist ein Tor, dann mußte etwas darunter sein, sonst mache ein Tor keinen Sinn. Bei den Zwölfen. Vielleicht war das was da drunter war mit diesem Schacht irgendwie verbunden ? Er würde diesen Schacht von einem Teil seiner Männer untersuchen lassen, während die anderen den eigentlichen Schacht trocken bekommen.
Er eilt zum Lager zurück, gibt seine Anweisungen und beordert zwei Männer sowie sich selbst zum neuen Schacht. Sein treuer Diener soll den alten Schacht mit den Männern beaufsichtigen. So geht der Tag herum und die Nacht legt ihr dunkles Kleid über die Insel.
Die Peraineblume im Hafen von Teremon
Kein Wölkchen ist am Himmel zu sehen und dies bleibt so bis zur Ankunft in Teremon. Der Hafen liegt im Osten der größten Zyklopeninsel. Steile Felsen ragen der Peraineblume entgegen. Behutsam fährt diese in die Caldera ein. Diese gewaltige mondsichelförmige Bucht gehörte einst zu einem Vulkan. Schwarze Bauwerke erheben sich und zeugen davon, woher Teremon seinen Beinamen „die schwarze Stadt“ hat. Das Schiff fährt an der Halle der Rahja vorbei zu seinem Anleger.
Praiostobal gibt seine Kommandos und das Schiff findet sich in kurzer Zeit vertäut und ruhig vor Anker liegend wieder. Brunella geht von Bord und sucht die Reederei auf. Von dort folgt ihr eine kleine Schar Männer und Frauen. Diese begutachten das Holz, prüfen es auf Nässe und Beständigkeit und besiegeln nach intensiver Prüfung per Handschlag den Verkauf. Viele Arbeiter aus dem Hafenviertel strömen zur Peraineblume und verwandeln die bisherige Ruhe in einen emsigen Ameisenhaufen. Es dauert den restlichen Tag, bis die Ladung gänzlich gelöscht ist.
In der Zwischenzeit kümmert sich Brunella um die rechte Mannschaft und Ausrüstung der Expedition, die ihrem Bruder auf dem Eiland bei seiner Suche tatkräftig helfen soll. Dazu werden fünf kräftige Männer für die Grabungen angeworben, ein Zimmermann für die Holzbearbeitung, zwei Hylailer Seesöldner zur Sicherheit. Im hiesigen Hesindetempel bittet Brunella um Beistand der Göttin. Dabei wird sie in ein Gespräch verwickelt.
„Mein Kind, Hesindes Wissen möge dir Erleuchtung verschaffen.“ spricht eine ältere Geweihte sie an, die sich als Landrenka Trullinger vorstellt. Brunella verbeugt sich tief. „Ich bin im Zweifel“ sagt sie schließlich. Die Geweihte nickt und schaut sie auffordernd an, weiterzusprechen. „Euer Gnaden, mein Bruder Travinus fasste einen Entschluss, alleine mit einer Handvoll Männer auf einem kleinen Eiland zurück zu bleiben.“ „Mein Kind“, antwortet Landrenka sanft, „Ein jeder folgt seinem Inneren, dies wird bei eurem Bruder auch der Fall sein.“ Brunella seufzt tief und schweigt, eine Träne kullert ihr über die Wange. Landrenka sieht dies und fragt „Sagt mir, was sucht euer Bruder auf diesem Eiland? Ihr scheint nicht von hier zu sein!“. Brunella schaut auf „Nein, nein, wir stammen aus der Septimana, genauer gesagt aus dem beschaulichen Sewamund. Travinus fand etwas … er sprach von alten, unbekannten Zeichen in fast 20 Schritt Tiefe vor einer alten knorrigen Eiche. Dort unten waren sie in Eichenbalken geritzt.“ Landrenka wird plötzlich hellhörig. Sie schaut sich um und flüstert leise zu Brunella gewandt „folgt mir, wir sollten dies in einem Nebenraum besprechen.“

Die Unterredung dauert eine ganze Weile. Landrenka fragt so lange und detailliert nach allen Ereignissen auf der Insel, bis Brunella keine Antworten mehr weiß. Dann sagt sie: "Euer Bruder glaubt offenbar, auf einen vergrabenen Schatz gestoßen zu sein. Es sieht so aus, als hätte er Recht damit. Aber bitte informiert Euch vorher über die Bedingungen des Schatzregals, damit nicht unversehens die Schergen des Seekönigs tätig werden. Nun, ich hatte viele Fragen. Vielleicht habt Ihr auch welche."

„Habt dank für euren Rat. Diesen werde ich noch heute befolgen.“ Brunella geht es in der Gegenwart der Geweihten merklich gut. Sie fühlt sich sicher und auch geborgen. „Fragen hätte ich und gerne stelle ich Sie euch auch. Nicht ohne Grund habe ich mich suchend an die Göttin des Wissens gewandt. Ich werde Euch nun meine Fragen stellen und eine Bitte an euch richten. Was wisst Ihr von der Insel, seinen Bewohnern und was läßt Euch die Gewissheit haben, dass es sich hier um einen Schatz handelt? Und um welche Art von Schatz?

"Über die Insel selbst weiß ich nicht mehr, als in den Büchern steht. Ich war nie dort und kenne auch keinen, der je dort war. Die Geweihte holt ein derographisches Standardwerk und liest den kurzen Abschnitt vor. "Es dürfte sich kaum mehr finden lassen. Es mag sein, dass im Kusliker Tempel ein Buch der Schlange eines reisenden Geweihten liegt, der die Insel irgendwann besucht hat. Aber ich bezweifle, dass eine entsprechende Suche lohnend wäre. Ob der angeblich gesichtete Zyklop wirklich existiert und eventuell noch vor Ort ist, vermag ich nicht zu sagen. Da es eine von Feenwesen bewohnte Insel sein soll, müsst ihr mit Baumnymphen und ähnlichen Kreaturen rechnen, dazu Wichtel, Kobolde, Blütenjungfern, Faune und Biestinger. Ich wundere mich, dass ihr nichts davon berichtet habt, obwohl doch viele Bäume geschlagen wurden und die Feenwesen derlei eigentlich überhaupt nicht mögen. Immerhin bestätigt das den letzten Eintrag bezüglich der Borbarad-Krise. Anscheinend hat das Haus Novacasa davon gewusst, sonst wäre Eurer Familie kaum das Geschäft vorgeschlagen worden.
Was den vermeintlichen Schatz angeht: Ich sagte es sieht so aus, als hätte er Recht damit. Was ich weiß, deutet darauf hin. Und ich wüsste nichts, was dagegen spricht. Das ist schon alles."

Nun meine Bitte: Die Expedition stand bislang unter einem guten Stern. Wir haben erreichen können, was wir uns vornahmen. Meine Reise wird mich nach Sewamund zurück führen. Ein Kutter wird neue Männer und Ausrüstung auf die Insel bringen. Könntet ihr diese Männer anführen? Es soll nicht euer Schaden sein und wenn wir erfolgreich sein sollten, wird bestimmt auch viel hesindegefälliges Wissen als Lohn im Raume stehen.“
In Gedanken fügt Brunella hinzu „Dann lag mein geliebter Bruder mit seinem Gefühl doch nicht falsch. Dieser Tausendsassa.“

"Theoretisch könnte ich durchaus den Tempel für eine Weile verlassen, aber als Anführerin eigne ich mich wohl eher nicht. Und der Ausfall meiner hiesigen Arbeitskräft müsste irgendwie kompensiert werden... Ihr versteht?

„Mir wäre es sehr recht, euch als göttlichen Beistand in der Nähe meines Bruders zu wissen. Auch weil ihr viel über die Wesen auf den Insel Bescheid wisst und bestimmt auch deren Sprache sprechen und lesen könnt? Vielleicht beherrscht ihr auch ältere Sprachen, die hier in der Region nicht mehr gesprochen werden ?“ Brunella schaute die Geweihte hilfesuchend an.
„Auch müßtet ihr die Männer nicht anführen, lediglich auf der kurzen Reise von Teremon auf die besagte Insel begleiten. Vor Ort wird dann mein geliebter Bruder Travinus die Expedition leiten.“
Vielleicht könnte eine Spende aus dem Schatz oder ein anderes Artefakt Euer Interesse wecken und die Zeit, welche ihr nicht hier verweilen würdet, ausgleichen. Bedenkt, welches Wissen erworben werden könnte und das hautnah.“ Brunella Stimme wurde sanfter „Sicherlich wird die Familie derer van Kacheleen, welche tief hesindegläubig ist, eine Spende für diesen Tempel bereit halten. Es soll nicht Euer Schaden sein.“

Die Geweihte zieht das Gespräch noch eine Weile in die Länge, bis sie eine ausreichend konkrete Vorstellung von der Höhe der Spende hat, dann sind die beiden sich einig und

verabschieden sich mit einem eher phexgefälligen Händedruck. Vereinbart sind Treffpunkt und das Auslaufen auf einen Kutter mit der morgigen Flut. Brunella schafft es bis zum Ende des Nachmittags, die Expedition zu vervollständigen. Insgesamt sind es nun elf Personen.
Die fünf kräftigen Männer für die Grabungen, ein Zimmermann, zwei ehemalige Hylailer Seesöldner, Arombolosch Sohn des Torombolosch. Brunella muss dem Zwergen eine Anstellung bei den van Kacheleens nach der Expedition vertraglich zusichern. Dazu die Hesindegeweihte und zwei der Holzfäller, die sich freiwillig für diese Unternehmung auf der Rückreise gemeldet haben.
Somit hat sie ihre Gruppe zusammen. Mit Arombolosch, dem sie das Kommando bis zum Eintreffen auf der Insel anvertraut und den beiden Holzfällern geht sie kurzerhand im Hafenviertel in den vorgeschlagenen Läden Gerätschaften einkaufen, die für solch eine Expedition unerlässlich oder wenigstens hilfreich sind. Nach einem erfolgreichen Gespräch mit einem verarmten Fischer, dem sein großes Fangnetz von einem Kraken, oder wie er es audrückt „einem hundertarmigen Höllentier“ mitsamt seinem Fang in die Tiefen der Zyklopensee gerissen wurde, kommt sie schnell zu einem vertretbaren Preis überein, dass eine Hinfahrt sowie das Abholen vier Wochen später abgemacht wird. Die Rückreise soll durch Geld bezahlt werden, welches sie bei den dilli'Kathoren hinterlegen wird, der Familie ihrer Base Lutania, die mit Bosper, einem Bruder Aurelios im Traviabund steht.
Nach einem kurzen Besuch und dem Hinterlassen des Goldes erreicht Brunella die Peraineblume. Die Steineichen sind inzwischen fast gänzlich aus dem Schiffsrumpf geholt. Arbeiter beginnen damit, die für das Festland vorgesehenen zyklopäischen Waren vorsichtig zu verstauen. Kurz vor Mitternacht geht sie noch die letzten Listen durch und vergleicht diese mit den sich unter Deck befindenden Waren. Vollzählig. Sie kann nun schlafen gehen.

35. Tag, zwei Schiffe unterwegs

Am nächsten Morgen ist die Peraineblume fertig ent- und neu beladen und läuft mit der Morgenflut aus dem Hafen von Teremon mit Ziel Sewamund aus.
Zeitgleich macht sich der Fischerkutter „Arkos II“ mit einer kleinen Schar genau in die entgegengesetzte Richtung auf. Sein Ziel ist die Eicheninsel.

Der Wind hat sich inzwischen gedreht. War er vor kurzem noch für die Peraineblume unerwartet günstig und ermöglichte eine schnelle Fahrt nach Teremon, so weht er nun zum Nachteil der Peraineblume in die andere Richtung, treibt dafür aber zügig den Kutter Arkos II voran.

Brunella steht am Bug und schaut nachdenklich auf die kleinen Wellen. Zu größeren reicht es derzeit nicht. Der Wind hat sich gedreht und steht ungünstig. Keiner weiß, wie lange dieser Zustand andauern wird. Die Rückreise sollte eigentlich zügig gemeistert werden. Nun dies. Brunella flucht innerlich. Äußerlich nimmt sie das Ärgernis eher gelassen zur Kenntnis.
„Können wir denn nichts machen, Kapitän Praiostobal?“ Der Angesprochene erwider: „Aber natürlich. Dies ist ein gutes Schiff mit einer eingespielten Mannschaft und einem erfahrenen Kapitän der eine solche Situation meistern kann.“ Brunella lächelt Praiostobal mit ihrem strahlenden Lächeln an. „Da mache ich mir bei Euch, Eurer Mannschaft sowie der Peraineblume absolut keine Sorgen. Was habt ihr vor wenn ich fragen darf?“
„Ihr dürft fragen, meine Dame“. Er genießt diesen Augenblick innerlich. Augenscheinlich wirkt er nachdenklich. „Wir vertrauen auf den Launischen und werden gegen den Wind kreuzen. Aber trotzdem werden wir natürlich wertvolle Zeit verlieren.“

Brunella hat keine Ahnung, was "kreuzen" ist, aber sie wird es ja beizeiten erfahren.

Da meldet sich der Steuermann zu Wort „Kapitän Yonnes, mit viel Glück erreichen wir den Ebbe-Strom zwischen Pailos und Phenos.“ „Die Strömungen“ raunt der Kapitän. Auf diesen bin ich lange nicht mehr gen Norden gereist,“ um ein wenig später nachzuschieben. „Setzt jeden Fetzen Tuch, bis das Wasser am Freibord steht. Ich ziehe mich in meine Kabine zurück und stelle Berechnungen an. Verehrte Brunella van Kacheleen, entschuldigt mich“.
Brunella nickt und blickt wieder auf die See. Pailos wird kleiner und kleiner. Vereinzelt hört sie den Ruf der vorbeifliegenden Möwen.

Der Erste Offizier des Schiffes schickt die Seeleute in die Wanten. Immer mehr Segelfläche wird gesetzt. Immer schräger liegt das Schiff in der See und Brunella wird immer nervöser. Sie kann nicht mehr an Deck stehen, ohne sich festzuhalten und hangelt sich schließlich auf die Achtertrutz, um etwas mehr Raum zwischen sich und das Wasser zu bringen. "Das Schiff fällt doch um. Merkt das denn keiner?" murmelt sie vor sich hin. "Ein Schiff fällt nicht um Madame, es kentert." Brunella dreht sich um und bemerkt den grinsenden Rudergänger, der nicht die geringste Nervosität zeigt. "Ah so, dann bin ich ja beruhigt." Das ist sie nicht, aber die Seeleute gebärden sich alle, als wüßten sie, was sie tun, und so versucht Brunella, sich zumindest äußerlich ebenso zu verhalten. Ein Matrose erklimmt die Treppe zur Achtertrutz, grüßt den Ersten Offizier und meldet: "Ich denke, es genügt." Der Offizier stimmt zu und wendet sich erklärend an Brunella: "Wenn wir noch mehr Schlagseite bekommen, tauchen die Nocken ein." Brunalla ahnt, dass Nocken-Eintauchen nichts Gutes ist und stimmt zu. "Ja genau, die Nocken, die sollten auf keinen Fall eintauchen. Macht nur weiter so."
Nachdem die Peraineblume die Passage zwischen Phenos und Pailos durchfahren hat, werden die Wellen deutlich höher und länger, was sich bedenklich auf Brunellas Magengegend auswirkt. "Wenn Euch die Dünung zu schaffen macht, solltet ihr vielleicht einen ordentlichen Schluck nehmen. Das hilft immer." Brunella stimmt zu und verabschiedet sich in ihre Kabine. "Ich glaube, mir kommt gleich die Dünung hoch," sagt sie der ihr zugeteilten Matrosin und lässt sich den schärfsten Schnappes bringen, der zu haben ist. Danach schwankt die Welt zwar noch mehr als vorher, aber damit kennt Brunella sich wenigstens aus.

Die Fahrt der Arkos II ist deutlich kürzer.

Am frühen Morgen läuft das Schiff aus. Schnell bemerken alle an Deck, dass der Launische es gut meint. Eine frische Prise jagt die nächste und wölbt das Segel bauchig aus. Es geht sehr gut voran. Dass die Reise so anständig schnell vonstatten geht, damit hatte wahrlich keiner gerechnet. Am allerwenigstens Arombolosch. Ee fühlt sich sehr geehrt. Er führt diese kleine Gruppe auf eine noch kleinere Insel. Dort soll er sein Kommando an seinen neuen Herrn Travinus abgeben. Die kleine Geste, ihn auszusuchen, gibt ihm Kraft. Eine Kraft, von der er dachte, sie bereits im Wein ersäuft zu haben.
Arombolosch schaut sich die Runde seiner Mitreisenden noch einmal genauer an. Da sind die fünf Zyklopäer. Die hocken mit ihren schwarzen, krausen Köpfen zusammen und spielten lautstark ein Kartenspiel. Kleines Kupfergeld wechselt ebenso schnell den Besitzer wie Karten geworfen werden.
Gegenüber sitzen die beiden Hylailer Seesöldner. Sie sind mit Schwertern bewaffnet und schauen grimmig drein. Daneben eine Geweihte der Hesinde. Auch wenn Arombolosch mit dieser Göttin nicht allzu viel anfangen kann, weiß er doch, dass es nur von Vorteil sein kann, diesen Beistand bei sich zu haben.
Neben der Geweihten sitzt Luginger. So nennt sich der wortkarge und baumlange Zimmermann. Von ihm weiß er nicht viel außer seinem Namen und dass er sehr geschickt mit Holz umgehen konnte. Brunella hatte ihn im Hafenviertel entdeckt.
Abgerundet wird die Schar mit zwei weiteren Zyklopäern. Diese haben angeblich schon Erfahrungen mit der Insel und erzählen den ganzen Morgen ihre Geschichten.
Zum Mittagessen wird frisches Brot mit Hartwurst und Ziegenkäse verspeist. Dazu ein paar Schlucke aus einer Weinkaraffe. Voraus ist bereits seit mehreren Stunden die Eicheninsel zu sehen. Einige Stunden später liegt der Kutter in der kleinen Bucht vor Anker. Am Strand ist bereits eine winkende Person zu sehen. Die Ausrüstung wird ans Ufer gebracht, das Lager eingerichtet und umgehend mit der Einweisung der Arbeitskräfte begonnen. Die Arbeit kann beginnen.

36. Tag, zwei Löcher zugleich

Travinus teilt seine beträchtlich angewachsene Truppe auf. Eine Abteilung - darunter die Geweihte - wendet sich dem älteren Loch zu. Der andere Gruppe - darunter alle Handwerksmeister - beschäftigt sich mit dem 'Loch', denn von einem Schacht ist schon seit längerem nichts mehr zu sehen.
Arambolosch lässt erst einmal die gesamte Verschalung neu aufbauen. Tadel an der bisherigen Arbeit verkneift er sich, obwohl seinem Gesicht gelegentlich anzusehen ist, dass er genügend zu sagen hätte. Dann wird unermüdlich gegraben, Wasser und Schlamm geschleppt und weiter verschalt. "Das gute Steineichenholz," denkt sich Travinus. Jeder Stamm, der hier verbraucht wird, kann nicht mehr verkauft werden. Das tut dem Abkömmling einer Kaufherrenfamilie weh.
Die andere Gruppe geht weiter in den Wald. Als Travinus nach einigen Stunden seinen Standort wechselt und sich nach dem Fortgang erkundigt, erfährt er, dass es hier offenbar nichts mehr zu finden gibt. "Hier haben Zyklopen vor etlichen Monaten eine große Steineiche ausgegraben und fortgeschafft. Hesinde mag wissen, wohin. Der Boden darunter ist unberührt. Wir haben uns jeden Rechtfinger einzeln angesehen und umgegraben. Ich sage, wir werden hier nichts weiter finden." Die Geweihte Landrenka Trullinger ist sich ihrer Ansicht offenbar sehr sicher, und so hinterfragt Travinus ihre Angaben nicht weiter. "Aber wozu gräbt man eine Eiche aus?" Er ist ratlos. Die Geweihte weiß es auch nicht, hat aber eine Vermutung: "Anscheinend ist dies kein verwunschener Wald mehr, kein Land für Steineichen. Die Wunder sind verweht. Und wenn der Baum die Heimstatt einer Baumnymphe war, hat man ihn vielleicht fortgeschafft, um ihr Leben zu retten." Darüber muß Travinus erstmal nachdenken. Vorläufig beordert er alle zum ersten Loch und lässt sie dort weiterarbeiten.

36. Tag, Salzwasser

Am nächsten Morgen erlebt auch Arambolosch den Rückschlag, den Travinus zur Genüge kennt. Das Loch ist zwar größer geworden, aber nicht tiefer. Die neue Verschalung hat gehalten, doch der Wasserspiegel steht erneut bei zehn Schritt Tiefe. Arambolosch tastet mit einer langen Stange im Wasser umher. Immerhin ist aufgrund der verbesserten Verschalung im Gegensatz zu vorher nicht so viel Schlamm ins Loch gerutscht wie bisher. Dann tut Arambolosch etwas, was einigen Zuschauern Laute des Ekels entlockt. Er schöpft mit der Hand einen Schluck des schlammigen Wassers und prüft ausführlich den Geschmack. "Salzwasser," sagt er. "Kein Zweifel."

"Salzwasser" Travinus Stimme klingt verständnislos. "Wie in aller Welt kommt Salzwasser in dieses Loch?" fragt er laut in die Runde. Ein Gemurmel setzt ein.
"Gibt es einen unterderischen natürlichen Salzwasserfluss?" Aromblosch schüttelt den Kopf "Nein, so etwas gibt es nicht, höchstens Höhlen, die von der Brandung ausgewaschen wurden. Aber das kann in diesem Boden nicht sein. Das Wasser könnte wohl eher aus Eimern kommen! Klarer Fall von Sabotage oder irgendeinem Hexenwerk!"
Das Gemurmel wird lauter. Da fasst Travinus den Entschluss, diese prekäre Situation durch die Befragung aller Expeditionsteilnehmer zu entschärfen und damit den Schuldigen zu finden. "Höret! Nacheinander finden sich alle Männer und Frauen in meinem Zelt zur Befragung ein. Euer Gnaden Landrenka, auf Hesindes Weisheit würde ich ungern verzichten. Könntet ihr mir daher Gesellschaft und Hilfe leisten?"
"Selbstverständlich." Während die Arbeiten nun weitergehen, führt Ungalf immer wieder je eine Person ins Zelt zu Travinus. Dabei notierte er sich peinlichst genau die Reihenfolge und hakt ferner den Namen auf der Heuerliste ab. So ist er sicher, dass er niemanden vergessen oder gar übersehen wird und die Arbeiten können weitergehen.

Die Befragungen dauern Stunden und sind immer gleich langweilig. Die Leute haben des Nachts geschlafen, haben nichts und niemanden gehört oder gesehen. Travinus würde zwar nicht für jeden sogleich die Hand ins Feuer legen, aber ein schlechtes Gewissen fällt ihm bei niemandem auf. Die Geweihte langweilt sich zu Tode und denkt offenbar über etwas ganz anderes nach.
Am Abend ist bei alledem nichts herausgekommen. Als Arambolosch nach der Arbeit befragt wird, grummelt er irgendwas sehr unzufrieden klingendes in seinen Bart und zieht sich in sein Zelt zurück. Das Loch ist kaum tiefer geworden. Travinus stellt zwei Doppelposten auf, die sich stündlich abwechseln. "Das wollen wir doch mal sehen, wer hier sabotiert."

37. Tag, Wissenschaft

Landrenka hat sich die ganze Nacht über stündlich wecken lassen und bereits seit dem Ende der Arbeit den Wasserstand gemessen. Am Morgen steht das Wasser in 10 Schritt Tiefe, als wolle es die Schatzsucher verhöhnen. Als die Arbeit fortgesetzt werden soll, bittet Landrenka, einen ganzen Tag damit zu warten. Alle Einwände wischt sie beiseite. "Ich muß einige wissenschaftliche Messungen machen," sagt sie ohne weitere Erklärung. Travinus gibt schließlich nach. Er läßt weitere Bäume fällen und Bauholz schlagen, damit alle für ihr Geld arbeiten müssen. Dem Zwergen verordnet er eine "wissenschaftliche Denkpause", die dieser für die ausgiebige Dezimierung der Schnapsvorräte nutzt. Als Travinus am Mittag seine Bedenken bezüglich der Denkmethode anmeldet, erklärt Arambolosch ihm die Büffeltheorie, und damit ist der Fall für den Angroscho erledigt.
Am späten Abend stellt Landrenka ihre Arbeit für eine Weile ein und erklärt Travinus ihr Tun: "Am Morgen und Abend hatten wir den höchsten Wasserstand, am Mittag und um Mitternacht den tiefsten. Ich habe die Höhe über Normalnull gemessen. Nicht einfach nur mit Wasserwaage, Fäden und Stäben. Wir sind hier etwa bei 10 Schritt." Travinus versteht kein Wort. Wozu sollte man Wasser wiegen? "Die Gezeiten," erklärt die Geweihte. "Ebbe und Flut. Zweimal täglich Hochwasser, zweimal Niedrigwasser. Das konnte eine Landratte wie der Zwerg nicht wissen." Travinus versteht immer noch nicht. Er weiß, daß es günstig ist, wenn Schiffe mit der Flut auslaufen, aber er hat sich nie gefragt, was genau es damit auf sich hat. Die Geweihte erklärt ihm die unterschiedlichen Theorien über die Ursachen von Ebbe und Flut, doch Travinus winkt ab. Ihn interessiert nur, wo das letztlich hinführt. "Wir sind hier etwa 10 bis 11 Schritt höher als das Meer. Das Wasser im Loch ist 10 bis 11 Schritt tiefer und senkt und hebt sich mit Ebbe und Flut. Es ist Meerwasser, Efferds Wirken." Die Geweihte verschränkt die Arme vor der Brust, sehr mit sich zufrieden.

"Da brat mir doch einer eine Grangorelle" entfleucht es Travinus, um einen Herzschlag später so dermaßen die Augen zu verdrehen, dass sein treuer Diener Ungalf bereits sorgenvoll seinen Herren betrachtet. "Bei den Zwölfen und insgeheim dem Launischen liegt das Strafmaß und geurteilt wurde mit den Gezeiten." Gehört hatte er bereits von diesen sinnlosen Zeiten, aber dass diese solche Ausmaße annehmen könnte, nein, das war hier und jetzt eindeutig zu viel.
"Dann sollen sie gefälligst graben, wenn der Launische sich zur Ruhe begibt," teilt er lapidar mit und verschwindet rauschend in seinem Zelt. Ungalf stürmt hinterher "Herr ...", aber Travinus war schon im Zelt verschwunden. Arombolosch zieht die Achseln hoch und nimmt einen Gesichtsausdruck an, der mehr fragender Natur ist. Landrenka reibt sich derweil die Nasenspitze. Sie grübelt und murmelt leise vor sich "....soll graben, wenn Launische ...zur Ruhe....". Eine Möwe kreischt. Fast ist es so, als wolle sie die kleine bunte Expeditionsschar verspotten. Fast. "Halt, das ist es." Die Hesindegeweihte stolziert mit einem hochroten Kopf zum Zelt des jungen Travinus. "Herr van Kacheleen, kommt bitte heraus. Ich habe über Eure Worte nachgedacht und denke...", da öffnet sich das Zelt und ein Kopf erscheint mit fragenden Gesichtsaudruck: "...nachgedacht, worüber? Über den Launischen etwa?" Travinus' Stimme überschlägt sich fast. "Ja, nachgedacht. Und ihr habt Recht!". "Jetzt brat mir doch eine Grangorelle....ach, Ungalf, wieso benutze ich stets diesen Ausdruck in höchster Not?".
Der Angesprochene erwidert höflichst: "Ganz der Vater!". Ein Umstand welcher nicht gerade auf breite Zustimmung trifft, aber dennoch stimmig zu sein scheint. "Ja, und wenn schon, mein Vater ist weit weg und... und überhaupt, was hat er mit diesem Problem hier zu schaffen, Ungalf?" "Herr, er bezahlt die Expedition." "Ja..da ist es wieder...das Gefühl der Reue, aber auch wenn da was dran war, aber..."
Dann hat Travinus eine Idee: "Stop, höret doch, wir graben zu den falschen Zeiten. Meister Arombolosch, weiset die Männer an, zu den richtigen Zeiten zu graben, wenn das Wasser vom Gestirn gerufen wird. Sobald es wieder steigt, ruhen wir. Sobald es sinkt, arbeiten wir. Ganz einfach.". Travinus' Kopf verschwindet wieder im Zelt. Das alles ist jetzt zuviel für unseren Helden.

"Das wird nichts bringen," sagt der Zwerg, der sich inzwischen genähert hat. "Wir haben sowohl zu richtigen als auch zu angeblich falschen Zeiten gegraben. Es hat nichts gebracht und es wird nichts nützen, wenn wir weniger als vorher graben. Zugegeben, das Auf und Ab des Wasserstandes konnte ich mir zunächst nicht erklären, aber eines ist jetzt klar: Es muss eine Verbindung vom Meer zum Schacht geben. Der Boden ist nicht durchlässig genug für salziges Grundwasser. Und solange diese Verbindung besteht, können wir graben, bis uns Flossen wachsen. Man kann kein Loch ins Meer buddeln.
"Eine Verbindung?" Die Geweihte ist ratlos. "Aber wie? Ihr sagtet doch, dass es hier keine Höhlen gibt. Was für ein Verbindung? Natürlich oder künstlich?"
"Natürlich künstlich," sagt der Zwerg. "Aber wo sollen wir mit der Suche anfangen? Bewässerung mit Meerwasser ist nicht gerade mein Spezialgebiet." Zwerg und Geweihte sehen sich an. Niemand will die Verantwortung für einen weiteren eventuellen Fehlschlag übernehmen. Travinus hat sich derweil im Zelt eine 'geistreiche' Erfrischung gegönnt und fasst einen Entschluss:

"Wir suchen einfach an der Küste nach dem Zugang zu unseren Schacht. Dies sollten wir beim niedrigsten Stand des Wasser`s machen." er hält kurz inne um die staunenden Gesichter besser beobachten zu können. Dabei fällt ihm auf, dass der Zwerg einer Gesichtsentgleisung nahe war, während Landreka nickend seinen Worten lauscht. Die restlichen Expeditionsteilnehmer waren noch ratlos, aber das sollte sich jetzt hoffentlich ändern. So setzt er fort:
"Falls es einen Zugang geben sollte, dann werden wir diesen auch finden." Dabei ballte er seine Faust und reckt diese gen Himmel hoch.
"Mir dünkt es, dass wir Geduld aufbringen müssen, viel Geduld. Auch müssen wir stets mit wachen Augen und klaren Versand die Küste absuchen. Wenn sich Efferds zur Ruhe legt und wir auch in die unzugänglichen Gegenden vorstoßen können. Dann, das sage ich euch hier und jetzt, werden wir auch finden wonach wir suchen. Bei Phex, da bin ich mir sicher."
Ein weiterer Blick in die Runde zeigt ihm, dass seine Rede angekommen ist.
Es dauerte auch nicht mehr lange und das Wasser beginnt sich wie die Tage vorher von unsichtbaren Händen gezogen langsam, aber stetig von der Küste zurück zu ziehen. Es ist die Zeit der Wahrheit gekommen und die Expeditionsteilnehmer, aufgereiht wie eine kostbare Mengbiller Perlenschnur, suchten die Küste sorgsam ab.

Stunde um Stunde dauert die Suche, solange die Ebbe eben dauert. Der Landeplatz liegt nicht zufällig in einer kleinen Bucht, und da 'das Loch' nicht weit von hier liegt, wird hier auch besonders gründlich gesucht und häufig sogar der eine oder andere große Stein mit vereinter Kraft herumgedreht.
Als die Flut einsetzt, kehren die Leute wieder zurück und berichten: Nichts, nichts, und wiederum nichts. Traviano überlegt bereits, ob er die Leute für die Zeit der Flut wieder an die Arbeit schicken soll, damit wenigstens niemand herumlungert, da meldet sich noch einmal die Vorarbeiterin Minervé Skeboserin. Ihr Gewand klebt völlig durchnäßt am Körper und zeigt Muskeln und weibliche Rundungen in unziemlicher Weise. Er will sie darob bereits tadeln, doch da sie ohnehin bereits ein wenig unsicher daherkommt, behält er sich die Maßnahme für später vor. "Nur zu. Sprich."
"Meister, ihr müßt wissen, ich kann nämlich schwimmen." Sie schaut nicht ohne Stolz in die Runde und erntet beifälliges Gemurmel. "Mit Verlaub, es steht mir nicht zu, Euch zu kritisieren, aber ich habe mir gesagt, daß wir an Land auch bei Ebbe nichts finden werden. Ein Kanal muß auch bei Ebbe unter Wasser liegen, sonst würde das Loch ja bei Ebbe trockenfallen. So ging ich immer wieder ins Meer und bin schließlich an beiden Enden der Bucht fündig geworden. Efferd soll mich ersäufen, wenn ich keine Landratte bin, aber ich meine, dort hat irgendwann mal jemand einen Damm ins Wasser gebaut.

„Fräulein Skeboserin, ich bin euch zu Dank verpflichtet und offen für Anregungen. Nebenbei, eine sehr interessante Entdeckung die ihr da gemacht habt“ Travinus schaut lächelnd seine Vorarbeiterin an. „Führt uns beim tiefsten Stand des Wassers an eine der Stellen der Bucht, damit wir uns vor Ort ein Bild des Dammes machen können. Aber laßt uns nun in kleiner Runde beratschlagen wie weiter zu verfahren ist. Dabei schaute er kurz die Geweithe, den Zwergen, die Vorarbeiterin und Ungalf, seinen treuen Diener an.
So gingen sie alle erst einmal auseinander und es wurde eine Pause gehalten. Nach der Einnahme eines kräftigen Essens, traf man sich zur Beratschlagung. Zur Geweithen gewandt sprach Travinus „Könnte es eine Verbindung seitens des Dammes zu unserem Loch geben? Wer könnte den Damm einst gebaut haben und mit welchen Zweck.“
„Meister Arombolosch wie schätzt ihr die Lage ein. Ein Schacht der tief ins Erdreich führt, wohl mit einem direkten Zugang zum Meer. Draussen in der Bucht ein alter Damm. Dabei ist diese Insel unbewohnt.“
„Ungalf, wir sollten eine genaue Lage zeichnen, vielleicht fällt uns dann mehr auf. Dazu benötige ich eure Mithilfe, Fräulein Skeboserin. Wir benötigen die genaue Lage und Ausmaß des Dammes und vielleicht finden wir noch wesentlich mehr dort unten in Efferds Reich.“
Die Leute schwärmen ein weiteres Mal aus. Diesmal vermessen sie den Strand und - wenn sie schon mal dabei sind - auch den Rest der näheren Umgebung. Die Vorarbeiterin tut sich schwer mit dem Zeichnen einer Karte. Schließlich geht sie mit Travinus selbst zum Wasser und zeigt, was sie gefunden hat. Tatsächlich, von beiden Enden der Bucht (siehe Karte: A + B) führt ein 'irgendwie anders aussehender' Streifen nach gegenüber. Der Zwerg bestätigt, daß er seit Jahrtausenden ruhende Steine von 'erst' Jahrzehnte daliegenden Steinen zu unterscheiden vermag. Genauer mag er sich aber nicht festlegen, weil Wasser nun mal nicht sein Element ist. "Jedenfalls hat hier jemand einen Damm errichtet, um die Bucht abzusperren. Diesen Damm hat er später wieder abgebaut."

Als es dunkel wird, nimmt die Geweihte alle neuen Erkenntnisse und Notizen mit in ihr Zelt und beginnt zu zeichnen.

38. Tag, Travinus läßt sich beraten

Am Morgen übergibt Landrenka Trullinger ihr Werk zur Begutachtung an Travinus.

Travinus sitzt mit Arombolosch in seinem Quartier und spricht über dies und das. Ihn interessiert das zwergische Starkbier und Arombolosch hat die eine und auch andere Geschichte auf Lager. So hört Landrenka die dröhnende Stimme des Angroscho, als sie sich dem Zelt nähert: "Junger Herr, vor nicht langer Zeit, vielleicht 30 Götterläufen saßen Rumbrax Sohn des Rombrax und Ruttrox Sohn des Suttbrox und ich in einem kleinen Dorf ...
In diesem Moment betritt die Geweihte das Zelt. Es geräumig genug, dass genau fünf Personen genügend Platz finden können. Um einen Tisch reihen sich fünf Stühle. Am hinteren Ende steht Travinus' Schlafstätte.
"... die dortige Schänke "Kupferner Esel" hatte ein ganz verzügliches Dunkelbier. So zechten wir fast drei volle Tage ..." In diesem Moment bemerkt der Angroscho die Geweihte, verstummt und nickt ihr zu. Travinus schaut ebenfalls in ihre Richtung und bemerkt dabei die Rolle unter ihrem Arm. Schnell ist der Tisch freigeräumt. Nachdem die Karte ausgerollt auf dem Tisch liegt, spricht Travinus:
"Vorzüglich, Euer Gnaden, wahrlich vorzüglich." Travinus scheint begeistert zu sein. "Deutlich sieht man den Schacht und die Bucht. Arombolosch und ich sprachen vorhin von diesem Deich, der gebaut und später wieder abgerissen wurde . Doch wofür mag das gut gewesen sein?" Seine Stimme klingt nachdenklich.
"Bei Angroschs langen Bart, es dünkt mir, daß wir hier eine feuchte und salzige Arbeit vorfinden werden." Der Angroscho klingt betrübt.
"In der Tat, wir werden den Damm bauen, um heraus zu finden, zu welchen Zwecke er errichtet wurde." Travinus hat einen Entschluss gefaßt. "Doch vorher durchsuchen wir die Bucht auf andere Spuren."
Landrenka schaut nachdenklich, hält sich allerdings vornehm zurück. Am frühen Vormittag teilt Travinus seinen Entschluss mit und die Arbeiter verteilen sich, um die Bucht und den nahen Strand zu untersuchen. Gesucht werden vornehmlich Eingänge in die Tiefe, Höhlen, Grotten oder überhaupt Spuren menschlichen Wirkens."

Da die Geweihte die Nacht durchgearbeitet hat, geht sie ins Bett. Der Zwerg beteiligt sich nicht an der Suche, sondern zieht sich zurück und widmet sich wieder seinem Starkbier. "Selber schuld, wenn die Herrschaften nicht auf mich hören. Hab' doch gesagt, daß es hier keine Höhlen gibt. Und wo sie vorher gesucht und nichts gefunden haben, werden sie auch jetzt nichts finden. Er grummelt in seinen Bart.
Travinus steht derweil am Strand und beobachtet die Leute. Nur wenige können schwimmen und wagen sich weit genug ins Wasser, um dort vielleicht etwas zu finden. "Necker oder Nixe müßte man sein, um sich unter Wasser umsehen zu können." Der neben Travinus stehende Ungalf sagt dazu nichts.
Um nicht unnütz herumzustehen, kehrt Travinus in sein Zelt zurück und macht sich daran, die bisherigen und womöglich zukünftigen Kosten des Abenteuers zu berechnen. Ein Loch graben und anderen gehörende Bäume fällen ist eine Sache und wahrlich nicht billig. Aber eine Bucht mit einem Damm absperren kann nicht nur richtig, sondern sogar gefährlich teuer werden. Das will vorher gut überlegt und kalkuliert sein.

Es war dem guten Travinus schon immer ein Greuel, gebunden an Zahlen und Kosten zu sein. Zu einfach war es doch, das Geld seines Vaters oder seiner Gönner in vollen Zügen unter die Leute zu bringen. Ja, das konnte er, ziemlich gut sogar. Diese Expedition konnte ja dennoch grob überschlagen werden, damit Travinus sich schon einmal auf das Donnerwetter seines knausigen Vaters einstellen könnte.

Gut, dass seine Schwester Brunella ihm bereits eine Depesche mit Kosten durch Arombolosch hat zukommen lassen. Diesen Satz verstehe ich nicht. Wann und wo gab es diese Depesche? Novacasa 09:53, 28. Okt. 2010 (CEST)

Expedition Zyklopenhort
laufende Kosten: 310H am Tag
Personal:
Travinus van Kacheleen
Ungalf ter Goov steht in Diensten der Familie van Kacheleen
1 Vorarbeiterin 15H am Tag
5 Holzfäller 10H am Tag je Mann
5 Männer für die Grabungen 10H am Tag je Mann
2 Söldner 30H am Tag je Mann
1 Zimmermann 25H am Tag
Arombolosch 50H am Tag
Landreka, Hesindegeweithe 50H am Tag
Proviant: 90H am Tag
- guter Proviant pro Mann (18 Mann) und Tag 5H


Einmalige Kosten:
Ausrüstung
Unterkünfte (4MannZelte, Wolldecken, Hängematten, Bastmatten, Feldbetten) – 565 Silber
Arztkoffer (dazu diverse Materialien) - 400 Silber
Gefäße (Fässer, Bottische, Feldflaschen etc.), Seile, Ketten - 180 Silber
Feldküche - 60 Silber
Werkzeuge (Äxte, Vorschlaghammer, Spaten, Hammer, Nägel, Sägen, Hacken, Brecheisen, Zange, Meißel etc.)- 450 Silber
Schreibzeug und Meßinstrumente (Linela, Abakus, Brennglas, Winkelmesser, Fadenzirkel, Sanduhr) - 130 Silber
Proviant (Extras wie Premer Feuer etc.) - 100 Silber
Bestechungsgelder (Hafenmeister Teremon, Zöllner, Beamte, Schreiber, Büttel)– 150 Silber
Transport
Kutterfahrt zur Eicheninsel 12 Personen HIN (4 Silber je Person) - 48 Silber
Kutterfahrt von der Eicheninsel 18 Personen RÜCK (4 Silber je Person) - 64 Silber
"Hm, ein Tag auf dieser Insel kostet mich also 400 Heller an Sold und Proviant ... ein ganzer Deich würde wohl Wochen dauern und damit meine Ausgabenseite ziemlich belasten." Er runzelt die Stirn, während er diese Worte nachdenklich spricht. "Bei Phex und dem Launischen" seine Stime erhebt sich leicht, während eine tiefere und ruhigere Stimme ihn unsanft unterbricht. "Junger Herr, Euer Vater wird Euch hart und härter in den Magazinen schuften lassen, wenn ihr mit leeren Händen und vollen Kosten nach Hause zurück kehrt." Dabei schaut er ihn väterlich an. "Nicht einmal Eure geliebte Mutter noch meine Fürsprache wird euch nützlich sein. Ihr kennt Euren alten Herrn."
"Ach Ungalf, treuer Diener meines Vaters. Ich weiß, dennoch brennt das Feuer dieser Insel in mir. Ich muß es wagen. Phex wird mir den Weg weisen."
So gibt er seine Anweisungen, zu messen, wie lang und hoch dieser Deich überhaupt werden müßte.

Etwa 60 Schritt werden gemessen von einem Ende der kleinen Bucht zum anderen. Glücklicherweise würden einige auf der Strecke liegende Felsen die Arbeit sehr erleichtern. Travinus versteht wenig vom Deichbau, aber er hat eine Vorstellung von der Masse und dem Volumen des zu bewegenden Materials und kommt auf einen Wert, der bereits bei der ersten Schätzung weit jenseits akzeptabler Baukosten liegt. Der darob befragte Arombolosch meint dazu: "Wir wollen hier ja keine Landgewinnung betreiben. Für eine gewisse Zeit genügt auch eine Spundwand, zwei verbundene Reihen Stämme, fest verfüllt mit Erdreich und Geröll. Das Schöpfen des Wassers könnte problematisch werden, weil wir keine Lenzpumpe haben. Aber die kann man ja beizeiten besorgen. Mit harter Arbeit und genügend Einfallsreichtum sollte das Werk zu schaffen sein. Drei Wochen, vielleicht vier. Aber das zu schöpfende Wasser... Und es darf kein Schlechtwetter geben, denn dann wären wir am... ähem... Arsch. Mit Verlaub, mein Herr." Der stämmige Zwerg murmelt in seinen Bart, daß er sich ganz sicher nicht auf so ein Wagnis einlassen würde. Andererseits war das bärtige Volk ja noch nie für seinen Mut auf dem Meer berühmt, denkt sich Travinus. Nun ist immerhin einer von womöglich mehreren Wegen zum Ziel gefunden.

So sollte es sein. Arombolosch wird mit den Männern einen Deich bauen, nicht für die Ewigkeit. Er sollte bloß solange halten, bis wir den Zugang in das unterirdische Labyrinth gefunden haben und erforschen können, was es auf sich hat. Vielleicht ist es ja eine große Höhle und ... und die Vorstellungskraft, was sich in dieser Höhle befinden könnte, beflügelten Travinus Gedanken. Mit aufgeknüpften Hemd schreitet er aus seinem Zelt und ruft lauf "Skeboserin, Mädel wo steckst Du ?"
Es dauert nicht lange und die Vorarbeiterin steht vor ihm. Er teilt ihr seinen Entschluß mit, auch dass sie ab sofort in der Bucht tauchen solle, immer zur Sicherheit mit einer Begleitperson, um nach einem Zugang in eine Höhle oder ähnlichem unter Wasser zu suchen. Eben nach Spuren. Danach stecken Arombolosch, Travinus und die Hesinde Geweithe die Köpfe zusammen und baldovern einen Plan aus.
Nach kurzer Zeit gibt Arombolosch seine Anweisungen. Zerknirscht murmelt er dabei vor sich hin "So lange war ich auf Pailos gestrandet und dachte, es könnte nicht schlimmer kommen und nun hat es Ingerimm noch übler mit mir vor ... einen Deich soll ich bauen ... beim Barte meines Vaters ... das darf ich zu Hause keinem erzählen." Travinus hatte seinen störrischen Freund zwischenzeitlich lieb gewonnen und drückte ihn vor lauter Vorfreude innigst an sich. Das bisschen Schweiß und Zwergenmoschus störte ihn dabei herzlich wenig. "Aro, mach Dir keinen Gedanken ... die Götter meinen es gut mit uns. Dein Gott und auch die meinen."

"Aro..." grummelt der Angroscho in seinen Bart, als Travinus außer Hörweite ist. "Leben die Menschen denn wirklich so kurz, daß nicht genug Zeit übrig ist?" Aber da der überaus ehrenwerte Name nach menschlicher Sitte aus Zuneigung und nicht aus Bosheit verstümmelt wurde, nimmt Arombolosch die Geste schließlich so, wie sie gemeint war. Einem Erzbergwerkzwerg hätte er dafür ein Haar aus seinem Bart gezupft, bei Angrosch.
Dann geht es an die Arbeit. Gruppen sind einzuteilen, neue Spezial-Werkzeuge müssen geschmiedet werden. Ob dieser Plan wirklich der kostengünstigste ist, ficht den Zwergen nicht an. Hauptsache, er hat zu tun. Je mehr, desto besser.

39. und weitere Tage, Erkundung der Insel

Die nächsten Tage werden hart gearbeitet und immer wieder wird die Küste der Bucht durch Tauchgänge der Vorarbeiterin erkundet. Travinus möchte nichts dem göttlichen Schicksal überlassen. Denkt er. So schreiten die Arbeiten voran.
Die Arbeiter arbeiten immer härter. Arombolosch treibt sie störrisch aber behutsam immer wieder zu neuen Heldentaten an. Abends, wenn die Sonne untergeht, finden sich die leitenden Personen zum Lagegespräch ein und besprechen, was ihnen etwa wichtiges aufgefallen ist. Anschließend wird guter roter Wein von den Inseln getrunken. Man plaudert avesgefällig über dies und das und lernt sich dadurch besser kennen. Ungalf bereitet irgendwann das Bett für Travinus und nach einem weiteren Tag, vielen Schmeicheleien, etwas Premer Feuer und zwei überzeugend bei Kerzenlicht am Klippensteg vorgetragenen Liebesliedern teilt dann auch Minervé das nächtliche Lager von Travinus . "Uhh, ahh..." so beschreien die Möwen das morgendliche Aufstehen.
Die Tage schreiten ins Land. Morgens hebt Praios sein tägliches Licht und abends legt Phex sein nächtliches Gewand über dieses Eiland. So weit entfernt jeglicher Zivilisation. So weit entfernt von Sewamund.
Travinus läßt es sich nicht nehmen, die Insel auf eigene Faust zu erkunden. Zu den morgendlichen Gesprächen ist er zugegen, wenn der Tag kurz geplant wird. Dann zieht es ihm mit einem Schlauch Wasser über die Insel. Bewaffnet mit einem Stück Eichenholz und einem Hut, der die Sonne ein wenig aufhält. Er schaut sich aufmerksam die Gegend an und notiert sich markante Punkte auf einer selbst angefertigten Karte. Gegen Mittags findet er sich im Lager ein und sieht sich den Stand der Arbeiten an. Er bespricht sich mit mit Landrenka, die ihm auch an diversen Tagen begleitet. Zusammen sinnieren sie über die Götter.

40.Tag, die Peraineblume wieder in Sewamund

Die Peraineblume erreicht Sewamund ohne bemerkenswerte Probleme.

Es ist ein gutes Gefühl wieder heimischen Boden unter den Füßen zu haben. Schon die Einfahrt ins Hafenbecken bringt Erinnerungen mit sich. Das Schiff wird vertäut und Brunella schreitet eilig vom Schiff. Es gibt einiges zu bestellen.

Brunella erledigt die Formalitäten, dann gilt es, Bericht zu erstatten. Während sie überlegt, wohin die Schritte zuerst zu lenken sind, überkommt sie das Gefühl, von irgendwo her angestarrt zu werden. Brunella dreht sich herum, aber da ist niemand.

Ist es der Bruder, den sie auf diesem Eiland mitten im Nirgendwo zurück gelassen hat? Ungern, aber Travinus ist alt genug, zu entscheiden, was er zu tun oder zu unterlassen hatte. Noch einmal dreht sie sich um und beobachtet sorgfältig die nähere Umgebung. "Die Pflicht ruft." murmelt sie vor sich hin. Ihr Weg führt sie zuerst ins heimsche Kontor. Von dort schreibt sie eine Depesche an das Haus Novacasa zwecks einer Unterredung, im besten Falle noch am heutigen Tage. Danach sucht sie ihren Vater Aurelio auf. Er ist wie immer beschäftigt und schaut hocherfreut auf, als sie in sein Arbeitszimmer schreitet.
"Brunella, Schatz. Gut Dich wieder hier zu wissen." Dabei mustert er sie. "Wo ist dein missratener Bruder, dieser Taugenichts? Haben ihn die Wellen dahingerafft und ein Leben unter Deck fristen lassen?" Aurelio hörte sich zwar spöttisch doch besorgt an. "Nein Vater, er kam nicht mit," ist ihre kurze Antwort, um schnell anzufügen: "Wir sind spät, es gab Komplikationen mit dem Holz. Die Steineichen waren hart zu fällen und standen lange wie die Götter sie schufen standhaft im Winde. Aber unsere fleißigen Leute haben es mit Hilfe der Zwölfe dennoch geschafft, das Schiff zu füllen.".
"Und wo ist Travinus?" entgegnet ihr Vater. "Hat er irgendetwas mit dieser Verspätung zu tun?" Seine Stimme wird fordernder und die Augen schauen seine Brunella listig und fragend zugleich an. "Ja... ich meine nein... und wiederum, konnte er..." in Gedanken bringt sie ihren Satz zu Ende "...konnte er ja auch nichts dafür, auf dieses unsägliche Loch im Boden gestoßen zu sein...". Ihr Vater läßt hingegen nicht locker "Und?"
"Und, ja... ja, wir fanden etwas..." Sie verbessert sich. "Travinus fand etwas. Ein Loch im Boden. Es gab Türen hinunter. Sie gruben und gruben und es gab Komplikationen ... Vater, vielleicht hat ein van Kacheleen wieder etwas einzigartiges auf den Zyklopeninseln gefunden..." Ihre Stimme klingt dabei unsicher und mehr fragend als feststellend. Dies bemerkt ihr Vater.
"Brunella, dein Bruder taugt nicht viel, bislang zumindest, und nun verpraßt er auf einer einsamen Insel mein Gold. Ich werde ihn lehren. was harte Arbeit bedeutet." Kopfschüttelnd tritt Aurelio zum Fenster seines Turmzimmers und schaut hinaus. Es ist fast Mittag. Aus der Küche dringt ein süßer leckerer Duft durch den Palazzo. Zeit zu essen, denkt er sich.
"Laß uns essen. Deine Mutter freut sich sehr über deine Rückkehr und wird sich tiefe Sorgen um Ihren Lieblingssohn machen... dafür könnte ich ihn, heilige Grangorelle..." Sie gehen zur Mittagstafel, wo auch schon Arbeiter und andere Familienangehörige und Bedienstete sich eingefunden haben und essen einen köstlichen Eintopf.
In der Zwischenzeit verläßt die Depesche an das Haus Novacasa den Palazzo Aurelio und wird durch einen jungen Boten auf dem schnellsten Wege und flinken Fuße zum Hause der ehrenhaften Familie gebracht. Der Bursche muß zwei- oder gar dreimal tief durchschnaufen, als er ans Tor der Villa klopft und mit bebendem Brustkorb die Depesche überreicht.

Der Bote wird hereingebeten. "Weiß oder flieder?" Der Bursche schaut verständnislos drein. "Weißer Salon oder fliederfarbener Salon?" Der Bursche ist zum ersten Mal hier. Er kapiert immer noch nicht. "In welchem Salon möchtest du auf Antwort warten, im weißen oder im fliederfarbenen?"
"Äh... Ich weiß nicht." Ein beleibter und kurios gekleideter Diener kommt herein, stellt einen Stuhl an die Wand der kleinen Eingangshalle und sagt: "Setz dich, mein Sohn. Wenn du mal reich und berühmt werden willst, solltest du lernen, beizeiten Entscheidungen zu treffen." Tee und Gebäck werden auf einem zierlichen Beistelltisch dargereicht, dann ist der Bursche vorerst mit sich allein.

Der kleine Hlufino muß sich gar dreimal am Arm pitschen, um zu begreifen, dass er nicht unterwegs eingeschlafen ist. Schnell schaut er sich um, immer damit rechnend, dass er gar am Ende doch noch eingeschlafen ist und sein Vorarbeiter mit einem Besen seinen Kopf wachrüttelt. Aber weder Vorarbeiter noch Besen sind hinter ihm und vor ihm duftet das leckere Gebäck. Er greift zu und schmatzt zufrieden.

Zwei Türen weiter öffnet ein verschwenderisch und nach neuester Mode gekleideter Herr das Schreiben und beginnt zu lesen...

An seine Edelhochgeboren, Jacop Rahjamor Novacasa (etc. pp.)
Die Zwölfe zum Gruße!
Die Handelsfahrt ist nun zu Ende. Gerne möchte ich mit Euch, Herrn La Flor wie auch mit meinem Vater alle Details besprechen. Wäre der heutige Nachmittag genehm, oder vertagen wir es auf die frühen Morgenstunden des nächsten Tages? Mein Bote wird Eure Antwort, mündlich wie schriftlich gerne entgegen nehmen.
Hochachtungsvoll
Brunella van Kacheleen

Es dauert noch eine Weile, dann bekommt der Bursche seine Mappe wieder in die Hand gedrückt, diesmal mit einem anderen Schreiben. Er nimmt noch schnell den letzten Keks und macht sich wieder auf den Weg ins Kontor.

"Gut gelaunt erscheint der Bursche mit der Depesche im Palazzo Aurelio. Einzig die Kekskrümel auf seinem Leinenhemd verraten den köstlichen Genuß. Brunella öffnet die Depesche und liest eilig die geschriebenen Zeilen ...


An die Ehrenwerte Signorina Brunella van Kacheleen
Mit größter Freude erwarten wir Euren Bericht über den erfolgreichen Abschluß des Unternehmens und bieten hierzu die bereits bekannte Stätte an. Da der abendliche Trubel im Haus der Aufgehenden Sonne Eurem hochverehrten Herrn Vater bei seinem letzten Besuch anscheinend nicht zur vollsten Zufriedenheit gereichte, schlagen wir die Frühstücksstunde des morgigen Tages vor, zu der ein entsprechendes Mahl und meine Wenigkeit auf Euch warten werden. Sofern bereits eine Abrechnung vorliegt, bitten Wir, diese mitzubringen.
Mit vorzüglichster Hochachtung
Gui La Flor, Dottore e Professore beiderlei Rechts
im Auftrage des höchst ehrenwerten Hauses Novacasa
"Am nächsten Morgen und in der Früh. Das paßt mir sehr gut." Kurze Zeit später bespricht sie sich mit ihren Vater und auch dieser stimmt dem Zeitpunkt sowie der Lokalität zu. Wiederum verläßt ein sichtlich erfreuter junger Bursche den Palazzo, diesmal ohne Kekskrümel auf seinem Leinenhemd. Brunella waren die Krümel aufgefallen und hatte diese umgehend entfernen lassen.
"Wo kommen wir denn dahin, wenn ein Bediensteter der van Kacheleens so liederlich und auch noch öffentlich so herum stolziert." ist ihr erster Ausruf des Entsetzens, um diesem einen zweiten hinzuzufügen: "Bursche, lasse Dich nicht wieder mit Krümeln auf der Kleidung erwischen, andernfalls warten Schrubbarbeiten der Holzböden auf Dich ... und vertraue mir, derer gibt es hier im Palazzo viele."
Diese Sätze hallen in dem armen Burschen noch nach, da erreicht er voller Vorfreude das Anwesen der Novacasas. Ein hastiger Klopfer später ...

41. Tag, Beratungen im Haus der Aufgehenden Sonne

Vor der Pforte des Hauses der Aufgehenden Sonne erscheinen Aurelio und seine bezaubernde Tochter Brunella und werden ohne Verzögerung hereingebeten. Um diese Zeit ist hier noch alles ruhig. Nur Reinigungs- und Haushaltspersonal ist leise aber geschäftig unterwegs. Die beiden van Kacheleens werden in einen kleinen Saal gebeten, in dem eine Tafel bereitet ist, deren Angebot wohl für ein Dutzend Leute genügen würde und auch in Vinsalt nicht delikater sein könnte.

"Oh Vater, welch eine Verschwendung." platzt es aus der guten Brunella heraus. "Eine einfache kalte Wurstplatte und ein schmackhafter Laib Brot hätten genügt." setzt ihr Vater umgehend nach. "Aber Kind, wenn wir dieses Mahl für Reiche hier vorfinden, dann geht es unserem Geschäftspartner zumindest gut und wir können noch weitere Geschäfte machen".

Gui La Flor schwenkt seinen Hut, verbeugt sich und leitet so das kleine Begrüßungsritual ein, an dessen Ende schließlich vier Personen am Tisch sitzen: Der Advokat, sein Schriftführer sowie Brunella und Aurelio van Kacheleen. Bedienstete legen das Mahl vor, die Herrschaften greifen zu, und nach den ersten Bissen kommt Gui La Flor zur Sache: "Nun denn, lasst uns sehen, was Ihr zu berichten habt."

"Sicherlich habt ihr bezüglich der reinen Reise bereits das Gespräch mit dem Kapitän der Peraineblume geführt, so dass ich meinen Bericht auf den Geschäftlichen Teil lenken darf." Sie schaut Herrn La Flor liebreizend an und fährt nach kurzer Unterbrechung schließlich mit seiner Zustimmung fort.
"Wir konnten Waren zu und von den Zyklopeninseln mit Gewinn verkaufen. Eine genaue Aufstellung habe ich Euch angefertigt und werde diese am Ende der Unterhaltung auch aushändigen. Aus dieser gehen die genauen Kosten und Erträge exakt hervor."
Sie greift zu einem Glas Wasser und benetzt ihre Lippen. "Schwieriger waren schon die Steineichen selbst. Es dauerte, bis wir uns auf die richtige Technik eingestellt hatten. Danach war es ein hartes aber dennoch den Laderaum füllendes Unterfangen. Die komplette Ladung konnte ich einer Werft auf Pailos zu einem sehr guten Preis überlassen. Auch hierzu habe ich euch im Detail alles auf Heller und Kreuzer im Bericht dargelegt." Sie schaut ihren Vater tief in die Augen, seufzt kurz und erzählt weiter:
"Mein Bruder Travinus verblieb auf der Insel. Er betreibt dort auf eigene Rechnung und Wagnis eine Studie. Dies war auch ein Grund, neben den garstigen Steineichen selbst, warum wir mit einigen Tagen Verspätung im Hafen von Sewamund eintrafen."
Sie überreicht dem Schreiber des Herrn La Flor die Unterlagen und greift herzhaft zum Essen.
Aurelio sitzt derweil am Tisch und überschlägt grob, welchen Gegenwert dieses Essen wohl haben möge und feilt an einer Möglichkeit zukünftig als Hoflieferant der Novacasa auftreten zu können. Ein gewinnbringendes Geschäft sollte es allemal sein, die Konditionen seiner Lieferanten hatte der alte Aurelio wie aus dem "eff-eff" bereit und selbst ein Abakus-kundiger Rechenkünstler konnte nicht annähernd die Geschwindigkeit des graumelierten Kaufherren erreichen, mit der er sich seinen Gewinn soeben ausrechnet. Gleich nach dem derzeitigen Thema sollte auch dieses besprochen werden. Wenn man denn schon einmal da war, sollte es sich auch lohnen...

"Studie, soso, da haben Wir anderes gehört..." Als die Rede auf Travinus kommt, runzelt Gui La Flor bedenklich die Stirn und murmelt etwas von "Davon wird noch zu sprechen sein...", doch dann widmet er sich ausführlich dem Studium der Papiere und stimmt sich dabei häufig mit dem Schriftführer ab. Offenbar gehen die Aufgaben dieses Mannes über das reine Schreiben hinaus. Schließlich wird alles wieder säuberlich zusammengelegt.
"Es gäbe da die eine oder andere Kleinigkeit zu bemängeln, beispielsweise die nach Unserer Überzeugung unvorteilhafte Wahl des Verkaufsortes, aber da dergleichen vorher nicht vereinbart wurde und Seine Edelhochgeboren mich angewiesen hat, im Interesse guter Beziehungen über derlei hinwegzusehen, sei die Besprechung diesbezüglich zur beiderseitigen Zufriedenheit abgeschlossen.
Nun aber zum weniger erfreulichen Teil: Was denkt sich erstens der junge Herr Travinus eigentlich, die Ressourcen und Kapitalien der Compagnie für seine persönlichen Zwecke einzuspannen? Und zweitens hat er anscheinend vor, das Schatzregal des Seekönigs zu missachten. Oder er weiß er nicht, dass es so etwas gibt, was beim Licht des Gesetzes betrachtet kaum weniger verwerflich ist? Wie wollen wir da mit Gewinn wieder rauskommen?"
Aurelio windet sich unbehaglich. Wo der Advokat recht hat... Noch immer ist dem Patrizier die herausgeputzte Art der Novacasa-Klientel ungewohnt und beeinträchtigt seine Menschenkenntnis. Immerhin geht es anscheinend nicht darum, Travinus nackt in eine möglichst heiße Pfanne zu hauen. Aurelio schaut Brunella fragend an.

Diese merkte den Blick ihres Vaters und beeilte sich hinzuzufügen. "Ich sagte bereits, mein lieber Bruder führt eine intensive Studie über das Zyklopäische an sich und dafür..." Bei diesen Worten geht sie sich durch das gelockte Haar, "was auch immer er dort macht... " Aurelio unterbricht seine Tochter zügig "... wird er auf eigene Kosten begleichen." Brunella schaut leicht errötet ihren Vater an "Danke Vater, das wird er." An Herrn La Flor gewendet "Herr La Flor, wie ich merke, liegen ihnen weitere Auskünfte vor. Was glauben Sie zu wissen?" Dabei lächelt sie ihren Gegenüber offen an. "Dürfte ich vorher noch einen Keks nehmen ?" Ihre Hand bewegt sich leicht zu den Keksen um dann inne zu halten und auf eine Reaktion ihres Gegenübers zu warten.

"Wir wissen alles," sagt Gui La Flor, mit besonderer Betonung auf dem letzten Wort und schiebt den Keksteller ein Stück in Brunellas Richtung, "jedenfalls alles bis zur Abfahrt der Peraineblume von der Eicheninsel. Und wir werden das Weitere beizeiten erfahren. Eine der wichtigsten Ressourcen des Hauses sind schließlich seine Zuträger. Kapitän Yonnes war zunächst ein wenig einsilbig. Er wird seine Gründe gehabt haben. Wir wollen das nicht weiter verfolgen, zumal er sich nicht getraut hat, die Unwahrheit zu sagen, sobald ihm die richtigen Fragen gestellt wurden. Wir müssen also konstatieren, daß Angestellte des Hauses Novacasa in eine potentiell illegale Tätigkeit verwickelt wurden. Und was Wir über die jugendliche Begeisterungsfähigkeit Eures Sohnes wissen, weckt in Uns die Befürchtung, daß er sich weder um die genauen Bedingungen des seeköniglichen Schatzregals noch um eine Genehmigung zur Grabung auf fremdem Grund gekümmert hat. Wir waren auch mal jünger und wissen, wie es einen packen kann. Das sind alles keine unlösbaren Probleme, aber wir können nicht so tun, als gäbe es sie nicht. Glücklicherweise habt Ihr mit dem Haus Novacasa genau die richtigen Partner, um alle gesetzlichen Klippen bezüglich des Holzhandels und der Staatsforste im Seekönigreich beider Hylailos zu umschiffen."

"Da Travinus lange auf Pailos lebte und auch über advokatliches Wissen verfügt, denke ich, er wird schon wissen, was er dort macht." Während Brunella spricht, entspannen sich Aurelio Züge leicht, und im Verlaufe des Gespräches hält er sich bei diesem Thema ruhig zurück. Innerlich kochte er vor Wut. Sein mißratener Sohnemann brachte ihn in diese Situation. SO hörte er schon wieder die sanfte und beruhigende Stimme seiner fleissigen Tochter.
"Zurückkommend auf den Verkauf des Holzes kann ich Euch und Seiner Edelhochgeboren versichern, dass es ein gutes Geschäft in Bezug auf die eingesetzte Zeit war. Dazu konnten wir zyklopäischen Waren für den hiesigen Markt auf der Rückfahrt laden und beizeiten gewinnträchtig verkaufen. Geschweige von den Waren der Hinreise, die auf dem Märkten der Inseln sehr gefragt waren."

"Wie schon gesagt, diese Kleinigkeiten sind erledigt und Wir wollen Uns nicht länger damit befassen. Wenn es Euch recht ist, können wir die Kooperation gern fortsetzen, wobei Wir erneut den Beitritt zur Merkantilen Allianz empfehlen. Die Peraineblume ist ja bereits bestens vorbereitet.
Also, zurück zum Casus cnactus: Was schlagt Ihr vor, um dem jungen Herrn van Kacheleen aus der Bredouille zu helfen?"

Sein Stichwort, und nach einem kurzen Räuspern spricht Aurelio: "Die Zeit des Handels ist gekommen. Wir reden nicht länger um die gebratene Grangorelle herum und kommen zum Wesentlichen." Während er dies sagt, strahlt er die Ruhe in Person aus "Eure Informationen treffen zu. Mein miss ... der prächtig gewachsene Sohn meiner innig geliebten Frau sucht dort etwas. Um was es sich handelt, wissen wir zu diesem Zeitpunkt nicht. Es ist anzunehmen, dass er etwas finden wird, welches uns - das Haus Novacasa und die Familie van Kacheleen eng aneinander binden kann, nicht muss. Um keine Zeit zu verlieren, sollten wir die Peraineblume entsprechend ausrüsten und mit Handelswaren zu den Zyklopeninseln schicken. Sozusagen als Start des Beitrittes der Familie van Kacheleen in die Merkantile Allianz. Dies wird auch das Interesse der Öffentlichkeit beruhigen und einen Grund liefern, warum wir wieder gemeinsame Sache machen. Es werden dazu insgeheim Spezialisten angeheuert. Die Waren auf dem Hin- und Rückweg sollten die Kosten des Schiffes und der Spezialisten im Idealfall decken, so dass wir uns völlig auf die Suche einlassen können. Mit Eurem Einverständnis wird Brunella noch heute alles in Absprache mit Euch in die Wege leiten." Zu Brunella gewandt spricht Aurelio "Brunella, Du wirst in den Merkantilistenrat entsandt. Du genießt mein vollstes Vertrauen." Zu Herrn La Flor gewandt "Meine junge wie fleissige und Euch wohlbekannte Tochter Brunella wird der Gesellschaft beitreten. Was haltet ihr von meinen Vorschlägen und seid ihr befugt im Namen Seiner Edelhochgeborenen dies zu entscheiden und per Handschlag zu besiegeln?"

Gui La Flor lächelt, wobei Aurelio nicht recht zu unterscheiden vermag, wieviel davon Belustigung und wieviel Zufriedenheit oder gar Freude ist. "Selbstverständlich habe ich Prokura, sonst säße ich nicht hier. Ich sehe schon, Ihr seid ein Mann schneller Entschlüsse. Wenn ich recht verstehe, wollt ihr das Haus Novacasa in die Affaire hineinziehen und Uns so ... ähem ... animieren, für die Lösung zu sorgen. Nun denn, das soll und wird mit der gebotenen Diskretion geschehen. Der übliche Satz des Hauses für derlei Leistungen ist ein Handgeld plus 5% des jeweiligen Reingewinns. Auf das Handgeld können Wir unter Leuten von Ehre wohl verzichten. Da wir den Gewinn der ... ähem ... Suche noch nicht einschätzen können, bieten Wir zweierlei an: Den bisherigen Gewinn nunmehr 45% zu 35% zu teilen, oder stattdessen zum selben Verhältnis den zukünftigen - sofern es einen gibt. Denkt in Ruhe darüber nach. Wir werden in der Zwischenzeit ... "

Herr La Flor bemerkt das zustimmende und sehr spontan und dennoch überlegt wirkende Nicken bei seinem Gegenüber. "Als gleichberechtigte Partner sollten wir Zukünftiges unberührt von Vergangenen lassen. Die Diskretion in der uns bekannten Angelegenheit ist der von Ihnen vorgeschlagene Anteil an dem bereits getätigten Geschäft. So soll es sein." Sein Blick versprüht Aufbruchstimmung und es glimmt die leidenschaftliche Flamme einer neuen Unternehmung in ihm. "Meine Tochter spricht in meinen Namen und wird die weiteren Verhandlungen eigenverantwortlich führen." Aurelio nickte Brunella und danach Herrn La Flor zu. Dieser wird das Gefühl nicht gänzlich los, das sein Gegenüber bereits mit dieser Forderung gerechnet und sie einkalkuliert hatte.

Weitere Unterlagen werden gebracht, und Brunella sowie Aurelio stellen fest, daß ihre bisherigen Informationen über die Organisation arg einseitig waren. Diskretion, Ehre und Kühnheit sind die wichtigsten Tugenden der Merkantilisten. Gewinne werden gemäß den Einsätzen der Kapitalisten geteilt. Propaganda und andere notwendige Aktivitäten werden aus Beiträgen und Umlagen finanziert. "Die Merkantile Allianz braucht Leute, die das Risiko lieben und den hohen Gewinn suchen. Da können wir Erbsenzähler nicht brauchen. Im Vertrauen, Seine Edelhochgeboren hätte kaum anders gehandelt als der junge Travinus, wenn auch dank mir mit etwas mehr Überlegung." Brunella erfährt, daß ihr Vater ihr trotz ihrer Jugend Prokura erteilen muß, wenn sie voll geschäftsfähig sein will. Das wird kurzerhand erledigt, und nach einer Weile sind alle wichtigen Details geklärt.

Das Geschäft wird wie besprochen per Handschlag besiegelt. Die Kosten für Schiff, Mannschaft, Ausrüstung und dergleichen werden wie bisher abgerechnet. Beide Merkantilisten reinvestieren vom bisherigen Gewinn zu gleichen Teilen, rüsten eine neue Expedition aus und entsenden diese - möglichst schon gestern - erneut zur Eicheninsel, um dem dortigen Rätsel auf den Grund zu gehen.
"Herr La Flor," Aurelios Worte schneiden bei aller Vertrautheit die Luft des Raumes, "auf einer kleinen Randbedingung müßte ich allerdings bestehen." Guy La Flor betrachtet seinen Gegenüber neugierig.
"Falls Phexens Gunst uns in die gewünschte Situation bringen sollte, daß Artefakte gefunden werden," - er drückt seine Hände auf dem Tisch leicht ab und legt mit einem Hochziehen der Augenbrauen den Kopf schräg "betrachten wir es als fairen Moment unter Freunden, dass es meiner Familie obliegt, den für sie interessantesten Gegenstand als erstes zu nehmen. Insgesamt teilen wir die Fundsachen gerecht auf."

Große Betrübnis zeigt sich daraufhin auf dem Gesicht von Gui La Flor. "Nur zu gern würden wir Euch die erste Wahl überlassen. Allerdings... Was ist, wenn beispielsweise nur ein einzelner Gegenstand und dazu ein Heller gefunden würde? Wäre der Gegenstand wertvoll, hätte das Haus Novacasa einen Heller. Wäre der Gegenstand stattdessen gefährlich, hätte das Haus womöglich einen Haufen Ärger am Hals. Ihr versteht, daß sich niemand darauf einlassen kann. Die Merkantilisten sind gehalten, Risiken einzugehen, aber bei dem vorgeschlagenen Risiko wäre kein adäquater Gewinn zu erwarten. Stattdessen schlagen wir vor, das wohl etablierte Protokoll der gerechten Teilung anzuwenden, das bereits aus den Zeiten der Beni Tulam bekannt ist. Das Los mag entscheiden, wer teilt und wer auswählt.

"Leider wäre selbst ein Artefakt kaum durch 2 zu teilen, so dass es schließlich doch aufgeteilt werden müßte. Ich verstehe Eure Sorge und teile diese auch." Aurelio`s Stimme klingt fest aber besorgt. "Schließlich würde es einem Handel unter Freunden gleichkommen, wenn, ja wenn lediglich ein Artefakt gefunden werden sollte, eine unabhängige Person welche unseres wie Eureres Vertrauen genießt, den Wert ermittelt und es meiner Familie obliegt, die Wahl zu treffen und Euch entsprechend auszuzahlen. So hätten wir die Stelle mit dem Heller fürsorglich umschifft."
Aurelio befeuchtete kurz seine Lippen mit dem köstlichen roten Vino, der in einem Prunkpolkal vor ihm steht. Danach fährt er fort.
"Im Sinne der Merkantlilen Allianz werden alle Kosten die für diese Unternehmung anfallen gleichermaßen durch die Partner geteilt. In diesem Fall das Haus Novacasa sowie die Familie van Kacheleen. Unter Kosten sind selbstverständlich auch die Aufwendungen meines Sohnes zu zählen, ohne diese es nicht möglich gewesen wäre, heute und hier über eine Expedition auf die Insel zu sprechen."

"Ad 1: Die Aufwendungen Eures Sohnes resultieren aus seinem eigenem Entschluß, nicht aus einer Vereinbarung der Gesellschafter. Aber stellen wir diesen Punkt einstweilen zurück, bis der folgende Passus geklärt ist.
Ad 2: Mit Verlaub, Signor, nach Lehrmeinung unseres Hause gibt es keine unabhängigen Personen, allenfalls dritte, vierte und so weiter. Es ist doch ganz einfach, und ein Beispiel mag Euch überzeugen: Angenommen, es wäre einer der Magischen Kelche gefunden worden und sonst nichts. Der Teilende legt nun den Kelch auf eine Seite und einen Schuldschein vom Besitzer des Kelches über eine angemessene Summe gemünzten Goldes - sagen wir beispielsweise 1000 Dukaten - auf die andere. Der Wählende mag sich nun frei zwischen dem Kelch und den 1000 Dukaten entscheiden." Während Aurelio und Brunella noch überlegen, ergänzt der Advokat: "Es ist immer ein wenig seltsam, das Fell des Löwen zu verteilen, bevor er erlegt ist, aber trotz der seit der Erfindung vergangenen Jahrtausende ist das Protokoll der gerechten Teilung immer noch bekannt, was wohl für seine Qualität spricht."

"Dann wären wir uns in Punkt 2 einig. Wichtig hier ist die genaue Wertfestlegung, die auch nach erfolgreich überstandener Expedition getroffen werden kann." Aurelio hatte diesen Punkt ähnlich verstanden und formuliert, aber Herr La Flor bestätigte ihn in seiner Auffassung. "Gut, kommen wir zu den Kosten." Ein Schluck aus dem Weinpokal tut seiner Zunge überaus gut und schmeichelt seinem Gaumen. "Ich sehe es wie ihr, werter Signor La Flor, es gab zu den bereits getätigten Kosten keinen Entschluss der Gesellschafter, da es auch noch keinen Beitritt zu dieser Gesellschaft gab und auch diese keinerlei Kenntnis haben konnte. Beides rein formale Akte, da ich Euch bereits angeboten habe, an dieser Expedition teilnehmen zu können. Das tat ich aus reinem Gewissen und Herzen. Unter Ehrenmännern eine Selbstverständlichkeit. Nun bleiben die kleinen Details, wie die Kosten, die unscheinbar wirken, dennoch schmälern sie den Gewinn. Auf den Schultern der Teilnehmer verteilt erhalten sie einen gar glänzenden Charme und würden eine partnerschaftliche Gesinnung, welche unzertrennbar mit einer erfolgreichen Expedition verbunden ist, offenbaren." Aurelios Worte hören sich sanft wie der süßeste Honig an. "Erlaubt mir anzumerken, dass ich weiß wovon ich da soeben sprach. Vor dreißig Jahren... " Aurelio will gerade einen Schwank aus seiner Sturm- und Drangzeit auf den Zyklopeninseln erzählen, unterbricht sich dann jedoch selbst "... aber das ist eine andere Geschichte."
"Kurze Rede, wir sollten teilen. Den Gewinn wie die Kosten. Dann könnte die Unternehmung schon in kürzester Zeit für den Erfolg sorgen. An welche Spezialisten dachten Seine Edelhochgeboren und Ihr?" Ein fürsorglicher Blick liegt auf dem Advokaten. Brunella schnabuliert währenddessen ein wenig Gebäck.

Angesichts der Einigung zum zweiten Punkt hellt sich die Miene Gui La Flors sichtlich auf, verdüstert sich allerdings um so mehr, als die Rede zurück auf Travinus' Alleingang kommt. Ein wenig unwillig gibt Gui zu bedenken: "Euer Herr Sohn macht seit über zwei Wochen, was er will, ohne sich um den nunmehr abgewickelten Kontrakt gekümmert zu haben. Wie bereits erwähnt schätzen wir Kühnheit, und es wurde ja bereits vereinbart, daß Unser Haus die juristischen Kalamitäten aus der Welt schafft. Hätte Signora Brunella sich nicht in dankenswerter Weise um die Erfüllung des Kontraktes gekümmert..." Gui nickt noch einmal anerkennend in Brunellas Richtung.

Brunella zieht es vor, verschmitzt zu lächeln.

"Wer weiß, ob Ihr noch Haare auf dem Kopf hättet. Vielleicht hätte das Abenteuer sie Euch alle vom Kopf gefressen..."

Aurelio kann ein leises Aufstöhnen nicht unterdrücken. Zu sehr setzt ihn sein mißratener Sohenmann derzeit zu. Wenn er das nur früher gewußt hätte. Travinus' Weg hätte ihn schnurgerade nach Riva geführt.

Gui La Flor räuspert sich: "Ihr verlangt nun, daß wir den Alleingang nicht nur legalisieren, sondern darüber hinaus zur Hälfte bezahlen, wobei noch keineswegs gesichert ist, ob wir uns mit dem bereits jetzt vereinbarten Engagement nicht in ein Dukatengrab stürzen. Phex mag wissen, wieviel Gold der ungestüme junge Herr in der Zwischenzeit unbedacht im Schlamm oder sonstwo versenkt hat."

Die beiden van Kacheleen beeilen sich, ein beifälliges Nicken zu platzieren.

Gui erhebt sich kurz von der Tafel, läßt fünf Klare bringen, stürzt einen hinunter, nimmt sich einen weiteren und bietet das Tablett den van Kacheleens an. Erst mit dem nächsten Kurzen glätten sich die tiefen Sorgenfurchen auf dem Gesicht des Advokaten ein wenig. "Ihr wollt 50% der bisherigen Ausgaben zurückgewinnen, doch wenn wir nicht zu Sündern vor Phex werden wollen, muß auch das Haus Novacasa bei diesem zusätzlichen Entgegenkommen profitieren. Bedenkt, wir zahlen - so wir auch zum zweiten Abschluß kommen - bereits ab heute gemeinsam, obwohl wir nicht wissen, was Signor Travinus noch einfallen mag, bis die Peraineblume wieder auf der Eicheninsel ist. Warum laßt ihr den verwegenen Burschen nicht selber zahlen? Das mag ihm eine gute und wohlfeile Lehre sein. Nachträglich belohnen könnt Ihr ihn ja immer noch - sofern sich herausstellen sollte, daß er es verdient hat."

Ein Klarer war genau die richtige Antwort, die auch Aurelio jetzt brauchte. Ein kurzer Griff, ein Schluck, ein wohlwollendes Brennen. "Guter Abgang, Herr La Flor.". Brunella hatte es nicht so mit den Spirituosen. Verkaufen, ja, das war die eine Sache, aber trinken, nein. So zieht sie es vor, höflich ein wenig von den Kostbarkeiten des Gabentisches zu naschen.
"Euer Vorschlag trifft es im Kern. Travinus wird sich noch wundern, auf welche Gedanken sein Vater kommen wird."
Einen weiteren Kurzen und einem Blick tief in die Augen seines Gegenübers später "Bedenkt, dass beide Häuser profitieren können. Da wäre zum einen der Handel zu den Zyklopeninseln, das erneute Fällen von Steineichen nebst Weiterverkauf, sowie, den Rückimport von zyklopäischen Waren für den heimischen Markt. Gleiche Anteile, geteilte Kosten und halbes Leid. Gilt unsere Abmachung nun?"

"Es gilt." Die Tafel wird abgetragen. Zwei Kontrakte werden ausgefertigt, unterschrieben und gesiegelt, einmal eine Neuauflage der Fahrt der Peraineblume zwecks Holzeinschlag und zum Tranport von Holz und anderen Handelsgütern, des weiteren die 'archäologische Ausgrabung zur hesindegefälligen Mehrung des Wissens'. Kapitän bleibt wie bisher Praiostobal Yonnes, die Leitung an Land übernimmt diesmal Brunella van Kacheleen allein. Ein Handschlag beendet den geschäftlichen Teil.
Als alles erledigt ist, bringt ein Diener ein Tablett mit drei wohl gefüllten Bosparanjer-Kelchen und einer Tasse mit heißer Chocolat. "Greift zu, auf weiterhin gute Geschäfte!"

Spät abends bringt ein Bote ein mit dem Waagenwappen der Continios versiegeltes Schreiben für Brunella van Kacheleen zum Palazzo Aurelio.

42.Tag, Sewamund

Brunella geht wieder an die Arbeit. Es waren schwierige Verhandlungen die sie gestern geführt hatten. Travinus' Handeln war leichtfertig und vielleicht kostenintensiv. Das hatte Herr La Flor trefflich bemerkt. Ihr Vater hatte noch bis in die späten Abendstunden getobt und wurde durch Mama besänftigt, auf das er seinen abendlichen Schlaf finden konnte.
Travinus, das war sicher, konnte sich auf einiges gefaßt machen. Jetzt ist es an Brunella, die Unternehmung sorgfältig zu planen. Sie überdenkt das Geschehene. Als sie die Insel verließ, lief das Loch immer wieder mit Wasser zu. Daher hatte sie extra einen Mann aus dem kleinen Volke angeheuert. Wichtig wäre es, geschultes Personal zu haben. "Die Vesselbeks" schießt es ihr durch den Kopf. "Wenn sich jemand mit Bauwerken auskennt, dann die". Schnell ist eine Depesche geschrieben und an einen Boten übergeben, der sich schleunigst auf den Weg zu den Vesselbeks macht. Dazu Holzfäller von den Luntfelds. "So könnten wir die Steineichen schneller und nicht so kraftanstrengend schlagen." Auch zu den Luntfelds wird ein Bote mit Depesche geschickt. Da bemerkt Brunella das Schreiben mit dem Continio Wappen, öffnet es und beginnt zu lesen.
Alfredo, Carlo & Brunella
Sehr geehrte Brunella van Kacheleen
Wie ich hörte, waren Euch Phex und Efferd auf Eurer ersten Fahrt zu den Zyklopeninseln gewogen. Dazu möchte ich Euch meine herzlichsten Glückwünsche zukommen lassen. Aber das ist nicht das alleinige Anliegen meines Schreibens. Ich wollte Euch darum bitten, dass ich zu einer kurzen Unterredung bei Euch vorstellig werden dürfte, um einige Informationen über die Zyklopeninseln zu erhalten.
Hochachtungsvoll Alfredo Continio
Palazzo Continio
Sewamund
Brunella ist leicht irritiert und flüstert: "Schöne Bescherung, jetzt macht Travinus mit seiner unangenehmen Geschichte auch noch die Runde in Sewamund. Wenn das mal nicht Schule macht. Vater wird das gar nicht gerne hören." Gut, denkt sie sich und setze ei Schreiben auf mit der Bitte, noch am selbigen Tage im Palazzo Aureio einem Treffen zuzustimmen. Sie wäre zeitlich flexibel, da anwesend.
Dem Boten, der das Schreiben zum Palazzo Continio bringt, wird nach wenigen Minuten des Wartens mitgeteilt, dass Brunella jederzeit vorbeikommen kann.
"So soll es sein, gut, ich werde mich direkt nach dem Mittagsmahle aufmachen." Während sie dies sagt, streicht sie sich durchs gewellte Haar und schreitet den Flur hinunter zum Mittagstisch. Ein kräftiges Essen weckt bekanntlich Lebensgeister und so gibt es einen tüchtigen Erbseneintopf mit frischen Brot. Diesen Luxus gönnen sich die van Kacheleens am heutigen Tage. Neben ihren Brüdern Horasio und Pexje, ist auch ihr Vetter ersten Grades Neven Nepolemo anwesend. Es heißt, er wäre auf der Durchreise nach Ruthor...
So unterhält man sich über dies und das und Brunella bekommt wertvolle Tips und Hinweise von ihrem erfahrenen Vetter für die anstehende Expediton, dass sie wohlgemut bereit ist, ihr Schicksl in die Hände der Götter zu legen. Nach einer herzlichen Verabschiedung macht sie sich auf den Weg zum Palazzo der Continos. Dort angekommen, klopft sie um Eintritt zu bekommen.
Es ist ein Tag mit ruhiger See und einer frischen Brise, die durch die Stadt Sewamund weht.
Nach wenigen Augenblicken des Wartens öffnet ein Hausangestellter der Continios für Brunella die Tür und führt sie in Alfredos Arbeitszimmer. Alfredo kommt lächelnd hinter seinem Schreibtisch hervor: "Die Zwölfe zum Gruße, meine Liebe. Ihr seht wahrlich bezaubernd aus." Als Alfredo Brunella erreicht, deutet er auf zwei Stühle und einen Beistelltisch: "Setzt euch doch, meine Liebe. Was darf ich euch zu Trinken anbieten?"
"Travias Gruß, geschätzter Alfredo Contino." Brunella läßt sich gerne schmeicheln. Klar, welche Frau, noch dazu unvermählt, tut dies nicht. Gerade von solch einer wichtigen Person in Sewamund. "Ihr habt doch sicherlich etwas Wasser mit Geschmack?" dabei lächelt sie, um hinzu zu fügen "und dann bin ich neugierig, was ihr mir zu erzählen habt."
"Natürlich" antwortet Alfredo, während er zwei Gläser mit Wasser aus einer edlen Glaskaraffe zufüllen beginnt. (Das mit dem "Geschmack" hat der Tölpel wohl nicht gehört. ) "Meine Teuerste Brunella van Kacheleen, ich habe zwei Anliegen die ich mit Euch erörtern will. Ich habe eventuell vor, meine geschäftlichen Aktivitäten auf die Zyklopeninseln auszudehnen. Wäre es Euch deshalb möglich, Euch auf der nächsten Reise zu den Zyklopeninseln dort umzuhören, welchen Bedarf an Waren es dort gibt, speziell natürlich Waren die die HPNC ins Reich bringt? Und als zweites: Einer meiner Angestellten hat mir zugetragen, dass er von einem Besatzungsmitglied der Peraineblume in einer Taverne eine geradezu unglaubliche Geschichte über eure Reise zu den Zyklopeninseln zu hören bekam. Es war etwas davon, dass Euer Bruder dort wie ein Angroscho etwas im Erdreich suchen soll. Ich habe es nicht glauben wollen, aber ich möchte Euch fragen ob es wahr ist oder nicht?"
"Fürwahr, die HPNC. Als Sewamunder Kaufherren sollten wir uns ohnehin Gedanken über ein geschlossenes Vorgehen gegenüber dem Süden machen. Ich denke speziell an die handeltreibenen Familien dieser Stadt. Mein Vater inspirierte mich seinerzeit und auch noch vorhin zu der Idee, diese Sewamunder Aussenhandelscompagnie zu nennen. Eine jede Familie hält eigene Anteile, sicherlich auch die HPNC. So könnten wir unsere Interessen und unser Kapital bündeln. Was haltet ihr von diesem Vorschlag ?"
Alfredo streicht sich sinnierend über das Kinn, als er die weisen Worte von Brunella vernimmt und antwortet schließlich: "Ja, das ist eine Idee, die mir auch schon mal durch denn Kopf ging. Wir, damit meine ich unser beiden Familien, sollten uns vielleicht bei unsere Partner in Sewamund danach erkundigen ob sie eine Bündelung des Sewamunders Handels unterstützen würden.
"Gleich morgen - nachdem ich meinem Vater von dieser Sache berichtet habe, wird er die führenden Familien anschreiben und auf ein Treffen laden."
"Brunella greift nach ihrem Glas und nippt leicht daran. "Vorzüglich, liebster Alfredo."
"Diese geschwätzigen Seeleute. Gebt nicht viel auf das Seemannsgarn betrunkener Matrosen, aber ich kann euch beruhigen, Travinus ist wohlauf und in der Tat geht er seinem Interessen nach. Zumindest hat er das Glück, sich vollauf auf seine Interessen zu konzentrieren. Die Damenwelt auf diesem unbewohnten Flecken Land ist äußerst klein."
"Ich wollte Euch und und eurem Bruder nichts unterstellen. Ich habe nur gefragt, weil die Rede davon war, dass es irgendwelche Probleme mit Wasser geben soll und mein Bruder Carlo sich damit beschäftigt, Pumpen und ähnliches zu konstruieren. Und ... um ehrlich zu sein, er nervt mich ein bisschen in letzter Zeit mit seinen Vorträgen und Bitten um Geld," sagt Alfredo, nachdem er ebenfalls einen Schluck genommen hat.
"Pumpen... Ihr meint, er weiß, wie er Wasser entfernen kann? Erzählt mir mehr von Eurem Bruder Carlo und seinen Künsten."
Brunella scheint neugierig zu sein.
Etwas überrascht von dem plötzlichen Interesse seines Gegenübers fängt Alfredo an zu berichten: "Nun, der gute Carlo ist Mechanicus und hat aus einem mir unerfindlichem Grund ein sehr starkes Interesse an Wasser, den Eigenschaften und der Bewegung des Wassers. Und im Zusammenhang mit letzterem beschäftigt sich der Gute auch mit Methoden, Wasser zu bewegen, auch in Richtungen, die der Herr Efferd für das Wasser nicht vorzieht. Ich persönlich halte die Ideen meines Bruders für reine Blasphemie dem Herren Efferd gegenüber, aber ich sehe in einigen seiner Vorschläge durch aus Vorteile für die Menschen im Reich."
Brunella zieht erschrocken beide Hände vor ihr Gesicht, als das Gespräch auf den Launischen kommt. "Bei den Göttern, wir dürfen sie nicht erzürnen. Es gibt wichtigeres, als dieses Loch in der Erde auf einem uns allen nicht bekannten kleinen Eiland." Brunella scheint nachdenklich. "Aber ist es nicht unsere phexische Pflicht, den Widrigkeiten ein Schnippchen zu schlagen? Lieber Alfredo Continio, ich verstehe fürwahr nicht viel von Pumpen und solch einem unphexischen Werke, sehr wohl verstehe ich etwas vom Handel und den sich bietenden günstigen Möglichkeiten. Es würde mich interessieren, was Euer Bruder Carlo genau macht und was er mir über diese Pumpen erzählen kann." Sie wirkt entschlossen "Wäre es euch möglich, mich mit Eurem Bruder Carlo bekannt zu machen?" Sie schaut Alfredo offen an "Vielleicht schon jetzt?"
Alfredo nickt eifrig, als er Brunellas weise Worte vernimmt und für sich im stillen denkt, diese junge Dame könnte sogar einem Novadi Sand verkaufen. "Fürwahr, Ihr habt Recht, zuerst sollten wir den Regeln des Herren Phex folgen." Während er das sagt, erhebt er sich von dem Stuhl und reicht Brunella eine Hand: "Wenn ich bitten darf, meine Dame. Ich werde Euch nun zu meinem Bruder begleiten."
Lächend nimmt sie seine Hand. Fürwahr, ein Mann von Stand und dem Wissen um seine guten Manieren, wie er einer Frau entgegen zu treten hat. Zugegeben, einer jungen Frau. Ein Treffen mit Carlo könnte interessant werden. Eine sich bietende Möglichkeit des Schicksals einfach liegen zu lassenm, ohne diese genausten zu prüfen, nein, das ist nicht Brunellas Anspruch. So in Gedanken folgt sie Alfredo Continio durch seinen Palazzo.
Alfredo führt Brunella zu einem Zimmer, das unmittelbar unter dem Dach liegt, klopft an die Tür und öffnet. Beim Eintritt lässt er Brunella den Vortritt. Als Brunella das Zimmer betreten hat und sich umschaut, sieht sie ein gerade zu niederhöllisch zu nennendes Chaos von Papieren, Zeichnungen, technischen Modellen und Apparaturen. Alfredo flüstert ihr zu: "Habt keine Angst, ich sagte ja mein Bruder ist ein Wirrkopf." Danach ruft er in den Raum hinein: "Carlo, ich bin es Alfredo und ich habe Besuch dabei, der dich sehen will." Daraufhin kommt hinter einem überladenden Schreibtisch ein Mann mit wirrer Frisur hervor und schaut Alfredo zornig an. "Seid gegrüßt, junge Dame, wie kann ich euch zu Diensten sein?" sagt er dann.
Brunella mustert ihn sorgfältig aber nicht aufdringlich, dann sagt sie bedacht und im angenehmen Ton: "Travia zum Gruße, oder sollte ich Hesindes großen Wissenschatz rühmen, den ihr euch für den Bereich der Pumpen aneignet habet und für den Ihr bekannt seid?"
Nach einer kurzen Pause setzt sie hinzu "Ihr müßt Carlo Continio sein!"
Carlo antwortet lachend: "Ja, der bin ich, aber ihr müsst nicht versuchen, mir Honig um den Mund zu schmieren. Ich weiß, dass mein Bruder sich meiner schämt. Des weiteren weiß ich, dass es in Sewamund nicht all zu bekannt ist, was ich tue. Deshalb werde ich eure Schmeichelei einfach als einen Versuch der Höflichkeit abtun."
"Ihr müsst meinen Bruder entschuldigen, Signora van Kacheleen, er ist mürrisch wie ein Ork wenn man ihn bei der Arbeit stört," entschuldigt Alfredo, die rüde Ansprache seines Bruders.
Brunella bleibt ganz gelassen, als sie zu Carlo gewendet im ruhigen Tone sagt: "Meine Worte entsprangen weniger der Höflichkeit, mehr aus Neugierde. Euer Bruder gab sein Wissen erst vor wenigen Minuten über Euch und Eure Arbeit preis, so dass ich davon vorher noch nie hörte. Aber verzeiht, dass ich Eure Arbeit gleichzeitig mit den hohen Tugenden Hesindes in einem Atemzug hervorbrachte ..." sie blickt ihm tief in die Augen "... dennoch müßt ihr mehr über Eurer Können erzählen ..." Erwartungsvoll schaut sie zu Carlo hinüber.
"Ich gehe wohl Recht in der Annahme, dass ihr ein Problem technischer Natur habt, sonst würde mein hochgeschätzter Bruder Euch nie zu mir bringen und das nicht nur weil ich Probleme im Umgang mit Menschen habe, sondern auch weil mein Bruder Angst hat, ich könnte so verrückt und größenwahnsinnig werden wie dieser zwölffach verfluchte Leonardo, wenn ich mehr Geldmittel für meine Arbeit zusammenbekommen würde! Da mein Bruder euch als Signora van Kachleen ansprach und ich weiß, dass ihre Familie mehr Efferd als Peraine zugeneigt ist, schließe ich mal aus, dass sie Hilfe dabei benötigen, irgendwo Wasser hinzubewegen! Also, junge Dame, da bleibt eigentlich nur noch eine Frage über! Nämlich wo muss Wasser wegbewegt werden?" doziert Carlo auf ein Neues.
"In der Tat, Wasser, immer wiederkehrendes Wasser aus einem Loch nahe an einer Küste. "Brunellas Worte hören sich wohlüberlegt an, dennoch wechselt ihr Ton ins Fragende: "Ich frage mich, wie ihr mir ohne großen Aufwand und vor allem in einem kleinen zeitlichen Moment behilflich sein könnt?" Dabei reibt sie sich nachdenklich den Zeige- und Mittelfinger am Kinn. Sie fügt an: "Dazu ist es wichtig, dass wir unserem verehrten Launischen nicht sein Element nehmen, sondern, sagen wir es phexisch, lediglich für eine kurze Zeit borgen und an anderer Stelle in sein Reich umgehend zurück führen." Zu Alfredo halb flüsternd gewandt: "Wir müssen es unbedingt vermeiden, den Launischen zu erzürnen." Dabei spricht sie so laut, dass alle im Raum diesen Satz sehr gut verstehen können.
Alfredo nickt zustimmend.
"Ah, mein Bruder berichtete euch auch von seinen Sorgen wegen des Launischen," bemerkt Carlo mit einem breiten Grinsen. "Ich will Euch beruhigen, bei meiner Arbeit konzentriere ich mich ausschließlich auf das Anlegen von Kanälen und den Einsatz von Pumpen, und beides wird seit Jahren auch von anderen auch gemacht, wie etwa die weit verbreiteten Ziehbrunnen oder der König-Therengar-Kanal. Nur halt etwas besser und moderner. Aber ich schweife ab. Ihr sagtet Wasser, das in ein Loch eindringt, in der Nähe einer Küste. Ich möchte doch meinen, dass ihr bereits überprüft habt, ob das Wasser im selben Takt im Loch steigt wie auch die Flut steigt. Gut, ihr wollt es bestimmt auch nicht zu teuer haben, oder?" fragt Carlo während er sich einige Zeichnungen ansieht.
"'Teuer', wahrlich kein Wort, welches ich zu meinen Lieblingswörtern zähle, aber was hat es mit diesen Pumpen auf sich?" Das ist erstmal das Einzige, was sie hervorbringen kann, während sie nach wie vor wartet, was der ihr bislang unbekannte, dennoch sehr wohl gebildete Mann noch erzählen mag.
"Als einfachste Konstruktion würde ich euch ein Schöpfwerk empfehlen, die Konstruktion ist nicht sehr schwierig, aber es gibt relativ hohe Investitionskosten, als Antrieb meisten Rinder oder Pferde oder auch Menschen, dann müsste man noch ein einige Teile vor Ort bauen. Hier habe ich eine Zeichnung. Doch ich hab noch eine Alternative für Euch, eine Schneckenpumpe, die mit Hilfe des Windes angetrieben wird. Wenn Ihr, meine Dame, Euren Blick bitte auf dieses kleine Modell lenken würdet, möchte ich es euch demonstrieren." Carlo tritt an einen Tisch, auf dem eine Wanne mit Wasser steht, worin eine Schneckenpumpe steht, an deren oberem Ende die Flügel einer Windmühle befestigt sind. Als Carlo leicht gegen die Flügel pustet, fangen sie an, sich zu drehen und drehen die Förderschnecke mit, wodurch Wasser emporgefördert wird.
Brunella scheint beeindruckt zu sein, besonders als sie sich die unterschiedlichen Zeichnungen anschaut. So entlockt es ihr ein kleines Pfeifen, als sie diese Wunderwerke Hesindes anschaut und ohne auf die Etikette zu achten drauflosplappert: "Carlo, sagt mir, falls am morgigen Tage ein Schiff mit Euch an Deck lossegeln sollte, was an Material würdet ihr benötigen? Wie teuer würden mich dieses und Euer Dienst kommen und wie lange würdet ihr für den richtigen Aufbau dieser hesindegefälligen ... wie sagtet ihr ... Pumpe, benötigen ?" Eine kleine Pause entsteht. Doch bevor Carlo antworten kann, fügt Brunella noch schnell hinzu "Über allem liegt eine Begrenzung in meinen Ausgaben und bedenkt, falls es gelingen sollte, wäre meine Empfehlung Euch sicher." Sie neigt dabei ihren blondgelockten Kopf leicht zur Seite und schaut ihn aus großen, offenen Augen an.
Einige Augenblicke lang genießt Carlo die Blicke von Brunella, bis er antwortet: "Zwei dieser von Flügeln getriebenen Pumpen hab ich fertig im Keller des Hauses, die müssten vor Ort nur noch zusammengebaut werden. Aber ich warne euch, ich habe sie noch nie getestet. Ich wollte es demnächst mal tun, also werde ich euch die beiden Pumpen leihweise überlassen. Aber ich muss darauf bestehen, dass wir sie wieder mit zurücknehmen. Zum Aufbau werde ich nicht mehr als ein paar starke Männer, ein paar Äxte, und Grabungswerkzeuge benötigen und zwei stabile Baumstämme. Der Aufbau sollte nicht länger als zwei Tage dauern, aber das hängt vom Untergrund ab. Es wäre nett, wenn Ihr mir ein bisschen mehr über Eure Arbeit erzählen würdet an diesem ominösen Loch? Wie soll zum Beispiel das erneute Einfließen von Wasser verhindert werden? Habe ich schon erwähnt, dass ich diese Pumpen noch nicht erprobt habe? Also weiß ich noch nicht, wie viel Wasser sie in der Praxis fördern werden. Ich habe zwar Berechnungen angestellt, aber über die Praxis weiß ich selbst noch nicht viel. Was war noch ... ach ja Bezahlung, sagen wir fünf Silber pro Tag oder acht Silber pro Tag, dann kann ich noch den Nichtsnutz Francesco mitnehmen, der kann mir ein wenig helfen. Was sagt ihr junge Dame, 8 Silber pro Tag für meine Dienste und die meines Bruders Francesco." Als Carlo den ersten Betrag nennt, stöhnt Alfredo leicht auf und als er dann auch noch den Namen seines jüngsten Sohnes hört, bilden sich auf seiner Stirn kleine Zornesfalten.
Brunella entgeht Alfredos Gesichtsentgleisung nicht. Zu Carlo gewandt sagt sie. "Für 40 Heller können wir es versuchen. Auch den Burschen Francesco könnt ihr meinetwegen mitnehmen. Bedenkt, dass die Pumpe noch unerprobt ist und wir nicht wissen, ob es überhaupt funktioniert. Bezüglich der Helfer und auch eines Gaules macht Euch keine Sorgen. Die Vorkehrungen treffe ich bis auf den kleinsten Punkt gerne ausführlich und penibel. Bezüglich des wiederkehrenden Wassers habe ich auch schon eine Idee. Hierzu erwarte ich noch in diesen Stunden eine Rückmeldung. Bereits morgen stechen wir in See. Wie lautet also eure Entscheidung?" Sie schaut ihr Gegenüber fragend an.
Mit einem spöttischen Lächeln in Richtung Alfredo meint Carlo schließlich: "Da habt ihr meine Augmentation sehr gut gegen mich verwendet. Ich bin beeindruckt. Ich wäre mit 40 Hellern einverstanden, wenn ich bei erfolgreicher Arbeit, das heißt, dass die Grabungen zu einem positiven und finanziellen Gewinn für Euch werden, eine Prämie ausgelobt bekomme."
"Bei Phex und dem Launischen, damit sind wir uns handelseinig." Sie mußte schmunzeln. In der Tat gab Carlo ihr die passenden Argumente. Aber er war ehrlich. So hoffte sie. "Ich denke, es soll nicht Euer wie unser Schaden sein. Schlagt ein." Dabei hält Brunella ihrem Gegenüber die ausgestreckte Hand hin. Ich schicke ein paar Burschen zu Euch, die Dinge zu holen, die ihr benötigt und auf die Peraineblume zu verladen. Es ist Eile geboten."
"Wir sind uns einig," antwortet Carlo, als er die Hand der Dame ergreift, um das Geschäft zu besiegeln.
Zu Alfredo gewandt: "Euch möchte ich für diese Gelegenheit danken. Bei meiner Rückkehr möchte ich mich erkenntlich zeigen." Dabei hält sie ihm die Hand zum Handkuss hin und zeigt an, nun aufbrechen zu wollen.
Alfredo küsst die ihm dargebotene Hand und fragt dann: "Darf ich Euch zum Ausgang begleiten?"
Während sie das Zimmer verläßt, spricht sie halb zu Carlo gewandt: "Ich hoffe, es macht Euch keine Sorgen, dass eine Frau diese Expedition leitet? Gut, dann bitte ich Euch, morgens zur Flut am Hafen zu sein. Mögen die Götter über uns wachen."
Von Carlo kommt eine unverständliche Antwort, während er sich auf einem Stuhl niederlässt und beginnt, etwas auf einen Bogen Papier zu schreiben.
Als Alfredo und Brunella den Gang entlang gehen: "Alfredo, ist Eurer Bruder vertrauenswürdig. Würdet ihr für ihn bürgen?"
"Bei den meisten Menschen würde ich eine solche Frage als Beleidigung verstehen!" antwortet Alfredo "Ich würde für ihn bürgen, schon alleine weil er mein Bruder ist. Aber vertrauenswürdig, ich möchte dazu nur sagen, das er gänzlich unpolitisch ist und auch sonst hat er nur seine Forschungen im Kopf. Ihr fragt bestimmt weil er meinen jüngsten Bruder Francesco dabei haben will?"
Brunella ahnte bereits als sie es aussprach, dass sie mir ihrer Frage eindeutig zu weit gegangen war. Aus einem Reflex heraus biss sie sich auf die Innenseite Ihrer Lippe, bis ein leichter Blutgeschmack Ihre Sinne ablenkt. Dabei zieht sie leicht den Kopf zu den Schultern. "Verzeiht mir vielmals, bei den Göttern, wie konnte ich Euch nur diese Frage stellen." Brunella wirkt geknickt. "Dennoch muss ich Euch über euren Bruder befragen, dazu verpflichtet mich meine Aufgaber zur Führung der Expedition, von deren Gelingen bis dato wohl nur die Götter wissen. Erzählt mir bitte etwas über Francesco."
Mit schmerzverzerrtem Gesicht beginnt Alfredo über Francesco zu erzählen: "Er ist ein guter Kämpfer, erlernte das Kämpfen beim Schwertmeister Essalio Fedorino, und sehr vertrauenswürdig. Aber er ist ungehobelt wie ein Holzklotz und neigt dazu, zuviel zu trinken."
"Ich danke Euch für Eure Offenheit, so kann ich in gewissen Siutationen wissender handeln." Brunella ist vorerst zufrieden, allerdings auch besorgt. Ein betrunkener Schwertkämpfer mochte auf einer Insel durchaus zu einem Problem werden. Sie verabschiedet sich, und ihr Weg führt sie zurück zum Palazzo Aurelio. Dort haben sich bereits die ersten Interessierten eingefunden, die gerne "Holz fernab von Sewamund" schlagen wollen. Die ersten 15 Mann erhalten feste Zusagen für die morgendliche Reise. Dazu erhält sie eine Zusage der Vesselbeks, einen der Vorarbeiter unter Vertrag nehmen zu dürfen. So langsam nimmt die Planung feste Konturen an.
Brunella & Gui
Nachdem Brunella von dem Treffen mit Alfredo Contino in den heimischen Palazzo Aurelio zurückgekehrt ist, geht sie wieder an ihr Tageswerk. Die Unternehmung war noch nicht zu Ende geplant. "Hm, was fehlt denn noch?" murmelt sie laut vor sich hin und gibt sich die Antwort stumm. Die Ausrüstung. Ja, jetzt sollte nur noch diese ausgewählt und gekauft werden, dazu Waren, die auf den Inseln teuer zu verkaufen sind. Zum Abschluß werden noch Söldner angeworben, die notfalls mit ihrem Leben für das Gelingen der Expedition beitragen. Und alles unter höchster Verschwiegenheit. Die Pläne nebst Kostenvorschlägen gibt sie dann gegen Abend höchstpersönlich zu treuen Händen von Herrn La Flor. So ist er immer unterrichtet.

Der Advokat ist bereits dabei, sein Tagwerk zu beenden. Als Söldner empfiehlt er zwei Mitglieder der Bruderschwestern vom Nemezijn, die als Angestellte des Hauses Novacasa besonders motiviert und loyal sein dürften.

Brunella findet diese Idee sehr gut. Gerade für ein solches Unternehmen bedarf es loyaler Söldner.

"Sucht Euch einfach zwei aus, aber bitte nicht beide Anführerinnen gleichzeitig. Mögt Ihr mich noch auf einen Sprung ins Haus der Aufgehenden Sonne begleiten und ein wenig entspannen?"

"Ihr kennt Eure Männer und Frauen besser. So dass ich mich auf Eure Meinung verlassen weden, wehrter Herr La Flor." Ihre Augen zwinkern ihren Gegenüber an.:"Ja, warum eigentlich nicht." So entlockt Herr La Flor der Kaufherrin ein glattes ja. "Wir haben viel vor, so sollten wir die Möglichkeit nutzen, einander kennen zu lernen. Jetzt wo ich Mitglied im Merkantilistenrat bin." Sie zwinkert ihrem Gegenüber lächelnd zu.

"Wundervoll!" Gui mustert Brunella einmal von oben bis unten und wieder nach oben. "Ihr seid ja schon herausgeputzt. Nun ja, gehen Wir heute mal ganz schlicht. Unsereins wird heute neben Euch gar greulich verblassen, so ohne abendlichen Putz. Aber sei's drum. Glücklicherweise wird es niemand wagen, den Prokuristen wegen mangelhafter Garderobe aus dem Haus zu weisen... hoffentlich." Gui grinst, und Brunella fragt sich, was der aufgetakelte Kerl wohl tun mag, wenn er sich herausputzt.

Dabei trage ich doch eines meines schicksten Kleider denkt Brunella. Gut der Ausschnitt ist dezent und verbirgt die Früchte Rahjas. Es ist aber neu und der eingebildete Pfau weiß wohl nicht um den Wert des Tuches.

"Nun denn, gehen wir. Und denkt schon mal darüber nach, welchen Grado Ihr gern hättet." Gui bietet Brunella galant seinen Arm an.

Innerlich kopfschüttelnd und äußerlich ganz die Dame antwortet sie: "Sicherlich, einen Grado mit einen Schuss Sahne, aber bitte einen warmen Grado. Oder wie trinkt man diesen in ihrme Hause ?" Dabei entschlüpft sie Herrn La Flor und kichert mit einer gehörigen Portion Ironie leise in sich hinein.

"Touché!" Gui lächelt amüsiert und spielt weiter mit. Auf dem Weg erklärt er Brunella, was ein Grado ist, als wüßte sie es nicht schon längst, macht ihr weitere Komplimente und bemüht sich ernsthaft um ihr Wohlbefinden.
In der Eingangshalle des Hauses der Aufgehenden Sonne erhält Brunella einen Einblick ein die Grado-Liste und wird ein weiteres Mal vor die Wahl gestellt: "Nun? Welchen Grado hättet ihr gern?" Während Brunella noch nachdenkt, ordert Gui bei einem Bediensteten bereits Getränke: "... und für die Dame heiß, mit einem Schuß Sahne."

"Den Grado für 10 Silberlinge" als sie mitbekommt, dass Herr La Flor durchaus ein Mann des Witzes ist, wird ihr dieser mehr und mehr sympatisch.

Gui zahlt klaglos die Summe, legt ungebeten noch drei Taler drauf, damit sein Grado für heute nicht über dem ihrem liegt und bringt die Liste auf den neuesten Stand. Dann gehen beide in den Saal. Die Müßigänger der Stadt sind bereits anwesend, dazu auch einige Auswärtige. Brunella versucht sich beim Ditschen und besiegt ihre Kontrahenten haushoch, was Gui angesichts seines mäßigen Erfolgs zu einigen schmutzigen Zoten über ihre Fingerfertigkeit animiert. Von ihrem Gewinn ermutigt versucht Brunella sich beim Glücksspiel. Das Kugelglück ist ihr jedoch nicht hold, und so hat sie bald allen Gewinn wieder verloren, der dafür in Guis Geldbeutel wandert. "Na los, weitermachen! Wer nicht wagt, kann nicht gewinnen." Gui ermuntert Brunella, den Rest der Barschaft auch noch zu verspielen, dann bekäme man mit genügend Charme einen Zuschuss vom Eintrittsgeld. "Oder mögt ihr einen Tanz mit mir wagen?" In der Tat wechselt die Kapelle in diesem Moment die bisher recht leisen und zurückhaltenden Instrumente zum Teil gegen Blech und Schlaginstrumente aus.

Alles Spiel der Welt könnte Brunella nicht von einem Tanz abhalten. Tanzen ist eine ihrer Leidenschaften, nur leider sind die männlichen van Kacheleens nur hinreichend begabt. Bis auf Ihren Bruder Travinus. Der Schlingel hat hier einen sehr großen Vorteil der Männerwelt gegenüber den Damen, den er auch geschickt zu nutzen weiß. So erzählt Frau sich zumindest hinter vorgehaltenem Fächer. "Nun gut, lieber Gui La Flor. Laßt und zu guter Musik das Tanzbein schwingen. Ich hoffe, ihr tanzt so galant wie ihr im Spiele gewinnt?"

Da haben sich aber zwei verwandte Seelen gefunden! Der Einstieg ist eher vorsichtig, doch nachdem Gui Brunellas Leidenschaft erkannt hat, geht er in die Vollen und animiert die Kapelle mit kleinen Hinweisen zu schnellerem Rhythmus und läßt immer wieder diese neumodischen Drehtänze spielen, bei denen anzügliche Hüftbewegungen unvermeidlich sind, bei denen man sich sehr nahe kommt, bei denen man außer Atem gerät und bei denen einem vor lauter Drehen ganz schön schwummerig werden kann. Brunella gerät alsbald außer Atem. Wer hätte auch gedacht, daß der Abend diesen Verlauf nehmen würde? Das Kleid ist viel zu wärmend für solcherlei Aktivitäten. Brunalla will bereits um eine Pause bitten, da läßt Gui sich für einen Moment entschuldigen, was eine gute Gelegenheit zum Verschnaufen ist.

Ein wahrer Mann. Mit all seinen Gelüsten, aber er kann tanzen. Das sogar gut. Brunella wirkt zufrieden. Kommt sie doch zu selten unter Menschen und wenn, dann meist geschäftlich. So ist dies ein willkomendes Abenteuer. Auch wenn es nicht ihre Welt ist, zu aufgetakelt ... vordergründig, so entpuppen sich die Geschäftspartner und allen voran Herr La Flor als wirkliche Menschen, aus Fleisch und Blut. Sie krempelt elegant ihre Ärmel ein wenig hoch, öffnet für kurze Zeit die obersten Knöpfe ihres Kleides und fächtert sich schier beiläufig frische Luft an die erhitzte Haut.

Bereits nach wenigen Augenblicken ist Gui wieder da. Er hat die Lackschuhe gewechselt, das selbe Modell, aber unzweifelhaft andere Schuhe. Waren die vorigen hinüber oder mußte eine Blase behandelt werden? Dann geht es weiter, wobei Brunella feststellt, daß Gui außerdem ein frisches Hemd angelegt hat. Und er hat die Erholung gut genutzt, denn er forciert das Tempo, doch niemals in einer Weise, die Brunella unangenehm werden würde.
So vergeht die Zeit, als würde Satinav persönlich sie mit der Peitsche vorantreiben. Es ist bereits spät, als Gui Brunella in einer verschwiegenen Ecke noch einen Fingerbreit näher rückt als bisher schon und ihr beinahe unziemlich direkt in die Augen blickt: "Wenn ihr meine wenigen verbliebenen Kräfte noch nutzen wollt, dann könnten wir privater werden. Privatissimo, wenn ihr wollt..."

Brunella zieht Gui noch näher an sich. "Ach Gui, ihr seid ein begnadeter Tänzer und ein wahrlich echter Mann dazu." haucht sie in sein Ohr, so dass ihm Hören und Sehen vergeht und ein Gefühl der Wollust in seine Lenden herabsteigt. "Ihr habt Manieren, von denen andere nur staunen könnten, aber ..... entschuldigt mich." Dabei entzieht sie sich ihrem Gegenüber sehr geschickt, obwohl sie in der kordinierten Rückwärtsbewegung ihren verdutzten Gegenüber ein wenig verspielt mit ihrer Hand an seiner Wange steichelt, aber dennoch bestimmend auf ehrbare Distanz geht. Er bemerkt, dass sie diese Szene sichtlich genießt. Das ist ihr spürbar anzumerken. Brunella erinnert sich beim Weghuschen an ihre Frau Mutter und Großmutter, die ihr einmal mehr beiläufig aber nachdrücklich ins Gewissen redeten "Wenn Du sie am Haken hast, laß sie zappeln, bis sie Dinge machen, von denen sie nicht einmal wissen, dass sie existieren."

Guis Gesicht zeigt Anzeichen tiefster Betrübnis, Trauer, Bestürzung, tiefsten Kummer, ja sogar herzzerreißender Verzweiflung. "Ach Signora, Ihr versteht es, einem armen alten Mann das Herz zu brechen!" Er seufzt schwer. Brunella scheint ihm auch das Rückrat gebrochen zu haben. Gui steht ganz geknickt da und stützt sich auf sie, ein Bild des Jammers.

Ja, ja, dachte sich Brunella. Da muß der Ärmste wohl jetzt durch. Es ist schön spät und die morgige Arbeit wartet schon auf sie. "Liebster Gui, ich bin untröstlich. Könntet ihr mir in meinen Mantel verhelfen?"

So geschieht es. Und Gui hilft der Dame nicht nur in den Mantel, sondern auch in die Kutsche, begleitet sie bis zum Palazzo Aurelio und erzählt ihr unterwegs lauter Schoten, Zoten und Anekdoten, bietet ihr beim Aussteigen seinen Arm und begleitet sie bis zur Tür. Und als allerletztes hat er noch eine kleine Blume für eines ihrer Knopflöcher: "Ihr seid eine sehr angenehme Gesellschaft, Signora, und ich hoffe, wir können den anregenden Abend beizeiten wiederholen." Er zwinkert ihr zu, und Brunella erwidert seine Artigkeiten, soweit sie es für angebracht und schicklich hält. Dann verabschiedet sich der Advokat und wendet sich mit beschwingten Schritten zum Gehen.

Brunella beobachtet ihn noch einen Augenblick, erötet dabei leicht. Dann öffnet sie die Türe und huscht auf leisen Sohlen durch den Flur. Die Treppe hinauf am Zimmer ihres Vaters vorbei .... "Bist Du auch schon da." hört sie im vorbeihuschen ihren Vater leise, aber mahnend, wie ein Vater nuneinmal seinen kann, sagen. "Ja, Papi, es ist schon spät, verzeiht, dass ich Dich geweckt habe." "Denk an Deine morgigen Pflichten." ist das einzige Brummen, was sie noch vernimmt. Nacht.

43.Tag, die Peraineblume verlässt Sewamund

Die Nacht ist noch nicht entschwunden, da werden auf der Peraineblume die letzten Handgriffe zum Auslaufen getan. Das angeworbene Personal geht an Bord, darunter auch Handwerker aus den unterschiedlichen Disziplinen sowie einfache Tagelöhner, letzte Bündel und Kisten werden verstaut, selbst zwei Ackergäule finden ihren Platz auf Deck. Da kommen noch zwei Personen über den Laufsteg, ein hagerer Halbelf in einer nachtschwarzen Robe, begleitet von einer jungen Tulamidin, die sein Gepäck trägt. "Alrik Sturmbringer, Teilhaber der Merkantilen Allianz für Fortschritt in Aventurien..." gibt sich der Mann zu erkennen und überreicht ein mit dem Siegel des Hauses Novacasa versehenes Legitimationsschreiben. "Ich bin hier, um die Mission zu beobachten."

Brunella zieht Ihre rechte Augenbraue hoch und mustert den Halbelfen eindringlich. Sei es drum, er war nun einmal hier, hatte einen weiten Weg hinter sich gebracht und es Travias Gastfreundschaft gebot, ihn herzlich willkommen zu heißen. "In Travias Namen freue ich mich sehr, Eure Bekanntschaft zu machen, Alrik Sturmbringer." Sie nickt dem Halbelfen freundlich zu und weist ihn mit der Hand zum Heck. "Eure Kabine wird achtern sein. Es sei denn, ihr zieht den frischen Wind vor und bleibt die Nächte an Deck. Der salzige Geschmack der Luft ist ein wahrer Gaumenschmaus." Zu Praiostobal gewandt sagt sie "Kapitän, schickt einen Eurer Männer, der da Gepäck unseres Gastes verstaut." Zu Herrn Sturmbringer gewandt sagt sie fragend "Ihr habt doch Gepäck?"

Der Halbelf weist auf seine Begleiterin, die recht schwer an Koffern und Taschen zu tragen hat. "Wie Ihr seht..." Die kleine Tulamidin reicht ihre Last wortlos weiter, darunter eine kleine Tasche, die dem Aussehen nach ihr persönlich gehören dürfte. Eine Tasche und einen Koffer - beide aus schwarzem Schlangenleder - hält sie dagegen fest, als hinge ihr Leben davon ab.
"Recht vielen Dank für den freundlichen Empfang, Signora. Mit Eurer Erlaubnis werden wir uns jetzt für eine Weile zurückziehen. Boron zum Gruße."

Aus einem Unwohlsein heraus schreibt Brunella noch eilig eine Depesche an ihren Vater sowie eine an das Haus Novacasa. In der ersten beschreibt sie den Umstand und die Anwesenheit des unbekannten Gastes, in der zweiten fragt sie Herrn La Flor, ob Herr Alrik Sturmbringer ihm persönlich bekannt sei, ob es sich um einen Halbelf handeln würde und er ihr nur der Form halber kurz bestätigen sollte, ob Herr Sturmbringer über die Expedition unterrichtet war und ob dieser sich für eine Teilnahme angekündigt hat.
Es war doch recht ungewöhnlich, dass Herr La Flor über Herrn Sturmbringer am gestrigen Tage nicht sprach und in so kurzer Zeit es schaffen konnte, Wind von dieser Unternehmung zu bekommen. Es gab nicht viele Menschen die in kürzester Zeit lange Strecken überwinden konnten. Den Boten weist sie an, sich zu beeilen und die Antwort des Hauses Novacasa direkt wieder zu ihr zu bringen. "Sicher ist sicher," murmelt Brunella und deutet dem Kapitän an, dass das Auslaufen sich wegen einer wichtigen Nachricht verzögern würde.

Praiostobal Yonnes ist nicht begeistert, aber er fügt sich. Zum Glück sind die Wege in Sewamund nicht allzu lang, und so kommt recht bald eine Antwort von Gui La Flor:


Meister Alrik ist uns bekannt und entspricht Eurer Beschreibung. Er weilte gerade in der Stadt, und die Teilnahme war ein spontaner Entschluß seinerseits. Da er Merkantilist ist, kann er sich über Unternehmungen der Allianz informieren, und da das Haus Novacasa keinen offiziellen Vertreter an Bord hat, wurde ihm gestattet, pro forma diesen Platz einzunehmen. Er wird Euch keine Weisungen erteilen, da könnt Ihr ganz beruhigt sein.
Und mein Kompliment für Euer umsichtiges Handeln.
Brunella klappt den Brief ein. "Sicher ist eben sicher, lieber Kapitano." Sie lächelt ihren Kapitän an. "So wie es mir scheint, kann die Reise beginnen. Los, laßt uns in See stechen." Das Ablegemanöver möchte sie neben dem Kapitän genießen. Dieses Schwanken und ewige Hin und Her hatte sie auf der Hinreise fast wahnsinnig gemacht, auf der Rückreise dagegen fand sie es schon belustigend. Jetzt, so schien es, sollte es spaßig werden.
Die stolze Peraineblume wird klar Schiff gemacht, der Anker gelichtet und mit der Flut geht es dann auf die weite Reise.
Efferds Wogen liegen ruhig da, ganz so, wie ein Tuch auf dem Tisch zu liegen pflegt. Die Praiosscheibe wandert den Himmel entlang und die Reise verläuft bis zur Nacht recht ruhig. Dass Brunella dennoch keinen rechten Spaß auf dieser Reise haben wird, schuldet sie den nächtlich dann doch meterhoch gegen das Schiff schlagenden Wellen und der dadurch recht schlaflosen Nacht. Beizeiten muss sie sich sogar an Deck neben den anderen Landratten aufhalten, um gemeinsam ihren Mageninhalt geruchsneutral den Fischen zu spendieren und Efferd so ein Opfer zu bringen. Aber auch dieses kleine Intermezzo soll der Reise keinen Abbruch tun.
Alrik & Brunella
Tagsüber sucht Brunella das Gespräch mit dem Halbelfen. Als die Situation sich als günstig erweist, spricht sie ihn an der Reling an. Beide sind allein und schauen auf das weite Meer der Sieben Winde. Wie beiläufig sagt sie "Ein endloser Blick in die Ferne, herrlich."

Jetzt erst bemerkt Brunella die kleine Tulamidin, die sich in einem Winkel zusammengekauert hat und demütig den Blick senkt, als Brunella hinübersieht. Der Mann in der nachtschwarzen Robe bewegt sich zunächst nicht, dann wendet er sich Brunella zu und sagt etwas, leise und grollend, "Hrrr..." oder "Horrr...", jedenfalls ist es nicht zu verstehen. Sein Gesicht ist zwar einerseits straff und jung, doch andererseits bleich und hager, die Augen ebenso nachtschwarz wie die Robe. Er starrt Brunella ins Gesicht, nein... er starrt durch ihr Gesicht hindurch auf ihren Hinterkopf, auf eine winzige Stelle auf der Innenseite. "A solis occasu, non ab ortu, describe diem," sagt er leise und achtet sorgfältig darauf, sein Augen im Schatten zu halten.

"Ähm ja, die Aussicht hier ist ganz vortrefflich." plaudert Brunella drauflos, ohne wirklich verstanden zu haben, was ihr der Lichtscheue da erzählt. "Wir sollten einander kennen lernen, da ich es sein werde, die diese Expedition leiten wird." Schnell fügt sie hinzu "Möchte sich Eure Dienerin nicht etwas freier an Deck bewegen ?"

Brunella ist sich sogar ziemlich sicher, daß die Tulamidin das gern möchte, aber ein kurzer Blick des Mannes in die entsprechende Richtung erstickt jede eventuelle Regung in dieser Richtung im Keim. Mit den halblaut zu sich selbst gemurmelten Worten "Barbarus hic ego sum, quia non intelligor ulli." wendet sich der Fremde wieder Brunella zu: "Aber gewiss doch, Signora. Wir sollten uns kennenlernen. Familie van Kacheleen, wie ich vernahm?"

Brunella nickt. "Mein Vater fand es angebracht, dass ich für die Familie in den Merkantilistenrat einziehe. Herr La Flor fand es angebracht, dass ich diese Unternehmung leite, nur leider erwähnte er Euch dabei nicht!" Irgend etwas an ihrem Gegenüber war ihr fremd und unheimlich. Dazu das merkwürdige Verhalten seiner Lustsklavin. Ein armes Ding. Aber Unterdrückung, nein, das befürwortet sie nicht. "Noch dazu seid ihr offenkundig kein Sewamunder?" Brunella schaut ihren Gegenüber fragend an.

"Brabak," ist die lakonische Antwort. "Euer Vater muß großes Vertrauen in Euch haben, daß er Euch gleich beim ersten Mal ein so teures Unternehmen anvertraut."

"Brabak" erzählt mir doch mehr von diesem Ort der so weit im Süden liegt. Brunella klingt interessiert.

Der Halbelf lächelt dünn. "Eine wichtige Stadt, eine gute Stadt..." Er zögert, und Brunella ist, als müßte er gleich sagen:"... ich muß jetzt weiter." Irgendwo, irgendwann hat sie doch mal ein ähnliches Zitat gehört. Doch dann wird ihr Gegenüber ein wenig gesprächiger und schildert die prächtigen Villen der Granden, die gewaltige Hafenfestung und erzählt vom Heiligen Strohsack, der Eingang in die Redensarten gefunden hat. Für den Südländer scheint die Stadt kein Drecksnest am Rand der Welt zu sein, wie es in Sewamund gängige Meinung ist, sofern man den Namen überhaupt kennt. "Aber wieso reden wir über Brabak? Die Stadt ist weit. Erzählt mir von der Eicheninsel. Ich hörte etwas von Feenwesen und dergleichen?"

Brunella liebt es, ein wenig große weite Luft schnuppern zu können. Dazu gehören sicherlich auch die Geschichten aus fernen Landen. So gerne wäre sie schon früher einmal aus dem Kaff Sewamund heraus gekommen. Zu viel hatte sie bislang von anderen Landen gehört. Ihre Träumerei endet abrupt, als das Thema auf die Eicheninsel und Feenwesen gelenkt wird. "Die Insel ist nicht eben groß. Dennoch stehen dort hochgewachsene Steineichen. Sie versprechen einen guten Gewinn. Ansonsten ist dort nicht viel, außer brennender Sonne und meinem Bruderherz, der sicherlich gerade knietief in einem Schlammloch steht, weil er denkt, dass sich dort unten im Boden etwas Wertvolles verbirgt." Sie wiegelt ganz bewußt das Ganze ab, um dann zu fragen "Wegen der Eichen seid ihr bestimmt nicht mitgekommen, weswegen dann?"

"Forscherdrang. Wir wissen nur wenig über die jenseitigen Welten, und in Zeiten des Wandels werden häufiger als sonst Dinge sichtbar, die man üblicherweise übersieht. Diese Chance sollte man nutzen. Und dann natürlich die Ausgrabung. Ich würde es gern mit eigenen Augen sehen, wenn Euer Bruder etwas findet - falls er etwas findet." Eine kleine Pause tritt ein, dann sagt er noch: "Es ist erhebend, etwas zu entdecken, was verborgen war..."

Es waren Unterfelsische Dörfer für Brunella, von denen der mysteriöse Halbelf da sprach. Überhaupt, ein solches Wesen hat sie vorher noch nicht gesehen. Daher ist sie selbst überrascht, dass sie die erste Begegnung ohne Zwischenfall überstanden hat. Eins schwört sich Brunella aber, dass sie die nächsten Tage sehr wohl auf sich acht gibt und tief in sich hineinhorcht. Nicht dass dieser Unbekannte ihr noch eine Krankheit anhext. Sicher ist eben sicher.
Nach einigen Sekunden antwortet sie "Viel von dem was ihr erzählt, verstehe ich wahrlich nicht. Nun denn, Ihr seid auf diesem Gebiete der Spezialist," ihre Stimme wechselt von der Plauderstimme hin zur 'Rede und Antwort' gewohnten Kaufherrinnen-Tonlage, "...aber versprecht mir eins, ich leite diese Expedition. Falls Euch Sachen auffallen sollten, die wichtig sind für Euch, mich und andere deren Wohlergehen ich verantworte, so sprecht direkt mit mir!" Sie schaut Ihren Gegenüber die Antwort erwartend an und blickt ihm dabei tief in die Augen.

Sein kühler Blick bohrt sich in den ihren, durchdringt ihn, bohrt tiefer, werweißwohin... "Ihr erwartet meine... Loyalität?" Brunella fällt plötzlich ein, daß sie das Zauberwort vergessen hat, denn der Fremde ist ja kein Angestellter. Doch sie hält stand und wartet auf seine Antwort. "Aber ja doch, warum denn nicht. Arbeiten wir... zusammen." Damit scheint die Angelegenheit für ihn erledigt zu sein.

Kühl und abgrundtief war dieses Gefühl. Wie in Trance fügt sie noch ein schnelles "Bitte, verzeiht." hinzu. Es dauert einige Sekunden bis diese Schwere aus ihrem Gemüt ist. Ein Schrei, ganz in ihrer Nähe, läßt die Wärme, welche in ihre Glieder schmerzhaft vermißt wurde, zurück fluten. Dicht vor ihr sieht sie eine Möwe im Winde gleiten. Die Möwe hat sich einen der Sieben Winde ausgespäht und hält mühelos den Abstand zum Wasser wie zum Schiff. Ohne mit den Flügeln zu schlagen. Faszinierend, denkt sich Brunella. Verwirrt schaut sie Herrn Sturmbringer an. Mit bebender Stimme bricht sie die Stille, den Blick nicht von der Möwe nehmend "Erlaubt mir bitte noch eine letzte Frage und ich möchte nicht indiskret wirken, was hat es mit Eurer Dienerin auf sich?"

Alriks bohrender Blick wird verständnislos. "Ich verstehe nicht. Was soll denn mit ihr sein?"

"Sagen wir es so, sie wirkt gehemmt. Das kleine Ding darf sich selbstverständlich frei auf diesem Schiff bewegen. Solange sie dem Käpten und seinen Männern nicht im Wege rumsteht. Wir sind alle freie Menschen." Das Wort "freie" betont sie auf der ersten Silbe intensiver.

Die Verständnislosigkeit weicht einer kurzen Irritation, dann lächelt der Halbelf spöttisch: "Wir... sind alle... frei e... Menschen???" Anscheinend kann er kaum glauben, was er da gerade gehört hat. "Woher habt Ihr denn solch... elfisches Gedankengut, Signora? Die Praiostagsschule wird Euch doch gelehrt haben, daß ein jeder nach dem Willen der Götter an seinen Platz geboren wird. Gehört Ihr etwa zur Gemeinschaft der Freunde des Aves, wo man gern mal ein wenig an den Grundfesten von Dere und Alveran rüttelt?"

"Um der Götter Willen, nein." schiesst es aus Brunella heraus. "Sie lenken uns und geben uns unser Schicksal vor." Sie schüttelt den Kopf. "Niemals würde ich es wagen, sie in Zweifel zu stellen." Schnell beeilt sie sich ein Stoßgebet zum Launischen zu beten, leise in Gedanken. Dabei bleibt ihr Blick auf der Möwe. Die immer noch in einiger Entfernung zum Schiff scheinbar mühelos im Winde gleitet. "Herr Sturmbringer, entschuldigt mich jetzt. Ich danke Euch sehr für das Gespräch." Sie nickt ihm zu, ohne den Blickkontakt zu erwidern und wendet sich zum Kapitän der Peraineblume.

Der Südländer sieht ihr noch eine Weile nachdenklich nach. Kapitän Praiostobal Yonnes bemerkt Brunellas Irritation. "Hat dieser Kerl Euch gekränkt? Wenn ja, werde ich ihn zurechtweisen."

Brunella scheint die Frage nicht gehört zu haben. Leicht verwirrt löst sie sich vom Arm des Kapitäns und murmelt etwas von "Es ist schon spät ... sprechen wir später. Habt Dank, aber laßt gut sein." so entschwindet sie bei strahlenden Sonnenschein unter Deck. Es dauert wohl einige Stunden, als Brunella sich nach einem kurzen Nickerchen wieder an Deck blicken läßt.

48. Tag, Teremon

Einige ereignislose Tage später hört Brunella aus dem Ausguck den Ruf "Land in Sicht!". Praiostobal, der sich zu ihr an die Reeling gesellt hat, sagt "Signora Brunella, wir werden noch vor der Mittagsstunde sicher im Hafen von Teremon vertäut liegen." Brunella dankt innerlich dem Launischen für die sichere Reise. Nach einigen Sekunen erwidert sie dem Kapitän: "Gut, wir löschen die Waren. Ich erledige währenddessen ein paar Formalitäten und vielleicht können wir schon drei, vier Stunden später wieder auf See sein, was meint ihr?"

Praiostobal Yonnes hält seinen angefeuchteten Zeigefinger in den Wind und meint: "Der Wind stand gut auf dem Kurs hierher. Auf dem Weg zur Eicheninsel käme er direkt von vorn. Vielleicht ändert er sich noch bis zum Abend, aber meine Prognose ist eher pessimistisch. Und dann noch Nachts in Küstennähe gegen den Wind kreuzen müssen... Wer braucht denn das?"
Brunella hat keine Ahnung, wer das braucht und gibt sich mit der Auskunft zufrieden, zumal Praiostobal optimistisch meint, morgen könne sich der Wind ja bereits gedreht haben.

Brunella hält Ausschau nach der vielgerühmten Insel, während die Peraineblume gemächlich auf der Zyklopensee ihrem Ziel entgegensteuert. Teremon gilt seit jeher als letzter Hafen für diejenigen, die das unvorstellbare Wagnis einer Güldenlandfahrt wagten. Wahrlich verwegene Kapitäne, mit Nerven so dick wie die Masten der Peraineblume. Ein van Kacheleen im Güldenland, das sind Gedanken, die so weit entfernt sind wie Brunella vom Grunde des hiesigen Meeres. Der Frachtraum enthält Waren für die Matrosen, die sich hier im Hafen ein letztes Mal mit ihrer Heuer Waren kaufen können, unter anderem kleine geschnitzte Figürchen aus Mammuton, die den göttergläubigen Matrosen auf der langen und äußerst gefährlichen Fahrt bei Laune halten sollen. Diese Figürchen sind aber auch unter den Pilgern gern gekaufte Devotionalien. Dazu weitere Waren, die auf der Insel einen guten Absatz finden und damit einen lukrativen Gewinn versprechen.
Von weiten sieht Brunella schon den Leuchtturm, den die Einheimischen Lichte Wacht nennen. Es dauert nicht lange, da werden die großen Mauern sichtbar. Eine schmale Durchfahrt führt in den sicheren Handelshafen. Wehrhafte Mauern und Türme lassen erkennen, dass es sich um eine gut bewachte Stadt handelt. Brunella erspäht ein weiteres Hafenbecken. In diesen kann sie diverse Kriegsschiffe erkennen. Mitten im Hafenviertel liegt ein Tempel mit einer eindrucksvoll mit rosarotem Purpurschneckenkalk verputzten Kuppel. Die berühmte Halle der Rahja wie ihr der Kapitän erzählt. Da die Stadt an den Ausläufern des nahen Gebirges liegt, führen gewundene Straßen die Hänge herauf. An diesen liegen Prunkvillen, die vom Reichtum der Bewohner erzählen. Auf einem Massiv kann sie einen sehr großen Tempel erblicken.
Es dauert nicht lange, da geht die Peraineblume an der ihr zugewiesenen Stelle vor Anker. Die Mannschaft und auch Kapitän Praiostobal sind froh, die Reise überstanden zu haben. Es geht an den anstrengenderen Teil des Tagwerks und die Waren werden zum Löschen in Position gebracht. Brunella geht an Land. Welch ein schönes Gefühl, wieder ordentlichen Boden unter den Füßen zu haben. Die Sonne brennt. Es ist heiss. Extra für diese Situation hat sie sich ihren weitausladenden weißen Hut mitgenommen, der schick auf ihrem Haupt sitzt. In ihren Händen hält sie die Listen der Waren, die hier gelöscht werden sollen. Penibel hakt sie Kiste für Kiste und Faß für Faß ab. Zur Sicherheit der Waren beordert sie die beiden Bruderschwestern ebenfalls herbei, die Waren zu bewachen.
Feilschen mit Ingerydos Kyrkandros
"Brunella van Kacheleen?" hört sie die fragende Stimme eines ihr unbekannten Mannes mit starkem Akzent. Dennoch handelt es sich um die Handelssprache Garethi. Brunella dreht sich um und sieht in dem quirligen Treiben im Hafen einen dickbauchigen, braungebrannten Mann hervorstechen, der in einer viel zu engen Tunika steckt und Brunella gerade mal bis zu den Schultern reicht. Eine sehr gradlinie, große Nase ziert sein Gesicht. Die Augenbrauen oder vielmehr die durchgehende Augenbraue teilt das markante Gesicht in 2 Hälften. Das Haar sieht unnatürlich schwarz und sehr voll für sein Alter aus.
Dies muß Ingerydos Kyrkandros sein. Vater sprach von einem markanten, wohlgenährten Augenbrauenträger der einem sofort auffallen würde, wenn man ihn nur einmal sehen würde. So antwortet sie geschäftig "Den Launischen zum Gruße, seid ihr es, Kyrkandros?" Ihr Blick wandert wieder auf die Listen und während die Waren abgeladen werden, kommt Ingerydos näher. "Ihr seid pünktlich. Zeigt mir Eure Listen, damit wir vergleichen können." Sein Tonfall ist nicht wirklich arrogant, aber er konnte es sich erlauben, herrisch und bestimmend zu wirken. Seit vielen Jahren steht er in den Diensten der Familie Darando und ohne diese sehr mächtige und einflussreiche Familie läuft nicht sehr viel in Teremon. Das hatte ihr der Vater auch eingebläut. "Laß den Dicken schwatzen was er will, entscheidend ist unser Profit. Brunella'chen, merk Dir das." :Brunella hasst es mehr als alles andere, wenn ihr Vater Brunella'chen sagt. Sie fühlt sich dann klein und dick und hässlich. Ach ja, und dumm dazu. Keine allzu guten Voraussetzungen für eine erfolgreiche junge Frau.
Trotzig sagt sie innerlich "Dickerchen, lauf schnell raus aus der prallen Sonne, bevor Du noch ganz austrocknest." Dagegen kommt ein wohlwollendes "Liebster Kyrkandros, es ist mir eine Ehre, Euch die Unterlagen zu zeigen. Laßt uns diese und den vereinbarten Preis kurz besprechen." über Ihre Lippen. "Preis?" hört sie das Wesen mit den falschen Haaren krächzen "Ihr wollt allen ernstes auch noch Gold? Nichts als Ärger hat man mit Euch." Der Dicke scheint sich gerade in Rage zu reden. Da setzt Brunella ihr nettestes Lächeln auf, faßt ihn an seinem fleischigen Unterarm und streichelt sanft seine sehr gedehnte Haut. "Es wird alles gut, die Waren sind bester Art und Güte, den Preise habt ihr uns schon vortrefflich diktiert, so dass wir fast keinen Heller verdienen können und schaut Euch einmal diese kostbaren gezuckerten Stangen an ... in Grangor schwören die Reichen und Schönen auf diese Art des Vergnügens." Kyrkandros scheint sich schlagartig zu beruhigen, seine Hände zittern leicht, als er nach den Köstlichkeiten schnappt, die Brunella allerdings gekonnt vor diesen gierigen kleinen Krabbelhänden verbergen kann. "Na, na, erst die Arbeit, dann das Vergnügen." Es sind harte drei Stunden Arbeit, an deren Ende beide, Brunella wie Ingerydos schweißdurchtränkt aus diesem harten Verhandlungsmarathon kommen. Der Preis kannte - wie man sich vorstellen kann - nur eine Richtung, nach unten. Aber das war soweit einkalkuliert. Am Ende sind beide glücklich und die Waren wechseln den Besitzer. Den Wechsel verstaut Brunella in Ihrer Kleidung. Dafür gibt es extra eine angefertigte Innentasche.

Tatsächlich dauert das Löschen der Ladung dann auch zwei Stunden länger als erwartet. Erst will Brunella den Leuten Feuer unterm Hintern machen, aber dann denkt sie sich: 'Wer Zeit hat, kann sich auch Zeit lassen.'

Briefe nach Sewamund
Brunella schreibt noch diverse Briefe. Einer geht an ihren Vater Aurelio. In diesem bittet sie ihn, Erkundigungen über Alrik Sturmbringer einzuholen. Sie schildert die Begegnung, die Gesprächsinhalten und ihre Gefühle danach.
Lieber Papa,
möge Dir der listige Phex diesen Brief auf dem schnellsten Wege zuführen. Von dem Handel ist zu berichten, dass dieser dicke Händler genauso wie Du ihn mir beschrieben hattest zu nehmen war. Wir haben unseren Schnitt gemacht, Du kannst zufrieden sein. Die Stimmung unter den Leuten ist sehr gut. Die Reise verlief bestens. Wir liegen den ersten Tag in Teremon vor Anker und werden - so die Götter uns gewogen sind - mit der morgigen Flut zur Eicheninsel übersetzen.

Vater, es ist etwas, wovon ich nicht weiß, wie ich es einzuschätzen habe. Es ist Herr Sturmbringer. Ein Mensch mit spitzen Ohren und einem Blick, welchen ich nie vergessen werde. Sein Blick, seine ganze Art ist so tief und unergründlich, dass ich nicht weiß, wen wir hier vor uns haben. Einen Händler würde ich in nicht nennen wollen. Auf diesem Gebiet kenne ich mich aus. Ich fürchte mich vor ihm und denke, Travinus schützen zu müssen. Dazu haben wir noch einen Heißsporn der Familie Continio an Deck. Die beiden werde ich schon kontrollieren können, sorge Dich bei den Göttern nicht. Vater, bitte stelle Erkundigungen an, und wenn diese ein düsteres Bild ergeben, so schicke uns schnelle Hilfe. Deine Antwortdepesche schicke nach Teremon zu den dilli'Kathoren. Sie wird mich durch zuverlässige Hände erreichen.
Mögen uns Praios und Rondra in stürmischen Zeiten zur Seite stehen.
Brunella van Kacheleen
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Gesiegelt ist die Depesche mit dem Wappen der van Kacheleens.
Ein weiterer Brief geht an Brunellas Cousin Phextobal. Darin bittet sie den Kunstsammler um seine Hilfe. Sie erzählt von den Dingen, die sich bislang zugetragen haben und übermittelt die nautischen Koordinaten der Eicheninsel, die sie von Praiostobal bekommen hat. In ihrem Brief beschreibt Brunella ihre gefühlte Hilflosigkeit gegenüber dem Halbelfen. Sie schreibt von Feen und einem unguten Gefühl.
Liebster Bal,
Hesindes wissenden Rat suche ich bei Dir. Mein Vater hat mich mit der Leitung einer Expedition beauftragt. Wir reisen zu einer Zyklopeninsel, der Eicheninsel. Kapitän Yonnes gab mir diese nautischen Werte 30 Grad Ost, 17 Grad Nord. Sie liegt wohl südlich von Pailos. Travinus stieß dort auf ein Loch im Boden und fand etwas, dass er Eingang nannte. Seitdem ist er wie von Sinnen und gräbt sich wie ein Angroscho tief ins Erdreich ein.
Liebster Bal, wir reisen gerade, um weitere Eichen zu schlagen und dem Geheimnis des Loches sprichwörtlich auf den Grund zu gehen. Ein gewisser Alrik Sturmbringer ist ebenfalls auf dem Schiff. Er kommt tief aus dem Süden und ich fürchte ihn. Er ist geheimnisvoll und führt eine Dienerin mit sich. Wenn Du mich fragst, seine Sklavin. Er scheint überaus gebildet zu sein. Mein Gefühl sagt mir, dass es kein Händler ist. Ich und Travinus, wir brauchen einen Mann aus Deinem Holz hier.
Brunella van Kacheleen.
Gesiegelt ist die Depesche mit dem Wappen der van Kacheleens.
Ein letzter Brief geht an Gui La Flor. Dieses sehr persönliche Schreiben beinhaltet eine Bitte, nämlich ihr alles zu schreiben, was er über Herrn Sturmbringer weiß oder in Erfahrung bringen kann. Als Antwortadresse gibt Brunella die hiesige entferntere Verwandtschaft in Teremon an, die Familie dilli'Kathoren. Auf dem Weg zum Aves-Tempel überreicht sie dort ein Geschenk von Aurelio, eine Efferdbüste und bittet um das Weiterleiten der Geschäftspost durch einen verläßlichen Boten. Als Zielort sollte eine bestimmte Insel angefahren werden. Die Kosten wird Brunella selbstverständlich selbst tragen. Nur vertrauensvoll sollte der Bote sein. Zuerst war Grikolokos - das Familienoberhaut der dilli'Kathoren - mißtrauisch, zu wirr und unbegreiflich war diese Bitte. Dennoch war es Verwandtschaft und auf den Kosten sollte er auch nicht sitzen bleiben. "Brunella van Kacheleen, ich hoffe bei den Göttern, dass Ihr nichts unrechtes anstellt." Brunella schüttelt den Kopf "Vertraut mir, es ist wichtig. Die Götter lenken unseren Weg." "So soll es ein." Nach einem kurzen Plausch, in dem der Name Travinus gemieden wird, verabschiedet sich Brunella herzlich und schreitet voran zum Hesinde-Tempel.
Im Tempel der Hesinde
Brunella erkundigt sich noch im hiesigen Hesindetempel über die Eicheninsel. Diskret. Auch über die Ureinwohner der Insel und die fabelhaften Wesen. Diesen Tipp gab ihr Neven Nepolemo, ihr fachkundiger Onkel, der leider nicht an dieser Expedition teilnehmen konnte. Auch die Karthothek sucht sie auf, vielleicht gibt es hier noch Hinweise. Immer in Begleitung der beiden Bruderschwestern Kerkimasab und Luan. Sicher ist eben sicher.

Der Laienbruder, der ihre Hochwürden Landrenka Trullinger momentan vertritt, weiß auch nicht mehr als seinerzeit seine Vorgesetzte. Er begleitet Brunella in die Karthothek und geht mit ihr einige Regale durch. Tatsächlich wird eine weitere Karte gefunden, die aber nichts verrät, was Brunella nicht schon weiß. "Eine Feeninsel, im Inneren ein Teil der Feenwelt, wie schon gesagt. Schon der seinerzeit verschwundene und vor einigen Jahren auf wundersame Weise wieder in sein Amt gelangte Seekönig Palamydas hat seinen Untertanen dringend davon abgeraten, in die Feenwälder zu gehen. Na, wir wissen ja inzwischen, wie er sich an seinen Rat gehalten hat. Das wird Seiner Majestät eine Lehre sein."

Im Tempel des Aves
Später sucht Brunella den Avestempel auf. Vielleicht lassen sich noch interessante Gespräche führen. Hier erfährt sie von der Alveransfeder. Brunella betet zu Aves und bittet um seinen Beistand und dass sie Ihre anstehende Reise bestehen könne. Ein wenig Gold wechselt in beiden Tempeln den Besitzer.
Abends im Gasthaus Güldenlandfahrt sucht sie noch die Gesellschaft von Alrik Sturmbringer und Carlo Contino und lädt zum gemeinsamen Essen.
Abendessen
"Die Kosten des Essens werde ich heute abend tragen." So spricht Brunella in die Runde, der auch Francesco angehört. Es werden zur Vorspeise warmes flaches Brot gereicht, dazu würzige Tunken aus den hier wachsenen Olivenbäumen. Neben Ziegen- und Schäfskäse auch rote Tomaten.
Zur Hauptspeise gibt es gebratenen Hammel mit Erdäpfeln und etwas Grünzeug. Getrunken wir trockener roter Wein, der sogar auf einer der Insel angebaut wird. Er schmeckt lieblicher als man denken sollte.

Alrik Sturmbringer hält sich auch diesmal bei der Wahl des Gesprächsthemas zurück. Die Eicheninsel interessiert ihn sehr, ansonsten ist er eher einsilbig.

Wenn sich die Gespräche um die mysteriöse Insel drehen, hören sowohl Carlo, in Vorfreude über einen praktischen Einsatz seiner Pumpen, sowie Francesco, in Erwartung von Abenteuer und Ruhm, interessiert zu. Ansonsten redet Carlo mit jedem, der zuhören will oder auch nicht, über die Konstruktion und den Einsatz von Pumpen, sowie die Besonderheiten des Wassers im Allgemeinen. Francesco trinkt derweil nur sehr stark verdünnten Wein.
Währenddessen machen sich Tassania und Culried an Deck der Peraineblume auf, die von ihrer Herrin aufgetragene Aufgabe in die Tat umzusetzen. Tessania schlendert unauffällig zur Kabine des Halbelfen und seiner Dienerin. In ihrer Hand hält sie eine Karaffe Wasser. Sie klopf und lauscht nach dem jungen Ding hinter der Türe. Culried beobachtet währenddessen an Deck den Hafen und speziell die herannahenden Personen. Ausgemacht war ein kurzer Pfiff.

Wie erwartet keine Reaktion, denn die junge Tulamidin begleitet ihren Herrn schließlich auf Schritt und Tritt.

Unverrichteter Dinge trollen sich beide in ihre Kojen und schlafen den Schlaf der Gerechten. Im Traume denkt sich Tassania "Na warte!!"

49.Tag, Eicheninsel

Brunella hat die Nacht in ihrer Koje verbracht und erwacht, weil das Möbel schaukelt. Ist das etwa ein Kater? Es dauert einige Augenblicke, bis Brunella ganz wach ist und ihr klar wird, daß tatsächlich das Schiff in Bewegung ist und mit ihrer Wahrnehmung alles stimmt. Die Peraineblume muß sehr früh mit dem ablandigen Wind ausgelaufen sein.

Nach einem herzhaften Gähner steht Brunella auf, hält ihre Morgenwäsche, kleidet sich an und findet sich zum Essen auf Deck ein. Dabei betrachtet Sie die Männer und Frauen sowie die Umgebung. Wasser, nichts als Wasser und die Silhouette einer Insel am Horizont. Die Wellen plätschern gegen den Rumpf und vereinzelte Seevögel kreischen zur Begrüssung.

Alle Segel sind gesetzt und mit einer steifen Brise prall gefüllt. Die Pardunen brummen leise, so straff sind sie gespannt. "Bestes Segelwetter, Signora! Oder was meint Ihr?" Der Kapitän ist bester Laune. Offensichtlich hat er mit seiner Prognose recht behalten.

"Kapitano, Ihr verblüfft mich immer wieder." Dieses Lob verstärkt sie durch einen Klaps auf des Kapitäns Schulter. "Bestes Wetter, wir sollten bald schon ankommen."

Noch am selben Tag erreicht das Schiff die Eicheninsel, wahrlich eine schnelle Fahrt. Hier hat sich einiges getan. Die kleine Bucht ist bereits zu mehr als einem Drittel durch zwei aufeinander zuwachsende Spundwände abgeteilt, an denen mit Hochdruck gearbeitet wird. Brunella sieht sich das Werk an. Wie sagte erst unlängst Gui La Flor: "...in ein Dukatengrab stürzen. Phex mag wissen, wieviel Gold der ungestüme junge Herr in der Zwischenzeit unbedacht im Schlamm oder sonstwo versenkt hat."

Travinus hat sich inzwischen neben seiner Aufsicht an der Baustelle auch persönlich noch einmal gründlich auf der Eicheninsel umgesehen. Zwanzig Rechtmeilen dürfte das Eiland wohl messen. Zwei pro Tag, da läuft man sich einen Wolf, zerreißt sich das Gewand täglich gleich mehrmals, und die Stiefelsohlen werden dünn wie Papier. Travinus hat die Quelle des Bachs entdeckt, aus dem die Expedition das Trinkwasser bezieht. Er hat auch noch sechs weitere Löcher im Wald gefunden, wie seinerzeit am 34. Tag der Expedition. Irgendjemand mit extrem großen Füßen hat ganze Bäume von der Insel entfernt. Keine Biestinger, keine Kobolde, keine Zyklopen. Keine Fee, die ihm drei Wünsche gewährt und Versprechungen von unvorstellbarem Reichtum, nie erlahmender Manneskraft und ewiger Liebe macht. Nur ein hämisch grinsendes Loch in Sumus Leib und eine Spundwand, die so langsam wächst, daß täglich mindestens eine Bitte um die Fortdauer des guten Wetters daran erinnert, daß ausgerechnet der Launenhafte um Beständigkeit gebeten wird.
Nach der Ankunft auf der Eicheninsel beginnt Carlo mit einer kleinen Besichtigungsrunde, um sein aktuelles Arbeitsumfeld zu kennen. Während des Rundganges, der ihn zu den mysteriösen Löchern, aber auch zu der im Bau befindlichen Spundwand führt, macht er sich immer wieder Notizen.

Zunächst wird er von den bereits Anwesenden mißtrauisch beäugt. Erst nachdem klar ist, daß er nunmehr zur Mannschaft gehört, werden die Arbeitenden ihm gegenüber zugänglicher und erklären, was sie hier tun - soweit sie es verstehen. Carlo wird klar, daß die Sperre schwerem Wetter nicht standhalten wird. Aber das wissen die Planer ja schon. Das Problem, das Wasser hinter der Sperre nach der Fertigstellung zu entfernen, ist ebenfalls noch ungelöst. Viel zu tun. Nach seinem Rundblick beeilt Carlo sich, zurück zum Lager zu kommen, um Brunellas Ansprache nicht zu verpassen.

Travinus kann derweil sein Glück kaum fassen. Seine Schwester Brunella ist wieder zurück und hat bestimmt auch an den Rum gedacht, denn seine Portionen waren schon fast aufgebraucht. Nach einem innigen Begrüßungszeremoniell und der Zusicherung Brunellas, ausreichend Rum geladen zu haben, versammelt sich die Mannschaft am Lager. Brunella steigt auf eine Kiste, so dass sie von allen gesehen und gehört werden kann.
"Männer und Frauen der Eicheninsel!" Ihre Worte hallen über den Platz. Ein laues Lüftchen weht ihr durch das Haar. Sie trägt einen breit ausladenden Hut, der sie vor der Sonne schützt, dazu einen weißen Rock mit weißer Bluse. Die Ärmel sind bis über die Ellenbogen hochgekrempelt. "Wir sind zurück, mit noch mehr fleißigen Händen und Spezialisten, um zum einen neue Eichen zu schlagen und zu verladen, aber im Besonderen, um dem Geheimnis des Schachtes näher zu kommen, den mein Bruder Travinus fand. Ab sofort führe ich auf dieser Insel das Kommando. Alles was euch auffallen sollte, wird mir umgehend mitgeteilt. Keiner verläßt seine ihm zugewiesene Aufgabe." Brunella läßt sich Zeit, während sie jedem einmal tief in die Augen blickt.
"Meister Arombolosch, Euer Hochwürden Trullinger, die Herren Continio, Meister Vesselbek, sowie alle fleißigen und tugendhaften Männer und Frauen dieser Expedition. Die vorgenannten Personen werden mit mir die nächsten Schrtte beratschlagen und dann werden wir mit geeinter Kraft losschlagen."
Sie nickt den Genannten sowie Alrik Sturmbringer aufmunternd zu. Kurz bespricht sie sich mit Minervé Skeboserin, der Vorarbeiterin. "Führe die Ankömmlinge zu ihrem Lager, lasse sie ihre Zelte aufschlagen und bilde Kolonnen zum Holzschlagen und Stapeln. Die Männer für die Deiche sollen auf Meister Vesselbek warten." Sie zwinkert Minervé zu. In Gedanken geht ihr dieser knallrote Fleck am Hals der Vorarbeiterin nicht aus dem Kopf.
Im Zelt von Travinus treffen sich die Genannten und halten Rat. Schnell sind die Aufgaben verteilt.
Nachdem Carlo sich einen ersten Eindruck verschafft hat, holt er seinen Bruder, um einige weitere Untersuchung für den idealen Standort der beiden Pumpen vorzunehmen. Den Rest des ersten Tages lässt Carlo seinen Bruder mehrere Löcher graben und anschließend wieder zuschütten, des weiteren lässt Carlo ihn verschiedene Wege ablaufen, um sie zu vermessen.

Nach Abschluß der eingehenden Untersuchung empfehlen sich für die Installation der Pumpen mehrere Lücken zwischen den Felsen auf beiden Seiten, wo die Spundwand jeweils beginnt. Dort lassen sie sich gut und dauerhaft befestigen. Darüber hinaus stellt Carlo fest, daß der von seinen Schneckenpumpen überbrückte Höhenunterschied zwar für den Anfang - und damit für eine bereits recht große Wassermenge - ausreichen wird, aber mehr auch nicht. Danach müßte man beide Geräte hintereinander betreiben, was die Leistung halbieren würde. Und irgendwann wird der Wasserspiegel hinter der Wand so weit gesunken sein, daß auch das nicht mehr ausreichen dürfte. Auf diese Weise wird man die Bucht nicht völlig leeren können.

Spät Abends, Praios Anlitz schickt gerade die letzten Strahlen des Tages gen Dere, kommen sie zurück ins Lager und sind total erschöpft. Carlo lässt Brunella noch ausrichten, dass er sie gerne am nächsten Tag im Laufe des Vormittags gesprochen hätte. Danach legen sich beide zur Nachtruhe.

50.Tag, der Tanz

Langsam kommt Bewegung ins Lager. Ein Hahn, den Brunella eigens aus Sewamund mitgebracht hat, krächzt seinen Gutenmorgengruß über das Lager. Ein neuer Morgen auf der Insel beginnt. Schon früh ist Brunella auf den Beinen. Gerade als die ersten Strahlen der aufgehenden Praiosscheibe auf den Wellen des Meeres anfangen zu tänzeln und das Licht Einzug hält, steht Brunella bereits auf der unfertigen Absperrung und schaut nach dem Rechten. Die Arbeiter sind gut vorangekommen, doch liegt noch ein ordentlicher Weg vor ihnen. Meister Arombolosch hatte gestern tief in seinen Bart gemurmelt und sie keines Blickes mehr gewürdigt, als sie ihm mitteilte, dass ein Mensch sich um die weiteren Arbeiten an der Wasserabsperrung kümmern würde.
Sie hatte ihn für den Schacht als Aufseher und Verantwortlichen vorgesehen und ihm für seine Dienste am Wasser sehr gedankt. Er würde sich schon wieder beruhigen. Dafür hatte sie die Bierration des Zwergen verdoppelt. Seitdem sprach er zumindest wieder mit ihr.
Erlan Vesselbek hatte sich umgehend ein Bild von der zwergischen Arbeit gemacht. Diese ist äußerst präzise, wenn er auch anmerkte, dass aus dem Zwergen kein Deichbauer mehr werden wird. Dennoch, so meinte Meister Erlan, würde man mit einigen Erweiterungen eine solide Spundwand errichten können, die auch nach mehr als einem halben Dutzend Tidenhüben noch nicht unterspült war, und nahezu felsenfest dem Meer trotzte.
Minervé teilt als Leiterin der Holzfäller die Gruppen in die Gebiete ein und hält ihre Ansprache. Die ersten Axtschläge gegen das widerspenstige Holz werden geführt.
Mit Alfredo will Brunella gleich zum Frühstück sprechen. Travinus hat von seinem unbekümmerten Charme wenig eingebüßt, so hört Brunella schnell von seiner Liebschaft. Auch, dass er rastlos und voller Neugierde es kaum mehr erwarten kann, diesen Schacht endlich hinab­steigen zu können, um zu erfahren, worum es sich handelt.
Ihr treuer Diener Ungalf freut sich sehr, sie wiederzusehen. So kochte er gestern Abend noch diese dicke Fischsuppe, die sie so gerne als Kind gegessen hatte. 'Es liegt ein arbeitstreicher Tag vor uns,' denkt sich Brunella. Da sieht sie auch schon Carlo.
Müde aussehend kommt Carlo in Brunellas Richtung gelaufen. "Schönen guten Morgen wünsche ich euch," begrüsst er sie. "Ich wollte mit euch über den besten Platz für die Pumpen sprechen, sowie über ein oder zwei kleinere Sachen, die mir Sorgen bereiten. Als erstes würde ich die Pumpen nebeneinander positionieren. Später müsste man aber eine umsetzen, das Wasser sieht dort wo die Spundwand gebaut wird doch tiefer aus, als dsas die Pumpen es so schaffen könnten. Aber das ist für euch wahrscheinlich eh nebensächlich. Ihr wollt wahrscheinlich nur, dass die Arbeit getan wird, oder? Ich wollte euch um Erlaubnis bitten, aus einem der Baumstämme eine zusätzliche Pumpe zu bauen." plappert Carlo los.
"Was für ein herrlicher Sonnenaufgang. Ist es nicht schön wieder nichtschwankenden, festen Boden unter den Füssen zu spüren ?" Brunella genießt es sichtlich um dann ernst zu werden: "Für den ordentlichen Aufbau und die Funktion der Pumpen tragt ihr die Verantwortung. Hier rate ich Euch kurz und knapp, wählt den für unser Ziel günstigsten Weg. Meister Arombolosch leitet die Arbeiten am Schacht. Ein stolzer Erzzwerg. Wir sollten nach dem Frühstück seinen Rat hinzuziehen." Sie trinkt einen Schluck aus dem von ihrem Diener ter Groov herbeigebrachten Wasserpokal. Carlo wird ebenfalls ein Pokal angeboten. "Für welchen Umstand benötigt ihr noch eine weitere Pumpe und wie lange würde die Errichtung mit wie viel Männern dauern?"
"Sonnenaufgang? Fester Boden? ... Oh ja wirklich sehr schön das beides." stammelt Carlo vor sich hin, während er den da gereichten Trinkpokal nimmt "Der Rat von Meister Arombolosch würde mir sehr gelegen kommen. Nun ja, eine weitere Pumpe würde die benötigte Zeit zum Abpumpen das Wassers reduzieren. Die meisten Arbeiten könnte ich selbst machen, aber ich würde zwei relativ gerade Baumstämme benötigen und später ein paar Arbeiter die beim Positionieren helfen würde. Ich würde es verstehen, wenn euch der Arbeits- und Materialaufwand zu groß erscheint, aber bedenkt: Innerhalb des Damms ist sehr viel Wasser und da könnte man eine zusätzliche Pumpe benötigen. Ich hätte da noch eine Frage wegen der Bäume, die hier auf der Insel wachsen. Für mich sehen sie sehr wie eine Sorte Eichen aus. Sind Eichen auf den Zyklopeninseln nicht etwas ungewöhnlich?"
Brunella nickt und sagt zu Carlo gewandt: "Eine zusätzliche Pumpe würde unter den gegeben Umständen Sinn machen und im Endeffekt die Arbeiten schneller von der Hand gehen lassen." In Gedanken fügt sie hinzu ... Die Arbeiten am Schacht hängen vom Damm und dem Abpumpen des Wassers ab. Von Meister Arombolosch werde ich einige Männer zum Pumpenbau abstellen. "Zwei gerade Stämme benötigt ihr. Laßt uns gleich zu Minervé gehen. Ihr sucht Euch den Baumfällern zwei entsprechende Bäume aus." Brunella geht ein paar Schritt vor: "Kommt ihr, Carlo?"
"Oh das hört sich viel versprechend an" antwortet Carlo, als er Brunella folgt.
Am Klang der fällenden Äxte dauert es nicht lange bis sie die Baumfäller erreicht haben. Die ersten kloppen schon geschickt gegen diese zähen Stämme. Minervé winkt ihnen freudestrahlend zu. Kurz wird besprochen, was Carlo braucht und ein großer, gerader Stamm wird gefunden und markiert. Carlo scheint zufrieden zu sein.
"Ja, Steineichen. Wir hielten es auch zuerst für ein Ammenmärchen und dachten, es würde sich um wertlose Pinien handeln. Aber seht selbst: Steineichen, und das so weit im Süden. Wir werden dieses Mal, einige Setzlinge wieder aussetzen. Dies schulden wir den Göttern."
"Sehr seltsam, Steineichen! Wirklich sehr mysteriös." erwidert Carlo mit einem Achselzucken. "Und ihr habt recht dafür sollte man den Göttern danken. Ich werde mich wieder an die arbeit machen. Ich wünsche euch noch einen schönen Tag."
Carlo macht sich auf den Weg um um sein Werkzeug für den Bau einer weiteren Pumpe vor zubereiten. Nach dem die Stämme zum Damm geliefert wurden, beginnt Carlo damit, Markierungen an den Stämmen anzubringen.
Brunella hört Schritte eilig auf sich zukommen.

Ein Arbeiter aus der ersten Mannschaft kommt zu Brunella und meldet, daß er im Wald einen Mann in schwarzer Robe gesehen hat, der "so seltsamen Firlefanz" vollführt.

"Bei den Zwölfen ... was macht der Mann dort ?" erstaunt schaut Brunella ihren Gegenüber an "Führt mich zu diesem Platz." Während sie durch das Lager schreitet, ruft sie die beiden Söldner zur Begleitung. Mit schnellen Schritten machen sie sich auf zum Wald.

Der Arbeiter führt Brunella, Kerkimasab und Luan zunächst am Schacht vorbei, dann weiter in dieselbe Richtung, links vorbei an einem Dornendickicht über den Bach, eine viertel Meile durch Buschland, dann wieder Wald. Gut eine Meile nordnordwestlich der Landestelle zeigt der Arbeiter auf eine kleine Lücke zwischen den Bäumen am Übergang zwischen Wald und Busch. Seltsame, barbarische Klänge sind zu hören: Es rasselt rhythmisch. Es schlägt hohl, abwechselnd mit sirrenden Geräuschen. Brunella schleicht näher.
Sie entdeckt Alrik Sturmbringer, der sich abgezirkelt hin und her bewegt, seltsame Gesten vollführt und Geräusche mit einer Rassel erzeugt. Gelegentlich stößt er zischende, krächzende, keuchende oder grollende Geräusche aus, während seine Dienerin ganz in der Nähe sitzt und abwechselnd mit Händen, Stöcken oder ihren Fingerringen auf einen Keramik-Klangkörper schlägt oder einem kleinen Saiteninstrument sirrende Töne entlockt. Eine dicke schwarze Kerze brennt mit roter Flamme, und einem kleinen Weihrauchgefäß entsteigen Dämpfe, die allmählich Richtung Meer treiben.
Weiterhin bemerkt Brunella eines der von Travinus entdeckten Löcher, wo anscheinend ein Baum vollständig entfernt wurde. Unmittelbar daneben steckt ein schwarzer Stab im Boden, der in einer faustgroßen Verdickung am oberen Ende einen großen grünen Edelstein hält.

So liegen die vier ruhig und nahezu bewegungslos an einer mächtigen alten Steineiche und schauen wir gebannt auf sich das ihnen feilbietende Schauspiel. Nach einigen ungläubigen Minuten gebannten Zusehens schauen sich die vier anschließend an. Bis auf die von vorn kommenden Geräusche ist es ruhig. Keiner spricht ein Wort. Der Arbeiter und Luan schütteln den Kopf. Brunella dreht sich kopfschüttelnd wieder zum Ort des Tanzes um. Dabei raunt sie sehr leise: "Was auch immer in unseren Herrn Sturmbringer gefahren ist, wir sollten ihm zugute halten, dass er eine weite Seereise hinter sich bringen mußte und die Praiosscheibe besonders heiß auf diesen Flecken Land scheint." Innerlich denkt sie sich, ob Alrik Sturmbringer nicht wirklich besser in den geschmeidigen Händen eines enthusiastischen Geweihten des Praios aufgehoben wäre. Nun denn. Wenn das hier die Runde machen sollte, dann gute Nacht. Zu den Männern gewandt sagt sie "Wir gehen bis auf Luan zurück." Sie schaut Luan an: "Dir gebe ich den Auftrag, das hier genauer zu beobachten. Aber laß Dich nicht dabei erwischen. Danach kommst Du sofort zu mir und erstattest Bericht. Zu keinem anderen ein Wörtchen." Luan nickt stumm und legt sich auf die Lauer. Danach machten sich die drei zurück auf den Weg ins Lager. Unterwegs schwört Brunella die beiden anderen darauf ein, "dass diese Ablenkung vom Tageswerk besser unter uns bleiben wird." Schließlich ruft die Arbeit. Um Alrik Sturmbringer wird sie sich später kümmern.
Zwischenzeitlich gehen die Arbeiten weiter. Brunella beaufsichtigt das Weiterkommen am Schacht sowie die Arbeiten am Deich und läßt sich dabei immer wieder die Einschätzungen von Arombolosch, Carlos und Erlan Vesselbek berichten. Minerve mit den Holzfällern liegt dagegen im Soll.
Das Mittagsessen, Ungalf hat eine herrliche dicke Suppe gekocht, nehmen die einzelnen Mannschaften zu unterschiedlichen Pausen ein. Danach gibt es wieder ein Fass-Auffüllen und ran ans Tagewerk.
Travinus und der junge Continio tuscheln seit Tagesbeginn und stecken die Köpfe zusammen.

Bei Sonnenuntergang kommt Luan zurück und berichtet, der Brabaker habe nach einer ganzen Weile seinen 'Tanz' beendet, sich dann eine Stunde ausgeruht und anschließend ein stundenlanges Ritual mit viel Krimskrams, Rauch und Zinnober vollführt, an dessen Ende ein faustgroßes regenbogenfarbiges Auge mit drei Pupillen und mehreren spannlangen Stacheln über seiner linken Schulter erschienen sei und dort bis auf weiteres schwebend verweile. "Er ist dann in den Wald hineingegangen und hat sich überall so seltsam umgesehen, die Kleine immer hinter ihm her. Als es dämmerte, habe ich mich verdrückt, weil ich im Dunkeln nicht durch einen blöden Zufall erwischt werden wollte und weil ich fand, daß spätestens jetzt Zeit für einen Bericht ist." Luan räuspert sich und ergänzt: "Wenn das kein Schwarzkünstler ist, verspeise ich einen Besen ohne Mostrich."

Brunella sitzt in ihrem Zelt. Es ist vorne auf beiden Seiten zugeschlagen, so dass sie den Blick auf das Meer nicht genießen kann. So bleibt zumindest die Hitze draussen. Der hölzene Tisch, an dem sie sitzt, kann mühelos 8 Personen beherbergen. Im hinteren Ende steht ihr Bett.
Luan hat ihr soeben von seinen Beobachtungen berichtet. Ein unheimliches Kribbeln verspürt sie bei seinen Worten. Schwarzkünstler wogt es durch ihren Kopf. Ein unheiliger Stern soll wohl über diesen Teil der Expedition stehen. Dann faßt sie einen Entschluss "Luan, zu niemanden ein Sterbenswörtchen. Wir werden ab sofort auch Nachtwachen aufstellen. Tessania, Cruchtlon, die beiden Hylailer Seesöldner sowie ihr beiden wechselt euch dabei ab. Aufgrund Deiner Erfahrungen übertrage ich Dir das Kommando über diese kleine Einheit. Ihr seid vordergründig zur Sicherheit des Lagers eingeteilt. Gehe nun heraus und sage dies den anderen." Luan nickt, dreht sich um und schickt sich an, das Zelt zu verlassen als Brunella noch einmal kurz aufschaut und sagt "Das bleibt unter uns beiden." Luan nickt erneut und geht.

Wenigstens der Rest des Tages vergeht ohne weitere Aufregungen. Die Arbeiten kommen voran, nichts geht kaputt und ein Blick ins Himmelblau läßt erwarten, daß auch das Wetter bis auf weiteres mitspielen wird.

55. Tag

Sewamund

In Sewamund treffen per Schiff die Briefe von Brunella ein und erreichen Aurelio und Phextobal van Kacheleen sowie Gui La Flor. Die drei bringen ihr Wissen über den Herrn zu Papier und geben die Briefe dem Schiff nach Teremon mit.

Es ist nicht viel, was die van Kacheleens über Alrik Sturmbringer wissen. Gui La Flor hat da schon etwas mehr zu sagen. (*)
Immerhin, wenn Brunella die Post bekommt, wird sie erleichtert sein, vermutlich keinen Borbaradianer in ihrer Nähe zu haben.
Das Schiff nach Teremon löscht derweil die Ladung, lädt neue Fracht, und bereits am nächsten Tag sind die Briefe an Brunella unterwegs.

Eicheninsel

In den vergangenen Tagen ging den Holzfällern die Arbeit besser von der Hand. Die inzwischen gewonnene Erfahrung mit dem harten Holz der Steineichen macht sich bezahlt, und so ist die Fracht für die Peraineblume diesmal etwas schneller bereit als bei der vorigen Fahrt. Kapitän Praiostobal Yonnes fragt sich zwar, warum Travinus van Kacheleen die Zwischenzeit nicht dazu genutzt hat, bereits eine volle Ladung zu stapeln, aber das ist nicht das Problem des Kapitäns, solange das Schiff nicht auf seine Rechnung fährt.
Der Bau der Spundwand schreitet gut voran, und in spätestens einer Woche wird sie fertig sein - wenn nichts dazwischen kommt. Bis dahin müssen auch die Pumpen fertig sein, die das Wasser aus der kleinen Bucht befördern sollen. Carlo Continio schnappt sich mal wieder sein Rechenbrett und kalkuliert, wieviel Wasser die Pumpen fördern und wie lange die Arbeit wohl dauern wird.
Drei Wochen, denkt er sich, optimistisch gerechnet, sehr optimistisch.

Mit Brunella`s Ankunft weht direkt ein frischer Wind auf der Insel. Kaufmännisches Kalkül ist eindeutig Ihre Domäne und so scheucht Sie die verwundert pflegmatisch arbeitenden Angestellten in einer Art und Weise über die Insel, die der Kalkulation entsprechend gut tut.
Die Männer gewöhnen sich an die Arbeit, da abends die Extra Portion Rum auf sie wartet.

60. Tag, Beginn der Entwässerung

Am Nachmittag gewährt Brunella van Kacheleen ihren unermüdlichen Arbeitskräften eine Pause bis zum nächsten Mittag. Die Spundwand ist so weit fertiggestellt, daß die Pumpen nunmehr ihre Arbeit aufnehmen können. Drei Wochen hat es gedauert, nur drei Wochen, keine schlechte Leistung.
Auch Carlo und Francesco Continio können zufrieden sein. Nach 10 Tagen harter Arbeit - mit 10 bis 14 Stunden Arbeit pro Tag - haben sie ein drittes Großgerät zur Wasserförderung fertiggestellt. Diese Leistung wird sich nicht schlecht in ihrem Lebenslauf machen.

Während die Schraubenpumpen in Bewegung gesetzt werden und beginnen das Wasser aus der Bucht nach oben und über die Spundwand ins Meer zu fördern, bekommt der junge Deichbauer Svenske große Augen. So ein Wunderwerk hatte er noch nie gesehen. In den letzten Tagen hatte er Meister Erlan immer wieder gefragt, ob man denn nicht doch eine Öffnung für ein Siel vorsehen soll. Dem hochgewachsenen Rotschopf den Arm um die Schultern gelegt, erklärt ihm Erlan nochmals freundlich, wie diese Mechanik genau funktioniert. Der Blick des jungen Nostriers wandelt sich bald darauf von vollkommen erstaunt zu verträumt nachsinnend.

63. Tag, Grikolokos dilli'Kathoren kriegt Post

Die Antworten auf Brunellas Briefe nach Sewamund treffen in Teremon ein. Grikolokos dilli'Kathoren schaut sich pflichtbewußt alles an und kontrolliert, ob womöglich jemand die Siegel gebrochen hat. Alles in Ordnung. Ein kleines Schiff ist schnell entladen, und da der Wind günstig steht, ist der Kutter Arkos II alsbald wieder auf See, mit Verpflegung und sonstigem Nachschub für die schwer arbeitenden Menschen auf der Eicheninsel.

65. Tag, Brunella kriegt Post

Der ablandige Wind treibt den Kutter schnell voran. So tauchen zuerst die Eicheninsel und wenig später auch schon die vertraute Bucht im Sichtfeld des Kapitäns auf. Der Kutter ist schnell vertäut, die Waren entladen und Brunella hält die gesiegelten Briefe in Händen. Schnell geht sie in ihr Zelt, schließt den Vorhang hinter sich. Ruhe. Mit einem beherzten Sprung erobert sie ihre Schlafstätte, streckt sich kurz und bricht das Siegel des ersten Briefes.
Es ist ihr Vater, der ihr Mut zuspricht und sie davor warnt, Wagnisse einzugehen. Zumindest, soweit nicht ein ordentlicher Gewinn heraus springen könnte. Näheres zu dem Mitreisenden erfährt sie nicht. Auch dürfen die Kosten nicht aus der Betrachtung fallen, damit der Gewinn nicht geschmälert wird. Zuletzt bittet Aurelio seine Tochter, ein besonderes Auge auf Travinus zu werfen.
Mit einem tiefen Seufzer nimmt sie das Geschriebene zur Kenntnis. Sie steht auf und schüttet sich frisches Wasser in ihren Pokal. Ihr treuer Diener verwöhnt sie seit ihrer Ankunft mit Kleinigkeiten. So stellt er zu jeder Mahlzeit immer eine frische Wasserkaraffe auf Ihre Kommode. Ihr Bett ist stets frisch hergerichtet und auch Ihre Wäsche wird unverzüglich beim ersten Schmutzfleck gesäubert. Sie ist froh, solch einen fürsorglichen Gesellen zu haben.
Alsbald bricht sie das zweite Siegel. Phextobals Schrift kann sie unten wahllos vielen Schriften sofort erkennen. Er schreibt wie er handelt, gradlinig, dabei ein wenig verschnörkelt. Kurz kündigt er seine Ankunft an. Jedoch nicht in der Bucht. Nichts offizielles. Sie solle sich keine Sorgen machen und auch nicht darüber sprechen, alles wird gut. Sein Brief endete mit dem Satz, "Allerliebste Cousine, verbrenne diesen Brief und fühle Dich gedrückt. Phextobal".
Es dauert nicht lange und der Brief windet sich unter der Gefräßigkeit des Feuers. Zu guter Letzt bleibt nur noch ein Häufchen Asche übrig. Nach einem Biss in einen saftigen Apfel schreitet Sie an ihr Tagwerk.

67. Tag, Fertigstellung der Spundwand

Die Spundwand steht nun endgültig. Zufrieden schauen sich die Continios und van Kacheleens an. Es ist geschafft. Meister Arombolosch ist zwar mürrisch wie eh und je, aber wer ihn länger kennt, weiß, dass er zufrieden ist. Wachen werden auch des Nachts aufgestellt, um das mühsam errichtete Werk nicht irgendeinem Zufall zu überlassen. Die Pumpen arbeiten zwar schon seit einer Woche, aber Brunella verkündet nunmehr feierlich den neuen Arbeitsabschnitt "Entwässerung".
Auch Meister Erlan ist noch nicht zufrieden. Die Sperre würde sicher den normalen Gezeiten einige Monate, wenn nicht Jahre, standhalten. Doch was wäre mit einem Unwetter? Was wenn Sturm, hoher Wellengang und die Flut zusammen gegen das provisorische Bauwerk drückten? Das konnte keiner sagen. Darum hat er keine Ruhe und begibt sich mit Svenske und zwei Arbeitern zu den Stränden, um Steine zusammenzusuchen. Diese will er später, wenn der Wasserstand in der Bucht gefallen ist, als Stützdamm hinter der Wand aufschichten lassen.

68. Tag, hoher Besuch

Die Peraineblume ist wieder da. Fast zwei Wochen sind seit der letzen Abfahrt vergangen. Zwar ist die Ankunft eines Schiffes eigentlich immer ein bemerkenswertes Ereignis, doch diesmal ist erhöhte Aufregung zu bemerken. Eine flitternde Wolke aus Weiß und Flieder geht über ein offenbar extra für sie mitgebrachtes Fallreep von Bord und wird an Land gebracht. Schnell ausgelegte Planken sorgen dafür, daß kostbare Lackstiefeletten nicht mit etwaigem Schmutz in Berührung kommen. Die Edle von Mylamas geruht zu erscheinen.

Brunella ist schon ein wenig überrascht zu sehen, dass sich die Herrin des Hauses Novacasa auf diese Reise begeben hat. Gerade weil es hier kein Strandbad wie in Sewamund gibt, geschweige denn ein erstklassiges Gasthaus. "Nun denn" spricht sie leise vor sich hin, während sie dem Anleger entgegen schreitet. "Die Edle wird wohl ihre ganz persönlichen Gründe haben".
"Travia zum Grüße, Edle von Mylamas, ich freue mich, Euch hier zu sehen."
Die Arbeiten gehen währenddessen weiter. Die gestapelten Baumstämme werden in den nächsten Stunden verladen.

Sonnenschutz und Sitzgelegenheiten werden inzwischen aufgebaut, und nachdem die Damen Platz genommen haben, sind wohl gekühlter Bosparanjer und Gelato bereit, dazu eine heiße Schokolade sowie eine Karaffe und ein Kelch mit Eiswürfeln und Wasser für Brunella. "Ein Nivesenflip gefällig, Madame? Oder lieber eure Schokolade?" Nichtige Artigkeiten und artige Nichtigkeiten werden ausgetauscht, doch irgendwann kommt auch die dahinplaudernde Edle zum Geschäft:
"Uns wurde zugetragen, daß beim letzten Mal keine Ladung für die Peraineblume bereitlag. Erfreulicherweise wurde das inzwischen abgestellt. Ich muss unserem Advokaten zustimmen, der Euch anerkennend als eine tatkräftige Person beschrieb."

"Ich dachte schon, dass ein geschäftlicher Grund für Euren Besucht vorliegt. Meine Vorarbeiterin Minervé Skeboserin wurde von mir extra für den Holzschlag am Tage meiner Ankunft eingewiesen. Der Deich- und Bauspezialist Erlan Vesselbek leitet die Arbeiten am Deich und unser Meister Arombolosch ist mit den Continiobrüdern für die Entwässerung des hier gefundenen Schachtes und des Deichareals verantwortlich." Brunella trinkt einen beherzten Schluck des köstlichen Wassers, bevor sie weiter spricht. " Ich dagegen kümmere mich darum, dass alles wie besprochen glatt von der Hand geht." Die letzten Worte betont Brunella dabei leicht und räuspert sich "Leider hat mein Bruder Travinus nichts anderes als die Freilegung des Schachtes im Auge gehabt. Doch dies war uns ja letztendlich schon bekannt." Brunella bietet der Edlen von Mylamas ein Glas köstliches kaltes Wasser an.
"Gibt es Neues aus der Heimat und wie lange kann ich Euch auf diesem bescheidenen Eiland bewirten?"

Das Glas wird dankend zur Kenntnis genommen, jedoch zieht die Dame mit einem "Ich habe noch..." den Bosparanjer vor. Einen Zeitplan zur Abreise gibt es noch nicht. Da der geschäftliche Teil vorerst zur Zufriedenheit besprochen ist, wendet sich die Unterhaltung wieder dem Kleinsprech zu.
"Der Lilienrat rät vor sich hin und kommt wie üblich zu keinem Ergebnis. Die Festivitäten - sofern überhaupt bemerkenswert - unterschreiten das von Uns tolerierte Niveau und die Mode hat bereits seit Wochen keine Neuerung mehr hervorgebracht."
Die Dame seufzt: "Alles in allem ist es doch recht ... ländlich. Was waren das noch für Zeiten, als man in den Palästen von Kuslik und Vinsalt ein- und ausgehen konnte, ohne fürchten zu müssen, ermordet zu werden. Aber mein überaus fürsorglicher Gemahl hat mir versichert, dies werde sich bessern, sobald er als Lilienrat genügend Mittel zur Verfügung habe."

Genau ein so treffendes Thema, mit dem die bodenständige Brunella leider überhaupt nichts anfangen kann. Sie ist die harte Arbeit in den Magazinen gewohnt, den rauen Umgangston, Aufgaben klar zu umreißen und penibel über deren Erfüllung zu achten, in langen Nächten die Kontorbücher wieder und wieder zu kontrollieren, immer auf der Suche nach der Maximierung der Gewinne. Dass dabei die eigene Mode, sagen wir, ein wenig vernachlässigt wird, ja, das geschieht. Brunella kleidet sich sicherlich elegant, standesgemäß, aber schlicht. Bälle und andere festliche Anlässe sind ihr ein Graus. Obwohl sie für Ihr Leben gerne tanzt. Ja, tanzen. Vertieft in ihre Gedanken haucht sie mehr als sie spricht: "Wie recht Ihr habt, wie recht, Euer Edelhochgeboren". Nachdem Brunella einen tiefen Schluck aus Ihrem Glas genommen hat, fügt sie zielstrebig und geschäftig hinzu: "Und über genügend Mittel, darüber könnte beizeiten gesprochen werden." Sie lächelt dabei freundlich.

Der Rest des Gespräches dreht sich um Möglichkeiten, den Etat Sewamunds weniger auf den Militärhaushalt und mehr auf die Verbesserung der Lebensqualität zu konzentrieren. "Panem et Circenses," sagt die Edle. "Der Pöbel zahlt um so bereitwilliger die Steuern und Abgaben, je vergnügter er ist." Gegen ein bereitwillig Steuern zahlendes Volk kann Brunella wenig sagen, und so tut sie es auch nicht. Immerhin hat man eine gemeinsame Vorliebe, den Tanz. Allerdings stellt Brunella fest, daß ihr Gegenüber dieses Vergnügen nicht nur aus Spaß an der Freude, sondern auch und wegen der gedankenverwirrenden Wirkung auf die Männerwelt praktiziert. Wie zuvor Aurelio stellt nun auch Brunella fest, daß die Familie van Kacheleen und das Haus Novacasa anscheinend nicht völlig in derselben Welt leben: Die einen gesetzt, die anderen flitternd - und vor allem viel zu teuer.

Luans Bericht über Alrik
Während der letzten Tage hatte Luan von Brunella den Auftrag gehabt, den Halbelfen zu beschatten. Pflichtbewußt meldet er sich gegen Abend bei Brunella um ihr Bericht über die letzten Tage zu erstatten.

Wesentliche Neuerungen gibt es nicht zu vermelden. Meister Sturmbringer wandert nach wie vor über die Insel, seine Dienerin immer bei sich, sieht sich an ausgewählten Orten besonders gründlich um, die sich aber nach Luans Einschätzung nicht sonderlich von der sonstigen Wildnis unterscheiden.
"Manchmal wirkt er auf mich etwas desorientiert, was sicherlich der seltsamen Erscheinung zuzuschreiben ist, die nach wie vor über seiner linken Schulter schwebt." Luan legt eine einerseits bizarre, andererseits durchaus kunstvolle Tuschezeichnung vor, die Kerkimasab nach seinen Angaben in ihrer Freizeit gefertigt hat.

Es ist schon merkwürdig. Selbst Travinus, der den Künsten sehr angetan war, kann sich auf diese "geistige Poesie" keinen Reim machen. Insgesamt beschließen die van Kacheleens, den Meister Sturmbringer genausten im Auge zu behalten.
So gehen die Arbeiten wie gewohnt weiter. Die Holzfäller fällen und stapeln das Holz. Der Deich wird größer und stabiler und nicht zuletzt pumpen die Pumpen.

73. Tag, Fortsetzung der Auschachtung

Die Absenkung des Wasserspiegels hat es möglich gemacht, den Schacht endlich weiter zu vertiefen, und das wird dann auch getan.

Nach vielen Tagen der harten Arbeit, können sich alle am frühen Morgen die ersten Früchte ihres Schaffens anschauen. So drängen sich die Arbeiter vor dem Schacht zusammen und bilden eine Gasse, als sie von hinten Aromboloschs tiefen Bass hören: "Plaaaatz, die hohen Herrschaften"
So teilen sich die Reihen und man steht in geschlossener Reihe. Gebührendes Kopfnicken, Schulter klopfen und viele aus den Gesichtszügen weichende Anspannungen sind zu beobachten.
"Das ist ja bereits ein ordentliches Stück, das wir geschafft haben!" jubelt Travinus laut.
Es ist angenehm warm. Noch brennt die Sonne nicht unerbittlich auf die Expeditionstruppe hinunter. Die See ist ruhig.
Persönliche Werkzeuge