Chronik Ramaúds/Degano-Inspektion

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Dieser Text entstand im Rahmen des Briefspiels in Ramaúd und schildert die Unterredung Alesia Deganos mit Rahjada re Kust am 12. Efferd 1040 BF nach dem Brandanschlag fünf Tage zuvor an Bord der im Bau befindlichen Karavelle Rahjalina auf den Wellen.

Die Brise vom Meer der Sieben Winde ließ Alesias braunes Haar wehen. Etwas ratlos stand sie auf der breiten Krone der Umfassungsmauer, die die kleine Werft von Ramaúd an drei Seiten umgab. Vor ihr lag die Karavelle „Rahjalina auf den Wellen“ auf Kiel. Soweit die Schiffsbaumeisterin erkennen konnte, war die Arbeit zu neun Zehnteln abgeschlossen.
Es hatte nicht lange gedauert, bis sie von dem Brand an Bord am 7. Efferd erfuhr: Der leitende Angestellte der Degano-Werftbediensteten vor Ort hatte unverzüglich einen Boten nach Sewamund gesandt. Als Anteilseignerin des Konsortiums musste die Familie schließlich wissen, dass um ein Haar die Investition und zwei Jahre Arbeit in Rauch aufgegangen wären.
Von ihrer Tante Korianna entsandt, war Alesia mit einem Schnellsegler am Vorabend in Ramaúd angelangt. Sie hatte ein Zimmer in der „Roten Krone“ genommen und Nachricht ans Schloss gegeben, dass sie am heutigen Morgen die Werft inspizieren würde. Der Kronenwirt selbst, ein gewisser Ubaldo Hufnagel, hatte ihr beim Frühstück die Antwort von Baron Gishtan ya Ramaúd überbracht: „Ein Vertreter des Hauses re Kust wird Euch vor Ort zur Seite stehen.“

Nun stand sie hier, doch im Wimmeln der Werftarbeiter sah sie niemanden, der ihr als Amtsträger des örtlichen Herrscherhauses erschien. „Meisterin Alesia Degano?“, sprach sie mit einem Male eine helle Männerstimme an. Sie drehte sich um und bemerkte mit ein wenig Verwunderung, dass sich ihr zwei fremde Personen unbemerkt genähert hatten: Ein ansehnlicher, blondgelockter, junger Mann in einem blau-goldenen Wappenrock und eine unscheinbare, traurig blickende Frau Ende 20, ganz in Weiß. „Ja, die bin ich“, antwortete Alesia, „und Ihr seid...?“ „Poldoron ya Papilio, meines Zeichens Herold des Barons ya Ramaúd“, sagte der hübsche Bursche mit einer Verbeugung. „Seid willkommen in der Alten Hafenstadt. Dies hier“, Poldoron lenkte Alesias Blick mit einer eleganten Handbewegung auf die Weißgekleidete, „ist Signora Rahjada re Kust, die Baronin. Ihre Hochgeboren ist über alle Belange dieses Schiffsbauwerk unterrichtet, kennt die Rechnungsbücher des Konsortiums und ist hier, um persönlich mit Euch über den... Vorfall... zu sprechen.“
Signora Rahjada hatte wenig von einer Baronin an sich. Ihr Kleid war aus gutem, aber nicht zu teurem Stoff, vom Saum bis zur Haube über ihrem braunen Haar. Schmuck trug sie außer ihrem goldenen Traviaring keinen. Nur der Hauch eines exquisiten Duftwassers ließ ahnen, dass sie keine Bürgerliche war. Die Adelige tat sich schwer damit, ein schüchternes Lächeln auf ihr Gesicht zu zwingen. Etwas bedrückte sie, schien es Alesia. Doch nicht der Brand?
Meisterin Degano machte einen Knicks vor Signora re Kust. „Willkommen in Ramaúd“, sagte diese mit einer leisen Stimme, die sehr gut zu ihrem unauffälligen Äußeren passte. „Was möchtet Ihr zuerst erfahren?“ „Signora re Kust“, hob die Schiffsbauerin da mit gedämpfter Stimme an, weil sie ihr Gegenüber nicht erschrecken wollte, schließlich schien die Baronin ein zartbesaitetes, feinfühliges Wesen zu sein, welches sie durch zu lautes Sprechen – und Alesia war es gewohnt sich durch Lautstärke Gehör zu verschaffen – nur verschreckt hätte, „es freut mich sehr, Eure Bekanntschaft zu machen. Gestattet mir, dass ich gleich zum Geschäftlichen komme. Zuerst möchte ich die Karavelle in Augenschein nehmen, um mir die Schäden des Vorfalls anzusehen.“ Sie deutete auf das Schiff hinter ihr: „Anschließend möchte ich gern alles über den besagten Vorfall erfahren, was Euch bekannt ist, schließlich gilt es einen derartigen erneuten Vorfall zu unterbinden, bestenfalls sogar die Schuldigen ihrer gerechten Strafe zuzuführen.“ Die Werftleiterin fühlte sich unangenehm an die Vorfälle im Jahr 1037 erinnert, die den Aufschwung ihrer Familie so jäh zumindest vorübergehend beendet und schließlich im Tod ihres Vaters gegipfelt hatten. All das ließ sie noch entschiedener auftreten als sonst, womöglich etwas zu entschieden für die zarte Baronin. „Seid Ihr damit einverstanden?“
Nun lächelte die Baronin erstmals – verlegen, so als ob es ihr äußert unangenehm sei, dem Gast aus Sewamund Umstände zu bereiten: „Selbstverständlich bin ich das. Ihr wisst sicher besser als ich, wie man mit einer solchen... Situation umgeht. Poldoron, geh du uns voran. Dezent, bitte.“
Der Jüngling rollte mit erkennbarem Bedauern ein Banner wieder um einen Stecken, das er gerade hatte entfalten wollen, klemmte es unter seinen linken Arm und schritt wichtig dreinblickend den Pfad ins Dock hinunter. Der Wappenrock, das Barett und seine Ausstrahlung genügten, um den beiden hinter ihm folgenden Frauen eine Gasse durch das Gewimmel der vorwiegend einheimischen Arbeiter, auswärtigen Lieferanten und Schaulustigen zu bahnen.

Während sie in Richtung des schlanken, auf den Pallen ruhenden Schiffsrumpfs gingen, berichtete Rahjada in sorgfältig gewählten Worten: „In der Nacht auf den 2. Efferd hat ein Unbekannter Feuer unter Deck gelegt: Er stellte einen Brandtopf aus selbst brennbarem Material im Frachtraum auf ein Pechfass und entzündete den Topf. Glücklicherweise wurden die Nachtwächter auf das Flackern aus der Ladeluke aufmerksam und löschten den Brandtopf mit Sand, bevor die Flammen um sich greifen konnten.
Der entstandene Schaden ist wirtschaftlich eigentlich zu vernachlässigen: Das Frachtdeck und alle davon abgehenden Lukenöffnungen mussten von fettem Ruß gereinigt werden. Das hat einen guten Tag gedauert, was aber erst möglich, nachdem alle Berufenen – Nachtwache, Marktbüttel, Werftwehr und Baronsgarde – den Tatort in Augenschein genommen hatten.“
Rahjada seufzte und wirkte vom schlechten Verhältnis zwischen Aufwand und Nutzen persönlich gekränkt: „Das alles zusammen hat die Arbeit eine Werkwoche ruhen lassen. Doch Hinweise auf einen möglichen Verdacht haben diese Untersuchungen nicht erbracht – genausowenig wie eine Belohnung, die für solche Hinweise ausgesetzt ist.“
Mittlerweile war das Trio im Dock angelangt. Über ein beplanktes Gerüst traten sie auf das Achterdeck des Zweimasters. Alesia bemerkte, dass die dort Arbeitenden die Baronin mit den Zeichen Travias und Borons grüßten, ehe sie respektvoll außer Hörweite wichen. Letzteres tat auch Poldoron, der begann, den Fortgang der Arbeiten am Bug zu betrachten und sich Notizen zu machen.
Rahjada senkte die Stimme noch ein Stück, während sie sich auf den Block des unfertigen Steuerruders stützte: „Ich will offen sprechen: Unser erster Verdacht ruht auf missliebigen Personen in der Stadt, die die noch junge Herrschaft meines Gemahls über Ramaúd nicht akzeptieren können. Allerdings hätten diese womöglich ein symbolträchtigeres Datum für ihr versuchtes Zerstörungswerk gewählt.“
Dann blickte die Adelige erst recht betrübt, so als ob sie am liebsten direkt in den Planken unter ihren Füßen versunken wäre: „Der zweite Verdacht wäre, dass sich die Tat gegen den Bau des Schiffes unter Federführung auswärtiger Fachleute richtet. Ich bedauere allein den Gedanken, dass so etwas möglich sein könnte, Meisterin Alesia. Aber die Ramaúder sind sehr eigen, und nicht sehr offen für Neuerungen von außen. Ein Fehlgeleiteter könnte es als Schmach begreifen, dass das erste Seeschiff aus der örtlichen Werft seit vielen Jahren nicht auch von einem einheimischen Schiffsbauer gefertigt wird. Allerdings...“, Rahjadas Blick hellte sich ein wenig auf, „...wäre das dann keine Tat, die die örtlichen Schiffsbauer billigten, ist deren Zunft doch zumindest hinsichtlich der Ausführung stark eingebunden. Deshalb bleibt auch ein dritter Verdacht möglich: Dass der Täter von außerhalb kam, und wir über seine Motivation vorerst nur rätseln können.“
Alesia schaute die Baronin einen Augenblick lang nachdenklich an. „Um es also noch einmal auf den Punkt zu bringen: Ihr schließt aus, dass es jemand war, der Eurem Gatten Schaden wollte. Ihr schließt weiter aus, dass es ein Einheimischer war, der den Bau sabotieren wollte, weil auswärtige Fachleute daran beteiligt sind. Doch Ihr zieht in Betracht, dass es jemand von außerhalb war...“
Sie wiegte einen Moment ihren Kopf von der einen auf die andere Seite. „Es fällt mir schwer, das in Betracht zu ziehen. Es muss schließlich irgendeine Art von Beziehung zwischen dem Täter und der Karavelle geben – über Euren werten Gemahl, über das Haus Eures werten Gemahls, über die Familie Degano, über die am Bau Beteiligten, ja selbst eine Verbindung über die bloße Tatsache, dass es sich um eine Karavelle handelt, könnte eine mögliche Verbindung sein.“ Sie hielt einen Moment inne. „Wie steht es mit Euch, Signora re Kust, gibt es jemanden der Euch gegenüber Groll hegt? Immerhin lässt Euer Gatte diese Karavelle Euch zu Ehren bauen.“ Alesia konnte sich das nun wirklich nicht vorstellen, denn die Baronin sah so harmlos und unschuldig aus, wie sonst kaum jemand.
„Mir grollen?“, echote die Baronin ungläubig und strich sich eine widerborstige, braune Haarsträhne aus der Stirn. „Weswegen denn? Ich bin doch nicht wichtig... wobei... als Ehefrau des Barons wohl schon...“ Bei Alesias Erwähnung Gishtans und seines Geschenks errötete sie: „Dieser romantische Narr... wollte das Schiff eigentlich sogar nach mir benennen... hab' ihm das ausgeredet!“
Sie konzentrierte sich wieder und zwang sich, dem Gast direkt in die Augen zu blicken: „Ein persönlicher Groll gegen mich ist das Einzige, was ich wirklich ausschließe. Nicht jedoch, dass das Feuer als Zeichen gegen meinen Gemahl gedacht sein könnte. Es gibt im Moment dafür allerdings keine stärkeren Hinweise, wie es ein symbolträchtiges Darum gewesen wäre – beispielsweise der Tag seiner Krönung. Auch schließe ich nicht rundweg aus, dass Einheimische etwas gegen Eure Beteiligung haben könnten. Nur dass die Brandstiftung aus der Schiffsbauerzunft erfolgt sein könnte, halte ich für unwahrscheinlich. Aber ein missgünstiger Einwohner könnte ein Motiv haben.“
Alesia grübelte: „Weiter muss bedacht werden, dass ein Täter von außerhalb sich zumindest so gut auskennen muss, dass er weiß, wie er ungesehen zum Schiff kommt und dann, selbst wenn es Nacht ist, wieder ungesehen verschwindet. Immerhin spracht Ihr selbst zuvor von Nachtwächtern und anderen. Meiner Meinung nach erfordert das ein Mindestmaß an Planung und so muss sich der Täter zuvor bereits hier aufgehalten haben. Die Frage des Motivs bleibt jedoch, denn an jemanden, der willkürlich Brände auf Schiffen legt mag ich nicht denken!“ Sie schüttelte sich: „Eine entsetzliche Vorstellung! Warum sollte jemand so etwas tun?“ Alesia hielt einen Moment inne. „Wie geht es hier denn des nachts zu? Stellt es ein Problem dar, ungesehen bis zur Karavelle zu kommen und wieder zu verschwinden? Und hat der Täter seinen Brandsatz mitgebracht?“
Rahjada trat an die Verschanzung des Decks und deutete zu dem großen Tor am Ende des Docks: „Die Pforte ist nachts geschlossen, damit niemand hereingelangt, der dazu nicht befugt ist. Gleiches gilt für die Tür zur Uferstraße, durch die wir hierher gelangt sind. Aber wenn jemand auf die Dockmauer will, und von dort zum Schiff, der kann das im Schutz der Dunkelheit wohl. Nachts war vor dem... Zwischenfall in der Werft kein Wächter, die Patrouillen führten nur am Betrieb vorüber.“

Die Signora schritt an die Brüstung, von der man aufs Deck der unfertigen „Rahjalina“ schauen konnte und winkte Alesia zu sich: „Dort ist der Qualm herausgequollen“, deutete sie auf die nun durch eine Klappe verschlossene Ladeluke. „Den Brandsatz muss der Unbekannte mitgebracht haben. Es ist eine einfache Vorrichtung gewesen: Eine mit Steinöl gefüllte Schale, deren Inhalt brannte. Nach einer Weile hätte deren Rand Feuer gefangen und sich kurz darauf das Öl in das Kalfaterpech ergossen, auf dessen Fass die Schale abgestellt wurde. Ein einfacher, aber effektiver Plan. Hätten die zahmen Pfauen, die im Mastkorb brüten, nicht den Rauch gewittert und ihr Schimpfen die Wächter aufmerksam gemacht...“
Rahjada blickte erschrocken und erleichtert zugleich, falls das überhaupt möglich war: „Die besagte Schale kann er nur schwer in Ramaúd bekommen haben: Es war eine halbierte Cocosnuss-Schale, wie man sie aus den Croncolonien kennt. Diese Frucht wird sicher in Kuslik oder Sewamund häufig gehandelt, aber in unserer Stadt bevorzugt man die einheimischen Walnüsse - wenn sie auch kleiner und nicht exotisch sind.“
„Also jemand von außerhalb“, schloss Alesia, „Jemand von außerhalb, der einen Plan hatte, denn wie Ihr gerade eben sagtet, muss er seinen Brandsatz mitgebracht haben; wie viele führen denn schon eine Cocosnuss-Schale mit sich?“ Es war eine rhetonische Frage, auf die sie selbstredend keine Antwort erwartete und daher fortfuhr: „Bereitet es Euch denn nicht Sorge, dass dort draußen jemand herumläuft, der einen Anschlag auf die Karavelle verübt hat, die Euer Gatte Euch zu Ehren bauen lässt? Ich meine, mich würde das durchaus nachdenklich machen. Da wir jetzt einfach nicht davon ausgehen, dass es jemand ist, der dieses Ziel zufällig ausgewählt hat und zufällig auch eine Cocosnuss-Schale mit sich führte, muss diese Person also ein Motiv gehabt haben. Gibt es denn jemanden, unerheblich ob ihr mit dieser Person in einem Konflikt steht, dem ihr solche ein Tat zutrauen würdet oder dem eine solche Tat zuzutrauen ist? Eine etwas zwielichtige Gestalt, die sich möglicherweise schon früher etwas zu Schulden hat kommen lassen, möge es auch noch so unbedeutend sein?“
„Zwielichtige Gestalten...“, Rahjada senkte die Stimme ein wenig, „gibt es wohl in jeder Hafenstadt. Manche sind wie Strandgut, werden angetrieben und weitergeschwemmt. Andere waren schon immer hier und tun sich schwer, sich mit Neuerungen abzufinden. Offen gesagt... es könnte ein symbolischer Akt gewesen sein. Möglicherweise von jemandem aus dem Umfeld der „Hämmer“ angestiftet, die sich bis zuletzt gegen die Krönung meines Gemahls gestellt haben. Oder von Personen aus seiner Vergangenheit. Die Cocospalme gedeiht auch in Trahelien, wo mein lieber Gishtan keine Freunde, aber alte Feinde hat. Gut möglich, dass das Feuer von dort auf den Weg gebracht wurde. Habt Dank, dass Ihr meine Überlegungen so scharfsinnig in eine plausible Bahn lenkt. Ich werde die Baronsgarde bitten, sich nach einem entsprechenden Fremden umzuhören.“ Das hoffnungsvolle Lächeln der Signora wirkte ehrlich.
Dann aber wurde ihr Blick überraschend hart: „Ja, ich sorge mich um die Sicherheit meiner Familie. Weniger um meine persönliche – mich beachtet man in der Regel kaum, tsaseideank -, wohl aber um die meines Gemahls und meiner Kinder. Jedoch, zum einen geht es hier um Politik, um symbolische Akte, Gesichtsverlust; einen direkten Angriff halte ich für unwahrscheinlich. Zum anderen erlaube ich nicht mehr, dass Gishtan ohne Begleitung die Stadt besucht, wie er es aus Shenilo gewohnt gewesen ist. Und jeder, der als Gefahr für meine Lieben erkennbar wäre... erhielte meine volle Aufmerksamkeit!“ Der Blick der Signora schweifte in die Ferne und wurde wieder sanft.
Alesia vermied es, ihren Eindruck in Worte zu kleiden, dass ein entschlossener Gegner sich kaum von diesem Persönchen von Missetaten abhalten ließe. Stattdessen sprach sie: „Und wie steht es, verzeiht diese Nachfrage, mit Euren Bediensteten und mit denen, die bei Euch ein- und ausgehen? Habt Ihr möglicherweise erst vor kurzem jemanden aus Eurem Dienst entlassen, dem so etwas zuzutrauen wäre? Möglicherweise jemanden, der Beziehungen, welcher Art auch immer, nach Sewamund oder Kuslik hat? Ich gehe davon aus, dass Ihr nicht im Besitz von einer oder mehrerer Cocosnüsse in der Zeit vor dem Brandanschlag ward, Signora re Kust?“
„Oh doch. Cocosnüsse gehören zu den Leckereien, die gelegentlich auf Schloss Ramaúd gereicht werden“, sagte diese. „Ich achte sehr darauf, dass sich mein Gemahl vielfältig und gesund ernährt – und auch unsere Gäste so exotisch bewirten lässt, dass sie nicht schädlichen Genüssen zu frönen müssen meinen, wie Tobakrollen, übermäßigem Bosparanjertrank oder noch Ungesünderem. Im Schloss mag es in jüngster Zeit diese Nüsse gegeben haben.“
Sie überlegte ein wenig, ehe sie wieder fortfuhr: „Entlassen habe ich niemanden. Wenn man mit dem Personal freundlich und ausführlich spricht und es probeweise arbeiten lässt, ehe man es in seine Dienste nimmt, so vermeidet man Enttäuschungen und vorzeitige Trennungen. Und Bedienstete mit Wurzeln in Sewamund haben wir nicht, aufgrund der Nähe aber natürlich aus der Kusliker Gegend.“
„Hattet Ihr in letzter Zeit möglicherweise Probleme auf See? Ein Seefahrer, damit meine ich keineswegs die hiesigen Schiffsbauer, könnte leicht an solch eine Nuss kommen, kennt sich mit Schiffen aus und für ihn wäre es gewiss ein leichtes sich hier her zu schleichen...“
„Probleme zur See?“, diese Frage brachte Rahjada ins Grübeln. „Ich selbst bin eher ein 'Landtierchen', wie mein Gemahl scherzt. Vor unserer Hochzeitsreise, die wir mit der Thalukke 'Wind & Wogen' unternommen haben, war ich noch nie auf dem Meer gewesen. Es hat mir gut gefallen, woher wohl auch der aus pekuniärer Sicht leichtfertige Einfall Gishtans rührte, die 'Rahjalina' bauen zu lassen. Davon konnte ich ihn nicht abbringen. Immerhin hat er mit Eurer Familie auf mein Drängen hin Pläne besprochen, dass die Karavelle nicht nur Lustfahrten dienen, sondern auch Reisende und Fracht befördern kann. Dennoch wird es lange dauern, bis sich diese Investition amortisiert hat“, seufzte sie.„Um aber auf Eure Überlegung zu kommen: Abgesehen von der Mannschaft der Kapitänin Fontanoyo von der 'Wind & Wogen' kennen wir keine Seeleute. Ramaúd ist ja eher ein Fischerdorf als eine richtige Hafenstadt – auch wenn sich das ändern soll.“
Sie winkte Alesia zur Leiter, die vom Achter- auf das Mitteldeck reichte: „So Ihr einverstanden seid, wollen wir nun unter Deck gehen, um den Brandort zu inspicieren. Ungeachtet der Tatsache, dass Euer Schiffsbaumeister bereits festgestellt hat, dass keine strukturellen Schäden zu beklagen sind – Efferdseidank.“
„Natürlich“, erwiderte die Werftleiterin nickend und kletterte die Leiter hinab um sich das Ganze einmal selbst anzusehen.

Viel zu sehen, das hatte die Signora ja bereits gesagt, gab es nicht. Alesia glaubte, dass es noch etwas nach Rauch roch, aber vielleicht bildete sie sich das auch nur ein, weil sie ja wusste, dass es hier gebrannt hatte. „Die Götter waren wohl mit Euch“, merkte die Degano nickend an. „Wenn ich überlege was für ein leichtes Ziel Euer Schiff hier gewesen wäre, wären da nicht die zahmen, brütenden Pfauen gewesen…“ Sie hielt einen Moment inne: „Ich fürchte jedoch, dass sie kaum dabei behilflich sein können, den Brandstifter zu finden. Möglicherweise müsst Ihr Euch sogar damit abfinden, dass der Schuldige wohl nie gefasst wird.“
Rahjada kniff die Augen zusammen: „So leicht wollen wir ihn nicht entkommen lassen. Wenn wir später auf dem Schloss sind, sollten wir unsere Überlegungen hier mit Baron Gishtan beraten, auf dass er eine entsprechende Suche veranlassen kann. Und was die Pfauen betrifft...“ Sie rollte mit den Augen: „Sagt nichts zu ihm, aber das war noch so eine Idee meines Gemahls. 'Ein günstiges Vorzeichen für die Volksfrömmigkeit setzen', sagte er. Er hat Atroklea, die Zweiflinger Rahjageweihte, dazu angestiftet, die Vögel aufs Schiff zu bringen. Der Mastkorb werde ja während des Baus nicht sinnhaft genutzt. Aber wenn deren Junge flügge sind, lasse ich sie wieder in den Schlossgarten bringen. Auf See sind die Tiere bestimmt zu nichts nutze.“ Alesia wäre mindestens eine sinnvolle Verwendung eingefallen, doch sie schwieg taktvoll.
Die Inspection erbrachte tatsächlich nichts Weiteres. Alesia gewann indes die Zuversicht, dass die Verzögerung würde aufgeholt werden können. Nach einer kurzen Besprechung mit dem Schiffsbaumeister geleitete der Herold Poldoron die Frauen zur baronlichen Kutsche. Schloss Ramaúd wartete auf sie.

(ml, wus)

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